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Der Über lebende


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 22.11.2019

HANS DIETER PÖTSCH Volkswagens Aufsichtsratschef soll sogar im Amt bleiben, wenn er wegen des Dieselskandals vor Gericht muss. So wollen es die Familien Porsche und Piëch. Porträt eines Mannes, der sich unentbehrlich gemacht hat.


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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 12/2019

PRINZIP METTERNICH
Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hält die multipolare Konzernarchitektur in der Waage. Niemand darf zu stark werden. Das stärkt ihn.


Automobil-Salon in Genf, Volkswagen präsentiert am 1. März 2011 Visionäres. Die Marke VW zeigt einen Elektrobulli, Porsche eine Hybridvariante des Panamera. In der ersten Reihe drängt sich die Konzernprominenz. Porsche-Boss ...

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... Matthias Müller, später Konzernchef, schaut gelangweilt aufs Po -dium. VW-Lenker Martin Winterkorn hält die Arme wie üblich über dem Bauch verschränkt. Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch und seine Frau Uschi blicken starr nach vorn.

Und dann ist da noch ein hoch aufgeschossener Mann mit wenigen Haaren und einer Brille, die seine Unauf -fälligkeit unterstreicht: Hans Dieter Pötsch, Finanzvorstand.

Das Foto dokumentiert Konzernroutine. Vielsagend an ihm ist nur eins: Vier aus dem Quintett sitzen längst nicht mehr in der ersten Reihe. Ferdinand und Uschi Piëch verließen den größten Autohersteller der Welt nach einem ver -lorenen Machtkampf, Jahre bevor der Patriarch in diesem Sommer starb. Winterkorn: rausgeworfen wegen des Dieselskandals. Müller: aus dem Amt gedrängt.

Und der unscheinbare Herr Pötsch? Wurde immer wichtiger, erst informell, seit 2015 auch mit Amt und Würden: als Aufsichtsratsvorsitzender des größten Autokonzerns der Welt.

Die Karriere dieses Mannes ist nach den üblichen Standards unmöglich. Nach den ganz eigenen Gesetzen des VW-Universums dagegen hat sie eine innere Logik; sie ist ein Lehrstück über Macht in komplexen Konstellationen.

Schon bei seinem Aufstieg zum Chefkontrolleur im Oktober 2015 war Pötsch umstritten: Die Finanzaufseher der Ba-Fin prüften gerade, ob der damalige Finanzvorstand den Kapitalmarkt zu spät über die drohenden Kosten des Dieselskandals informiert hatte. Zunächst sah das noch nach Routine aus, doch seit November 2016 ermittelt die Staats -anwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts auf Marktmanipulation. Ende September 2019 folgte die Anklage.

Hans Dieter Pötsch (68) weist die Vorwürfe zurück, verweist schon mal selbstgewiss darauf, er kenne die Kapitalmarktregeln sehr gut. Das Landgericht Braunschweig wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 über die Zulassung der Anklage entscheiden (siehe Kasten „Causa Kurseinbruch“, Seite 66). Der Aufsichtsrat beließ Pötsch im Amt. Hier soll also ein Chefkontrolleur aufräumen, gegen den selbst ermittelt wird.

In den Machtzirkeln der deutschen Wirtschaft gilt die Milde der Volkswagen-Granden vielen als unverständlich. Spätestens wenn das Gericht die Anklage zulasse, wenn es zum Prozess komme, sei Pötsch nicht mehr zu halten, sagt ein anderer deutscher Chefkontrolleur mit beeindruckender Vernetzung. Er irrt.

Ohne Pötsch geht es nicht bei Volkswagen; das ist die Stimmung im Konzern.

„Wer sollte die unterschiedlichen Kräfte hier denn balancieren?“ fragt ein Aufsichtsrat. „Ein Externer? Oder jemand aus der Porsche- oder Piëch-Familie? Das würde nicht funktionieren.“

Die Familie spricht offen. „Herr Pötsch hat unser volles Vertrauen; auch wenn das Gericht die Anklage zulässt“, sagt Wolfgang Porsche (76), er sei überzeugt von Pötschs Unschuld. Vetter Hans Michel Piëch (77) stimmt zu. Die Porsche SE hält 53 Prozent der Volks -wagen-Stimmrechte.

