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Der Waldgänger


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 44/2018 vom 26.10.2018

Karrieren Kein Spitzenmann der AfD steht so weit rechts wie Björn Höcke. In der Partei wird er immer mächtiger. Wer ist der Mann, der die Deutschen zum Widerstand gegen die Demokratie anstachelt? Eine Begegnung in Bornhagen.


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Björn Höcke: »Nie zweimal in denselben Fluss«. Manuscriptum, 2018.

Was in Bornhagen in Thüringen, 342 Einwohner, sofort auffällt, ist die Stille. Autos hört man schon aus großer Entfernung heranrollen. Nur gelegentlich bellt ein Hund oder gackern Hühner, traben Reiter durch das Dorf in Richtung Wald. Nach Feierabend sitzen die Bornhagener in ihren Gärten, machen Feuer in großen Schalen, öffnen ein Bier, grüßen Fremde höflich über ihren Zaun hinweg. Wenn die zuerst gegrüßt haben.

Im Klausenhof, dem einzigen Gasthof des Dorfes, sind an diesem Tag im August alle drei Gästezimmer ausgebucht, wie die Wirtin per E-Mail mitgeteilt hat: »So seyd bedankt für Euer Interesse.« Aber die Pilgerherberge ist noch frei, eine Stube in der alten Scheune gegenüber: Holzkojen unter Jesus-Bildern, ein Bauernschrank, ein Spinnrad, eine Kommode mit Waschschüssel. Das Internet reiche leider nicht bis über die Straße, entschuldigt sich die Wirtin.

In dieser Scheune befindet sich auch ein Museum, das erklärt, wie die luftgetrocknete Eichsfelder Wurst gemacht wird, und hier dösen zwei Schweine im Stroh.

Hinter der Scheune steht das »Mahnmal « aus Eichenholz und Theaterbeton, das die linken Aktivisten des »Zentrums für Politische Schönheit« in Björn Höckes Nachbar garten gestellt haben.

Wieder das Rauschen eines nahenden Autos, und dann steht die schwarze Limousine da, oben am Hang, auf halbem Weg zu Höckes Haus, direkt vor der Dorfkirche, mit laufendem Motor. Männer in dunklem Anzug und mit Sonnenbrille lehnen an dem Wagen und rauchen. Höcke ist angekommen.

Im Garten des Klausenhofs sitzen nur wenige Gäste. Ein dicker Mann mit grauem Vollbart kommt aus dem Wirtshaus, schwingt seinen Bauch vor sich her. »Jetzt geht’s Pfeile schnitzen«, verkündet er. Am Wochenende steht das Mittelalterfest von Bornhagen an, dann erwartet das Dorf mehr als 10000 Besucher auf der Ruine der Burg Hanstein.

Plötzlich rollt ein kleiner blauer Lada-Geländewagen vor den Klausenhof. Höcke sitzt am Steuer. »Steigen Sie ein, wir fahren hoch zum Wald.«

Es war nicht leicht , den Chef der AfD Thüringen und prominentesten Rechts - außen seiner Partei zu einem Treffen zu bewegen. Höcke sieht sich als Verfolgten, als Opfer einer Hetzjagd der Medien und der politischen Gegner, die aus seiner Sicht eine Einheit bilden.

»Das Verstehenwollen ist das Fundament des journalistischen Ethos«, simst er lange vor dem Termin in Bornhagen. »Einen weiteren Bericht zum Teufel der Nation könnte ich mir deshalb nicht erklären. « Seine Geduld sei erschöpft.

In Höckes Welt sind das Problem nicht die eigenen Sprüche über den »Verwesungsgeruch einer absterbenden Demokratie « oder die »Zeit des Wolfes«, die gekommen sei. Das Problem sind für ihn die linken »Terroristen«, die einen unbescholtenen Familienvater wie ihn bis nach Bornhagen verfolgen dürfen.

