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Der Trainer: Hart, aber herzlich!


Hamburger Morgenpost - Unser HSV - epaper ⋅ Ausgabe 1/2017 vom 09.08.2017

Markus Gisdol hat eine Herkules-Aufgabe gelöst und den HSV vor dem Abstieg gerettet. Er trifft drastische Entscheidungen, lässt aber auch viel Nähe zu.


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Markus Gisdol in Sieger-Pose: Nach der Rettung gegen Wolfsburg steht der Trainer vor den Fans und reißt beide Arme in die Höhe.


Foto: Witters

Markus Gisdol sucht die Nähe zu seinen Spielern, hier drückt er Gregoritsch und Holtby an sich.


Natürlich tauchte das Handy-Video im Netz auf! Und klar, innerhalb von Stunden verbreitete es sich unter den Fans des HSV. Markus Gisdol in der Hamburger Kult-Kne ipe „Zwick“, auf einer Bank stehend, Arm in Arm mit zwei ...

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... Kumpels. Gemeinsam sangen sie voller Inbrunst den Schlager-Klassiker „Und es war Sommer“ von Peter Maffay. Na ja, nicht besonders schön, aber selten. Wann hat man ihn zuvor so befreit gesehen?

Einige Wochen sind vergangen. Gisdol hat den Blick längst wieder nach vorn gerichtet, auf die kommenden Aufgaben. Doch die Erfahrungen und die Erlebnisse aus seinen ersten zehn Monaten beim HSV nimmt er mit auf die Reise. All das Leid im Kampf gegen den Abstieg. All die Freude nach dem Happy End. „Die Zeit hat mich geprägt“, sagte der Trainer.

Als er am 26. September 2016 in Hamburg seinen Dienst antrat, wusste Gisdol, dass es ein hartes Stück Arbeit werden würde. Sein Vorgänger Bruno Labbadia war nach nur einem Zähler aus den ersten fünf Partien entlassen worden. Knapp zwei Monate später, die Anzahl der Spiele und Punkte hatte sich jeweils verdoppelt, war es ein Himmelfahrtkommando.

Gisdol wackelte. In der Führungsetage kamen bereits Zweifel auf, dass es die richtige Entscheidung war, ihn mit der Aufgabe zu betrauen, den Liga-Dino am Leben zu halten. Und ob es vielleicht besser sei, einen Trainer mit HSV-Vergangenheit zu holen, um das Unmögliche möglich zu machen, um noch einmal Aufbruchstimmung zu entfachen. Es fielen die Namen Felix Magath und Thomas Doll.

Die Diskussionen bekam Gisdol natürlich mit, doch es gelang ihm, was nur wenigen gelingt: Er ließ sich davon weder verrückt machen noch von seinem Weg abbringen. Er blieb fokussiert, er blieb immer bei sich und seinen Spielern. „Die Mannschaft war anfangs völlig verunsichert. Das hat sich in den Ergebnissen widergespiegelt. Wir mussten Aufbauarbeit leisten“, erinnerte sich der HSV-Coach, „am Anfang stand die Frage: Wie spielen wir uns Torchancen heraus? Als dann die Tore fielen, haben wir uns gefragt: Wie können wir einen Punkt holen? Und schließlich: Wie ein Spiel gewinnen?“

Der 47-jährige Fußball-Lehrer war vor allem als Psychologe gefordert. Er streichelte die Seelen der Hamburger Profis, traf aber auch im Sinne des Teams harte Entscheidungen. Mit Johan Djourou setzte er den Kapitän ab, mit Gotoku Sakai übernahm fortan ein ruhiger, aber fleißiger Spieler dieses Amt. Gisdol stellte zudem neue Kabinen-Regeln auf und forderte von den Ausländern ein, ihren Deutsch-Unterricht ernster zu nehmen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

„Wir haben einige Wochen gebraucht, um alles zu beobachten und in die Truppe hineinzuhorchen“, sagte der Trainer. „Diese Zeit mussten wir uns nehmen. Anders wäre es auch nicht gegangen.“ Dass er dabei verdiente Spieler wie Djourou oder später auch Emir Spahic opfern musste, hat ihn nicht kaltgelassen: „Menschlich fiel mir das schwer. Aber es ging dabei nicht um persönliche Dinge, sondern nur darum, wie wir es schaffen, den Verein in der Liga zu halten.“

Als Gisdol seinen Dienst in Hamburg antrat, nahm er sich die Zeit, in die Mannschaft hineinzuhorchen. Dann traf er seine Entscheidungen.


Wie sich später herausstellen sollte, fruchteten seine Maßnahmen. Die Mannschaft wuchs mehr und mehr zu einer Einheit zusammen, die in der Lage war, im Wettkampf auch Widerständen zu trotzen. Hinfallen, wieder aufstehen: Dieses Wechselspiel prägte den Rest der Saison.