Aber warum braucht der Konzern diesen hochgewachsenen Mann, der sich über den Stuttgarter Anlagenbauer Dürr in den VW-Vorstand vorarbeitete, dort vielen Herren diente, bevor er als Aufsichtsratsvorsitzender die Spitze erklomm? Was hat Pötsch, was andere nicht haben? Und was treibt ihn an?

Sein Händedruck ist fest. Der Mann steht gerade wie ein Lineal, ein schlanker, leiser Herr, der dem Journalisten zur Begrüßung in der Berliner Konzernrepräsentanz entgegengeht. Könnte auch ein Oberregierungsrat sein vom Habitus her, doch wer das warme Timbre der Stimme hört, der merkt schnell, dass die erste Annahme die falsche war. Pötsch ist nicht nur höflich und ein wenig steif, er stellt auch schnell eine Verbindung her. Pötsch sucht immer das Verbindende.

Wenn Ferdinand Piëch der Architekt der Macht war und Martin Winterkorn der Macher der Modelle, dann ist Hans Dieter Pötsch der Moderator der Macht.

Suchte man ein historisches Vorbild, käme man schnell auf den Fürsten Metternich, Außenminister unter Kaiser Franz I. Er war die zentrale Figur, als 1815 auf dem Wiener Kongress über eine Friedensordnung nach den Napoleonischen Kriegen verhandelt wurde. Staatsgebiete wurden getauscht, keine Siegermacht wurde zu stark, die unterlegenen Franzosen nicht zu schwach. Diplomat und Staatsdiener Metternich schuf ein neues Gleichgewicht. Pötsch mag den Vergleich nicht.

Doch sein System funktioniert ähnlich in der multipolaren Wolfsburger Welt. Niemand darf zu stark werden, niemand zu schwach. Der Metternich vom Mittellandkanal balanciert die Macht.

Auch Pötsch ist Österreicher, groß geworden im oberösterreichischen Linz. Wenn er heute von seiner Schulzeit an der technischen Fachschule HTL und dem Studium zum Wirtschafts -ingenieur („ich bin halber Ingenieur“) in Darmstadt erzählt, dann schwingt Stolz mit. Der Finanzer im Autokonzern will wenigstens Normalbenzin im Blut haben, wenn da schon kein Super fließt.

„Was ist die Volkswagen AG für Sie, Herr Pötsch? Klassische Aktiengesellschaft? Familienunternehmen mit den Porsches? Staatsunternehmen mit Niedersachsen als Großaktionär? Oder doch die größte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Welt mit den starken Arbeitnehmern?“

Pötsch überlegt nur kurz.

„Heimat.“

CAUSA KURSEINBRUCH

Vorwürfe gegen Pötsch

DIE ANKLAGE Am 21. und 22. September 2015 brach der Kurs der VW-Aktie um gut 30 Prozent ein (siehe Grafik). Eine US-Behörde hatte Volkswagen zuvor eine Milliardenstrafe wegen manipulierter Abgaswerte angedroht. 2019 klagte die Staatsanwaltschaft Braunschweig den heutigen VW-Boss Herbert Diess, Vorvorgänger Martin Winterkorn und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wegen Marktmanipulation an. Der Vorwurf: sie hätten die Anleger früher vor drohenden Strafen warnen müssen.

DIE VERTEIDIGUNG Die Angeklagten sehen sich als unschuldig. Zu hohe Abgasemissionen und die eventuell drohenden Strafen wurden zwar schon Ende Juni diskutiert, doch das genaue technische Problem sei nicht klar gewesen, argumentiert der Konzern. Und die realistische Strafe sei noch Ende August auf weniger als eine Milliarde Dollar taxiert worden. Das sei nicht kursrelevant für VW, von Marktmanipulation könne keine Rede sein. Das Landgericht Braunschweig wird in den kommenden Monaten entscheiden, ob es die Anklage zulässt – und ob es zum Prozess kommt.

Die Kumpeltour zieht nicht

Volkswagen ist sein Leben geworden. Seit 2003 arbeitet er hier, längst wohnt er gemeinsam mit seiner Frau in Wolfsburg. Andere im Topmanagement belastet die Nähe zu den 63.000 VW-Beschäftigten, Pötsch grüßt im Zweifel auch Menschen, die er nicht kennt.

„Herr Pötsch, duzen Sie jemanden im Unternehmen?“

„Nein.“ Allein die Überlegung wirkt abwegig. Er duze Bekannte im privaten Umfeld, sagt er. Aber zu manchem bei Volkswagen habe er eine viel größere Nähe.

