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DER VISIONNÄRE


arrive - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 30.07.2021

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WAS, SO FRAGTE ARRIVE, KANN EINEM DER REICHSTEN MÄNNER DER WELT SCHON PASSIEREN? DIE ANTWORT

IST: WAS IMMER ES IST – EIN ASS HAT ER NOCH IM ÄRMEL.

„Ich habe das Elektroauto neu erfunden und sende Menschen auf den Mars“, sagte Tesla-Chef Elon Musk unlängst in der legendären US-Fernsehshow „Saturday Night Live“ und offenbarte sein Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, in der die Betroffenen sozial und kommunikativ zwar eingeschränkt sind, aber dank einer anderen Wahrnehmung oftmals als intelligenter eingestuft werden als so genannte „normale Menschen“. Beides hat geklappt, seine Raketen fliegen und sein Tesla Model 3 wurde vor einem Jahr zum meistverkauften Elektrofahrzeug. Wie auch immer: Er ist ein Genie – vom Start weg und „All in“ war schon immer die Devise des Elon Musk, dessen alltäglicher Wahnsinn seit langem Methode hat. Ein Blick auf seine Biografie, die es locker mit der eines Howard ...

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... Hughes aufnehmen kann und die zweifellos irgendwann von einem der Großen Hollywoods verfilmt werden wird, erklärt vieles: Schon als Kind programmierte er Computerspiele, die ihrer Zeit weit voraus waren, aber es war nicht das Programmieren – es war das Erkennen von Möglichkeiten, Dinge anders zu machen als andere, das ihn immer faszinierte. In seiner ersten erfolgreichen Firma X.com, rechnet er weiter als jeder andere, zerlegt gedanklich bereits das Bankensystem dieser Welt und schafft ein radikal neues Zahlungssystem für das Internet. Im Juli 2002 bringt der Verkauf von Paypal, der Nachfolgefirma von X.com, insgesamt 1,5 Milliarden Dollar – Musks Anteil beträgt nach Steuern 180 Millionen, von denen er mehr als die Hälfte in eine Unternehmung steckt, die viele für eine Geldverbrennungsmaschine halten: Nachdem Hollywood-Regisseur James Cameron den weltraumbegeisterten Musk einmal mit zur Mars Society in den USA genommen hat, lässt ihn der Gedanke nicht mehr los, wiederverwendbare Raketen zu bauen, die wirtschaftlich ins All fliegen, nach völlig neuen Plänen und nicht, wie die NASA das macht, in vor 30 Jahren erdachten Blechdosen. Er fliegt nach Moskau, um die Russen, von denen er glaubt, dass sie das eher können, zu überzeugen, kehrt enttäuscht zurück und entwirft gedanklich eine Rakete, deren Produktionskosten er nicht nur durchrechnet, sondern mit innovativen und radikalen Ideen selbst bauen will. Erst langsam, dann immer schneller, sammelt er Gleichgesinnte um sich, fähige Köpfe, die er für vergleichweise wenig Geld davon überzeugt, ihren Job bei ihm und nicht etwas bei der NASA oder Boeing zu machen, sogar ebenso geniale wie von der Schwerfälligkeit der Weltraum-Behörde frustrierte Genies kauft er von dort weg und legt los.

Die Firma heißt SpaceX und baut tatsächlich bald diese billigen Raketen, die den Namen „Falcon“ haben, filmreif benannt nach dem Millenium Falcon, dem Raumschiff des Abenteurers Han Solo aus „Krieg der Sterne“. Er selbst sieht sich eher wie Tony Stark aus „Iron Man“ – und baut seine Träume in Los Angeles, auf einem Testgelände in Texas und startet seine Raketen auf einem Pazifik-Atoll.

„Urlaub machen bringt einen um“, sagte er seinem Biographen, und erzählt, dass er Ende 2001 beinahe einer falsch behandelten Malaria, die er aus Brasilien mitbrachte, erlegen wäre.

Seitdem arbeitet er unablässig und schafft es trotzdem, ein Privatleben zu führen, das eben so verrückt ist wie sein Job: Heute hat er sechs Söhne von zwei Frauen und lebt, wie das Internet-Portal „Teslarati“ kürzlich schrieb, in einem 50.000-Dollar-„Boxed House“ in der Nähe seiner jeweiligen Hauptaktivität.

