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Der tragische Held


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 29.07.2021

DAS BESTE IM BLICK

Knapp 30 Jahre nach seinem erzwungenen Rücktritt als Präsident der Sowjetunion, die zu ihren besten Zeiten fast die halbe Welt beherrschte, blickt Michail Gorbatschow auf ein umstrittenes politisches Lebenswerk. Im Alter von 90 Jahren lebt er heute nicht luxuriös, sondern eher bescheiden in einem Haus nahe Moskau, das ihm mit lebenslangem Nutzungsrecht gestellt wird. Der lettisch-russische Regisseur Vitaly Mansky durfte Gorbatschow dort nicht nur exklusiv interviewen, sondern auch seinen altersbedingt beschwerlichen und menschlich einsamen Alltag einfangen. Gorbatschow wirkt teilweise verloren und nur deshalb nicht ganz verlassen, weil ihm noch eine Handvoll Hausbedienstete geblieben sind. Manskys Dokumentarfilm, den ARTE im August zeigt, lässt den Zuschauer spüren, welche Leere Gorbatschow an seinem Lebensabend umgibt – eine Leere, die sich leicht als Sinnbild deuten lässt für ...

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Für einige Jahre stand der ehemalige Präsident der Sowjetunion im Zentrum der Weltgeschichte: Michail Gorbatschow (M.), hier 1990 bei einer Parade mit dem französischen Außenminister Roland Dumas (l.)
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... den Umgang mit dem Politiker im heutigen Russland unter Putin.

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Gorbatschow erlebte 1937 als Sechsjähriger, wie Stalins Schergen seinen Großvater festnahmen und abführten. Der überlebte die Haft zwar, wurde aber gefoltert. Erstaunlicherweise machte der Großvater nicht Stalin für sein Leid verantwortlich, sondern dessen Gegner. Der Glaube an den Kommunismus blieb im Hause Gorbatschow unerschüttert – auch beim jungen Michail.

Wie konnte aber aus dem stalinistisch geprägten Kommunisten Gorbatschow schließlich der Völkerbefreier und Demokratiebringer Gorbatschow werden? Oder war er nur ein „Zufallsrevolutionär“, weil ihm seine Reformen entglitten, wie manche behaupten? Er benennt für seine Wandlung zwei Hauptgründe. Zum einen habe es keinen Generalplan für die Perestroika in diesem riesigen und höchst komplexen Land gegeben. Vieles sei auf dem schwierigen Reformweg angepasst worden; er und seine Mitstreiter hätten sich persönlich oft selbst „umgestalten“ müssen. Der zweite Grund plausibel ich ein „dann der den klingt banaler, was ihn nicht weniger macht: „Als junger Mann war richtiger Stalinist“, so Gorbatschow, wurde ich zum Anti-Stalinisten, Totalitarismus bekämpft hat. Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens.“

POLITIKER MIT WIDERSPRÜCHEN

Der studierte Jurist Gorbatschow begann der aber mit damaligen bat, die Funk- bis Alter 1955 nach dem Moskauer Universitätsab- schluss seine berufliche Laufbahn zunächst in der Staatsanwaltschaft in Stawropol, Gebietshauptstadt seiner nordkaukasischen Heimat. Diese Arbeit verrichtete er Unbehagen, sodass er – entgegen den Regeln – um seine dortige Entlassung und Aufnahme in den Parteiapparat ihm schließlich gewährt wurde. Vom tionär der Kommunistischen Parteijugend der Sowjetunion arbeitete er sich hoch zum Mitglied des allmächtigen Politbüros in Moskau – bis er schließlich 1985 im von 54 Jahren Kreml-Chef wurde.

An eine Abkehr von der Lenin’schen Lehre dachte er damals nicht, im Gegenteil.Aber seine tatsächlich praktizierte Politik stand bald im Widerspruch zu ihr, weil er beispielsweise einen innerparteilichen Pluralismus zuließ, der nach Lenin unzulässig war. Gorbatschow war, das zeigt der Film von Vitaly Mansky deutlich, zweifellos ein Politiker mit Widersprüchen.