So gern Höcke im Jubel der Parteifreunde und im Rampenlicht der AfD-Bühnen badet, so sehr hasst er die Aufmerksamkeit der »Systemmedien«, wie seine Partei sie gern nennt, das Bohren in seiner Vergangenheit. Lange vor der AfD hat der damalige Lehrer gelernt, sich politisch zu maskieren, den Schuldienst streng zu trennen von seinen Ausflügen in rechtskonserva - tive Zirkel. Mit seinem Eintritt in die AfD sind diese zwei Leben zu einem verschmolzen, und die Folgen findet Höcke oft unangenehm. Aber letztlich schadet ihm nichts mehr.

Dieser Sommer ist Höckes Befreiung. Er ist in der AfD stärker als je zuvor, erschließt sich immer größere Freiräume. Ein Ausschlussverfahren gegen ihn hat der AfD-Bundesvorstand einstimmig begraben, seine internen Gegner in Thüringen sind nur noch ein versprengtes Häuflein. Immer unverhohlener offenbart Höcke in seinen Reden und in seinem neuen Buch sein antidemokratisches, völkisches Weltbild – ohne jede Konsequenz.

Was früher ein Skandal gewesen wäre, scheint die Parteifreunde nicht mehr zu stören. Der Thüringer Verfassungsschutz nennt Höcke als entscheidenden Grund, eine Beobachtung der Landes-AfD zu prüfen. Trotzdem wird er mit 84,4 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl gewählt.

»Die Zeit des Distanzierens ist vorbei«, sagt er. Warum also nicht doch ein Treffen mit einer Journalistin? Höckes einzige Bedingung: keine Fotos und kein Haus - besuch.

Die Burg Hanstein im Rücken wandern wir los, eine Anhöhe hinauf und in den Wald hinein. Höcke geht locker, eine Hand meist in der Hosentasche. Der AfD-Mann trägt kurze blaue Hosen und grobe Wanderstiefel. Dazu ein weißes Kurzarmhemd mit roten Streifen. Diesen Weg laufe er gern früh um sechs Uhr, erzählt Höcke, manchmal höre er dann die Rehböcke. »Haben Sie das schon mal gehört? Es ist ein Bellen, wie bei einem Hund.« So friedlich sei der lichte Buchenwald, schwärmt er, die Wanderungen in der Natur seien ein Quell der Kraft.

Es war Höcke, der unseren Gang durch den Wald vorgeschlagen hatte, und die Wahl des Ortes ist kein Zufall.

»Der Waldgang« heißt ein berühmter Essay des Schriftstellers Ernst Jünger aus dem Jahr 1951. Darin beschreibt der Autor, wie Menschen sich verhalten, wenn ihr Staat sich zu einer Diktatur entwickelt. Wenn Wahlen nur noch der Simulation von Freiheit dienten, dann würden sich die meisten Bürger dieser Farce brav fügen, schreibt Jünger. Wer aber mutig genug ist für ein »Nein« und sich dem System verweigert, der ist für Jünger ein »Waldgänger«: Dieser einsame Wandersmann »lässt sich durch keine Übermacht das Gesetz vorschreiben, weder propagandistisch noch durch Gewalt. Und er gedenkt, sich zu verteidigen«.

Politiker Höcke: »Ich bin letztlich nur ein Mensch«


Jüngers Essay verknüpft die Liebe und Sehnsucht der Deutschen nach ihren Wäldern mit dem politischen Schicksal des Volkes. Der Waldgang steht für Opferbereitschaft und notfalls gewaltsamen Widerstand. Bis hin zum Sturz des Systems – ein Begriff, der neuerdings immer wieder in AfD-Reden durchklingt.

Für die Höcke-AfD ist Deutschland unter dem »Regime« von Angela Merkel längst in einer »Meinungsdiktatur« angekommen. Kampagnen gegen angebliche Wahlfälschungen sind Pflichtübungen im rechten Lager. Gegen das Unrecht, das predigt Höcke oft in Reden, hilft nur Widerstand – aber gewaltlos natürlich! In der AfD werden Stofftaschen und Kaffee - tassen mit seinem Bild verkauft und der Aufschrift: »Geht aufrecht«.

