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DER UNVERGESSLICHE DeWitt Wallace


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 31.01.2022

RD-KLASSIKER FEBRUAR 1987

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 2/2022

DEWITT WALLACE WAR EIN RUHIGER MANN, DER SICH NUR SELTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT ÄUSSERTE. DIES ÜBERLIESS ER LIEBER READER’S D DIGEST, DAS ZU EINEM DER ERFOLGREICHSTEN MAGAZINE WELTWEIT WURDE. DARIN ERZÄHLTE ER GESCHICHTEN, INFORMIERTE UND BRACHTE MEHR LESERINNEN UND LESER ZUM LACHEN ALS JEMALS EIN ANDERER VOR IHM.

GREENWICH VILLAGE, New York, USA. Ein kalter Morgen im Januar 1922. Der Stadtteil zieht dank niedriger Mieten Künstler, Dichter und Schriftsteller an. Im Haus Minetta Lane 1 werden in einem Kellerlagerraum die letzten Exemplare der ersten Ausgabe von Reader’s Digest versandfertig gemacht. Erscheinungsdatum: Februar 1922.

Überwacht wird die Arbeit von De- Witt und Lila Acheson Wallace, den Gründern und Herausgebern der Zeitschrift. Zur Unterstützung haben sie Stammgäste aus der illegalen Kneipe über ihnen angeheuert.

Schließlich ist auch das letzte der 5000 ...

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... Exemplare eingepackt, adressiert und in Postsäcken verstaut. Ein Taxi bringt sie zur nächsten Post, von dort werden sie an die Abonnenten verschickt. Es folgen bange Tage – wird der kleine Newcomer wirklich das sein, worauf die Welt gewartet hat?

Lila Acheson Wallace, eine zierliche 32-Jährige mit dunklen Haaren und blauen Augen, ist Sozialarbeiterin. Vor dem Krieg war sie Englischlehrerin. Und seit drei Monaten ist sie verheiratet. Der ebenfalls 32 Jahre alte DeWitt Wallace – Wally, wie er später genannt wird – ist groß, schlank und athletisch. In seiner Jugend hatte er halb professionell Baseball gespielt, aber in den Augen seiner Familie ist er ein Versager. Sein Vater James Wallace ist Professor für Griechisch und Hochschulpräsident. DeWitt hat sein Studium abgebrochen und hangelt sich von Job zu Job. Nach dem letzten Rauswurf aus einer Firma in Pittsburgh geht er nach New York, um eine Zeitschrift herauszugeben.

Das Heft misst 14 x 19 Zentimeter, hat 64 Seiten und ist halb so dick wie ein kleiner Finger. Das Taschenformat fällt auf. Was den Inhalt betrifft, so sind es ausschließlich informative, hilfreiche Artikel – keine Belletristik, keine Bilder, keine Farbe, keine Werbung.

Wird die kleine Zeitschrift den Lesern gefallen? Zwei Jahre lang lehnten die Verlagshäuser dieses Konzept ab. Jetzt will der Amateur die Sache selbst in die Hand nehmen – mit Unterstützung seiner frisch angetrauten Frau und ein paar Tausend Dollar, die er sich größtenteils geliehen hat.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde diesmal von Raimo Moysa ausgewählt, dem langjährigen Chefredakteur der internationalen Ausgaben von Reader’s Digest: „Als ich Anfang der 1980er­Jahre zum ersten Mal das Verlagsgebäude betrat, war DeWitt Wallace gerade verstorben und seine Frau Lila im Ruhestand. In den Büros und Fluren hingen Kunstwerke von Weltrang. Vom ersten Tag an erfuhr ich immer wieder davon, was die beiden getan hatten – ob in Bezug auf die redaktionelle Ausrichtung oder die Leistungen für die Mitarbeiter. In der Redaktion wurde Neugierde gefördert und belohnt. Meine vielleicht wichtigste Lektion: DeWitt Wallace verstand immer, was die einfachen Leute wünschten und welche Macht der guten Tat innewohnte. Er erzählte nicht nur davon, sondern lebte es täglich vor.

