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DER UNBEUGSAME


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 26.09.2022
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Aristides de Sousa Mendes, 1940. Rechts: Menschen in Frankreich 1941 auf der Flucht vor den einmarschierenden Truppen

In der zweiten Juniwoche 1940 weiger te sich der portugiesische Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes, sein Zimmer zu verlassen. Mit seiner Frau und einigen seiner 14 Kinder lebte er in Bordeaux, Frankreich, in einer großen Wohnung mit Blick auf die Garonne. Alle machten sich Sorgen um das Familienoberhaupt.

Aristides de Sousa Mendes war ein Aristokrat und Lebemann. Er liebte seine Familie über alles. Er liebte den Wein. Er liebte Portugal, das er in seinem Buch als „Land der Träume und der Poesie“ rühmte. Mit Begeisterung schmetterte der Konsul französische Schlager, J’attendrai (ich werde warten), von Rina Ketty hatte es ihm besonders angetan – ein zärtliches Liebeslied, das angesichts der vorrückenden deutschen Wehrmacht zu einer Friedenshymne wurde.

Und de Sousa Mendes liebt eseine junge Geliebte, die im fünften Monat mit seinem 15. Kind schwanger war. Selbst in den schwierigsten Situationen ...

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... fand er immer etwas, worüber er lachen konnte. Doch nun, vor die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens gestellt, kapselte de Sousa Mendes sich von der Außenwelt ab.

Er verließ sein Zimmer nicht einmal mehr zum Essen. „Die Lage hier ist furchtbar“, schrieb der 54-jährige Diplomat seinem Schwager, „und ich liege mit einem schweren Nervenzusammenbruch im Bett“.

DER GRUND für den Zusammenbruch begann am 10. Mai 1940, als Deutschland seine Offensive gegen Frankreich und die Benelux-Staaten startete. Auf der Flucht vor der deutschen Armee verließen Millionen verzweifelter Zivilisten ihr Zuhause. Ein Vertreter des Roten Kreuzes in Paris nannte es „das größte Flüchtlingsproblem in der Geschichte Frankreichs“.

Frauen spannten sich vor Pferdekarren und zogen diese. „Menschen töteten ihre Hunde, um sie nicht mehr füttern zu müssen“, erinnert sich Marie-Madeleine Fourcade, eine führende Widerstandskämpferin. „Weinende Frauen schoben Kinderwagen, in denen eingezwängt alte Leute saßen.“

AUS: SMITHSONIAN MAGAZINE (NOVEMBER 2021); © 2021 CHANAN TIGAY

Lansing Warren, Korrespondent der New York Times und später von den Nazis verhaftet, schrieb: „In einem Land, das von Evakuierten aus den Kriegsgebieten bereits überschwemmt ist, sind die Bewohner von halb Paris, eines Großteils Belgiens und von zehn bis zwölf französischen Departements auf den Straßen unterwegs. Insgesamt sechs bis zehn Millionen Menschen haben sich mit dem Auto, Fahrrad oder zu Fuß aufgemacht.“

Die Flüchtlinge „schleppen sich jeden Tag immer weiter Richtung Süden“, berichtete Lansing. „Wie weit sie kommen, hängt von den Umständen ab. Doch wir können jetzt schon mit Sicherheit sagen, dass sie am Ende alle festsitzen werden.“

Während die französische Regierung aus Paris floh und deutsche Soldaten die Hakenkreuz-Flagge auf dem Triumphbogen hissten, versuchten die Flüchtlinge Ausreisevisa zu ergattern. Viele harrten an der Küste aus und hofften, einen Platz auf einem Schiff nach Übersee zu bekommen. Andere strömten in die Städte an der spanischen Grenze, in der Hoffnung, das Land verlassen zu können.

In Bordeaux hatte sich die Bevölkerungszahl durch die Flüchtlinge mehr als verdoppelt. Für sie gab es nur noch eine Möglichkeit: ein Visum vom neutralen Land Portugal, das ihnen die Durchreise durch Spanien bis nach Lissabon erlaubte. Dort konnten sie versuchen, auf ein Schiff zu gelangen, das sie von Europa wegbrachte.