Kaum ein Geräusch dringt durch die Bäume, kein Vogelzwitschern, nur der Wind in den Wipfeln und das Knirschen der toten Blätter unter den Füßen. Höcke zeigt auf das Buchenlaub, das nach der Dürre dieses Sommers bereits gelb leuchtet.

»Der Anblick macht mich traurig.«

Ein Seitenblick. »Aber bitte fangen Sie jetzt nicht mit dem Klimawandel an.«

Verblendete Ideologien seien ihm ein Gräuel, die Geißel unserer Zeit. Man müsse doch kein Historiker sein, um zu wissen: Heiße Sommer gab es schon immer.

Da muss der deutsche Wald eben durch. Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinanderher. Wanderer müssen sich nicht ständig in die Augen sehen.

»Darf ich Sie mal etwas Persönliches fragen? «, sagt Höcke. »Haben Sie eigentlich Kinder?«

Die Antwort kennt er genau.

»Nein.«

Höcke bleibt abrupt stehen, mit verzweifelter Miene: »Warum nicht? Ich verstehe das einfach nicht! Warum nicht?«

Er wartet die Antwort nicht ab, wandert weiter und spricht dann über sein Mitleid mit solchen Menschen, die gedankenlos auf ein Familienglück verzichten oder denen es nicht vergönnt ist. »Hinter diesen Statistiken verbergen sich mitunter tragische Schicksale.« Das lasse einen empfindsamen Menschen wie ihn nicht kalt.

Überhaupt sei Mitleid der Wesenskern der menschlichen Natur. Und Björn Höcke rühren die kleinsten Dinge: »Wenn eine Wespe Sie sticht, empfinde ich Mitleid mit Ihnen. Wenn Sie aber die Wespe töten, empfinde ich Mitleid mit der Wespe.«

Wir erreichen die Teufelskanzel, ein Felsplateau, von dem sich ein atemberaubender Blick auf das hessische Werratal bietet. Das Flussbett biegt sich hier wie ein Hufeisen – der Legende nach der Hufabdruck des Teufels.

»Der Teufel«, sagt Höcke leise. »Ja, jetzt stehen Sie hier mit dem Teufel der AfD.«

Kann er wirklich nicht verstehen, warum er so scharf kritisiert wird?

Höcke denkt demonstrativ nach, den Blick in die Ferne gerichtet. »Vielleicht spüren die Leute, dass es mir ernst ist. So etwas sind sie wohl nicht mehr gewöhnt bei Politikern.«

Wenn es allerdings mal richtig ernst wird, und das wurde es oft, dann hat Höcke es im Zweifel doch nicht ernst gemeint:

Seine Rede über die »Reproduktionsstrategien « der Volksstämme, nach der sich Afrikaner so eifrig wie Blattläuse vermehren und Europäer so gemächlich wie Löwen? – »Ich bedaure, wenn meine Aussagen zu Fehldeutungen geführt haben.«

Seine Aussage, nicht jedes NPD-Mitglied sei ein Extremist? – »Diese Passage ist aus dem Kontext herausgelöst.«

Und Höckes Dresdner Rede, in der er forderte, das Gedenken an die NS-Diktatur um 180 Grad zu wenden? – »Ich habe ein großes, ein wichtiges Thema leider in einer Bierzeltrede vergeigt.«

Wie ernst ist es ihm denn nun? »Sehr ernst«, sagt Höcke. Aber gerade solche Fehler zeigten doch: »Ich bin letztlich nur ein Mensch.«

Nur ein Mensch – unmittelbar nach seiner Dresdner Rede über das Holocaust-Mahnmal, noch berauscht vom Applaus der AfD-Parteijugend, gab Höcke dem »Wall Street Journal« ein Interview. »Wissen Sie«, sagte er damals, »das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt. Wir wissen aber natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und kein Weiß gibt.«

Darauf angesprochen, schlägt Höcke diesen Bogen auch auf der Teufelskanzel: Das Schlimme sei doch, dass man heute nicht einmal die Selbstverständlichkeit aussprechen dürfe, dass Hitler bei allen Un - taten trotzdem nur ein Mensch gewesen sei. »Was ist nur los in der deutschen Gesellschaft?«, barmt er.

