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Der Therapeuten-Check: Wer Hand anlegt


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 18.07.2018

Mit den Händen arbeiten sie alle. Aber was machen Physiotherapeuten, Osteopathen, Chiropraktiker und Lymphtherapeuten eigentlich genau am Pferd, und wodurch unterscheiden sie sich voneinander? Ein Wegweiser durch den Dschungel der manuellen Therapien.


Artikelbild für den Artikel "Der Therapeuten-Check: Wer Hand anlegt" aus der Ausgabe 8/2018 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 8/2018

Physiotherapeut, Osteopath oder Chiropraktiker? Wer hier arbeitet, lässt sich für Laien kaum erkennen.


Bei Pferden kommt man in den meisten Fällen schneller zum Ziel als bei Menschen“, sagt Janosch Theine, der sich sowohl für die einen als auch für die anderen zum Physiotherapeuten ausbilden ließ und seine vierbeinige Kundschaft zudem als Osteopath und ...

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... Chiropraktiker behandelt. Warum Pferde besser auf manuelle Therapien ansprechen, sei zwar nicht erforscht, „aber vermutlich liegt es daran, dass sie ihren natürlichen Bewegungsabläufen weniger stark entfremdet sind und es daher eher schaffen, Störungsmuster zu durchbrechen. Anders als bei Menschen, die unter zu vielen Umwelteinflüssen stehen und beispielsweise trotz Massage einen verspannten Nacken haben, weil sie den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen.“

Dass manuelle, sprich mit den Händen arbeitende Therapeuten bei einem schwächelnden Bewegungsapparat eine sinnvolle Ergänzung zu einer schulmedizinischen Behandlung sein können, hat sich herumgesprochen. Aber wer sollte zum Einsatz kommen, wenn das Pferd nicht klar geht, einen schlechten Raumgriff hat, häufig stolpert, steif ist und sich weder gut stellen noch biegen lässt, um nur ein paar Beispiele zu nennen? Der Physiotherapeut? Der Osteopath? Oder doch lieber der Chiropraktiker? Für den Laien sind die genannten Behandlungsmethoden kaum voneinander zu unterscheiden.

Selbst die Fachwelt lässt keine eindeutige Trennschärfe erkennen. „Physiotherapie und Osteopathie werden an vielen Schulen in einem Ausbildungsgang unterrichtet, wobei jede Schule etwas unterschiedliche Griffe und Techniken lehrt“, beobachtet Janosch Theine und macht am Beispiel des Karpalgelenks deutlich: „Den einen osteopathischen und den einen physiotherapeutischen Griff dafür gibt es nicht.“ Die Szene sei mittlerweile sehr groß und unübersichtlich geworden, fügt er hinzu: „Es gibt inzwischen sehr viele Schulen, die ausbilden. Und fast jede hat ihr eigenes Label und ihren eigenen Verband, der dahintersteht. Da herrscht ein regelrechter Wildwuchs.“

Und noch etwas sorgt dafür, dass es statt klarer Grenzen oft genug fließende Übergänge gibt: Kaum ein manueller Therapeut beschränkt sich auf eine „Disziplin“. „In dem Moment, in dem ich die Muskeln knete oder dem Pferdebesitzer rate, den Sattel überprüfen zu lassen, bin ich Physiotherapeutin“, sagt Tanja Richter, die die manuelle Therapie in ihrem engeren Sinn von der Humanmedizin auf Pferde übertragen hat (siehe Kasten). „Wenn ich anschließend die Beckenstellung überprüfe, bin ich Osteopathin, und wenn ich blockierte Gelenke mobilisiere, arbeite ich als manuelle Therapeutin.“

Man müsse sich das Ganze wie einen Werkzeugkasten vorstellen, aus dem es das im Einzelfall beste Werkzeug zu wählen gilt, ergänzt der Pferdephysiotherapeut, -osteopath und -chiropraktiker Hardy Keller, der Erster Vorsitzender des Berufsverbands veterinärmedizinischer Manualtherapeuten (BvM) ist. „Natürlich können Sie einen Nagel auch mit der Beißzange in die Wand schlagen, aber mit dem Hammer klappt es nun mal besser“, kommentiert er.

Und dazu gehört nicht zuletzt auch, die eigenen Grenzen zu erkennen. Jene sind zweifellos bei akuten Problemen aller Art erreicht. „Bei Knochenbrüchen, akuten Weichteilverletzungen, Tumoren und Infektionen muss auf jeden Fall zuerst ein Schulmediziner das Pferd behandeln“, betont Chiropraktikerin Dr. Sybil Moffatt.