Zu Tausenden drängten sie sich vor dem Haus Nummer 14 am Quai Louis XVIII – einem fünfstöckigen Gebäude am Hafen, in dem das portugiesische Konsulat untergebracht war und in dessen oberen Stockwerken der Konsul mit seiner Familie wohnte.

Unter den Flüchtlingen waren auch „Staatsmänner, Botschafter und Minister, Generäle und andere hohe Offiziere, Professoren, Literaten, Gelehrte, berühmte Künstler, Journalisten … Studenten, Mitarbeiter von Rotkreuz-Organisationen, Mitglieder von Herrscherfamilien … Soldaten aller Grade und Dienststellen, Industrielle und Geschäftsleute, Priester und Nonnen, Frauen und Kinder, die Schutz suchten“, wie de Sousa Mendes später dem portugiesischen Außenministerium mitteilte. Viele von ihnen waren „Juden, die schon verfolgt wurden und versuchten, dem Gräuel weiterer Verfolgung zu entkommen“.

ARISTIDES DE SOUSA MENDES STEHT VOR DER ENTSCHEIDUNG, SEINE KARRIERE ODER TAUSENDEN DAS LEBEN ZU RETTEN

Als die deutsche Wehrmacht näherrückte, brach unter den Flüchtlingen Verzweiflung aus. „Im Zentrum der Stadt herrschte das blanke Chaos“, schrieb der US-amerikanische Journalist Eugene Bagger, der in Frankreich gestrandet war. Er verbrachte die Nacht des 17. Juni in seinem Auto und wurde wach, als die Straßenlaternen am Platz plötzlich abgeschaltet wurden. „Und dann hörten wir sie – die Bomben“, erinnert er sich. „Wir zählten acht kurz hintereinander … Anschließend heulten die Sirenen, zunächst noch weit entfernt, dann in unmittelbarer Nähe.“

Aristides de Sousa Mendes, ein tief gläubiger Katholik, der vermutete, von Conversos abzustammen, von spanischen Juden, die vor Jahrhunderten gezwungen worden waren, sich taufen zu lassen, war entsetzt über das Leid. Manche hatten ihren Ehepartner verloren, andere hatten keine Ahnung, wo ihre Kinder waren oder hatten miterlebt, wie ihre Lieben im Bombenhagel der Deutschen starben.

Doch viele Flüchtlinge wussten nicht, dass der portugiesische Präsident und Diktator António de Oliveira Salazar sieben Monate zuvor seinen Diplomaten verboten hatte, Visa für die meisten Flüchtlinge auszustellen – sein Verbot galt insbesondere für Juden, Russen und alle anderen, die „staatenlos“ geworden waren.

Auch wenn Salazar offiziell neutral blieb, gestaltete sich die „Neutralität“ Portugals je nach den Umständen recht flexibel. Nun, da die deutschen Truppen in Europa wüteten, wollte Salazar Hitler oder den spanischen Faschistenführer Franco auf keinen Fall provozieren.

Als die Lage immer dramatischer wurde, bot de Sousa Mendes Alten, Kranken und Schwangeren Schutz in seiner Wohnung, wo sie auf dem Boden schliefen. „Auch in den Büros des Konsulats drängten sich Dutzende todmüder Flüchtlinge, die Tage und Nächte auf der Straße, im Treppenhaus und schließlich in den Büros ausgeharrt hatten“, berichtete Cesar, ein Neffe des Konsuls, in seiner Zeitzeugenaussage für Yad Vashem (die Holocaust-Gedenkstätte in Israel).

Eines Abends ließ sich de Sousa Mendes von seinem Chauffeur durch die Straßen fahren. Er wollte sich einen Überblick über die Lage in der Stadt verschaffen. Nahe der Synagoge erblickte der Konsul einen Mann in einem dunklen Kaftan. Es war Chaim Kruger, ein polnischer Rabbiner, der in Belgien eine Gemeinde geleitet hatte, und mit seiner Frau Cilla und fünf Kindern geflohen war. Der Konsul lud sie in seine Wohnung ein, sagte ihnen aber, dass sie als Juden kein Anrecht auf ein Visum hätten.