Tatsächlich gibt es Menschen im Konzern, die sagen, niemand bei Volkswagen sei ihnen „so nah wie Herr Pötsch“.

Die Grenzen indes hat der scharf gezogen. Ein Markenchef berichtet, Pötsch mal „kumpelhaft angesprochen“ zu haben auf einer Auslandstour, der war zu der Zeit noch Finanzvorstand. „Der hat mir sehr klar gemacht, dass er das nicht mag.“

Der Mann hat keine engen Freunde in diesem Konzern, Freundschaften machen unfrei im Handeln. Wichtiger ist, dass Pötsch hier keine Feinde hat. Vorstände, Aufsichtsräte, Eigentümer: Sie respektieren ihn, sie vertrauen ihm, manche sind ihm dankbar.

Andere meinen, dass er sie an den „Mann ohne Eigenschaften“ erinnere, an jene Romanfigur von Robert Musil (auch ein Österreicher), die kein klares eigenes Interesse definiert und so leichter in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Tatsächlich dreht Hans Dieter Pötsch die Themen in Vorbesprechungen immer wieder, denkt sich hinein in nicht immer einfache Menschen wie Vorstandschef Herbert Diess (61) und Arbeitnehmerboss Bernd Osterloh (63). „Der sucht für jeden die richtige Antwort“, sagt einer seiner Leute.

MANN IM SCHATTEN
Ist Hans Dieter Pötsch loyal? Patriarch Ferdinand Piëch (l.) und Ex-VW-Chef Martin Winterkorn (r., bei einem Treffen im Juni 2012) waren zunächst skeptisch. Doch Pötsch (M.) stahl ihnen nie das Scheinwerferlicht.


Aber immer gilt: „Pötsch hat Handschlagqualität“; das bescheinigt einer der Aufsichtsräte. „Das ist nicht selbstverständlich in diesem Konzern.“

So schlichtet er in scheinbar verlorenen Situationen wie Anfang 2019. Konzernchef Diess fürchtet um die Wettbewerbs -fähigkeit, will die Kosten rabiat senken, überschreitet mehrfach die Grenzen des Konzernkomments. Eigentümer Wolfgang Porsche heizt die Stimmung auf dem Auto-Salon in Genf zusätzlich an, schimpft über das Wolfs -burger Paradies und will nicht mehr alle Auszubildenden übernehmen. Betriebsratschef Bernd Osterloh keilt zurück, stoppt sämtliche Verhandlungen und präsentiert auf einer Krisen -sitzung des Aufsichtsratspräsi -diums gemeinsam mit dem Audi-Kol legen Peter Mosch (47) eine Liste von Diess’ (Management-) Verfehlungen.

Im Aufsichtsrat wächst das Grollen, von einer „letzten Warnung“ für Diess ist die Rede.

Einsatz Hans Dieter Pötsch. Als nichts mehr geht und die Protagonisten sich kaum noch die Hand reichen mögen, führt er Einzelgespräche, weist Wolfgang Porsche – immer diplomatisch zurückhaltend natürlich – in kleiner Runde zurecht, in Genf sei er zu weit gegangen. Vermittelt gemeinsam mit Perso nalvorstand Gunnar Kilian (44) Friedensgespräche zwischen Osterloh und Diess.

Am Ende bekommen beide ein bisschen von dem, was sie wollten. Der Frieden ist zwar labil. Aber er hält.

Pötsch stützt sich auf eine Vielzahl unausgesprochener Allianzen, die er geformt hat, seit er Ferdinand Piëch von sich überzeugt hat, den Mann, an dem so viele andere gescheitert sind in Wolfsburg.

2005 ist das, Vorstandschef Bernd Pischetsrieder arbeitet mit dem damaligen Daimler-Chef Jürgen Schrempp an einem Geheimprojekt. Daimler würde sich an Volkswagen beteiligen, im Gegenzug übernähme VW einen kleinen Anteil am neuen Partner.

Piëch passt das nicht; und Pötsch, damals seit zwei Jahren Finanzvorstand, arbeitet de facto für den Aufsichtsrats-, nicht für den Vorstandschef. Mit Optionen baut er eine Gegenposition auf, so massiv, dass Volkswagen der Stärkere gewesen wäre. „Wenn die Daimlers gekommen wären“, erinnert sich ein Beteiligter und spricht dann nicht mehr weiter, lächelt nur noch.