Hitler war ein Mensch, darauf können sich gewiss alle Historiker einigen. Aber was leistet diese Erkenntnis? Was trägt sie zum Diskurs bei –wenn nicht Ablenkung, Relativierung, Verharmlosung?

In seinem Buch beschreibt Höcke den Nationalsozialismus wie ein gut gemeintes, aber leider etwas außer Kontrolle geratenes Experiment.

Der Nationalsozialismus sowie der Kommunismus hatten Anfang des 20. Jahrhunderts mit brachialen Mitteln und Methoden versucht, die Krisen der Moderne in den Griff zu bekommen, scheiterten aber dramatisch und hinterließen Trümmerfelder.

Leichenberge hinterließen sie auch, aber die kommen bei Höcke nicht so prominent vor, es sei denn, es geht um die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten oder die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte. Höcke leugnet den Holocaust nicht, aber thematisiert das industrielle Morden auch nicht groß. Lieber schreibt er gewunden über das »furchtbare Leid« und die »vielen Opfer« der Juden.

Viel mehr bedauert Höcke das Schicksal Deutschlands, das sich heute im Verfallsstadium der Demokratie befinde, die zu einer »Herrschaft der Schlechten« verkommen sei. Aber keine Partei, auch nicht der einzelne Bürger ist für den AfD-Politiker der Schlüssel zur Erneuerung des Landes.

Nein, dafür brauche es eine »fordernde und fördernde politische Elite, die unsere Volksgeister wieder weckt«, schreibt Höcke. Vielleicht helfe sogar nur ein »Uomo virtuoso « im Sinne Machiavellis, der »als alleiniger Inhaber der Staatsmacht ein zerrüttetes Gemeinwesen« restaurieren könne? Dann, verspricht Höcke, könne es wieder aufwärtsgehen:

Ich bin sicher, dass … am Ende noch genug Angehörige unseres Volkes vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können. Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Isla - misierung zu widersetzen.

Am Fuß der Teufelskanzel , mitten im Wald, steht ein Wirtshaus, nicht viel mehr als eine Hütte. Die Holztische sind mit rotweißen Deckchen geschmückt, der Wirt bringt alkoholfreies Bier.

Wie hat Höcke Bornhagen entdeckt?

In seiner Zeit in Hessen habe er mit seinen vier Kindern viele Ausflüge gemacht, antwortet Höcke, habe viele Burgen und Wanderwege erkundet. Und eines Tages eben Bornhagen, an einem Sommertag wie heute, als auch das Mittelalterfest vorbereitet wurde. Da habe er eine Gruppe Dorfbewohner angesprochen, erzählt Höcke, die fröhlich am Wegesrand beim Bier gesessen habe. »Und schon saß ich mit dabei, ein Bier in der Hand, und fühlte mich wie einer von ihnen.« Da habe er sich in Bornhagen verliebt.

Da sitzt also der Oberstudienrat Höcke, der gern Begriffe wie »Entelechie« oder »Homöostase« verwendet, unter dem einfachen Volk Thüringens, und sie akzeptieren den Fremden wie einen der ihren?

Es ist eine schöne Geschichte. Sie muss nicht erfunden sein. Aber viel spricht dafür.

Bornhagen hat eine ganz eigene Geschichte. Wer hier schon lange lebt, kann kaum ein leutseliger Mensch sein. Vor der Wende lag das Dorf teilweise in der 500- Meter-Sperrzone an der innerdeutschen Grenze, es war ein Hochsicherheitstrakt innerhalb des Gefängnisses DDR.

Höcke-Wanderweg bei Bornhagen, Wirtshaus Klausenhof
»Hier ist die Welt noch in Ordnung«


Schlagbäume, Signalzäune, Grenzpatrouillen und Todesstreifen prägten den Alltag. Die Burg Hanstein diente den Grenztruppen als Beobachtungsposten.

