Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 6 Min.

DER TOWER OF LONDON FESTUNG der Superlative


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 16.05.2019

Kein Ort ist so eng mit der englischen Geschichte verbunden wie der Tower of London. Die BURG diente 1000 Jahre als Garnison, Schatzkammer, Zoo und Hinrichtungsstätte


Artikelbild für den Artikel "DER TOWER OF LONDON FESTUNG der Superlative" aus der Ausgabe 3/2019 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 3/2019

RINGBURG AN DER THEMSE
Die mittelalterliche Zitadelle östlich der City hielt jahrhundertelang allen Angriffen stand


SCHLÜSSELMOMENT
In einer feierlichen Zeremonie schließen Soldaten jeden Abend die Tore des Towers ab


Die Schlacht, die über Englands Zukunft entscheiden wird, wütet schon neun Stunden. Auf einer Anhöhe nahe der Küstenstadt Hastings prallen an diesem 14. Oktober 1066 die Panzerreiter von Wilhelm, Herzog der Normandie, auf die ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU Wissen. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2019 von KAUM ZU GLAUBEN: Der SCHNELLSTE PORSCHE aller Zeiten …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KAUM ZU GLAUBEN: Der SCHNELLSTE PORSCHE aller Zeiten …
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von AUGENBLICKE: Grüner wird’s nicht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUGENBLICKE: Grüner wird’s nicht
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von FRAGEN & ANTWORTEN: Wie unterscheiden sich ALLIGATOR und KROKODIL?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FRAGEN & ANTWORTEN: Wie unterscheiden sich ALLIGATOR und KROKODIL?
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Meilensteine: der deutschen GESCHICHTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meilensteine: der deutschen GESCHICHTE
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Wie wir werden, was wir sind. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wie wir werden, was wir sind
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Ein KÖNIG im AUFWIND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein KÖNIG im AUFWIND
Vorheriger Artikel
DIE Rückkehr DES Neandertalers
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Die schönsten KÜHE der Welt
aus dieser Ausgabe

... mit schweren Streitäxten bewaffneten Fußsoldaten des angelsächsischen Königs Harald II. Tausende sterben im Getümmel, bis der Legende nach der Pfeil eines normannischen Bogenschützen Harald II. tödlich ins Auge trifft und den Kampf beendet.

Wilhelm der Eroberer aus Nordfrankreich lässt sich zum König krönen und weist an, im ganzen Land Burgen zu errichten, als militärische Stützpunkte für die Unterwerfung der englischen Grafschaften. Auch in der neuen Hauptstadt des Reiches bauen die Invasoren hastig einen Wehr- und Wohnturm, der anfangs aus Erde und Holz besteht: den Tower of London. Die Festung an der Themse ist bis heute ein Wahrzeichen der britischen Monarchie. Damals, vor knapp 1000 Jahren, stand sie für die französische Fremdherrschaft und war den aufmüpfigen Londonern so verhasst wie kaum ein anderes Gebäude. „Anfangs ist der Tower ein Fremdkörper in London gewesen“, sagt Jürgen Sarnowsky, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Hamburg, im Gespräch mit HÖRZU WISSEN. Der Turm diente dem Zweck, „die normannische Herrschaft gegen den inneren Feind zu etablieren: die angelsächsische Aristokratie“. Um deren Aufstände zu ersticken, legte Wilhelm nach dem Feldzug ein gigantisches Umverteilungsprogramm auf. „Die Ländereien des alten Adels wechselten in den Besitz der neuen nordfranzösischen Führungsschicht“, so der Historiker. „Auch alle Kirchenämter und hohen Verwaltungsposten wurden mit Normannen besetzt.“ So sei das „Gefühl der Ablehnung“ gegenüber dem Tower über die Generationen verloren gegangen.

RICHTBLOCK MIT AXT Königliche Hochverräter wurden enthauptet, für nicht adlige Straftäter sah die Krone Vierteilen vor


600 Jahre lang stank es in der Burg bestialisch

Seine gegenwärtige Gestalt erhielt das Gebäude ab dem Jahr 1078. Unter der Leitung von Baumeister Gundulf, Bischof von Rochester, wurde der hölzerne Turm durch den steinernen „White Tower“ ersetzt. Ein weißer Monolith aus kentischem Kalkund normannischem Caen-Stein mit teils 4,6 Meter dicken Wänden, der mit seiner in jenen Tagen einschüchternden Höhe von 27 Metern London überstrahlte. Im Inneren: luxuriöse Wohnräume und Repräsentationssäle für die Royals, Vorratslager, Waffenschmieden und -kammern sowie die Kapelle St. John samt Krypta. Später wurde der Keller auch als Kerker genutzt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind hier Waffen und Rüstungen aus dem Museum Royal Armouries ausgestellt.