Doch insgeheim bat de Sousa Mendes Lissabon um die Erlaubnis zur Ausstellung der Visa. Am 13. Juni kam die Antwort des Auswärtigen Amts: Recusados vistos, Visa abgelehnt. Der Konsul setzte sich über diesen Befehl hinweg und bot Kruger an, die Papiere trotzdem auszustellen. Doch der Rabbi lehnte ab: „Nicht nur ich brauche Hilfe, sondern alle jüdischen Brüder und Schwestern, deren Leben auf dem Spiel steht.“

Aristides de Sousa Mendes wurde klar, dass es nicht darum ging, einer einzelnen jüdischen Familie zu helfen. Er stand vor der Entscheidung, seine Karriere oder Tausenden das Leben zu retten, seiner Regierung oder seinem Gewissen zu folgen. Der innere Konflikt war so heftig, dass der Konsul sich in sein Schlafzimmer zurückzog und drei Tage lang nicht mehr herauskam.

Als er schließlich wieder auftauchte, verkündete de Sousa Mendes: „Ich werde allen, die das wollen, ein Visum ausstellen. Auch wenn ich deswegen entlassen werde, ich kann nur als Christ handeln, wie es mir mein Gewissen befiehlt.“

Was folgte, war „möglicherweise die größte Rettungsaktion eines Einzelnen während des Holocausts“, sagt der israelische Historiker Yehuda Bauer.

Der Konsul öffnet Türen

Aristides de Sousa Mendes hatte in seinem Leben noch nicht viel Leid erfahren. Er gehörte dem Landadel an und besaß ein großzügiges Anwesen in Cabanas de Viriato, seinem Geburtsort in Portugal. In ihrem Haus empfingen er und seine Frau Angelina jeden Donnerstag arme Dorfbewohner zu einer Mahlzeit, die vom Personal zubereitet worden war.

DAS PORTUGIESISCHE AUSSENMINISTERIUM RÜGT DEN GENERALKONSUL SCHARF FÜR SEINEN „UNGEHORSAM“

Da Aristides nicht mit Geld umgehen konnte, musste er sich von seinem Zwillingsbruder Cesar oft etwas leihen. Beide studierten an der juristischen Fakultät von Coimbra, der angesehensten Universität Portugals, arbeiteten nach ihrem Abschluss 1907 kurze Zeit als Anwälte, bevor sie in den Auswärtigen Dienst eintraten.

Mit seiner Ernennung zum Außenminister war Cesar 1930 ganz oben angekommen. Aristides bekleidete indessen verschiedene diplomatische Posten, unter anderem in Brasilien, Spanien, Britisch-Guayana und San Francisco, USA. In Belgien zählten der spanische König Alfonso XIII. und Albert Einstein zu seinen Gästen. Auf Sansibar übernahm der Sultan höchstselbst die Patenschaft für de Sousa Mendes’ Sohn Geraldo.

Im September 1938 zogen Angelina und Aristides mit einigen ihrer zwölf noch lebenden Kindern – ein Sohn war mit 22 an einem Milzriss gestorben, eine Tochter noch im Kindesalter an Hirnhautentzündung – nach Bordeaux. Hier lernte der Konsul die 23 Jahre jüngere Musikerin Andrée Cibial kennen, deren Freigeist und Temperament ihn beeindruckte. Die für ihre auffälligen Hüte stadtbekannte Frau wurde seine Geliebte.

Besorgt über den Zustrom jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und antifaschistischer Republikaner, die vor dem Bürgerkrieg in Spanien flohen, hatte die französische Regierung inzwischen mehrere Internierungslager eingerichtet. Im November 1939, zehn Tage nach Salazars Rundschreiben, das die Vergabe von Visa an Juden verbot, stellte de Sousa Mendes dem jüdischen Historiker Arnold Wiznitzer ein Visum aus. Im darauffolgenden März unterzeichnete er ein weiteres, dieses Mal für den spanischen Republikaner Eduardo Neira Laporte, einen ehemaligen Professor aus Barcelona.

Beiden Männern drohte die Inhaftierung in französischen Lagern. Dennoch wurde der Generalkonsul vom Außenministerium scharf gerügt.

„Jeder neue Verstoß in dieser Angelegenheit wird als Ungehorsam betrachtet und ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen, bei dem nicht übersehen werden kann, dass Sie wiederholt Handlungen begangen haben, auf die Verwarnungen und Verweise folgten“, schrieb sein Vorgesetzter.