„Das war typisch“, sagt ein anderer. Pötsch könne immer beide Seiten bedienen. 2006 verließ Pischetsrieder den Konzern.

Nachfolger Martin Winterkorn ist anfangs skeptisch. Als er Volkswagen-Chef wird, will er Audi-Finanzer Rupert Stadler mit nach Wolfsburg nehmen. Pötsch soll gehen. Der überredet Piëch, darf bleiben; und es dauert nicht lange und Winterkorn vertraut Pötsch, überlässt ihm immer größere Teile der Arbeit. Der Mann, der alle Schrauben kennt, mischt sich in Finanz-, Einkaufs- oder Vertriebsthemen kaum noch ein. „Da hieß es dann: ‚Da kenne ich mich nicht aus; das soll Herr Pötsch machen‘“, berichtet ein Weggefährte.

Diener vieler Herren

Will Piëch eine Be teiligung am japanischen Kleinwagenspezia -listen Suzuki, wendet er sich an Pötsch (2009). Will er den Motorradhersteller Ducati ins Impe -rium einreihen, regelt Pötsch die Sache (2012). Und als der mit FiatChrysler-Chef Sergio Mar -chionne und Familienchef John Elkann über eine Übernahme verhandelt (2014), ist Winterkorn nicht einmal in volviert. Der Vorstandschef ist bisweilen irritiert, lässt es aber geschehen. Und klappt die Sache, steht Winterkorn vorn und schüttelt Hände.

Für die Arbeitnehmer ist Pötsch der Verbündete, der allzu forsche Vorstände schon mal daran erinnert, dass die Stärke des Betriebsrats „gelebte Volkswagen-Kultur“ ist, und daran, „dass wir es so in die beste Position geschafft haben“.

Für Konzernchef Diess ist er derjenige, der seinen Vorgänger Müller mit verabschiedet und so den Platz für ihn freiräumt. Und er ist der Vermittler, der zu BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer (63) fährt, um eine Vorstandspersonalie endlich zu klären. Diess, früher selbst BMW Vorstand und im Unfrieden geschieden, hatte Markus Duesmann (50) in München abgeworben, im Gegenzug hatte Reithofer seinen Chefeinkäufer für zwei Jahre gesperrt. Pötsch vermittelte, Reithofer schlug ein, ab dem 1. April 2020 wird Duesmann Audi lenken.

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TRIPTYCHON DES ZANKS

1 Volkswagen-Chef Herbert Diess ist weniges heilig, wenn es um Kostensenkung geht.
2 Familienchef Wolfgang Porsche schimpft schon mal über die Macht der Arbeitnehmer.
3 Betriebsratsboss Bernd Osterloh keilt dann zurück. Die Situation eskaliert fast regelmäßig. Dann braucht es einen Moderator der Macht: Hans Dieter Pötsch.

Sie alle schätzen Pötsch. Sie profitieren von ihm oder haben von ihm profitiert.

Am stärksten gilt das für die Familien Porsche und Piëch – für die er, mit Ausnahme von Ferdinand Piëch, anfangs der Hauptgegner war.

Am 22. und 23. März 2009 sitzt in Hannover eine illustre Runde zusammen. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist da und Wolfgang Porsche, für Volks wagen gekommen sind unter anderen Piëch, Winterkorn und Osterloh. Auch Hans Dieter Pötsch ist geladen, und der erklärt Wolfgang Porsche, dass die Porsche SE sich bei der Volkswagen-Übernahme verhoben hat. Das Unternehmen kann die aufgebauten Optionen nicht bezahlen. Es sind Tage der Kapitulation: Porsche steht vor der Pleite. Wolfgang Porsche habe geweint, erzählen Anwesende später. Pötsch ist der Mann, der ihm diese sehr persönliche Niederlage – gemeinsam mit Porsches Vetter Ferdinand Piëch – zugefügt hat.

Aber Pötsch ist auch, wie so häufig, der Mann, der in den nächsten Monaten mäßigt. Der die Porsche SE und die Familie zum eigentlichen Sieger macht, als er erst die Katarer als Aktionäre reinholt und dann dafür sorgt, dass VW die Porsche AG für 12,4 Milliarden kauft. Die Transaktion ist komplex, Pötsch muss einiges an Bedenken überwinden. Aber am Ende behält die Familie die Holding Porsche SE und damit die Macht bei Volkswagen.