SCHULE DES LEBENS

Seine Geschwister fanden das Verhalten von DeWitt, dem dritten Sohn von James und Janet Wallace, stets unvorhersehbar. In der Schule spielte er den Clown. Er besuchte das Macalester College in seiner Heimatstadt Saint Paul im US-Bundesstaat Minnesota, an dem sein Vater Professor war. Um die Finanzen der Familie Wallace war es eher schlecht bestellt. Deshalb nahm sich DeWitt vor, eines Tages viel Geld zu verdienen.

Im Sommer 1911 ging der damals 21-Jährige im ländlichen Oregon von Tür zu Tür und verkaufte Landkarten. Am ersten Tag wurde er nur zwölf Stück los. Daraufhin sprach er in Hotellobbys erfahrene Verkäufer an und fragte sie nach ihren Strategien. Verkaufen faszinierte ihn. Nachts las DeWitt Zeitschriften und notierte nützliche Ideen, die ihn im Geschäftsleben weiterbringen konnten.

Es war die Zeit, in der immer mehr Informationen verbreitet wurden, der Wandel selbst wurde zur großen Neuigkeit des 20. Jahrhunderts. Nachrichtenagenturen und Zeitungen überfluteten die Leser mit neuen Meldungen und Spekulationen. Es kam vor allem auf Schnelligkeit an. Doch viele Leser waren von der Informationsflut so überfordert, dass sie nicht mehr unterscheiden konnten, was wichtig war und was eher nicht.

DeWitt Wallace hielt Zeitungen für eher oberflächliche, flüchtige Medien. Eine Zeitschrift dagegen – dieses Zwischending zwischen Zeitung und Buch – gab dem Leser die Zeit, das Wesentliche zu erkennen und gleichzeitig am Puls der Zeit zu sein.

Es war auch eine entscheidende Epoche in der Geschichte menschlichen Strebens. Weiterbildung war der Schlüssel, und Erfolg konnte durch Lernen erzielt werden. Aber die Wahrheit war kurzlebig: Mit neuen Entdeckungen musste sie wieder neu erfasst und begriffen werden.

DEWITT WALLACE VERSCHLINGT IN DEN BIBLIOTHEKEN BÜCHER ZU THEMEN, ÜBER DIE ER NICHT VIEL WEISS

DeWitt, der in dieser sich rasch verändernden Welt allem Neuen gegenüber aufgeschlossen war, verschlang alle Zeitschriften, die er in die Hände bekam. Alles, was ihm nützlich erschien, schrieb er auf – eine Angewohnheit, die er sich bereits mit 19 angeeignet hatte.

Seinem Vater erklärte er: „Wenn ich etwas lese, notiere ich mir auf kleinen Zetteln alle Punkte, die mir wichtig erscheinen oder die ich behalten will. Vor dem Einschlafen gehe ich im Geiste noch einmal alles durch, was ich tagsüber gelesen habe. Und manchmal blättere ich in meinen Aufzeichnungen und rufe mir Artikel aus dem Gedächtnis ab. Ich wüsste nicht, warum die so verbrachte Zeit nicht genauso nützlich sein sollte wie das Studium von Büchern.“

Gelegentlich reichten ein Zitat oder einige Stichpunkte nicht aus. Dann schrieb sich DeWitt das Wesentliche in winziger, aber leserlicher Schrift – in den Worten des Autors – auf.

Für den jungen Wallace war die Geschäftswelt nicht nur ein Mittel, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch eine andere Art von Bildung. Die Tatsache, dass sich der jüngste Sohn einer Akademikerfamilie mit strengen Grundsätzen als Geschäftsmann betätigte, warf bei einigen die Frage nach moralischen Werten auf. Denn viele setzten Fortschritt mit Materialismus gleich. Doch für die große Mehrheit, und dazu zählte auch DeWitt, versprach der materielle Fortschritt eine neue Ära, eine Zeit der Erfüllung, in der jeder genügend von allem hatte.

