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Der Todesgruß der Gerüstbau-Prinzessin


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 24.11.2022

»Max ist ein geschlächtsorgan!!!!«, hat Waldfried in verschnörkelter Schreibschrift auf seine Kindertafel geschrieben. Dazu hat er eine detaillierte Zeichnung angefertigt, auf der ein hulkartiges Monster, auf dessen Brust »Waldfried« prangt, mit einem Flammenschwert ein weinendes Männlein zerteilt. Auf einem abgetrennten Bein steht winzig »Max der Bastart«, darunter ist vermerkt: »Er erhellt nun entlich seine gerächte strafe.«

»Das ist aber mal einigermaßen hart«, sage ich zu meinem Siebenjährigen. »Was ist denn dein Problem mit Max? Der ist doch ganz nett.«

»Er petzt jedes Mal bei Frau Wendt, wenn ich den Tintenkiller benutze. Außerdem behauptet er ständig, dass ich noch ein Baby bin. Ich will lieber wieder neben Shanaya-Oceana sitzen. Die ist echt dumm, aber die Klassenbeste, und ich durfte immer bei ihr abschreiben.«

»Hör mal, Waldfried, es ist nicht schön, wenn man eine Mitschülerin der Dummheit ...

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 12/2022

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... bezichtigt«, sage ich mit fester, väterliche Fürsorge vermittelnder Stimme zu meinem erhitzten Filius. Kinder brauchen Geborgenheit, aber man muss auch unmissverständlich Leitwolf sein. »Doch es betrübt mich genauso wie dich, dass es mit deinem neuen Sitznachbarn Konflikte gibt. Was hältst du davon, ihm morgen als Friedensangebot zwei von den leckeren Kichererbsen-Chia-Keksen mitzubringen, die ich gebacken habe?«

»Max hat gesagt, deine Kekse sehen voll scheiße aus, lieber würde er die Sockenfussel von einem Penner essen. Und er hat wieder gesagt, dass ich ein Baby bin. Und er will mich jetzt jedes Mal anspucken, wenn ich meinen Killer benutze.«

»Wofür ist eigentlich eure begriffsstutzige Frau Wendt mit ihrem Fetthaar gut? Sag doch bitte Max, dass er ein noch viel kleineres Baby ist, das sich permanent selbst anpullert, und dass es ihn einen Dreck angeht, wie oft du deinen Killer benutzt. Allerdings habe ich dir schon tausendmal gesagt, dass du nicht permanent killern kannst, aber du bist ja ein hoffnungsloser Fall.« (Mein Pädagogikstudium habe ich seinerzeit nach zwei Semestern abgebrochen.)

»Ich hasse Max!«, empfängt mich Waldfried, als ich ihn tags darauf von der Schule abhole. »Vorhin hat er in Religion laut gerufen: ›Waldfrieds Mama ist eine abnorme Sexgranate!‹«

»Aber verwechselt er da deine Mutter« – (wir leben getrennt – diese Frau hat einmal zu oft verlangt, dass ich wieder auf achtzig Prozent der Regelarbeitszeit hochgehe) – »nicht ohnehin mit der Mama von Nina?«, versuche ich es zuerst deeskalierend, doch dann obsiegt eine gesunde Abwehrreaktion: »Wenn er das wieder macht, rufst du, sein Papa ist eine Barbie-Prinzessin mit Glitzer am Kleid.«

»Aber mein Papa ist keine Prinzessin. Er hat eine florizierende Gerüstbaufirma, du Lauch!«, klärt mich der Junge im zwei Nummern zu kleinen Anorak auf, der schon die ganze Zeit neben uns im Schritttempo auf seinem BMX fährt. Ich hatte ihn gar nicht erkannt – wie schnell sich doch die Kleinen verändern. Auf den nächsten Metern wäge ich gewissenhaft die Vor- und Nachteile ab, die daraus erwüchsen, wenn ich das Balg einfach in den Rinnstein kicken würde. Dann sehe ich, wie Max Anstalten macht, einen kolossalen Hundehaufen, der vor uns auf dem Weg lauert – er übersteigt fraglos das Fassungsvermögen eines Hundekotbeutels – zu umfahren.

»Vorsicht, nicht fallen!«, rufe ich augenscheinlich besorgt, greife in seinen Lenker und steuere ihn direkt durch die noch nachdampfenden Exkremente, die frischweg bis zu den Pedalen emporquellen.

Abends um neun bimmelt es. Ein klotziger Mensch steht da und auf seiner Glatze in Fraktur geschrieben: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte – Gerüstbauer bis zum Tod.« Die anderen Sinnsprüche vermag ich ohne meine Lesebrille nicht zu entziffern. Mit ausgestrecktem Arm hält er mir Max’ kotiges BMX-Rad entgegen, in seinen schwieligen Riesenpranken wirkt es, als wäre es von Lego.

