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DER VERGESSENE PLURALIST


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 12.09.2019

LANGE GALT ERNST CASSIRER ALS EIN VERSCHOLLENER DER DEUTSCHEN PHILOSOPHIE. HÖCHSTE ZEIT, SICH SEINEM DENKEN ERNEUT ZU WIDMEN. DENN ES KANN UNS HELFEN, UNSERE HEUTIGE WELT BESSER ZU VERSTEHEN.


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Bildquelle: Hohe Luft, Ausgabe 6/2019

Es war eine Begegnung von zwei Denkern, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Der eine war Martin Heidegger, der aufsteigende Star der 1920er-Jahre, sein Wort von der Geworfenheit und Existenzialität des Menschen galt als die ultimative Stimme der Zeit. Der andere war Ernst Cassirer, einer der profiliertesten Philosophen des Neukantianismus. Ihr Streitgespräch 1929 bei den »Davoser Hochschulkursen«, einer Art ...

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... internationalem Symposium, ging in die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts ein.

Cassirers Kulturphilosophie war dem Denkgestus Heideggers geradezu entgegengesetzt: Cassirer (1874– 1945) stand für einen erkenntnistheoretisch geprägten Entwurf über die Vielfalt menschlichen Sinnverstehens, ein Plädoyer für Vernunft und Toleranz. Wo für ihn die Freiheit und Selbstgestaltung der menschlichen Existenz im Mittelpunkt stand, schwor Heidegger den Menschen auf seine Endlichkeit und Selbstbezüglichkeit ein. Doch bei der Davoser Debatte ging es nicht nur um Sachfragen. Es ging auch um die Erneuerung der Philosophie – und um einen Generationenwechsel.

Da war der energischesportsman Heidegger (1889– 1976), der in Lehrveranstaltungen auch mal im Skianzug auftauchte, der die Philosophie revolutionieren und zur Wahrheit des Seins zurückführen wollte. Auf der anderen Seite stand der vornehme Cassirer mit seinem kosmopolitischen Humanismus, der in den menschlichen Kulturleistungen die wesentliche Voraussetzung für Freiheit und Verständigung sah. Dennoch ging Cassirer aus der Davoser Debatte nicht glücklich hervor: Heidegger stellte ihn als Old-School-Intellektuellen dar und provozierte damit das Vorurteil, er sei ein unzeitgemäßer, rückwärtsgewandter Denker.

Nur vier Jahre später verließ Cassirer Deutschland für immer. Das politische Klima wurde zusehends gefährlich. Dem Juden und damaligen Rektor der Hamburger Universität wurde der Lehrstuhl entzogen. Gemeinsam mit seiner Familie ging er zunächst nach England ins Exil, dann nach Schweden und schließlich in die Vereinigten Staaten. Er bekam eine Gastprofessur an der Yale University, später an der Columbia University. 1945 starb Cassirer in New York.

Seine Philosophie geriet in Vergessenheit. Dabei zählte er in den 1920er-Jahren zu den herausragenden Intellektuellen der Weimarer Republik – als Denker, der sowohl die Forschungsergebnisse der Einzelwissenschaften wie auch die philosophische Denktradition genau überblickte. Die Herausforderung für die Philosophie bestand damals darin, ihren Aufgabenbereich neu zu definieren. Mit dem Aufkommen der positiven Wissenschaften (Psychologie, Ethnologie, Soziologie etc.) und durch die rasante Wissensvermehrung in den Naturwissenschaften stellte sich die Frage nach der Leistungsfähigkeit der Philosophie neu. Ist sie eine Disziplin unter vielen? Steht sie in Konkurrenz zu den Einzelwissenschaften? Oder hat es mit ihr eine andere Bewandtnis? Wenn Philosophie sich als eine Grundlagendisziplin begreift, geht es ihr nicht um wissenschaftliche Einzelaspekte, sondern um fundamentale Fragen unserer Welt-und Selbstgestaltung.