Ein leuchtendes Beispiel für diesen Glauben – den American Dream – war die Lebensgeschichte des Industriellen Andrew Carnegie. Er war einer der reichsten Menschen der Welt und ein Philanthrop. In seiner von ihm veröffentlichten Philosophie über die Menschenliebe erklärte er, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann moralisch verpflichtet sei, weiterhin Reichtum anzuhäufen, um ihn zu verschenken.

Carnegie kannte auch den Wert des Lesens. Er spendete 60 Millionen US­ Dollar für die Errichtung von rund 2500 Bibliotheken in den USA und in der englischsprachigen Welt. In einigen davon verschlang DeWitt Bücher zu Themen, von denen er nicht viel wusste. Als er einmal eine Gerichtsverhandlung besuchte, faszinierte ihn der Schlagabtausch zwischen den Anwälten so sehr, dass er sich in einer Carnegie­Bibliothek The Art of Cross- Examination (Die Kunst des Kreuzverhörs) von Francis Wellman auslieh. Er las das Buch und berichtete seinem Vater begeistert davon.

DeWitt begann ein Studium, brach es jedoch im Frühjahr 1912 ab. Er nahm eine Stelle beim Verlag Webb Publishing Co. an und bearbeitete dort Anfragen zu landwirtschaftlichen Lehrbüchern. Nachts sammelte er weiterhin praktische Informationen aus seiner Zeitschriftenlektüre. Ob ihm seine Aufzeichnungen eines Tages die Grundlage für eine Publikation liefern könnten, die Erfolgstipps und Ratschläge für Unternehmer in konzentrierter Form anbot?

Er kündigte und machte sich an die Arbeit. Einige Monate später hatte er ein 128­seitiges Heft fertiggestellt, in dem er die nützlichsten Mitteilungen der Regierung für die Landwirtschaft auflistete und beschrieb. Mit einem Gebrauchtwagen klapperte er vor allem Banken und Samengeschäfte ab, die ihm das Heft in großen Mengen abkaufen sollten, um es dann an Landwirte zu verteilen. In nur wenigen Monaten hatte er 100 000 Exemplare verkauft. Gewinn machte er keinen, aber er hatte gelernt, wie man eine Publikation herausgibt.

Bei seinen Überlegungen, wie es weitergehen sollte, kam ihm die zündende Idee: Er könnte eine Zeitschrift machen, die sich nicht nur an Landwirte richtete, sondern an alle Leser, die sich informieren, fortbilden und im Leben weiterkommen wollten.

Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, begann er Ende 1916 in einer Firma zu arbeiten, die Kalender herstellte – nur wenige Monate, bevor die USA in den Krieg eintraten. Den Plan für eine eigene Zeitschrift hatte De- Witt weiter fest im Blick. Eine seiner Notizen lautete: „Keine Angst, es gibt ein starkes Verlangen nach Wissen. Befriedige es, und jeder Dollar, den du in Gedrucktes steckst, wird sich auszahlen.“

„EINE GENIALE IDEE“

Der Erste Weltkrieg unterbrach DeWitts Pläne. Im Oktober 1918, am fünften Tag der Maas- Argonnen-Offensive bei Verdun in Nordfrankreich, wurde Unteroffizier Wallace von Granatsplittern in Nase, Hals, Lunge und Unterleib getroffen. Ein Splitter verfehlte die Halsschlagader nur ganz knapp. „Wir hätten Sie erdrosseln müssen, um die Blutung zu stillen“, erklärte ihm der Arzt trocken.

Stattdessen durfte der junge Mann einige Monate zur Genesung in einem US-amerikanischen Militärkrankenhaus verbringen. An einem Ort, an dem er sich frei bewegen konnte und es Zeitschriften gab, konzentrierte er sich jetzt ganz auf seine Idee: eine Auswahl von Informationen von allgemeinem Interesse. Dazu würde er viel lesen, geeignete Beiträge auswählen und sie in seiner gestochen scharfen Handschrift zusammenfassen.