Aristides berichtete seinem Bruder Cesar davon, der zu diesem Zeitpunkt Botschafter in Warschau war, und schimpfte, dass „der portugiesische Stalin beschlossen hat, wie ein wildes Tier über mich herzufallen“.

Angesichts der Bomben, die in der Nähe fielen und das Einrücken der Deutschen ankündigten, sowie der standhaften Weigerung seiner Regierung, die Flüchtlinge die Grenze passieren zu lassen, musste de Sousa Mendes sich der möglichen Folgen bewusst gewesen sein, als er im Juni 1940 zahlreiche Visa ausstellte.

Und nachdem er einmal begonnen hatte, hörte er nicht mehr auf. Die Menschen standen Schlange vor seinem Schreibtisch, die Treppe hinunter, bis auf die Straße. „Dazu kamen noch Hunderte Kinder, die ihre Eltern begleiteten und das Leid und die Ängste miterlebten“, erzählte de Sousa Mendes später. „Selbstverständlich hat mich das tief beeindruckt.“

Während die deutsche Wehrmacht auf Bordeaux zurollte, machte der Konsul kaum ein Auge zu. Aus Angst, ihren Platz in der Warteschlange zu verlieren, verzichteten die Flüchtlinge auf Essen oder Trinken. Es kam sogar zu Schlägereien. Täglich trafen neue Menschen ein. Darunter waren auch die Großbankiers Edward, Eugene, Henri und Maurice de Rothschild. Gala Dalí beantragte ein Visum für sich und ihren Ehemann, den Künstler Salvador.

Um den Vorgang zu beschleunigen, bat der Konsul seinen Sohn Pedro Nuno, seinen Neffen Cesar und den Konsularsekretär José de Seabra um Unterstützung. Cesar stempelte den Pass, Aristides de Sousa Mendes unterschrieb ihn und der Sekretär stellte eine Visumnummer aus, bevor alles in einem Verzeichnis eingetragen wurde.

Unter den Hilfesuchenden waren auch Israel und Madeleine Blauschild, besser bekannt unter ihren Künstlernamen Marcel Dalio und Madeleine LeBeau. Sie waren auf der Flucht, weil das Nazi-Regime in ganz Frankreich Plakate von Dalio aufhängen ließ, um der Bevölkerung zu zeigen, wie ein „typischer Jude“ aussehe. Zwei Jahre später spielte das Paar im Film Casablanca, in dem Flüchtlinge auf der Suche nach Visa für Portugal sind. Er spielte den Croupier Emil, sie eine junge Frau namens Yvonne, die unter Tränen die Marseillaise singt.

In der Nacht zum 17. Juni sprach ein Mann in einem gut geschnittenen Anzug im Konsulat vor – es war der Privatsekretär des Erzherzogs Otto von Habsburg, dem Anwärter auf den österreichischen Thron. Der Sekretär gab 19 Pässe ab, de Sousa Mendes stempelte und unterzeichnete alle. Am nächsten Tag überquerte die ehemalige Kaiserfamilie die Grenze nach Spanien. Sie reiste in fünf Autos, gefolgt von zwei voll beladenen Lastwagen mit ihrem Hab und Gut.

MENSCHEN STEHEN SCHLANGE VOR DEM SCHREIBTISCH DES KONSULS. TÄGLICH KOMMEN NEUE FLÜCHTLINGE AN

Jubel und Drohungen

Am 19. Juni erfuhr Präsident Salazar von „Unregelmäßigkeiten“ in dem Konsulat in Bordeaux. In dieser Nacht bombardierten die Deutschen die Stadt. Mit dem unaufhaltsamen Vorrücken von Hitlers Armee und der Bildung eines Kollaborationsregimes in Frankreich wurde de Sousa Mendes zunehmend unhaltbar. Irgendwann würde Spanien keine Visa mehr mit seiner Unterschrift anerkennen und Salazar ihn abberufen oder verhaften.

Zu diesem Zeitpunkt – seine Visa-Aktion lief seit etwa neun Tagen – hatte der Konsul bereits Tausende Menschenleben gerettet. Das Haus am Quai XVIII war inzwischen nicht mehr so voll, aber nun erreichte ihn die Nachricht, dass sich weiter südlich verzweifelte Szenen abspielten.