Jede Zeit bringt ihre unverwechselbaren Denkentwürfe hervor. Im frühen 20. Jahrhundert waren das in Europa Husserls Phänomenologie, Heideggers Existenzialanalyse, Wittgensteins Sprachphilosophie – und nicht zuletzt Cassirers Kulturphilosophie. Vorrangig ging es um die Erfahrungswirklichkeit des Menschen: Was zeichnet ihn aus in seinem Sein? Wie ist ihm die Welt gegeben – und wie findet er sich in ihr zurecht? Husserl, Heidegger und Wittgenstein formulieren je auf eigene Weise Antworten auf die Verfasstheit des Menschen.

Das Kernstück von Cassirers umfangreichem Denken ist die »Philosophie der symbolischen Formen«. Damit sind jene Sinnfelder gemeint, vermittels derer wir uns überhaupt auf die Welt beziehen: Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Technik oder Wissenschaft. Wissen über die Welt und über uns selbst kann immer nur innerhalb eines Bezugsrahmens stattfinden, in dem sich das Wissen strukturiert und anordnet, dachte Cassirer. Jede der symbolischen Formen ist ein solcher Bezugsrahmen der Erkenntnisbefestigung und -anordnung. Zugleich steht jede dieser Formen in direkter Nachbarschaft zu anderen. So muss man sich die symbolischen Formen als unterschiedliche Organisationsfelder von Wirklichkeit vorstellen, die unsere Erfahrungen strukturieren und unserer Wirklichkeit Sinn verleihen.

Die Welt zeigt sich uns nach Cassirer nie als »Ding an sich«, sondern gemäß den Konstitutionsweisen unseres Bewusstseins. Das menschliche Bewusstsein zeichnet sich vor allem durch seine geistigen Formleistungen aus. Unser gesamter Ideenkosmos, unsere Wertigkeiten, Sinnzuschreibungen, Vorstellungen und Überzeugungen sind nicht irgendwo draußen in der Welt – es sind geistige Erzeugnisse. Ohne solche kulturellen Formleistungen gäbe es weder verbürgtes Wissen noch einen gemeinsamen Verständigungsrahmen.

WEISEN UNSERER WELTGESTALTUNG

Die symbolischen Formen bilden Wirklichkeit daher nicht ab, sondern konstituieren Wirklichkeit. Sie sind vom Menschen geschaffene und dem Menschen wiederum als geschaffene Sinngebilde objektiv gegenübertretende Formen. Nur innerhalb dieser Formen lässt sich von sinnhaft geordneten Welt-oder Selbstbezügen sprechen. Sprache, Mythos, Religion, Kunst oder Wissenschaft sind Weisen unserer Weltgestaltung, die einen intersubjektiven Sinn-und Ideenhorizont überhaupt erst ermöglichen. Sie sind der Rahmen, der die menschliche Existenz trägt und hält.

In Cassirers Kulturphilosophie werden die unterschiedlichen symbolischen Formen in ihrer jeweiligen Besonderheit und historischen Entwicklung zur Geltung gebracht. Ein wesentlicher Gedanke ist, dass wir nicht auf einen einzigen Zugang zur Wirklichkeit festgelegt sind. Denn wer wollte ernstlich behaupten, dass es nur einen Zugriff, ein Sinnverstehen, eine exklusive Deutungsmaxime unseres alltäglichen Erlebens gibt? Die Existenz ineinandergreifender und gleichberechtigter Sinnhorizonte beschreibt unsere tatsächliche Lebensgestaltung weit überzeugender als die Annahme nur einer Deutungsperspektive.

Wo es um partikulare Sachfragen geht, verlassen wir uns auf den Erklärungsrahmen der jeweiligen Wissenschaften: Wir suchen etwa die Arztpraxis auf, weil uns ein Sodbrennen plagt. Aber es käme uns kaum in den Sinn, unseren Hausarzt aufzusuchen, weil wir uns mit einem Kunstwerk nicht auskennen. Unsere Beschäftigung mit künstlerischen Artefakten erfordert eine andere Expertise als Fragen nach unserer Physis oder biologischen Verfasstheit. Ebenso wenig lassen sich Sinnfragen in technische Erklärungsmodelle übersetzen oder historische Ereignisse im Rahmen neurophysiologischer Debatten klären. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns in vielfältigen Sinn-und Bedeutungshorizonten, die sich weder hierarchisieren noch aufeinander reduzieren lassen.