Auf den Aufschwung im Frühjahr folgten einige Nackenschläge auf der Zielgeraden, die den HSV wieder an den Rand des Abgrunds drängten. Doch anders als der eine oder andere Spieler und Fan hatte sich Gisdol nie in Sicherheit gewiegt. Er war immer darauf vorbereitet, bis zur letzten Minute kämpfen zu müssen: „Das wusste ich von Anfang an.“

Ob er zwischenzeitig mal Angst hatte, als der Trainer in die Geschichte des deutschen Fußballs einzugehen, der als erster mit dem HSV in die Zweite Liga abgestiegen ist? „Nein“, betonte Gisdol und fügte hinzu: „Nie!“ Vielmehr tat er alles dafür, seine Profis zu schützen: „Wir haben uns von diesen negativen Gedanken immer freigemacht und das auch auf die Spieler übertragen. Diese negativen Gedanken drücken dich, nehmen dir jede Energie, jede Leistung. Mit Leuten, die in unserem Umfeld müde waren, konnte ich nichts anfangen. Ich will keine Energieräuber um mich und mein Team herum haben.“

Geschafft! Gisdol (r.) feiert mit seinen Assistenten Frank Kaspari und Frank Fröhling die Rettung.


Gisdol schätzt die große Unterstützung der Hamburger Fans, für die der Coach sich nach dem Training regelmäßig Zeit nimmt.


Nach nur einem Punkt aus den ersten fünf Spielen unter seiner Regie setzte Trainer Gisdol (l.) Kapitän Johan Djourou ab.


Als Gisdol seinen Dienst in Hamburg antrat, nahm er sich die Zeit, in die Mannschaft hineinzuhorchen. Dann traf er seine Entscheidungen.


Erst nach dem Klassenerhalt, im Urlaub mit der Familie, hat sich Gisdol Zeit genommen, das Geschehene zu verarbeiten. „Ich war direkt nach der Rettung unheimlich erschöpft. Der Ballast war riesig. Ich fühlte mich leer, ausgepresst wie eine Zitrone. Genießen konnte ich das nicht sofort. Es hat eine Weile gedauert“, sagte der Trainer, der seine Mission beim HSV als „unglaublich kräftezehrend, körperlich, aber vor allem mental“, beschrieb. Abgehakt.

In der Sommerpause hat Gisdol den Akku aufgeladen. Und er hat sich um seine Liebsten gekümmert. Denn nicht nur die Nerven, auch Ehefrau Sylvia, Tochter Lea und Sohn Louis hatten in den Monaten zuvor unter der beruflichen Ausnahmesituation des Papas gelitten. „Ich musste oft sonntags anrufen und sagen, dass ich nicht zu ihnen kommen kann, weil zu viel zu tun war. Zu Hause sind daher auch mal Tränen bei meinem Sohn geflossen“, so Gisdol, der im Verlauf der Rückrunde seinen Vertrag mit dem HSV bis 2019 verlängerte und damit auch den Entschluss fasste, die Familie aus dem schwäbischen Bad Überkingen zu sich nach Hamburg zu holen. Nun brennt der Trainer darauf, mit seiner Mannschaft den nächsten Schritt zu gehen, hin zu mehr Konstanz und Verlässlichkeit. Zugleich bittet er um Geduld, warnt eindringlich: „Wir sollten jetzt nicht schon wieder zu viel wollen und erst mal froh sein, weiterhin in der ersten Liga spielen zu dürfen. Wir müssen mit Ehrgeiz und Demut in die Runde gehen. Kleine Schritte auf dem Weg zum Stabilisieren – das muss unser Ziel sein. Wir dürfen nicht schon wieder träumen. Die Bundesliga wird im nächsten Jahr nämlich noch brutaler.“

Gisdol ist davon überzeugt, dafür gewappnet zu sein. Auch weil ihn und sein Team nach der gemeisterten Herkules-Aufgabe der vergangenen Saison ein starkes Band verbindet. Er habe die Spieler in dieser Phase „sehr nah“ an sich herangelassen und ihre Meinungen „immer ernst“ genommen, so Gisdol: „Das war keine normale Trainer-Spieler-Beziehung. Wir haben ein wahnsinnig enges Verhältnis aufgebaut. Das hatte ich so noch nicht erlebt.“

Übrigens: Auf die feuchtfröhliche Nacht im „Zwick“ nach der Rettung im letzten Saisonspiel gegen Wolfsburg wurde Gisdol häufig angesprochen. Auch von den Reportern, die ihm nach dem Studium des Handy-Videos eine „gute Figur“ attestierten. Der HSV-Coach nahm es mit Humor: „Schön zu hören! Wissen Sie, wir haben unglaublich hart gearbeitet und sehr enthaltsam gelebt. Da musste einfach alles raus.“

VITA

Als Spieler kam Markus Gisdol nicht über die dritte Liga hinaus, eine Verletzung zwang ihn im Alter von 27 Jahren zum Aufhören. Seine Trainer-Karriere begann im Amateurbereich, ehe er 2013 bei 1899 Hoffenheim zum Bundesliga-Coach aufstieg.


Fotos: Witters

Fotos: Witters