All seinen Mitarbeitern gegenüber war er stets absolut kompromisslos – er trifft immer Sekundenentscheidungen aus dem Bauch heraus und hasst nichts mehr als langweilige Sitzungen. Außerdem überlässt er nichts dem Zufall und seine Sales-, seine Marketing- und seine PR-Abteilung bestand schon immer fast ausschließlich aus ihm selbst – so gut wie nie folgt er den Ideen anderer Leute.

Als ihm irgendwann ein Projekt für ein Elektroflugzeug vorgeschlagen wird, verwirft er die Idee – aber ein Elektroauto, quasi ein Abfallprodukt dieser Idee, kann er sich sofort vorstellen. Zur gleichen Zeit haben zwei Geschäftsleute, die mit dem ersten E-Book-Reader reich geworden sind, Martin Eberhard und Marc Tarpenning, die Idee, ein Auto mit Lithium-Ionen-Batterien zu bauen, nachdem in Japan der erste Toyota Prius erschienen war und viele Hollywood-Stars einen fuhren. Sie nannten die Firma Tesla und suchten nach einem weiteren Investor und vor allem einem Visionär, der das umsetzen konnte. Sie finden Musk – und in abgehängten Büros auf dem SpaceX-Gelände arbeiten die frühen Tesla-Ingenieure. Ihr erstes Auto soll ein vollelektrischer Roadster werden – zum Preis von 85.000 Dollar.

IN MUSKS VISIONEN STECKT VIEL HOLLYWOOD

Die Kosten explodierten, trotzdem wurde das Auto 2006 unter großem Andrang vorgestellt, Kaliforniens damaliger Gouverneur Arnold Schwarzenegger war dabei, die New York Times berichtete – allerdings nicht so, wie Musk sich das vorgestellt hatte. Ein Jahr später warf er Gründer Eberhard aus der Firma, dem er viele technische Probleme anlastete, und verschliss danach in rascher Folge weitere CEOs. Zudem versagten einige seiner Falcon-Raketen beim Start, privat ließ er sich von der Mutter seiner fünf ersten Söhne scheiden und zerlegte seinen privaten McLaren bei einem Unfall („Der war nicht versichert“).

Elon Musk lieferte meistens eine Top-Show, aber eine schlechte Perfomance – das meinten viele zu jener Zeit, aber es ging immer weiter. Die Entwicklung des Tesla S wurde vorangetrieben, obwohl die englische TV-Sendung „Top Gear“ derweil den Roadster als Flop, dem der Strom ausgeht, bezeichnete. Seine Marketing-Stunts wurden immer gewagter und auch der Tesla-Börsengang 2010 wurde von vielen damals schon mehr als argwöhnisch beäugt. Mitte 2008 war nach vier Fehlstarts SpaceX praktisch pleite und der Start am 28.9.2008 war letztlich nur ein PR-Spektaktel. Wie ein Wunder klappte alles und SpaceX erhielt kurz darauf den ersehnten Auftrag der NASA, die Versorgungsflüge ins All zur Raumstation ISS durchzuführen – der Durchbruch.

Der AMG ONE ist das real gewordene Hypercar von Mercedes. Der fünffache Weltmeister Lewis Hamilton erhält eines der wenigen Fahrzeuge.

Tesla löste derweil zwar bald den Toyota Prius bei den Promis als In- Auto mit Umwelt-Ideen ab, hatte aber mit Verarbeitungsmängeln, Sicherheitsproblemen und sehr schlechter Presse zu kämpfen, was dazu führte, das die Produktion des Models S, ohnehin praktisch ein recht kleiner Manufakturbetrieb, noch weiter zurückgefahren werden musste. Wäre das zu dieser Zeit bekannt geworden, hätte es vermutlich das Ende von Tesla, zumindest mit einem Chef Elon Musk, bedeutet. Vorbestellungen gab es zwar – aber keine echten Verkäufe. In einer beispiellosen Aktion feuerte Musk Führungskräfte, die aus seiner Sicht schlecht gearbeitet hatten, und beförderte junge Nachwuchskräfte, die mitgezogen hatten.