Bei Cassirer ist die Pluralität unserer Wirklichkeitsgestaltung von eminenter Bedeutung. Wirklichkeit meint damit ein breit gefächertes Arsenal höchst unterschiedlicher Sinngebiete und Deutungsperspektiven. Wirklichkeit ist die Summe all dessen, was überhaupt gedacht, gefühlt und erlebt werden kann. Somit kommt der Philosophie die Aufgabe zu, zwischen all diesen Wirklichkeitszugängen zu vermitteln und deren spezifische Leistungsfähigkeit aufzuzeigen. Im Zentrum der Cassirerischen Philosophie steht unsere Selbsterkenntnis.

Menschliches Erkennen, also das Erkennen von Welt und von uns selbst, ist kein Vorgang, der nur innerhalb einer einzigen geistigen Form zur Durchführung gebracht werden kann. Jede unserer symbolischen Formen dringt darauf, Erkenntnisse zu generieren und die Unwägbarkeiten unserer Außen-wie unserer Innenwelt in irgendeiner Weise zu stabilisieren. Wenn auch den Wissenschaften eine Führungsrolle zukommt, was Extension und Umfang der einzelnen Wissensgebiete anbelangt, so geht es der Philosophie der symbolischen Formen nicht ausschließlich um das exakte Weltbegreifen, sondern um alle Richtungen des Weltverstehens: die Vielgestaltigkeit unserer Orientierungsmöglichkeiten.

FÄHIGKEIT ZUR SYMBOLBILDUNG

Der allgemeinste Nenner der menschlichen Existenz ist bei Cassirer die Fähigkeit zur Symbolbildung. Unser Erfassen von Wirklichkeit ist immer schon symbolisch. Unter einem Symbol versteht Cassirer jedes Sinnliche, welches zugleich einen Sinn zur Darstellung bringt. Unser Bewusstsein stellt jeden einzelnen sinnlichen Wahrnehmungsakt in einen geistigen Sinnzusammenhang; es bleibt bei dem sinnlich Erfahrbaren nicht stehen, sondern baut das Einzelne und Konkrete in ein vorgestelltes Sinngefüge ein.

Cassirer war überzeugt, dass sich sinnliche und geistige Wahrnehmungsakte gar nicht voneinander trennen lassen: Jede gedankliche Wahrnehmung verweist auf ein sinnliches Fundament, so wie jeder sinnliche Eindruck immer schon eine gedankliche Zuordnung mit sich führt. Die Fähigkeit, sinnlichen Wahrnehmungen eine geistige Bedeutung zu verleihen, ist die unabdingbare Voraussetzung jeder menschlichen Kulturleistung. Wodurch sich ein bloßes Zeichen von einem Symbol unterscheidet, erklärt Cassirer anhand des Unterschieds zwischen dem Zeichenverstehen der Tiere und dem exklusiv menschlichen Symbolverstehen.

Während Tiere durchaus auf Zeichen reagieren und durch Zeichengebungen in ihrem Verhalten beeinflussbar sind (wie die Pawlow’schen Experimente zeigen), nimmt das Zeichenverstehen der Tiere keine symbolische Funktion an. Zeichen werden dort nicht als geistige Bedeutungsträger, sondern lediglich als Signale erfasst. Allein der Mensch bewegt sich in einem symbolischen Universum und schafft sich eine konstante Bedeutungswelt. Er gibt sich selbst die Richtung seiner Wirklichkeitsgestaltung vor.

