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Der Wasser-Gladiator


The Red Bulletin-Österreich Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 13.11.2019

Sein Körper ist eine Waffe, sein Stil ist pure Aggression, sein Wille hat die Power eines Presslufthammers: ADAM PEATY ist mit überwältigendem Abstand der beste Brustschwimmer der Welt. Weil er sich ausnahmslos auf seine Stärken konzentriert und absolut jede Entscheidung in seinem Leben auf die eine Frage reduziert: Macht mich das langsamer – oder schneller?


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Bildquelle: The Red Bulletin-Österreich Ausgabe, Ausgabe 12/2019

Wenn Adam Peaty in seinem Privatbecken in Londons Canary Wharf wie ein Torpedo durchs Wasser schießt, hat das mit herkömmlichem Brustschwimmen wenig zu tun. Wie Propeller wirbeln seine elastischen Beine und die Füße der Schuhgröße 46. Mit der ...

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... brutalen Gewalt einer Maschine zerteilen 38 Zentimeter Bizeps und 117 Zentimeter Brustkorb das Wasser. Dieser Körper ist eine Waffe, der Schwimmstil pure Aggression.

Noch stärker als Peatys physische Power ist nur sein Wille. Er fordert: Finde deine größten Stärken und perfektioniere sie, immer weiter, immer weiter. Die martialischen Tätowierungen am linken Arm – das große Porträt eines Löwen und der griechische Meeresgott Poseidon – sorgen dafür, dass er seine Lebenseinstellung stets vor Augen hat.

Peaty ist der Usain Bolt der Schwimmwelt – ein überragendes Talent, das die Grenzen des Menschenmöglichen neu definiert. Er gewann achtmal WM-und einmal Olympia-Gold. Er brach allein über 100 Meter Brust schon fünfmal den Weltrekord – zuletzt bei der WM im Juli im südkoreanischen Gwangju mit wahnwitzigen 56,88 Sekunden.

Er verbesserte sich in den letzten vier Jahren so massiv, dass andere Schwimmer in ihrer Entwicklung stillzustehen schienen. Und er siegt stets mit großem Vorsprung – prozentuell gesehen sind seine Abstände zum Zweitplatzierten mehr als doppelt so groß wie die bei Usain Bolts Rekordläufen (siehe Seite 73).

Noch nicht genug gestaunt? Der 24-Jährige schwamm die sechzehn schnellsten 100-Meter-Zeiten der Geschichte und verlor in den letzten fünf Jahren kein einziges Rennen. Mittlerweile brach er neben seiner 100-Meter-Dominanz auch viermal den Weltrekord über 50 Meter Brust (jetzt 25,95 Sekunden).

Adam Peaty, Weltmeister und Olympiasieger, brach fünfmal den Weltrekord in 100 Meter Brust.



„Zum Schwimmen kam ich, weil ich in nichts anderem gut war.“


Als Kind hatte Peaty sogar Angst vor der Badewanne – seine Brüder hatten ihm erzählt, dass im Abfluss Haie lauern.



„Das Adrenalin trägt dich 50 Meter weit, aber dann überrollt dich der Schmerz.“


„Bis zur Halbzeit fühlt man sich, als ob man fliegen würde“, schildert Peaty, als er wieder aus dem Wasser ist. „Die Qual beginnt, sobald der Adrenalinschub nachlässt. Bei der WM fühlten sich meine Beine nach 50 Metern an, als würden sie zermalmt, während jemand mit der Brechstange Bizeps, Trizeps und die Unterarme bearbeitet. Ein normaler Mensch wäre dabei wahrscheinlich draufgegangen. Sein Körper hätte das viele Laktat gar nicht mehr abbauen können.“

Für sein Umfeld kam Peatys Erfolg gelinde gesagt überraschend. In seiner Kindheit in Staffordshire war er als jüngstes von vier Geschwistern nämlich wasserscheu. „Meine Brüder machten mir weis, dass Haie durch den Abfluss schwimmen können, darum wollte ich nicht einmal in die Badewanne“, erinnert er sich. „Und im Schwimmbecken hatte ich Angst zu ertrinken. Mit der Zeit kam dann doch der Spaß, mit meinen Freunden im Wasser herumzualbern.“ Bevor er als Schwimmer erfolgreich wurde, musste Peaty jedoch seinen großen Kindheitstraum aufgeben.

„Ich wollte Kampfpilot werden“, sagt er. „Mich faszinierte der Speed – und die Geschichte. Ich wusste alles über die Luftkämpfe des Zweiten Weltkriegs. Aber mit 1,90 Meter war ich zu groß für diesen Job.“ Seine militärischen Ambitionen lebte er stattdessen im Sport aus. „Es gibt erstaunliche Ähnlichkeiten: In beiden Fällen geht es um Speed, Disziplin, die Arbeit an sich selbst – und um die Möglichkeit, jeden Tag seine Limits zu pushen.“

Die nächste Hürde: Peaty war alles andere als ein Sporttalent. „Zum Schwimmen kam ich, weil ich in nichts anderem gut war“, lacht er. Laufen – das hätte ihm vielleicht auch noch Spaß gemacht. „Aber ich war nicht besonders schnell. Darum sah ich keinen Sinn darin. Ich will alles oder nichts, sogar beim Monopoly-Spielen. Wenn ich verliere, wische ich das ganze Spielbrett vom Tisch. Darum dachte ich mir: Ich muss etwas finden, in dem ich richtig gut bin, damit ich diese Energie positiv nützen kann.“