»Ich bin’s, die Prinzessin. Bitteschön, der Herr – morgen früh um sieben steht das Teil bei uns vor der Tür, Hafenplatz 11, poliert auf Hochglanz. Wenn nicht, brennt die Straße.«

»Die Ihre?«, frage ich, nur um mich zu vergewissern.

»Deine, du Knilch«, bekomme ich Auskunft.

?

»Max hat in der Hofpause rumerzählt, dass du die Kacke von seinem BMX geschleckt hast, weil es sein Papa dir befohlen hat«, erstattet mir Waldfried am Folgetag Bericht, während er mit Kartoffelbrei und Ketchup ein Relief erstellt, in dem Max und eine schlecht gewartete Achterbahn die Hauptrollen spielen. »Und was hast du dann gemacht?« »Ich bin auf das Turnhallendach geklettert und hab runtergeschrien, dass sein Papa eine Barbie-Prinzessin ist. Mit Glitzer auf der Glatze.« »Am Kleid! Ich sagte ›am Kleid‹!« »Und dass du stärker bist als sein Papa und mit ihm bald abrechnen wirst.« »Wie bitte?« »Ich bin jedenfalls stärker als Max. Ich habe ihm in Kunst mein Holzlineal auf die Backe gedonnert. Er hat feige geblutet und geweint. Frau Wendt meint, das gibt einen Tadel. Sie ist ja auch böse, weil du gesagt hast, dass ihre Haare aus Fett sind. Krieg ich jetzt den Nachtisch?«

Ich schicke den Knaben ungeachtet seines Missvergnügens, das sich in heftigen Tritten gegen meine Schienbeine manifestiert, unverzüglich ins Bett und mich ebenso. Ich bleibe auch besser liegen, als es später an der Tür klingelt, um nicht die Nachtruhe der Nachbarn durch Kampfeslärm zu stören.

?

»Papa, warum ist es so finster bei uns?«, fragt mich Waldfried am darauffolgenden Nachmittag nach unserer Rückkehr vom Einkaufen.

»Gewiss eine dunkle Wolke«, antworte ich. Ich trete auf den Balkon hinaus und stelle fest, dass er eingerüstet wurde, inklusive fachmännischer Montage schwarzer Gerüstplane. So wie unsere gesamte Wohnung, als einzige des Hauses. Gut, dies ist also ein Todesgruß der Gerüstbau-Prinzessin, ich bin bereit, in den Ring zu steigen. Natürlich wage ich es nicht, die Polizei zu rufen, aber diese Sau wird bitter feststellen müssen, dass wir mannhaft ohne natürliches Licht zu existieren imstande sind. Als erste Maßnahme gehe ich zur Apotheke, um mich hinsichtlich verfügbarer Vitamin-D-Präparate beraten zu lassen.

?

Nach dem Tod der letzten Balkonblume führt mich die Hand Gottes, als ich eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung absende, das Formular kann praktisch online ausgefüllt werden. Und vielleicht trägt auch die Meldung über alarmierende Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz Früchte, diese mittelständischen Unternehmen haben doch alle Dreck am Stecken. Waldfried kann auch bei der Mutter aufwachsen, wenn mich bald ein 18-Tonnen-Abrollkipper überfährt.

Noch bevor dies eintritt, eröffnet mein Sohn mir, dass er in Shanaya-Oceana verliebt sei, was er mit dem Plagegeist Max gemeinsam habe: »Er sagt, ich bekomme Shanaya-Oceana nur, wenn sie mal wieder Läuse hat. Aber dann nur geliehen. Dabei gehört Shanaya-Oceana ihm überhaupt nicht. Sie will ihn gar nicht, denn sie findet, Max ist eine Arschgeburt.«

Das denke ich von Max’ Vater auch. Seit gestern ist zusätzlich mein Pkw eingerüstet, und zwei seiner stiernackigen Mitarbeiter versperrten mir den Einstieg zum Bus, weshalb ich die zwölf Kilometer zur Arbeit laufen musste. Ich hoffe, die vierzig bestellten Rache-Pizzen (Thunfisch-Schlagsahne-Ahoj-Brause) werden ihm munden und verleihen ihm Kraft, gerade wo doch seine Frau dank anonymer Hinweise nun glaubt, dass er noch regelmäßig seiner Ex, Max’ Mutter, beiwohnt.

?

Trotz der Einrüstung dringt dann erstmals wieder Licht von draußen zu uns vor, als schlussendlich tatsächlich – diesen wackeren Mann kann man beim Wort nehmen – lichterloh unsere Straße brennt.

Später im Hotel wirkt Waldfried betrübt und beglückt zugleich. »Papa, stell dir vor, die blöde Shanaya-Oceana liebt mich nicht. Sie hat gesagt, sie findet mich und Max genau gleich abstoßend. Aber weil ich und Max jetzt beide zusammen ganz doll traurig sind, sind wir jetzt allerbeste Freunde. Papa, darf er morgen zum Spielen hierher kommen?«

»Ich denke darüber nach«, erwidere ich, während draußen der Katastrophenalarm der Sirenen gleichmäßig auf- und abschwillt.

GREGOR OLM