„Zwei Diamanten haben zu -einandergefunden, ein kleiner und ein großer“, erinnert sich Hans Michel Piëch heute voller Stolz.

Spätestens seit diesem histo -rischen Kapitel war klar, dass Pötsch weiter eine sehr wichtige Rolle im Konzern spielen wird. Nur welche? Die Entscheidung fällt in die wildesten Wirren des Dieselskandals, und sie hat ihren Ursprung am 24. August 2015. An dem Tag wissen die Größen des Konzerns bereits, dass es Ärger mit den US-Behörden geben könnte. Wie schlimm es kommt, ahnt wohl kaum jemand; und dass Pötsch an diesem Tag nach Salzburg reist, hat nichts mit dem Thema Diesel zu tun.

Er soll Vorstandschef werden. Martin Winterkorn, so ist es abgemacht, soll den Aufsichtsrat übernehmen, die Position von Ferdinand Piëch bekommen, die vorübergehend Gewerkschafter Berthold Huber übernommen hat.

Wie der Diesel alles verändert

Drei Jahre als Vorstandsvorsitzender würden für Pötsch die Sache abrunden. Danach will er nach Wien ziehen, das Haus dort ist längst gebaut, ihm schwebt eine Karriere als Aufsichtsrat vor. Ein Mandat bei der Bertelsmann SE hat er schon, darauf will er bauen.

Doch plötzlich offenbaren Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch einen anderen Plan, von dem sie sich mehr Stabilität versprechen. Pötsch soll Aufsichtsratschef werden, Winterkorn CEO bleiben. Und so fällt an diesem Tag in Salzburg informell eine Entscheidung, die es fünf Wochen später wohl nicht mehr gegeben hätte.

Denn als das Aufsichtsratspräsidium am 30. September in einer Sondersitzung über die Personalie Pötsch berät, ist VW urplötzlich zum Krisenkonzern geworden. Die „Dinge, die niemals hätten passieren dürfen“ (Hans Dieter Pötsch, November 2019), sind öffentlich.

Die amerikanische Umwelt -behörde EPA beschuldigt Volks-wagen am 18. September, in den USA fast 500.000 Autos mit manipulierten Motoren verkauft zu haben, die deutlich zu viel Stickoxid in die Luft pusten. Die mögliche Höchststrafe liegt bei 18 Milliarden Dollar.

WIEDER OBEN …

Operatives Ergebnis VW nach Sondereinflüssen, in Mrd. Euro

… TROTZ DIESEL

Kosten des Dieselskandals, in Mrd. Euro

Der Kurs der Volkswagen-Aktie verliert ein Drittel, fast täglich kommen neue Schreckensmeldungen – es herrscht das blanke Chaos. Vier Tage nach der Botschaft aus den USA, am 22. September, fühlt sich Pötsch sicher genug, eine solide Ad-hoc-Meldung als Warnung an die Kapitalmärkte zu schicken. Die BaFin nimmt ihre Ermittlungen auf.

Wiederum acht Tage später, auf der Sondersitzung, ist besonders Niedersachsens Minister -präsident Stephan Weil skeptisch, ob Pötsch wirklich Aufsichtsratschef werden sollte. Auch IG-Metaller Huber zweifelt. Jeden Aspekt wollen sie geklärt wissen. Dass Pötsch die im Corporate Governance Kodex fest gelegte Abkühlfrist von zwei Jahren nicht einhielte, gerät zur Nebensache. Ein schnell verfasstes juristisches Gutachten, dass sich Pötsch an die Ad-hoc-Pflichten gehalten habe, überzeugt die Kritiker nicht recht.

Pötsch sieht sich zu Unrecht im Zwielicht. Auf knapp 800 Millionen Euro hätten sie die mög -liche Strafe plus Folgekosten Anfang September auf der Basis anderer Fälle taxiert, das sei kein Grund für eine Ad-hoc-Meldung.

Arbeitnehmerchef Osterloh verteidigt den Finanzvorstand, das gibt am Ende den Ausschlag. Eine Woche später wird Pötsch zum Aufsichtsratsvorsitzenden ernannt, die Aktionäre bestätigen die Wahl auf der Hauptversammlung 2016.

Und Pötsch? Kümmert sich erst einmal um sein eigenes Geld. Da verfolgt er vehement seine Interessen, das spüren die Kontrolleure schnell.