Zurück in Saint Paul stellte er in einer öffentlichen Bibliothek in sechs Monaten einen Stapel interessanter Artikel zusammen. Davon wählte er 31 aus – einen für jeden Tag des Monats, auf zwei Seiten oder weniger gekürzt – und druckte von dieser Zeitschrift mehrere Hundert Exemplare. Erscheinungsdatum: Januar 1920.

Zur Finanzierung des Projekts lieh er sich von seinem älteren Bruder Benjamin 300 Dollar. Sein Vater verweigerte ihm zunächst einen ähnlichen Betrag mit der Begründung, DeWitt könne nicht mit Geld umgehen. Doch schließlich ließ er sich mit dem Argument überzeugen, dass Leser „den Dingen unbedingt auf den Grund gehen wollten“.

Stolz zeigte DeWitt sein Probemagazin in Saint Paul herum und legte es großen Verlagshäusern vor. Er war bereit, seine Erfindung an den Erstbesten abzutreten, der die Zeitschrift veröffentlichen und ihn als Redakteur unter Vertrag nehmen wollte. Doch ein Verleger nach dem anderen lehnte seine Idee als naiv oder als zu ernst und belehrend ab.

Niedergeschlagen stand der ehemalige Unteroffizier wieder vor dem Nichts. Aber es gab einen Lichtblick: Zufällig war er Barclay Acheson begegnet, einem Freund aus Studienzeiten. DeWitt hatte Weihnachten einmal bei dessen Familie gefeiert und sich in Barclays Schwester Lila Bell verliebt – „ein Traum von einem Mädchen“. Doch sie war bereits verlobt.

Während des Kriegs hatte Lila sich für bessere Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeiterinnen eingesetzt und war mittlerweile für die Young Women’s Christian Association (YWCA, Christlicher Verein Junger Frauen) in New York tätig. Als Wallace von Barclay hörte, dass sie doch nicht geheiratet hatte, schickte er ihr umgehend ein Telegramm: „Entsetzliche Bedingungen für Arbeiterinnen in St. Paul. Bitte um sofortige Untersuchung.“

Wie es der Zufall wollte, hatte Lila bereits einen Auftrag für einen Einsatz in dieser Stadt. An ihrem ersten Abend machte DeWitt ihr einen Heiratsantrag. Am zweiten Abend nahm sie ihn an. Erst nach ihrer Verlobung zeigte er ihr ein Exemplar seines Probe magazins. „Ich hielt es sofort für eine geniale Idee“, sagte sie später.

Lila kehrte zunächst zurück nach New York, während DeWitt als Werbetexter arbeitete. Aber der Gedanke an eine eigene Zeitschrift ließ ihn nie los. 1921 wurde DeWitt entlassen. Ein Arbeitskollege gab ihm den Tipp, die Zeitschrift per Postversand direkt an die Leser zu verkaufen. Also setzte DeWitt sich an die Schreibmaschine und schrieb massenweise Werbebriefe an potenzielle Abonnenten. Er machte sich auf die Suche nach Adresslisten – von Krankenschwestern, Predigern, Clubmitgliedern.

STOLZ ZEIGT DEWITT SEIN PROBEMAGAZIN HERUM UND LEGT ES VERLAGEN VOR. DOCH EINER NACH DEM ANDEREN LEHNT AB

Die Präsentation musste besonders gut sein, denn das Angebot existierte bisher nur in seinem Kopf. Die Leser wurden zu nichts verpflichtet – falls sie nicht zufrieden waren, konnten sie das Abonnement kündigen und erhielten ihr Geld zurück. Vier Monate lang schrieb und verschickte er Briefe, immer mit einem persönlichen Anschreiben.

Im Oktober 1921 fuhr DeWitt zu Lila nach New York. Sie heirateten in einer Kirche in der kleinen Stadt Pleasantville, rund 40 Kilometer nördlich von New York, und sie gründeten die Gesellschaft The Reader’s Digest Association. Dann bezogen sie eine Wohnung in Greenwich Village, schickten einen weiteren Stapel Briefe los und starteten in die Flitterwochen.