Wer Bornhagen besuchen wollte, brauchte einen Passierschein, und den gab es höchstens für Sterbefälle oder verlobte Liebespaare. Wer in Bornhagen lebte, musste seine Haustür nie abschließen. Aber er sollte linientreu sein. In dieser geschlossenen Welt waren die Verhältnisse immer sehr klar.

Die Wende änderte alles, und ausgerechnet die wenigen Bornhagener mussten in den alten DDR-Kasernen immer wieder Fremde unterbringen: erst Spätaussiedler, dann Balkanflüchtlinge, jetzt Syrer und Afrikaner. Die AfD erzielte in Bornhagen zuletzt 34 Prozent. »Hier ist die Welt noch in Ordnung«, schwärmte Höcke einmal.

Wenn hier gegen ihn demonstriert wird, ob von Linken oder ganz Rechten, dann kann es passieren, dass Höcke ein großes Schild an die Dorfstraße stellt: »Bornhagen sagt NEIN zu ALLEN Extremisten.« Das Dorf bin ich.

Vielleicht hat der AfD-Politiker Bornhagen auch mithilfe eines guten Bekannten entdeckt: Thüringens NPD-Chef Thorsten Heise. Glaubt man eidesstattlichen Ver - sicherungen von Dorfbewohnern gegenüber der »Zeit«, dann half Heise den Höckes schon 2008 beim Einzug in ihr neues Haus. Oft hätten Höcke und Heise gemütlich beim Bier im Garten gesessen.

Heise wohnt in Höckes Nachbardorf Fretterode. Wer sportlich ist, kann in drei Stunden dorthin wandern, durch den Wald und über die Teufelskanzel. Bequemer ist es mit dem Auto in acht Minuten.

Als die Antifa 2016 eine Demo gegen Höcke in Bornhagen abhielt, wollte Heise dem AfD-Mann zu Hilfe eilen, mit einem Traktoranhänger voller Mist. Die Polizei stoppte ihn noch auf der Landstraße.

Heise, geboren in Niedersachsen, ist vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung, Nötigung und Landfriedensbruch, aber er ist auch ein wortgewandter Unternehmer, der mit Konzerten und CDs von Neonazi-Bands viel Geld verdiente. Als Herausgeber mehrerer NPD-Propagandablätter könnte man ihn als einen Intellektuellen der Extremistenszene bezeichnen.

Telefonate mit Heise sind kurz. »SPIEGEL? Nö, keine Zeit und kein Interesse. « Die Ankündigung, man werde trotzdem vielleicht nach Fretterode kommen, findet Heise äußerst amüsant. »Kommen Sie nur. Sie sind ja nicht von der Antifa, oder? Dann passiert Ihnen auch nichts.« Als das letzte Mal Fotografen vor Heises Tür auftauchten, verließen sie das Dorf mit Platz- und Stichwunden.

Es gibt weitere Hinweise für eine Nähe von Höcke und Heise: In den NPD-Blättern »Eichsfeld-Stimme« und »Volk in Bewegung« wurden 2011 und 2012 Artikel publiziert, die Höckes verquastem Sound zum Verwechseln ähnlich sind. Der Soziologe Andreas Kemper fand so viele Indizien dafür, dass der angebliche Autor »Landolf Ladig« ein Pseudonym für Höcke sein muss, dass sich sogar der AfD-Bundesvorstand Kempers Recherchen zu eigen machte, im Antrag auf Höckes Parteiausschluss. Höcke dementierte die Autorenschaft, ging aber nie juristisch gegen die Vorwürfe vor.

Wer die Höcke-Reden hetzerisch findet, kennt die »Ladig«-Texte nicht. Deutschland sei in beiden Weltkriegen überfallen worden, heißt es darin, weil die anderen Mächte den Deutschen ihren Fleiß und Erfolg geneidet hätten. Das Nazireich sei eine frühe Antiglobalisierungsbewegung gewesen. Die Glut dieser Bewegung glimme noch immer, schwärmt »Ladig«, man könne sie wieder schüren.