Unter Heinrich III., der bis 1272 regierte, und seinem Nachfolger Eduard I., König bis 1307, wuchs der Tower zu einer 7,3 Hektar großen Anlage mit drei Festungsringen heran. Ein 36 Meter breiter, sechs Meter tiefer Graben umsäumt die uneinnehmbare Zitadelle, die in ihrer Geschichte allen feindlichen Angriffen standhielt.

Über die Jahrhunderte diente das Gebäude der Krone als Palast, Garnison, Münzprägewerkstatt, Schatzkammer, Gefängnis, Hinrichtungsstätte, als Trutzburg königlicher Macht, in der es kurioserweise 600 Jahre lang bestialisch stank. Um 1235 hatte Heinrich III. damit begonnen, große Wildtiere zu sammeln. Insgesamt 60 Spezies, darunter Löwen, Leoparden, Bären, Hyänen, Kamele, Affen, Kängurus und ein Elefant, das Geschenk von Ludwig IX., lebten in der Menagerie. Viele siechten elendig dahin, gingen an Unterernährung, Krankheiten oder Alkohol zugrunde wie der mit Wein abgefüllte Dickhäuter des französischen Monarchen. Andere starben bei Tierversuchen oder wurden bei Tierkampfschauen im Tower von britischen Mastiffs in Stücke gerissen, ein grausames Spektakel, für das sich besonders der Regent Jakob I. (1566 – 1625) begeisterte.

Das Gemälde von Paul Delaroche zeigt die Hinrichtung der Neuntagekönigin Jane Grey 1554


Die Imperial State Crown ist das Prunkstück der Sammlung britischer Kronjuwelen


Auf dem Tower Hill außerhalb der Festung starb der Staatsmann Thomas Morus 1535 durch die Axt des Henkers


König Heinrich VIII. ließ zwei seiner sechs Ehefrauen im Tower wegen Hochverrats hinrichten


Die beiden Neffen von Richard III. sollen auf seinen Befehl im Tower getötet worden sein, um ihm den Thron zu sichernz


Eine Gedenktafel auf dem

Towel-ureen-Platz erinnert an die Toten des Towers


Die Wächter, „Beefeater“ genannt, leben im Tower mit sechs Raben. Verschwinden die Vögel, stürzt die Burg, so die Legende


Auch manch argloser Besucher, der den wilden Tieren zu nahe kam, ließ sein Leben im Tower. Als im Sommer 1835 ein flüchtender Wolf nach einem Kind schnappte und wenig später ein Affe ein Stück aus dem Bein seines Pflegers biss, schloss die Menagerie auf öffentlichen Druck hin ihre Tore. Die letzten Kreaturen wurden dem neuen Zoo von London übereignet. Nur die Raben durften bleiben. Aus Aberglaube: Sollten die Vögel die Festung verlassen, so heißt es, dann stürze der Tower und mit ihm das Königreich. Sicherheitshalber stutzt man den Tieren bis heute die Flügel.

2,5 Millionen Touristen kommen jedes Jahr

Erste Touristen kamen schon im 16. Jahrhundert in die Burg, angelockt erst vom lauten Gebrüll hinter den Festungsmauern, dann von der Ausstellung „Line of Kings“ mit ihren lebensgroßen Nachbildungen englischer Könige, die in Rüstungen auf hölzernen Rössern sitzen. Heute wollen jedes Jahr 2,5 Millionen Besucher in den Gängen dieses mittelalterlichen Disneylands Geschichte schnuppern oder in den Waterloo Barracks einen kurzen Blick auf die Kronjuwelen werfen. Damit es im Jewel House nicht zu Staus kommt, werden sie auf einem Rollband an den Diamanten, Juwelen, Kronen, Zeptern, Reichsäpfeln und Schwertern vorbeigefahren. Prunkstück der Sammlung: Königin Victorias Imperial State Crown von 1838, geschmückt mit einem der größten Diamanten der Welt, dem fast 109-karätigen Koh-i-Noor, der aus Indien stammt und seit einigen Jahren von der dortigen Regierung zurückgefordert wird.

Auf die Schätze hatte es 1671 der irische Offizier und Abenteurer Thomas Blood abgesehen. Dafür schlüpfte er über Wochen in die Rolle eines anglikanischen Priesters und schlich sich in die Familie eines Wächters ein, ehe er den arglosen Mann am 8. Mai mit seinen Komplizen überwältigte, um die Kronjuwelen zu stehlen. Noch im Tower wurde die Bande festgenommen, doch die Geschichte nahm ein unerwartetes Ende: Verzückt von Bloods Mut und Maskerade, begnadigte König Karl II. den Dieb, der seine Talente in Folge als Agent seiner Majestät in den Dienst der Krone stellte.