Die Zahl der Abonnenten stieg auf 1500, und jedem Abonnement lagen drei US-Dollar bei. Damit hatten sie genug Geld, um eine erste, vielleicht sogar noch eine zweite Ausgabe zu finanzieren.

Der Hauptartikel im ersten Heft handelte vom Erfinder Alexander Graham Bell und seiner Überzeugung, dass Selbstbildung eine lebenslange Angelegenheit ist: „Jede wirkliche Bildung fängt mit Beobachten an. Das ist die allererste Voraussetzung. Be obachten! Einprägen! Vergleichen! Das ist das Fundament jeder Bildung“. Der Artikel spiegelte exakt die Einstellung von DeWitt Wallace wider.

Zur Finanzierung des Drucks hatte Lila ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung untervermietet. Mit einem anderen Paar teilten sie Küche und Bad. Und jetzt warteten sie. Was wäre, wenn auch nur ein Drittel der Abonnenten ihr Geld zurückverlangten?

ERMUTIGENDER START

Aber niemand wollte sein Geld zurück. So begann die Arbeit an der zweiten Ausgabe. Lila arbeitete weiterhin als Sozialarbeiterin, um die Miete zu bezahlen. DeWitt fuhr täglich in die Stadt, wo er in der Bibliothek Zeitschriften durchforstete. Interessante Artikel fasste er handschriftlich auf gelbem Papier zusammen. Dabei ließ er Nebensächliches weg, kürzte langatmige Ausführungen und kam direkt auf den Punkt.

Im September 1922 mietete das Ehepaar Wallace für 25 US-Dollar im Monat eine Wohnung in Pleasantville, der Stadt, in der sie geheiratet hatten. Immer neue Bestellungen gingen ein, am Ende des ersten Jahres war die Auflage auf 7000 Exemplare gestiegen. Sie brauchten mehr Platz und mieteten für zehn US-Dollar im Monat einen Ponystall. Sie kauften Schreibmaschinen und Schablonen- Schneide maschinen, stellten aus der Nachbarschaft Aushilfen ein.

DeWitt verfasste nach wie vor Werberundschreiben und persönliche Briefe. Manche Umschläge waren handgeschrieben. Durch seine direkte Ansprache stellte er einen Kontakt her, schuf eine Verbindung zwischen Herausgeber und Leser. Das Werbeschreiben, das der Leser erhielt, stammte von dem Mann, der die Zeitschrift ins Leben gerufen und erstellt hatte, und der Leser sollte sie in seinem eigenen Interesse abonnieren. Andere Magazine richteten sich an Millionen Leser. Der Neueinsteiger Reader’s Digest sprach den Einzelnen an – und war damit erfolgreich.

Lila und DeWitt zogen sich regelmäßig zurück und stellten in einem sieben- bis zehntägigen Arbeitsrausch die nächste Ausgabe zusammen. Sie reservierten nebeneinander liegende Hotelzimmer – er arbeitete in einem Zimmer und gab ihr stapelweise Zeitschriften im anderen Zimmer zu lesen. Um sich nicht gegenseitig abzulenken, kommunizierten sie über Zettel, die sie unter der Tür durchschoben.

Er bewahrte alle ihre Zettel auf. Auf einem aus dem St. Regis Hotel in New York stand zum Beispiel: „Liebling, ich habe von allen Zeitschriften zwölf Ausgaben gelesen – jetzt ist dein Schätzchen müde. Ich hoffe, es ist etwas Nützliches dabei. Komm und gib mir einen Gutenachtkuss.“

DeWitt Wallace hatte sich ursprünglich 5000 zahlende Leser als Ziel gesetzt. Das bedeutete 15 000 US-Dollar im Jahr – 1922 reichte diese Summe aus, um die Kosten zu decken und ein angenehmes Leben zu führen. Vielleicht könnten sie sogar auf Reisen gehen und unterwegs an der nächsten Ausgabe arbeiten. Doch nach vier Jahren hatte Reader’s Digest bereits eine Auflage von 20 000 erreicht. In den folgenden drei Jahren stieg sie auf 216 000 Exemplare an.