FREIHEIT DURCH VERANTWORTUNG

Menschliche Freiheit setzt bei der Entdeckung und Entwicklung gedanklicher Spielräume an. Die Verwirklichung von Freiheit basiert auf der Voraussetzung, sich aus dem blinden Naturzusammenhang herauszuheben und eine ideelle Daseinsordnung zu errichten. Freiheit durch Vernunft ist dabei das Stichwort jeder Selbstgesetzgebung und Selbststeuerung des Menschen. Sämtliche Fragen unserer Lebensführung, der sozialen Ordnung, der politischen Gerechtigkeit, des Abträglichen und Zuträglichen unserer Existenz machen nur dort wirklich Sinn, wo sich der Mensch als ein selbstverantwortetes Wesen begreift. Gerade dieses Bewusstsein der Freiheit kann man als das eigentliche Kerngeschäft der Philosophie bezeichnen. Nicht der schiere Naturzusammenhang, sondern der gedankliche Ordnungszusammenhang steht im Mittelpunkt jeder philosophischen Überlegung.

Diese Fragen sind heute dringlicher denn je. Denn mit den faktischen Naturwissenschaften hat sich die Philosophie ein Trojanisches Pferd eingekauft. Im Spiegel der Einzelwissenschaften ist der Mensch ein vielfach gesplittetes Wesen: biologischer Funktionsablauf, chemisches Regulationssystem, neuronale Determination, psychosoziales Erkenntnisobjekt. Die Explorationsfelder der Wissenschaften, so ungeheuer wichtig sie sind, haben ihre Kehrseite darin, dass sich die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Menschen nicht mehr zu einem einheitlichen Bild zusammenschließen lassen. Vor allem aber lässt sich eines damit nicht mehr fassen: der Mensch in seiner Eigenverantwortlichkeit. Die Verpflichtung auf nur einen Deutungsrahmen (etwa in Gestalt neurowissenschaftlicher Thesen über die physiologische Determiniertheit des Menschen) läuft auf eine Vereinseitigung unserer Lebenswirklichkeit hinaus. Hier wird das menschliche Freiheitspostulat gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

Philosophie kann und darf die Wissenschaften nicht ignorieren und steht damit vor dem Problem, sich in irgendeiner Weise dazu positionieren zu müssen. Denn im Zuge der enormen Spezialisierung der Einzelwissenschaften tut sich die Philosophie zusehends schwerer, ihren eigenen Begründungsanspruch zu definieren. Auch innerhalb der Philosophie ist von einem einheitlichen Verständnis kaum noch die Rede. Cassirers Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er die Bandbreite unserer Wirklichkeitseinlassungen insgesamt in den Blick nimmt und nach der Vielfalt all unserer Orientierungsmöglichkeiten fragt.

Kultur in ihrer Gesamtheit meint nicht irgendeine Kultur, irgendein partikulares Sub-oder Leitsystem, sondern steht für die Selbstgestaltung der menschlichen Existenz. Cassirers Kulturphilosophie erlangt nur vor dem Hintergrund der Verbindungen und Zusammenhänge all unserer kulturellen Ausprägungen ihren eigentlichen Wert. Sie ist eine systematische Zusammenschau der vom Menschen entworfenen Weltbezüge.

EINE HOMMAGE AN UNSERE ERKENNTNISFÄHIGKEIT

Genau darin liegt die Aktualität seines Denkens. Nie war eine Zeit von so vielen interferierenden Sinnfeldern und kontroversen Meinungsbildern geprägt wie unsere. Zugleich droht das Verständnis verloren zu gehen, dass keinem menschlichen Orientierungsentwurf der Rang der Absolutheit zugesprochen werden kann.

Kritische Vernunft führt vor Augen, dass jedes Deutungssystem, jeder Sinnhorizont, jede Bezugnahme auf unsere Wirklichkeit ihren Sitz in der menschlichen Einbildungskraft hat. Was bei Cassirer zur Diskussion steht, ist der Gestaltreichtum unseres Bewusstseins. Außerhalb davon herrscht – zugespitzt gesagt – ein vages Hintergrundrauschen ungeordneter Sinneseindrücke. Cassirers Erkundungen sind eine Hommage an unsere Erkenntnisfähigkeit, die – und nur die – unsere Wirklichkeit in vielfältiger Weise zum Sprechen bringt.


ILLUSTRATION: CARLA FUENTES FUERTES