Nein, sagt Höcke und leert das zweite alkoholfreie Bier. Sein Haus habe er nicht über Heise, sondern auf Immobilienscout gefunden. Ein glücklicher Zufall. Mit dem Verkäufer ist er längst befreundet, man teile sich ein Stück Wald und mache »gemeinsam Holz«. Die Freunde gründeten auch zusammen den ersten AfD-Kreisverband im Eichsfeld. Mit im Gründungsvorstand saß ein junger Mann, der in Fretterode lebt – direkt gegenüber von Heise.

Wie eng ist Höckes Verbindung zu dem NPD-Mann?

»Na gut, es ist ja bekannt, dass ich mit ihm …« Höcke zögert kurz, fährt dann fort. »Dass ich ihn kenne. Dafür muss ich mich ja wohl auch nicht schämen.«

Warum gibt er dann nicht einfach zu, unter dem Pseudonym »Landolf Ladig« geschrieben zu haben?

»Weil ich es nicht war!«

Hand aufs Herz?

Ja, beteuert Höcke. Aber: »Vielleicht weiß ich ja, wer der wahre Autor ist?«

Wenn er nicht »Ladig« ist, wieso beschrieb dieser dann ausgerechnet Bornhagen, den Gasthof, die Kirche, sogar Höckes Haus?

»Vielleicht ist es jemand, der mich gut kennt?« Höcke lächelt und schüttelt den Kopf. Jetzt reicht es aber. So ein Nachbohren, das ist unter seinem Niveau.

Was niemand beweisen kann , das ist auch nie passiert. Und was privat ist, geht niemanden etwas an. Nach dieser Devise lebte Höcke bereits vor der Politik.

Wer mit seinen alten Lehrerkollegen spricht, stößt auf Verwirrung und Un - verständnis: So gut wie nie sei Höcke durch politische Statements aufgefallen, das Kollegium habe ihn als einen engagierten, beliebten Pädagogen erlebt.

Der frühe Höcke agierte schon wie ein Mann im Widerstand, der dem Regime sein linientreues Gesicht zeigt und seine wahre Überzeugung nur Vertrauten offenbart. Zum Beispiel seinem väterlichen Freund Wilhelm Bonde. Der Weggefährte aus Nordrhein-Westfalen kennt Höcke seit mehr als zehn Jahren aus dem »Arbeitskreis Konservativer Christen«, einem Forum, das »die konservative Seele der Union« wiederbeleben wollte.

Gemeinsam gründeten die Männer 2011 eine Deutsche Patriotische Gesellschaft, die als Vernetzungsplattform für Gleichgesinnte dienen sollte, jedoch nie große Aktivitäten entfaltete. »Höcke ist ein charakterstarker, ehrlicher, dem Grundgesetz treuer Politiker«, schwärmt Bonde.

Er und andere Weggefährten schildern, dass der frühe Björn Höcke sich an der »Aktion Linkstrend stoppen« beteiligte und an einer »Nationalen Erneuerungs - bewegung«. Höcke begegnete man bei der Wandervogel-Bewegung und bei Treffen der »Stimme der Mehrheit«, einem Kreis rechtsnationaler Publizisten und Unternehmer, in dem gegen den »epidemischen Sozial- und Asylmissbrauch« agitiert wurde.

Bei der »Stimme der Mehrheit« traf Höcke erstmals Götz Kubitschek. Der Verleger aus Schnellroda in Sachsen-Anhalt und Mentor der rechtsextremen »Identitären Bewegung« wurde sein Freund und Berater. Jahre später sollte Kubitschek Höcke politisch das Leben retten, indem er für ihn die Idee einer »Erfurter Resolution« entwickelte. Diese Petition, gerichtet gegen den AfD-Gründer Bernd Lucke, fand Tausende Unterzeichner, die bis heute Höckes Machtbasis in der Partei bilden.