Aristides de Sousa Mendes telefonierte mit dem portugiesischen Vizekonsul in Toulouse und wies ihn an, auch dort Visa auszustellen. Dann eilte er mehr als 150 Kilometer Richtung Süden nach Bayonne unweit der spanischen Grenze. „Als ich dort ankam, standen viele Tausend Menschen, etwa 5000 waren es, Tag und Nacht auf der Straße, ohne sich wegzurühren und warteten, bis sie an die Reihe kamen“, erinnerte sich de Sousa Mendes später.

Als er durch die Stadt ging, erkannte ihn eine Gruppe von Flüchtlingen und brach in Jubel aus. Im Konsulat stellte er fest, dass die alte Holztreppe drohte, unter dem Gewicht der Bittsteller zusammenzubrechen. Kurzerhand stellte er draußen einen Tisch auf, und wie in Bordeaux begann er ein illegales Abfertigungsverfahren und unterzeichnete so viele Reisepässe wie er nur konnte.

Zu den Wartenden gehörten auch H. A. und Margret Rey, die mit einem Manuskript ihres berühmten Kinderbuchs Coco, der neugierige Affe auf selbst gebauten Fahrrädern aus Paris geflohen waren. Auf den Vizekonsul in Bayonne, Manuel Vieira Braga, wirkte de Sousa Mendes „einerseits freudig erregt, andererseits war er sich durchaus der Lage bewusst“.

DER BOTSCHAFTER BEFIEHLT DE SOUSA MENDES, NACH BORDEAUX ZURÜCKZUKEHREN, ABER DIESER FÄHRT AN DIE SPANISCHE GRENZE

Am 22. Juni schickte Salazar ein Telegramm an de Sousa Mendes: „Es ist Ihnen strengstens untersagt, Visa für die Einreise nach Portugal auszustellen.“ Dann beauftragte er Pedro Teotónio Pereira, den Botschafter in Spanien, der Sache nachzugehen. Der Botschafter traf sich mit de Sousa Mendes und verlangte von ihm eine Erklärung. Seine Antwort – und seine zerzauste Erscheinung – vermittelten Pereira den Eindruck, dass der Konsul „nicht recht bei Verstand“ sei.

Pereira befahl de Sousa Mendes, nach Bordeaux zurückzukehren. Stattdessen fuhr er aber weiter nach Süden, nach Hendaye, eine Küstenstadt an der spanischen Grenze. Am Grenzübergang befanden sich Hunderte Flüchtlinge, denen der Übergang nach Spanien verwehrt wurde. Denn Pereira hatte bereits angewiesen, die von de Sousa Mendes ausgestellten Visa als „null und nichtig“ zu behandeln. Durch die Schließung der spanischen Grenze hingen laut Schätzung der New York Times 10 000 Flüchtlinge in Frankreich fest.

Aristides de Sousa Mendes parkte sein Auto am Grenzübergang, den gerade eine Gruppe von Flüchtlingen vergeblich passieren wollte. Als er näher kam, sah Sousa Mendes zu seiner Überraschung, dass es sich um Rabbi Kruger und seine Familie handelte. Der Konsul verhandelte länger als eine Stunde mit den Wachposten. Schließlich öffnete er selbst die Schranke und ließ die Menschen über die Grenze nach Spanien.

Am 24. Juni 1940 beorderte Salazar de Sousa Mendes zurück nach Portugal. Am 4. Juli leitete er ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein, das anhand von schriftlichen Aussagen vieler Beteiligter durchgeführt wurde. Die Entscheidung fällte ein Ausschuss.

Der Konsul gab zu, dass einige der 15 gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zutreffend waren. „Vielleicht habe ich mich geirrt“, schrieb er, „aber dann habe ich es ohne Absicht getan, denn ich bin der Stimme meines Gewissens gefolgt, das mich bei der Erfüllung meiner Pflichten und im vollen Bewusstsein meiner Verantwortung niemals im Stich gelassen hat – trotz meines Nervenzusammenbruchs, unter dem ich immer noch leide, weil ich wochenlang praktisch nicht geschlafen habe.“

Schon vor dem Abschluss des Verfahrens informierte Salazar seine Botschafter, dass de Sousa Mendes aus dem Dienst entlassen war. Als die Entscheidung im Oktober getroffen wurde, war Salazar die offizielle Strafe – die Degradierung – nicht hart genug, und er erzwang das Ausscheiden aus dem Diplomatendienst.