Als die Abonnentenzahl immer weiter in die Höhe schnellte, mietete das Paar in mehreren Bürogebäuden in Pleasantville ganze Etagen an. Eines Tages erschien der 26-jährige Ralph E. Henderson auf der Suche nach einer Stelle als Redakteur. Henderson erinnert sich an DeWitt Wallace: „Er redete nicht viel, sondern hörte zu. Doch seine wachen Augen zeugten von seiner rastlosen Energie und seinem Wissensdurst. Die Redaktionsarbeit fand im Wohnzimmer statt, wo Wally seinen Schreibtisch hatte. Dort las er regelmäßig 40 bis 50 Zeitschriften, wählte davon etwa 30 Beiträge aus und fasste sie gewissenhaft zusammen. Jeden noch so kurzen Text tippte er mit seiner Schreibmaschine. Im selben Raum stand Lilas Klavier, auf dem sie oft spielte. Und so drang zuweilen das Klappern der Schreibmaschine zusammen mit den Klängen von Blue Room zu mir ins Büro“.

Als ich 1930 zu Reader’s Digest kam, arbeiteten wir zu zwölft auf engstem Raum in der obersten Etage eines Bankgebäudes. Unten vor dem Haus verliefen Bahngleise. Etwa jede Stunde wurde die friedliche Atmosphäre von vorbeiratternden Dampflokomotiven unterbrochen. Meine Aufgabe war es, den Chefredakteur beim Umgang mit Journalisten zu unterstützen und mehr Originalbeiträge aufzutreiben, die zuerst im Digest erschienen.

An einem Samstagnachmittag im Jahr 1935 kam Wally bei einer Fahrt von der Straße ab und beschädigte sein Auto. Der Fahrer des Abschleppwagens erzählte ihm ausführlich von anderen Unfällen, von den Leichen, die aus den Wracks gezogen wurden. Nach reiflicher Überlegung beschloss DeWitt, seinen Lesern das Geschehen auf den Autobahnen in allen grausigen Einzelheiten zu schildern, damit der Schock sie zu sichereren Fahrgewohnheiten bewegte.

Er schickte einen jungen Journalisten namens J. C. Furnas zur Polizei und zur Straßenwacht, um anschauliche Berichte zu erhalten. Der Artikel in der August-Ausgabe 1935 war ein voller Erfolg. 5000 Abzüge des Artikels And Sudden Death (Und plötzlich der Tod) gingen an Zeitungen und andere Printmedien, mit der ausdrücklichen Erlaubnis ihn nachzudrucken, um möglichst viele Leser zu erreichen.

Der Text erschien in den Tageszeitungen aller großen Städte und in vielen anderen Publikationen. Er wurde im Radio, in Schulen, Kirchen und Clubs vorgelesen und diskutiert. Dieser Beitrag wurde 20 Jahre lang immer wieder abgedruckt – damals zweifellos der meistgelesene Artikel in den USA.

ENORMES WACHSTUM

In der Verlagswelt galt DeWitt Wallace als ein nicht sehr einfallsreicher Herausgeber einer kleinen Zeitschrift, der bereits Veröffentlichtes neu aufbereitete. Nun hatte dieser Mann etwas herausgebracht, das die ganze Nation erschütterte. Dies erweckte nicht nur Neid, sondern zeugte auch von redaktionellem Genie.

In den Folgejahren wurden Erstveröffentlichungen ein wesentlicher Bestandteil des Magazins. Geschichten über Gefahren des Faschismus und Kommunismus, über das Gesundheitsrisiko von Zigaretten und Drogen, Enthüllungsberichte über Trunkenheit am Steuer und Verschwendung öffentlicher Gelder wurden zu den Markenzeichen des investigativen Journalismus von Reader’s Digest.

1936 lag die Auflage bei 1,8 Millionen Exemplaren – die größte, die je eine 25-Cent-Zeitschrift erreicht hatte (neben dem Frauenmagazin Good Housekeeping). Ohne Werbeeinnahmen hatte die „Universität in Taschenformat“ dem Ehepaar Wallace, 418 000 US-Dollar Gewinn eingebracht. Der Mann war nicht nur ein kreativer Herausgeber, sondern offensichtlich auch ein Finanzgenie.