UNSERE EXPERTEN

Hardy Keller ist Pferdephysiotherapeut, -osteopath und -chiropraktiker und Erster Vorsitzender des Berufsverbandes veterinärmedizinischer Manualtherapeuten.


FOTO: PRIVAT

Dr. Sybil Moffatt Zusammen mit ihrem Ehemann Dr. Donald Moffatt hat sie die Veterinär-Chiropraktik in Deutschland etabliert.


FOTO: PRIVAT

Dr. Johanna Nesemann ist Tierärztin und Chiropraktikerin mit eigener Praxis in Kaufungen.


FOTO: PRIVAT

Prof. Dr. Dirk Berens von Rautenfeld hat die Manuelle Lymphdrainage von der Humanmedizin aufs Pferd übertragen und bildet Lymphtherapeuten aus.


FOTO: PRIVAT

Tanja Richter leitet das Institut für Pferdephysiotherapie in Dietersdorf. Sie hat die Manuelle Therapie am Pferd (MTAP) etabliert.


FOTO: PRIVAT

Beatrix Schulte Wien gilt als Begründerin der Pferdeosteopathie in Deutschland. Sie leitet das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) in Dülmen.


FOTO: RRI-ARCHIV

Janosch Theine behandelt Pferde als Physiotherapeut, Osteopath und Chiropraktiker.


FOTO: PRIVAT

TIPP

Grundsätzlich gilt: Bei akuten Verletzungen sollte immer erst ein Tierarzt gerufen werden. Aber auch in Zweifelsfällen ist der Rat eines Mediziners hilfreich, um die richtige Therapeuten-Wahl zu treffen.

Was ist manuelle Therapie?

„Manuelle Therapie“ – dieser Begriff sorgt häufig für Verwirrung, weil er unterschiedlich verstanden wird. „Die allgemeine Definition meint das Erkennen und Behandeln von Erkrankungen des Bewegungsapparats ohne den Zusatz von Medikamenten oder Geräten“, erklärt Physiotherapeutin Tanja Richter. „Im engeren Sinn bedeutet ‚manuelle Therapie‘ dagegen die Anwendung bestimmter klar definierter Techniken, die in mehreren Jahren zu erlernen sind.“ Ihre Wurzeln hat diese Variante in der Humanmedizin. In den 70er Jahren filterte eine Gruppe von Ärzten aus der Osteopathie und Chiropraktik diejenigen Griffe heraus, die sie für sinnvoll erachteten, kombinierten sie miteinander und nannten das Ergebnis „manuelle Therapie“ oder auch „manuelle Medizin“ – in der Humanmedizin ein geschützter Begriff. Tanja Richter übertrug die manuelle Therapie in den 90er Jahren auf die Tiermedizin und bildet regelmäßig Reiter darin aus.

Grundlagen-Check

Das Beste fürs Pferd schließt zwingend eine eingehende Untersuchung mit ein, die die klassischen Schritte Anamnese (Vorgeschichte, möglichst unter Berücksichtigung von Fütterung, Haltung, Sattel, Hufbeschlag und Reitereinwirkung), Adspektion (Betrachten des Pferdes in Ruhe und Bewegung, sowohl ohne als auch mit Reiter und auf unterschiedlichen Böden) sowie, bei manuellen Therapeuten besonders wichtig, die Palpation (Betasten) umfasst. „Ich checke das Pferd Gelenk für Gelenk durch und behandle, wenn ich eine Störung entdecke, diese auch gleich“, beschreibt Janosch Theine.

„Ob ich einen Chiropraktiker oder einen Osteopathen rufe, ist im Prinzip zweitrangig, solange der Betreffende gute Arbeit leistet“, sagt Moffatt ganz klar. Beatrix Schulte Wien, die seit über 20 Jahren das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) in Dülmen leitet, bringt den Sachverhalt auf die knappe Formel „Wer heilt, hat Recht“. Auch die Tierärztin und Chiropraktikerin Dr. Johanna Nesemann unterstreicht: „Vom Grundsatz her will man das Gleiche: Dass sich das Pferd – ganz unabhängig davon, ob es auf Grand-Prix-Niveau startet oder fürs Freizeitreiten genutzt wird – schmerzfrei und zufrieden bewegen kann.“

Dennoch gibt es einige unverwechselbare Merkmale, die Physiotherapie, Osteopathie, Chiropraktik und Lymphdrainage voneinander unterscheiden. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.


FOTO: WWW.ARND.NL