BEINAHE HÄTTE GOOGLE TESLA GEKAUFT

Er ließ sämtliche Reservierungskunden einzeln anrufen und gab persönlich eine Garantie für den Wiederverkaufswert des Autos ab, was bedeutete, er würde für den nicht erzielten Rest zur Not mit seinem Privatvermögen einstehen. Nichts funktionierte auf Anhieb und so kam es, dass Tesla im April 2013 die Produktion stoppte und Musk sich bereits mit seinem Freund Larry Page, dem Gründer und Inhaber von Google, handelseinig geworden war, die Firma an Google zu verkaufen – nicht ohne die Klausel allerdings, das Musk die Geschicke noch 8 Jahre lang hätte lenken dürfen. Doch dann erhielt er die Nachricht, dass seine spontan eingesetzten Autoverkäufer großartig gearbeitet hatten und die junge Firma bei einem Umsatz von 562 Millionen Dollar im ersten Quartal 2013 einen Gewinn von 11 Millionen Dollar gemacht hatten – bei 4900 verkauften Autos. Das spülte sofort wieder Geld in die Kassen, die Leerverkäufer, die Tesla abgeschrieben hatten, gingen selbst leer aus und der Deal mit Google wurde abgesagt.

Von dem Moment an war klar, dass das Finanz- und Marketinggenie Elon Musk mit seinen beiden großen (und vielen weiteren kleinen) Firmen nicht mehr zu stoppen war, und es spielte keine Rolle mehr, ob Musk wirklich etwas ablieferte oder wieder einmal mit einem Raumflug oder einem Fahrzeugmodell etwas später als geplant auf den Markt kam. Es spielte auch keine Rolle, ob irgendwo falsche Spaltmaße entdeckt wurden oder die Presse einen Tesla-Unfall mit Brandschaden zu einer Generalabrechnung mit Tesla nutzte und wie so oft zuvor den tiefen Fall des Genies Musk prophezeite.

Denn es geschah stets das Gegenteil: Die Autokäufer erkannten an, was Musk mit seinem proprietären Tesla-System geschaffen hatte, lange vor anderen Autoherstellern. Er hatte zusätzlich ein inzwischen riesiges Netz an Ladestationen weltweit errichten lassen, an dem nur Teslas aufladen dürfen, zunächst sogar kostenlos. Und er hatte mit seinem Model 3 nach unendlichen Qualen Autos am Fließband hergestellt, nicht länger in Manufaktur. Model 3 ist ein Renner, Model Y wird immer besser und Marketing-Aktionen wie 2018 einen alten Roadster in einer Falcon 9 -Rakete ins All zu befördern oder einen ebenso verrückten wie unnötigen Cybertruck mit Prominenten durch die Gegend zu fahren, führten nur dazu, dass die Vision des Elon Musk immer größer wurde – auf jeden Fall in den Augen des Publikums und bald der Börsianer, die das ja alles wussten. Tesla wurde zu einem der wertvollsten Autohersteller des Planeten, jetzt schon bald mit hunderttausenden verkauften Autos, was gar nichts ist gegen die absoluten Verkaufszahlen europäischer oder japanischer Konzerne. Es kam so weit, dass der Anteil an Tesla-Aktien, die Daimler vor über 10 Jahren verkauft hat, heute mehr wert ist als alles, was Mercedes inzwischen auf die Beine stellt – Millionen Autos. Es kam auch dazu, dass Elon Musk zumindest vorübergehend der reichste Mensch auf dem Planeten war, seit dem steilen Höhenflug der Tesla-Aktie 2019 rangiert er immer unter den Top Ten. Ganz egal, wie gut oder wie schlecht Tesla in fünf Jahren im Gesamtvergleich abschneiden wird: Elon Musk hat gezeigt, dass es darauf gar nicht ankommt. Entscheidend ist, und darin hat er inzwischen eine Menge Erfahrung, dass die Vision fortgeführt wird – und das ist mit dem Bankkonto eines Mannes, der ausschließlich in seine Vision investiert, sehr viel leichter zu machen. Bei ihm läuft es immer über das Geld, das hat er auch wieder gezeigt, als er durch seine Haltung gegenüber Kryptowährungen diese fast so extrem beeinflusste wie die Regulierungsbestrebungen der chinesischen Regierung.

Als Hacker ihn kürzlich angriffen, mit seinen Attacken auf Bitcoin, Ethereum und die Spaßwährung Dogecoin verachte er den „durchschnittlichen Arbeitnehmer“, reagierte der erfahrene Programmierer lässig: „Das ist nicht mal ein guter Fake, Anonymous“, sprach er die Hacker direkt an, „Eure Hacker-Fähigkeiten reichen nicht mal aus, die Paywall, hinter der Ihr Euch verbergt, zu überwinden“. Er arbeitet immer schon am nächsten großen Ding, seien es Niedrigenergiehäuser, Hyperloops oder die Rettung der Welt auf irgendeine andere Weise. Eines Tages, drauf wettet er, wird eine seiner Raketen ihn selbst bis zum Mars bringen.

Willy Loderhose