Neben solchen Räuberpistolen seien es hauptsächlich die Spukgeschichten, die Touristen in den Tower locken, meint der britische Historiker und Journalist Nigel Jones. Kein anderer Ort auf der Insel sei „so eng mit der englischen Geschichte verbunden“, schreibt er in seinem Buch „Tower“. Darin heißt es: „Jeder Turm erinnert uns an eine unvergessliche Tat, jede Kammer an einen berühmten Namen. Die Festung wird weiter von ihren Siegern und Opfern bevölkert. Wir erleben ihre Triumphe mit, hören ihre Gebete und Stoßseufzer, teilen ihre Haltung in Stunden der Prüfung, erblicken sie in den trostlosen Folterkammern und auf dem Gerüst des Henkers, die glänzende Axt vor ihren Augen.“

Wie Augenzeugen berichten, wandelt am häufigsten der Geist von Anne Boleyn durch die Burg – ohne Kopf: Die zweite der sechs Ehefrauen von Heinrich VIII. wurde am 19. Mai 1536 wegen vorgeblichen Ehebruchs und Hochverrats auf dem Tower-Green-Platz enthauptet. Auf die gleiche Art wurde dort sechs Jahre später auch ihre Cousine Catherine Howard hingerichtet, Heinrichs fünfte Frau. In der Nacht vor ihrem Tod ließ sie sich angeblich den Richtblock in die Zelle bringen, um für ihre Exekution zu üben. Galgenhumor? Mitnichten. Nur zu oft benötigten Scharfrichter, manche von ihnen angetrunken, mehr als einen Hieb, um ihr grausames Werk zu verrichten.

Für nicht adlige Verräter wie Thomas Morus sah die Krone gemeinhin Hängen, Ausweiden und Vierteilen vor, aber Heinrich VIII. ließ in dessen Fall Gnade walten und den Staatsmann und Humanisten am 6. Juli 1535 vor Schaulustigen auf dem Tower Hill außerhalb der Festung köpfen. Morus’ Haupt wurde einen Monat lang auf der London Bridge ausgestellt. Blaublütige Todeskandidaten wie George Plantagenet durften dagegen wählen, wie sie sterben wollten: Der Bruder und Widersacher König Eduards IV. wurde angeblich in einem Fass seines geliebten Malvasierweines ertränkt.

Der Letzte, ein deutscher Spion, starb im Sitzen

Das schändlichste im Tower verübte Verbrechen wird einem anderen Regenten aus der Dynastie Plantagenet zugeschrieben: Richard III., der Nachwelt durch William Shakespeare als machtgieriger Unmensch bekannt. 1483 verschwanden Richards Neffen, zehn und 13 Jahre alt, in seiner Obhut im Bloody Tower spurlos. Bis heute hält sich der Verdacht, Richard habe die Prinzen, Sprösslinge seines Bruders König Eduard IV., ermorden lassen, um sich den Thron zu sichern. Fast 200 Jahre nach ihrem Verschwinden wurde bei Bauarbeiten an einer Treppe, die zum White Tower führt, eine Holzkiste mit Skeletten entdeckt, bei denen es sich um die Überreste der Brüder handeln soll.

22 Frauen und Männer wurden im Tower of London getötet, fast 400 öffentlich auf dem Tower Hill hingerichtet. Auch wenn 48 Folterungen protokolliert sind, war der Tower kein Ort der Marter. Die in der Festung ausgestellten Folterinstrumente erwecken ein „völlig falsches Bild“, so Jürgen Sarnowsky. „Die Engländer waren stolz darauf, dass die Folter anders als auf dem Kontinent in ihrem Rechtssystem nicht vorgesehen war. Von Sir John Fortescue, 1442 oberster Richter am königlichen Gerichtshof, stammt der nach wie vor moderne Leitsatz, er würde lieber zehn Schuldige laufen lassen, als einen Unschuldigen zum Tode zu verurteilen.“

Der letzte Mensch, der im Tower hingerichtet wurde, starb im Sitzen. Weil der deutsche Spion Josef Jakobs sich beim Absprung über London ein Bein gebrochen hatte, fesselte man ihn für seine Erschießung am 15. August 1941 an einen Stuhl. Die blutige Geschichte der Burg war damit beendet.


” Folter war im englischen Rechtssystem nicht vorgesehen. Jürgen Sarnowsky, Professor für Mittelalterliche Geschichte“


FOTOS: S. 60 – 61: STEGEN/TITMUSS/MAURITIUS IMAGES (2), USBORNE/HISTORIC ROYAL PALACES; S. 62 – 63: ILLUSTRATIONEN: ROYAL ARMOURIES (3), HISTORIC ROYAL PALACES (2); INFOGRAFIK: HÖRZU WISSEN; S. 64 – 65: MAURITIUS IMAGES, © HM QUEEN ELIZABETH II 2001, BRIDGEMANIMAGES.COM (2), AKG-IMAGES, HAMMOND/ALAMY, CIRERA/HISTORIC ROYAL PALACE