Er wollte Demokratie und Meinungsfreiheit in sozialistischen Bahnen, doch die Bürger wollten bald die ganze Freiheit. Sein großes Verdienst ist, dass er sich dem nicht entgegenstellte, als er noch die Macht hatte, dies zu tun. Außenpolitisch war Gorbatschow sehr erfolgreich, weil er seine frühzeitige Ankündigung, sich vom Moskauer Herrschaftsanspruch gegenüber den Satelliten-Staaten zu verabschieden, in die Tat umgesetzt hat. Er hat mehr als 164 Millionen Menschen in die Freiheit entlassen: 38 Millionen Polen, fast 16 Millionen Tschechen und Slowaken, 23 Millionen Rumänen, jeweils neun Millionen Bulgaren und Ungarn sowie rund 16 Millionen Deutsche in der DDR. Ihnen allen hat er durch den erklärten Gewaltverzicht die Angst genommen und somit erst den Rahmen geschaffen, dass die Bürger aufstanden. Auch sein Ziel der umfassenden militärischen Abrüstung und Entspannung mit dem Westen hat Gorbatschow erreicht. Er hat im Wesentlichen den Kalten Krieg beendet, nicht der Westen – und er bekam dafür folgerichtig 1990 auch den Friedensnobelpreis.Warum sind seine eigenen Bürger ihm aber mehrheitlich so undankbar? Durch ihn haben Sie doch Reisefreiheit, Religionsfreiheit bekommen, dürfen die bis 1985 verbotenen in- und ausländischen Bücher lesen, Filme sehen und vieles mehr. Die Rolle der Frau wertete Gorbatschow auf, lebte mit seiner Gattin Raissa Partnerschaft auf Augenhöhe und Respekt vor, was für die sowjetische Gesellschaft eher ungewöhnlich war. Hätte er wirtschaftlich mehr Erfolg gehabt, wäre der Ölpreis, der für den Staatshaushalt wesentlich ist, ausgerechnet in seiner Amtszeit nicht in den Keller gerauscht, sähen seine Popularitätswerte in der Heimat sicher anders aus.

Beliebt: Küsschen gab es zwar nur von hartgesottenen Kommunisten-Freunden wie DDR-Chef Erich Honecker (1); aber auch westliche Politikerinnen und Politiker wie Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher (2) und US-Präsident Ronald Reagan (3) hofierten Michail Gorbatschow

Der Grund für Gorbatschows Tragik besteht auch darin, dass viele Russen seine Amtszeit mit der des alkoholkranken Boris Jelzin durcheinanderbringen, der ab 1992 im Kreml herrschte und der dem Raubtierkapitalismus Tür und Tor öffnete, was das Oligarchentum hervorbrachte. Die Grenzen verwischen, die Erinnerung verblasst. Letztlich war es der populistische, machtbesessene und gewaltbereite Jelzin, der Gorbatschow schwächte und aus dem Kreml drängte. Jelzin diskreditierte auch die demokratische Idee in Russland, die von Gorbatschow eingeführt wurde, indem er 1993 das Regierungsgebäude in Moskau mit Panzern beschießen ließ. Putin beschnitt als neuer Präsident ab dem Jahr 2000 die Presse- und Versammlungsfreiheit und die Rechte des neuen Parlaments.

„Was ist aus der russischen Demokratie bloß geworden“, wird Michail Gorbatschow von Vitaly Mansky in dessen Film gefragt. Seine treffende und entwaffnende Antwort lautet: „Warum fragen Sie mich das?“

Bei allen Widersprüchen und Fehleinschätzungen, die man in Gorbatschows Wirken entdecken kann, ist er immer einem inneren Kompass gefolgt: Er war geleitet von einem ausgeprägten Humanismus und überzeugt, dass dieser die Grundidee des Sozialismus bildet. Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat als Idealist die Welt verändert und bleibt einer der größten Reformer des 20. Jahrhunderts. l

DER FILMEMACHER

Vitaly Mansky, Regisseur von „Gorbatschow. Paradies“

Das Erbe des Sozialismus ist das große Thema des 1963 im ukrainischen Lwiw geborenen Dokumentaristen. Mansky drehte preisgekrönte Filme über Nordkorea, den Ukraine-Konflikt, Putins Russland – und schuf sich Feinde. In Russland bedroht, ging er 2014 nach Lettland, „eine Ex-Sowjetrepublik, heute frei und unabhängig“. Gorbatschow habe also etwas erreicht, sagt Mansky. Dafür und für die Hoffnung, die der Politiker gegeben habe, sei er dankbar.

»Gorbatschow ist bereit, für seine Fehler die Verantwortung zu übernehmen – eine Seltenheit«