Auch wenn DeWitt Lila als Redakteurin führte, zeigte sie nur wenig Interesse an der Redaktionsarbeit. Dafür waren ihre Fähigkeiten in der Welt der Kunst und der Innenausstattung denen ihres Mannes im Reich der Worte und Ideen ebenbürtig. Sie trug die Verantwortung für den Bau eines neuen Wohnhauses auf einem Grundstück, das groß genug für einen Landeplatz war (Wally war begeisterter Pilot eines viersitzigen Flugzeugs, das er später im Krieg Kanada zur Verfügung stellte). Und als die vier gemieteten Standorte für den Betrieb von Reader’s Digest nicht mehr ausreichten, leitete sie ab 1937 den Bau neuer Büros auf einem 32 Hektar großen Grundstück in der Nähe von Pleasantville. Auch die Gartenanlage und die Innenausstattung fielen in ihren Bereich. Zur Einrichtung gehörten Antiquitäten und Kunstwerke.

Es folgten internationale Ausgaben und weitere Produkte, darunter auch Bücher. Ab 1955 erschien im Magazin zum ersten Mal Werbung (aber erst nach Befragung der Leser, die sich mit dieser Änderung einverstanden erklärten). Die Gewinne stiegen. 1980 wurde der Reichtum der Wallaces auf eine halbe Milliarde US-Dollar geschätzt. Da sie kinderlos blieben, wurden sie zu großzügigen Spendern. Mit Millionenbeträgen unterstützten sie Schulen, gründeten für Journalistikstudenten einen Fonds für Studienreisen und spendeten zwei Millionen US-Dollar zur Restaurierung des Zeitschriftenlesesaals der New York Public Library, in dem DeWitt einst Artikel abschrieb. Der Lesesaal wurde inzwischen nach ihm benannt.

Als das Unternehmen 1941 nach der Herausgabe eines Auswahlbands einen Gewinn von 71 040 US-Dollar machte, teilte Wally das Geld unter den 348 Mitarbeitern auf. Ihre Dankbarkeit empfand er als so herzerfrischend, dass er diese Gewohnheit bis an sein Lebensende beibehielt. 1976 zum Beispiel ergriff er auf einer Firmenfeier das Wort: „Lila und ich treffen nur ungern Entscheidungen, ohne die nächste Vorstandssitzung abzuwarten. Aber …“ Dann verkündete er für alle 3300 Beschäftigte eine überraschende Gehaltserhöhung: 11 Prozent für alle mit einem Jahresverdienst von bis zu 40 000 US-Dollar, 8 Prozent für alle, die mehr verdienten.

Wally brachte zahlreiche Berichte über Outward Bound, ein erlebnispädagogisches Programm, das jungen Menschen durch Aktivitäten in der Natur hilft, ihr Selbstvertrauen zu stärken. Bei einem Treffen in New York steckte DeWitt dem Präsidenten von Outward Bound USA Joshua Miner einen Umschlag in die Tasche. „Dem Brief lag ein Scheck über eine Million US-Dollar bei“, berichtet Miner.

Lila machte sich einen Namen als Kunstmäzenin. Sie richtete einen Fonds ein, von dem das New Yorker Metropolitan Museum of Art mehr als 50 Millionen US-Dollar erhielt. Sie sorgte dafür, dass die große Eingangshalle stets mit frischen Blumenarrangements geschmückt ist – ein Beispiel für ihren Wunsch, die Schönheit der Natur mit der Kunst zu verbinden. Ein weiteres Projekt war die Instandsetzung von Claude Monets Haus und Garten in Giverny, Frankreich.

HOFFNUNGSSCHIMMER

TROTZ SEINER ERFOLGE hielt sich DeWitt Wallace für einen ganz gewöhnlichen Menschen. Dabei waren sein ausgeprägter, unersättlicher Wissensdurst und seine Leistungsfähigkeit außergewöhnlich. Berge von Material las er zielstrebig und konzentriert durch, entschied rasch, was brauchbar war und blieb so immer im Zeitplan.