Nach seinen früheren Kreisen gefragt, sagt Höcke, er sei stets ein Suchender gewesen. »Da bin ich eben auch in Sackgassen gelaufen.«

Wie die AfD leugneten Höckes alte Zirkel nie den Holocaust, riefen nie zur Gewalt auf. Doch sie einte ein allzu verständnisvoller Blick auf die NS-Diktatur. Hier hätte wohl niemand aufgeschrien, wenn jemand diese deutsche Epoche als »Vogelschiss« bezeichnet hätte, wie es Alexander Gauland später tun sollte. In diesen Kreisen grübelten überwiegend ältere Herren, wie das Vaterland endlich die Bürde der Nazizeit abschütteln könnte. Wann die Welt endlich einsehen würde, dass auch Polen eine Kriegsschuld trage und dass man nicht nur die Deutschen, sondern auch die Juden »mit einiger Berechtigung als ›Tätervolk‹ bezeichnen« könnte, wie es Martin Hohmann einst ausdrückte, nun AfD-Bundestagsabgeordneter. Hohmann kennt Höcke ebenfalls schon lange: »Er hatte immer die Aura des politischen Talents. Wir waren sicher: Aus dem wird noch was.«

Wer also denkt, Höcke sei als politisch unbeleckter Lehrer in die Politik gestolpert, der irrt. Seine Vereine waren Vorfeldorganisationen der AfD. Nicht zuletzt, weil Höcke ausspricht, was seine alten Freunde seit Jahren denken, muss er in der AfD keine Sanktionen mehr fürchten.

Nach einem langen Telefonat schickt Wilhelm Bonde drei eingeschriebene Briefe und eine Mail, in denen er untersagt, »angebliche Zitate von mir zu missbrauchen «. Daher ist sein Name hier geändert.

2010 reisten Bonde und Björn Höcke nach Dresden, für einen »Gedenkmarsch an das Ereignis, das man fast ›Bomben - holocaust‹ nennen kann«, wie Bonde sagt. Ausrichter der Demo war eine rechts - extreme Landsmannschaft; führende NPD-Kader gaben sich die Ehre. Aber Bonde sieht das Problem bis heute ganz woanders: Hier sei eine genehmigte, friedliche Kundgebung von den Linken und der Polizei blockiert worden. »Wir waren eingekesselt wie eine Schafherde!«

Sein Freund Höcke habe ihn noch gewarnt: »Die werden uns anspucken und bewerfen.« Auf Videos der eingekesselten Menge sieht man die beiden wutentbrannt skandieren: »Wir wollen marschieren!«

Dresden 2010 ist wie ein Spiegelbild von Chemnitz 2018. Beide Male sollte das Leid von Deutschen mit einem »Trauermarsch « zelebriert werden, beide Male wanderten Extremisten mit, und auch in Chemnitz wurde der Zug bald gestoppt.

Aber der späte Höcke brüllt nicht mehr. Er hat sich im Griff.

Wir brechen auf. Der Wirt der Teufelskanzel lässt uns anschreiben, weil wir nicht genug Bargeld dabeihaben.

Der Abstieg zum Parkplatz geht flott. Höcke erläutert, warum Thüringen das Zeug zum »Piemont« hat: ein ökonomisches Kraftzentrum im Herzen Europas, das aber seine kulturellen Wurzeln nicht rodet und auf die Märkte in Fernost pfeift.

Aber er verweilt nur kurz bei Thüringen, dieses Spielfeld ist ihm zu klein. Viel wichtiger sind ihm die Weltordnung insgesamt und die Zurückdrängung des Islam, dieser »Vollzugsreligion«, die keine einzige nennenswerte Kulturleistung hervorgebracht habe.

Letztlich sei aber alle Politik zurück - zuführen auf die Frage der Identität, sagt Höcke: »Wer sind wir – und wer gehört zu uns?« Er sagt, dass ein Araber oder ein Türke selbstverständlich ein Deutscher werden könne. »Die Frage ist nur, wie viele diese Transformation wirklich schaffen können.«

Was geschähe wohl, wenn sich eine seiner Töchter eines Tages in einen Muslim verlieben würde?

Höcke zögert. Ganz ehrlich, sagt er dann, das wäre ihm nicht so recht. »Dann wäre es wohl Zeit für ein ernstes Gespräch.«

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Mit Höcke im Wald

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