„Lieber bin ich auf der Seite Gottes gegen den Menschen als auf der Seite des Menschen gegen Gott“, kommentierte de Sousa Mendes seine Entlassung. Man versprach ihm eine Pension, die er aber nie erhielt. Salazar entzog ihm nicht seine Anwaltslizenz, aber das musste er auch nicht, denn wer würde schon jemanden beauftragen, der auf Salazars schwarzen Liste stand? Obendrein hielt der Präsident die Unterlagen über das Disziplinarverfahren unter Verschluss.

Im selben Monat brachte Andrée Cibial in Lissabon ihre Tochter zur Welt, die zu Verwandten nach Frankreich gegeben wurde. Einige der Kinder von de Sousa Mendes verließen das Land aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen. Seine Tochter Clotilde zog nach Mosambik. Zwei Söhne, Carlos und Sebastiaõ, beide in Kalifornien geboren, traten in die US-amerikanischen Streitkräfte ein (Sebastiaõ nahm später an der Landung der Alliierten in der Normandie teil). Zwei weitere Söhne wanderten aus, Luis-Filipe nach Kanada und Jean-Paul nach Kalifornien.

1942 nahm de Sousa Mendes seine Mahlzeiten in der Suppenküche einer jüdischen Gemeinschaft in Lissabon ein. Eines Tages bemerkte Isaac Bitton, der im Speisesaal für Flüchtlinge arbeitete, dass die Familie de Sousa Mendes Portugiesisch sprach. „Ich sagte dem Familienoberhaupt auf Portugiesisch, dass dieser Speisesaal nur für Flüchtlinge sei“, erinnert sich Bitton später. „Zu meiner großen Überraschung antwortete der Mann, dass sie auch Flüchtlinge seien.“

MUT, AN DEN MENSCHEN SICH ERINNERN

DIE MENSCHEN, die de Sousa Mendes rettete, ließen sich in der ganzen Welt nieder: in den USA, Großbritannien, Argentinien, Südafrika, Uruguay, Kuba, Mexiko oder in der Dominikanischen Republik. Und viele, darunter auch Rabbi Chaim Kruger, kamen nach Israel.

Im Februar 2020 besuchte ich seinen Sohn, Rabbi Jacob Kruger, 90, in einer ultraorthodoxen Siedlung im Nordwesten von Jerusalem, etwa drei Kilometer von einem öffentlichen Platz, der nach Aristides de Sousa Mendes benannt ist. Er zeigte mir einige Erinnerungsstücke: Schiffsfahrkarten und Briefe, die vom Leidensweg der Familie erzählten.

Nach ihrer Flucht aus Frankreich und der Reise durch Spanien blieben die Krugers ein Jahr in Portugal. Am 3. Juni 1941 stieg die Familie an Bord der Nyassa, ein Schiff voller Flüchtlinge mit Ziel New York. Später wanderte Chaim Kruger nach Israel aus, zwei seiner Kinder folgten ihm. Zwei weitere blieben in den USA, eins kehrte nach Frankreich zurück.

Bei meinem Besuch bat Kruger seinen Schwiegersohn Avrohom dazu, der mit seiner Frau Feiga einen Comic über die jüdischen Überlieferungen herausbringt. Avrohom schlug eine Ausgabe auf und zeigte auf ein zehnseitiges Kapitel mit dem Titel Der Mut zum Ungehorsam. Darin sagt Aristides de Sousa Mendes zu Chaim Kruger: „Ich kann Ihnen Visa für Sie und Ihre Familie ausstellen.“

„Nur für mich?“, fragt Kruger. „Soll ich mich nur um mich kümmern? Soll ich meine jüdischen Brüder und Schwestern zurücklassen?“

„Wissen Sie was, Rabbi Kruger?“, sagt de Sousa Mendes. „Sie haben recht!“

Auf diese besondere Weise erinnern Chaim Krugers Enkel sowohl an ihren Großvater als auch an de Sousa Mendes. Jacob Kruger selbst drückte es Anfang der 1990er-Jahre in einem portugiesischen Dokumentarfilm (2019 auf YouTube veröffentlicht) so aus: „Gott hat diese beiden Menschen zusammengebracht.“

Chanan Tigay

Schweres Unrecht

Im Laufe der nächsten Jahre, während er auf den finanziellen Ruin zusteuerte, kämpfte de Sousa Mendes um seine Wiedereinsetzung in seine frühere Position und die Auszahlung seiner Pension. Er stellte ein Gesuch an Salazar und an den Präsidenten der portugiesischen Nationalversammlung. Selbst an Papst Pius XII. schrieb er einen Bittbrief.

