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Der Wald der Wisente


natur - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 21.02.2020

Auch am Urwald von Białowieza in Polen ist die Zeit nicht einfach spurlos vorübergegangen. Er war Zankapfel, Jagdgebiet und letzte Heimat freilebender Wisente. Heute stehen sich wieder einmal Nutzwald und Schutzgebiet gegenüber


Um die Geschichte zu verstehen, muss man weit zurückgreifen. Es gab eine Zeit, da war Europa weitgehend von Wäldern beherrscht. Überall standen Bäume, Kronen berührten sich und Eichhörnchen hätten den Kontinent durchmessen können, indem sie von Ast zu Ast hüpften.

Doch mit dem Holzhunger der Menschen schmolz der Wald dahin. Allerdings verboten die Mächtigen das Abholzen ...

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Bildquelle: natur, Ausgabe 3/2020

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... der Bäume dort, wo sie ihrem Hobby frönen wollten. So hat Jagd Natur geschützt. Das galt auch für den Wald von Białowieża. Polens Könige hatten ihn bereits Anfang des 15. Jahrhunderts zum hoheitlichen Jagdgebiet erklärt. Hier konnten sie unter anderem Wisente erlegen. So ließ der König Władysław II. Jagiełło hier Vorräte für die Schlacht bei Tannenberg 1410 jagen.

Mit der dritten polnischen Teilung von 1795 hatten Preußen, Österreich und Russland Polen zerschlagen, der Wald von Białowieża lag von nun an im Zarenreich. Und die Zaren behielten den Wald als Privatvergnügen. Für Normalsterbliche war er damit tabu; auf Wilderei stand die Todesstrafe. Unter dem wachsamen Auge der Zaren gedieh die Population der Wisente prächtig. 1857 erreichte sie mit 1898 Tieren ihren Höchststand.

Wisente sind Wildrinder; in Białowieża sind sie ihrer Ausrottung entgangen. Dazu gehörten Glück, Zusammenarbeit und strenger Schutz


Der Wald ist wie ein Echo aus der Vergangenheit. Urtümlich, wild und unerschlossen. Aber natürlich ist auch hier der Mensch unübersehbar


Hierbei ist der Flachlandwisent gemeint. In die Gattung gehören noch als Unterart der Kaukasusoder Bergwisent, der Karpaten-Wisent und der amerikanische Bison. Der Karpaten-Wisent starb bereits im 18. Jahrhundert aus, der letzte Kaukasus-Wisent wurde 1927 getötet. Der Flachlandwisent verschwand in Frankreich im achten Jahrhundert, in Schweden im elften, im Gebiet des heutigen Westdeutschland im 14. Und auch in Białowieża schrumpfte der Bestand gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch Krankheiten wie die Rinderpest.

Waldfrevel im Krieg
Dann kam der Krieg und das Deutsche Reich besetzte auch Białowieża. Während sich andere Herrscher zwar die Jagd gönnten, aber den Wald in Ruhe ließen, gingen die Deutschen in die Vollen. Kaiser Wilhelm II. jagte hier beispielsweise. Die deutsche Militärforstverwaltung ließ Sägewerke bauen und eine Schmalspurbahn und begann den Einschlag. Mehr als fünf Millionen Kubikmeter Holz holten sie aus dem Wald. Zum Vergleich: Die Bayerischen Staatsforsten ernteten 2018 4,75 Millionen Kubikmeter.

Der Krieg hatte nicht nur den Menschen nicht gut getan; der Wisentbestand ging gegen Null und schließlich erlegte ein Unbekannter den letzten, freilebenden Wisent in Białowieża.

Doch die Geschichte bekommt noch fast so etwas wie ein Happy End. Bereits kurz nach dem Krieg gab es den Gedanken, hier ein Schutzgebiet zu errichten. 1921 war es soweit. Außerdem begann man Wisente aus Zoos zusammenzukaufen und eine neue Herde aufzubauen. Mit Erfolg. Heute leben in Białowieża wieder mehr als 1200 Wisente. Es gibt einen Nationalpark auf polnischer Seite und einen auf der weißrussischen. Ein Waldmeer steht unter Schutz.

Seit 1979 ist Białowieża grenzübergreifend Unesco- Weltnaturerbe. Dennoch weckt das Holz Begehrlichkeiten. In Polen gibt es neben dem Schutzgebiet einen bewirtschafteten Teil. Polens Regierung ist 2016 international in die Kritik geraten, weil sie den Einschlag gut verdreifachen will. Naturschützer fürchten um das Kleinod, das 10 000 Jahr überstanden hat.

Könige, Zaren und Nazi-Größen waren in Białowieża auf der Jagd. Ihrem Egoismus ist der Erhalt des Waldes zu verdanken


Foto: FLPA Images of Natur / Flora Press, Christophe Sidamon-Pesson / BIOS / OKAPIA, bennytrapp / stock.adobe.com, Imageselect Heritage / F1online