Von seinen Reisen brachte er stets Postkarten mit, die er an Weihnachten verschickte. Diese Karten gingen handschriftlich adressiert an Journalisten, Agenten, Verleger und einige Mitarbeiter. Mit einer persönlichen Widmung gratulierte er jedem zu seiner Leistung im auslaufenden Jahr, die zum Erfolg von Reader’s Digest beigetragen hatte. Diese Gewohnheit behielt er über Jahrzehnte bei. In einem Jahr verschickte er 800 Weihnachtskarten!

Die Hoffnungen der Menschen zu stärken und ihren Horizont zu erweitern – das war DeWitts Triebfeder. Deshalb mussten Informationen verständlich dargeboten werden. „Zitierfähig“, „erinnerungswürdig“ und „anwendbar“ waren Werte, nach denen er sein Leben ausrichtete. Als er seine kleine Zeitschrift gründete, führte er vorher keine Umfragen durch, was die Öffentlichkeit lesen wollte. Er wusste, was er selber lesen wollte.

1973 zogen sich Wally und Lila im Alter von 83 Jahren offiziell zurück. Aber DeWitt blieb für die Redaktion weiterhin ansprechbar, auch wenn er nicht mehr so häufig in die Firma kam. Als eine Zeitung 1976 fälschlich vom „verstorbenen DeWitt Wallace“ sprach, schickte er eine Mitteilung an seine Mitarbeiter: „Lila und ich sind hier im glorreichen Jenseits, wir schauen euch über die Schulter und gratulieren euch zu eurer Arbeit, so wie wir es in unserer früheren Inkarnation immer getan haben.“

1978 waren die Weihnachtskarten nicht mehr handsigniert. DeWitt hatte mit der Schreibmaschine geschrieben: „Meine Sehkraft hat sich in den letzten Monaten verschlechtert, ich kann meine eigene Handschrift kaum noch lesen. Deshalb erspare ich euch eine persönliche Mitteilung, die ich früher so gern verschickt habe.“ Der Herausgeber, der immer davon überzeugt war, dass sich alle Probleme lösen ließen, war schließlich an seine Grenzen gestoßen.

Doch es gab noch Zeiten, in denen der junge Wallace im alten DeWitt durchkam. Mit 88 Jahren brachte er Josh Miner von Outward Bound dazu, eine Wildwasser-Expedition auf dem Green River und dem Colorado River zu organisieren. Mit einer Gruppe Männer, alle in den Siebzigern, paddelte er die Stromschnellen hinunter. Am 30. März 1981 starb DeWitt Wallace im Alter von 91 Jahren. Lila überlebte ihn um drei Jahre.

In Wallys letzten Jahren spürte ich eine Art Nostalgie nach der vergangenen Zeit, als alles noch vor uns lag. Ich erinnerte mich an all die Nachmittage, an denen wir das Büro verließen und zu dem Gelände fuhren, wo das neue Bürogebäude entstand. Bei jedem Besuch versprühte Wally fast jugendlichen Stolz auf diesen Bau.

Kurz nach seinem Tod las ich einen Vers, ein übersetztes japanisches Haiku. Es beschreibt, was ich nicht ausdrücken konnte:

Von oben herab ein Trillern …

Doch sieh! Die Lerche, die singt, ist auf und davon. *

Trauer hat nicht das letzte Wort, und Zerbrechlichkeit bedeutet nicht das Ende. Auf der ganzen Welt werden Millionen Menschen weiterhin von der Zeitschrift inspiriert, die DeWitt Wallace einst ins Leben rief. Die Lerche ist nicht mehr. Was bleibt, ist das Lied.

* Aus: Haiku Harvest, © 1962 Peter Pauper Press, Inc.

Lest, bildet euch! Allein die Lektüre entwickelt unseren Geist, das Gespräch verwirrt und das Spiel verengt ihn.

  VOLTAIRE, FRANZ. SCHRIFTSTELLER U. PHILOSOPH (1694–1778)