NACH EINEM SCHLAGANFALL STIRBT ARISTIDES DE SOUSA MENDES 1954 IM ALTER VON 68 JAHREN

Auch Cesar setzte sich für die Rehabilitation seines Bruders ein und verfasste einen Brief an Präsident Salazar. Aber, wie Aristides’ Sohn Luis-Filipe später schrieb: „Der Fels war nicht zu erschüttern, und unsere Hoffnungen schwinden dahin.“

Schlimmer noch: Als die Sorge vor einem deutschen Angriff im Laufe des Krieges abnahm und offensichtlich wurde, dass die Alliierten humanitäre Hilfe schätzten, reklamierte Salazars Regime die Leistung von de Sousa Mendes für sich. Pereira, der Botschafter, der den Konsul an der Grenze aufgespürt hatte, behauptete nun, er wäre nach Frankreich gereist, um „auf jede nur mögliche Weise Hilfe zu leisten“.

In einer Rede vor der Nationalversammlung beklagte Salazar selbst das traurige Schicksal der Menschen, die im Krieg alles verloren hatten. „Wie bedauerlich, dass wir nicht mehr tun konnten“, sagte er.

Im Sommer 1945 erlitt Aristides de Sousa Mendes einen Schlaganfall, der ihn teilweise lähmte. Er konnte nicht mehr selbst Bittbriefe schreiben und beauftragte damit nun seinen Sohn. Angelinas Gesundheitszustand verschlechterte sich ebenfalls, und sie starb im August 1948. Im Jahr darauf heirateten Aristides und Andrée. Das Paar lebte in bitterer Armut. Er verließ sein Haus nur noch selten, und das Anwesen verfiel zusehends. Schließlich wurde es beschlagnahmt und verkauft, um die Schulden zu bezahlen.

Nach einem weiteren Schlaganfall im Frühjahr 1954 verstarb Aristides de Sousa Mendes am 3. April im Alter von 68 Jahren. Wie er seinem Neffen auf dem Totenbett anvertraute, tröstete ihn ein Gedanke: Auch wenn er

seiner Familie außer seinem Namen nichts hinterlassen konnte, war sein Name „sauber“.

Nach dem Tod des ehemaligen Konsuls löschte das Regime jede Erinnerung an ihn aus. „Niemand in Portugal wusste von den Flüchtlingen, die durch das Land gezogen waren – nicht einmal die Historiker“, sagt Irene Pimentel, eine Forscherin an der Neuen Universität Lissabon. „Salazar gelang es, Aristides de Sousa Mendes vergessen zu machen.“

Aber dessen Kinder drängten führende jüdische Persönlichkeiten in Portugal, Israel und den USA, die Verdienste ihres verstorbenen Vaters anzuerkennen. 1961 ließ der israelische Premierminister David Ben-Gurion 20 Bäume für de Sousa Mendes pflanzen. Und 1966 wurde er in Yad Vashem geehrt.

Nach dem Tod von Salazar und dem Sturz des nachfolgenden autoritären Regimes gab die neue Regierung Mitte der 1970er-Jahre eine Untersuchung in Auftrag. Das Ergebnis war vernichtend: Portugals Vorgehen wurde darin als „neue Inquisition“ bezeichnet. Doch die Regierung, in der noch Vertreter des alten Regimes saßen, hielt den Bericht ein ganzes Jahrzehnt lang unter Verschluss.

„Er war ihre ,Leiche im Keller‘ – niemand wollte, dass sein Name bekannt wurde“, sagte Robert Jacobvitz, ein US-Amerikaner, der sich in den 1980er-Jahren für Aristides de Sousa Mendes’ Rehabilitation einsetzte.