15 Millionen Euro kassiert er als Ausgleich dafür, dass er auf zwei Jahre Vorstandsgehalt verzichtet. Es gibt leisen Widerstand. Aber Pötsch setzt sich durch. Er lässt sich gut zwei Millionen Euro des Bonus für 2015 abverhandeln, nicht aber den Ausgleich. Er habe sich um die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden nicht beworben, kommentiert er das Extrahonorar einmal.

Als Vorstandschef hätte er im vergangenen Jahr 8,5 Millionen Euro verdient. Als oberster Auf -seher waren es 584.500 Euro, ergänzt um das Gehalt als Vor -sitzender der Porsche SE gut 1,4 Millionen Euro.

Nun sitzt Pötsch auch als Kontrolleur täglich in seinem Büro auf dem Wolfsburger Vorstandsflur; den Gehaltsdeal findet er weiter sehr in Ordnung. Ein Altruist ist dieser Mann nicht. Er kämpft in der Regel still, aber beharrlich für seine Interessen. Und für die Interessen des Konzerns, so wie er sie versteht.

Mann ohne Eigenschaften?

Setzt sich Pötsch nicht durch, merkt er, dass seine Argumente nicht überzeugen, zieht er zurück. Als er etwa spürte, dass die Familie und Betriebsratschef Osterloh mit Diess einen anderen Vorstandschef als Matthias Müller wollten, war es um den geschehen. Pötsch half denen, die mächtiger waren.

Ein bisschen wirke das manchmal wie „das Fähnchen im Wind“, sagt einer seiner Begleiter. Da ist er wieder, der „Mann ohne Eigenschaften“, die Hülle für die Wünsche der anderen. Aber wie sollte einer die Interessen von Familie, anderen Aktionären und Arbeitnehmern ausgleichen, wenn er nicht kompromissfähig wäre?

Pötsch ist uneitler als viele andere, deshalb überlässt er gern denen die Bühne – selbst wenn er sie verdient hätte. So wie beim Aufbau von Volkswagens Trucksparte. Den Angriff auf die Lkw-Bauer Scania und MAN machte Pötsch schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts zu seinem Thema. „Wer die Mobilität der Zukunft gestalten will, der braucht auch den Güterverkehr“, bei den Trucks dreht er noch heute manchmal hoch.

Auch als im März dieses Jahres überraschend Finanzvorstand Frank Witter (60) gegen den Börsengang der VW-Trucks Bedenken anmeldete, brachte letztlich Pötsch das Projekt auf den Weg. Wieder einmal funktionierte das Prinzip Metternich.

Monatelang ist Truckchef Andreas Renschler (61) auf Roadshow, präsentiert seine globalen Pläne den Investoren. Konzernlenker Diess euphorisiert die Finanzszene auf einem Capital Markets Day mit der Erwartung, die Trucks seien nur der erste Börsengang; im Lauf des Jahres sei mehr zu erwarten.

Aber Finanzvorstand Witter fürchtet einen zu niedrigen Erlös. Auch die Familie ist skeptisch, besonders Oliver Porsche (58). Einen Tag nach Diess’ Ankündigung wird die Sache abgeblasen, der Konzernchef ist blamiert.

Als der Vorstand im Mai einen zweiten Versuch beschließt, geht Trucker Renschler auf Nummer sicher. Er ruft Pötsch zu Hilfe.

Nach der Sitzung steigt der Aufsichtsratschef gemeinsam mit CEO Diess in den Flieger nach Salzburg. Noch einmal erklärt er der Familie, was Sache ist. Dass die Trucksparte ihre Expansion unabhängig vom Konzern finanzieren müsse. Und er habe, so heißt es, auch ein Argument der härteren Sorte vorgebracht. Ohne den Börsengang sei es besser, die Sparte komplett zu verkaufen.

Das Argument ist klug gewählt. Wenn die Porsche-Familie eins nicht mag, dann den Verkauf von profitablem Geschäft. Die Großaktionäre stimmen zu. Renschler ist glücklich, er darf an die Börse. Auch Diess ist zufrieden.

Hans Dieter Pötsch hat wieder einmal nicht entschieden. Und sich doch durchgesetzt.


Foto [M]: Lengemann / WELT / ullstein bild / Getty Images

Foto: Marijan Murat / dpa / picture alliance

Fotos: Simon Dawson / Bloomberg, Robert Brembeck, Frank Schinski / OSTKREUZ