1986 unterzeichneten 70 US-amerikanische Kongressabgeordnete einen Brief an den portugiesischen Präsidenten Mário Soares, in dem sie die Anerkennung von Aristides de Sousa Mendes forderten. Bei einer Zeremonie im Jahr darauf in der portugiesischen Botschaft in Washington entschuldigte sich Soares im Namen der Regierung bei der Familie de Sousa Mendes.

Am 18. März 1988 beschloss das portugiesische Parlament einstimmig, de Sousa Mendes wieder in den diplomatischen Dienst aufzunehmen und ihn zum Botschafter zu befördern. 2020 verlieh der Staat Portugal seinem ehemaligen Generalkonsul posthum eine der höchsten Ehren des Landes: ein Denkmal im nationalen Pantheon in Lissabon.

„Aristides de Sousa Mendes hat ethische Werte über die gesetzlichen Anordnungen eines faschistischen Staates gesetzt“, sagt Joacine Katar Moreira, die Abgeordnete, die diese Initiative unterstützte. „Sein Zuwiderhandeln rettete Tausende vor der Verfolgung und Ermordung sowie vor der Gewaltherrschaft durch das Naziregime.“

Tausende Menschenleben

Die genaue Zahl der Menschen, denen de Sousa Mendes das Leben rettete, ist nicht bekannt. Die Zeitschrift Jewish Life schätzte sie 1964 auf 30 000, darunter 10 000 Juden. Die Sousa-Mendes-Stiftung hat 3912 Visaempfänger dokumentiert. Gegründet wurde sie von Olivia Mattis, einer New Yorker Musikwissenschaftlerin, deren Familie von de Sousa Mendes gerettet wurde. Auch zwei seiner Enkel gehören der Stiftung an.

Mattis geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegt. Sie ist nur schwer zu ermitteln, weil seither so viel Zeit vergangen ist. Viele Flüchtlinge wollten auch nicht über den Krieg sprechen. Zudem ist nur eine der beiden von de Sousa Mendes erstellten Visa-Listen erhalten – und schließlich ließ Portugals Diktatur die Akten verschwinden.

Jahrzehntelang wusste nicht einmal Marie-Rose Faure, die Tochter von Aristides und Andrée, was ihr Vater geleistet hatte. Die inzwischen 81-Jährige ist das letzte lebende Kind von de Sousa Mendes. Die zierliche, warmherzige Frau lebt in der französischen Stadt Pau am Rand der Pyrenäen. Sie erinnert sich an das erste Treffen mit ihrem Vater, als sie elf Jahre alt war und bei einem Großonkel und einer Großtante lebte.

„Auf diesen Moment hatte ich eine Ewigkeit gewartet“, erzählte mir Faure. Der Grund dafür war Salazar: de Sousa Mendes durfte Portugal nicht verlassen. „Als mein Vater endlich nach Frankreich reisen konnte, schloss er mich in die Arme und wollte mich nicht mehr loslassen.“

Danach blieb er jedes Jahr für zwei Monate, brachte sie täglich zur Schule und holte sie auch wieder ab. „Er war regelmäßig da und meine Freunde sahen ihn – das war wichtig für mich.“ Erst mit 23 Jahren erfuhr Marie-Rose, was ihr Vater in Bordeaux getan hatte. Ein Kollege bei der Versicherungsgesellschaft, bei der sie als Sekretärin arbeitete, hatte einen Artikel über de Sousa Mendes gelesen und sie gefragt: „Ist das jemand aus deiner Familie?“

Auf die Frage, was in ihr vorging, als sie die Geschichte las, hielt Faure kurz inne. „Es war ein Schock. In dem Artikel war die Rede davon, wie viele Menschen er gerettet hatte. Sie schrieben von 10 000, 20 000 Juden.“

Wahrscheinlich werden wir die genaue Zahl niemals erfahren. Aber letztlich ist das weniger wichtig als das, was wir über ihn wissen. Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“.

Aristides de Sousa Mendes hat viele Leben gerettet und damit auch viele weitere Leben ermöglicht.

Es kann die Ehre dieser Welt dir keine Ehre geben. Was dich in Wahrheit hebt und hält, muss in dir selber leben.

THEODOR FONTANE, DT. SCHRIFTSTELLER (1819–1898)