Also Schwimmen. Doch auch das klappte nicht auf Anhieb – denn seine Schwimmlehrerin Melanie Marshall hätte das Probetraining im City of Derby Swimming Club beinahe abgebrochen, „weil meine Freistiltechnik so miserabel war“. Zum Glück ließ ihn Marshall auch noch im Bruststil vorschwimmen – und reagierte spontan mit: „Bloody Hell, ist dieser Junge gut!“

Für Peaty war das ein Erweckungserlebnis. Er erkannte, dass man an seinen Stärken arbeiten muss, statt leeren Träumen nachzujagen. „Du musst deine Optionen abwägen und dich für den richtigen Weg entscheiden. Ich weiß, dass ich in anderen Stilen keine Weltklasseleistungen bringe. Also stecke ich alles, was ich habe, in meine Stärke, ins Brustschwimmen.“

Adam Peaty in Startposition. Dieser Mann hat den unbedingten Willen zum Sieg.



Um ein Haar wäre Peaty beim Casting durchgefallen. Doch dann schwamm er Brust, und die Trainerin rief: „Bloody Hell, ist dieser Junge gut!“


Peaty begann, jeden Tag mit Marshall in Derby zu trainieren, einmal vor und einmal nach der Schule. Für ihn hieß das, täglich um vier aufzustehen, für seine Mutter, unzählige 40-Minuten-Autofahrten zu absolvieren. Mit 17 sah er, wie sein Sportkollege Craig Benson, ein britischer Brustschwimmer wie er, bei den Olympischen Spielen 2012 im eigenen Land das Halbfinale erreichte.

„Ich dagegen hatte in der Nacht davor mit Freunden Party gemacht und fragte mich selbst: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Es war Zeit, mich richtig reinzuknien.“ Peaty begann härter zu trainieren, gesünder zu essen, strategischer zu planen. „Willst du der Beste werden, egal in was? Dann musst du ständig daran arbeiten, dich zu verbessern“, sagt er. „Ich stelle mir ununterbrochen die Frage: Macht mich diese Mahlzeit, dieses Training, diese Entscheidung schneller oder langsamer? Und ich wähle dann immer die Option, die mich schneller macht.“ Peatys neue Entschlossenheit trug rasch Früchte.

2014 schaffte er seinen Durchbruch, als er den südafrikanischen Olympiasieger Cameron van der Burgh bei den Commonwealth Games in 100 Meter Brust schlug. Im selben Jahr gewann er bei der EM viermal Gold und stellte seinen ersten Rekord über 50 Meter auf. Im April 2015 folgte sein erster Weltrekord über 100 Meter, bei der darauffolgenden WM gewann er drei Goldmedaillen.

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio zementierte Peaty seinen Legendenstatus. Nachdem er bereits über 100 Meter Brust Gold geholt hatte, wuchs er beim Staffelwettbewerb über 4×100 Meter Lagen über sich selbst hinaus: Das britische Team lag mit zwei Sekunden Rückstand an letzter Position, als Peaty übernahm; der aber machte nun eine halbe Sekunde gut und verschaffte den Briten noch die Silbermedaille.

Der 23-fache Olympiasieger Michael Phelps stellte ihm nach dem Rennen die einzig angebrachte Frage: „What the fuck, man?“ Der frischgebackene Superstar ruhte sich danach keineswegs auf seinen Lorbeeren aus. Im Gegenteil, Peaty trainierte sogar noch härter. „Mein neues Ziel hieß nicht mehr zu gewinnen, sondern konstant an der Spitze zu bleiben“, sagt Peaty. Das gelang ihm auf spektakuläre Weise. Bei der WM 2017 gewann der Brite die 100 Meter mit 1,32 Sekunden und die 50 Meter mit 0,53 Sekunden Vorsprung. Nur so zur Orientierung: In diesen zwei Disziplinen entscheiden üblicherweise einzelne Hundertstelsekunden über Sieg oder Niederlage.

Wenn man ihn persönlich kennenlernt, ist Peaty alles andere als der roboterähnliche Übermensch, den viele zu treffen erwarten. Sein Selbstvertrauen kippt niemals in Arroganz, er ist höflich, freundlich, lacht herzhaft und witzelt selbstironisch darüber, dass seine Oma Mavis berühmter ist als er selbst – ihre Tweets während der Olympischen Spiele in Rio 2016 hatten sie damals zum Social-Media-Star gemacht.

Bei der Kurzbahn-EM 2017 in Kopenhagen schenkte er seine Goldmedaille spontan einem jugendlichen Fan. „Wer weiß, wozu die Medaille dieses Mädchen inspirieren wird … Auf jeden Fall besser, als sie verstaubt bei mir im Regal.“

Peaty bezeichnet sich zwar selbst als „besessen“, er genießt aber auch seine Auszeiten: mit TV-Serien (wie „Ballers“, „Billions“, „Silicon Valley“ oder „Modern Family“) und Musik (Grime, Hip-Hop, House und Rock von Jaykae, Tory Lanez und Post Malone bis Metallica und Architects) – und mit seiner Leidenschaft für Autos. Zuletzt fuhr er einen Mercedes-AMG C 63 S, sein imaginäres Traumauto wechselt aber im Monatsrhythmus. „Eine Zeitlang wünschte ich mir einen Ferrari 488 GTB, aber jetzt tendiere ich mehr zu einem Lamborghini Aventador.“

Wenn die Erfolgssträhne anhält, dürfte es nicht beim Wunschtraum bleiben. 2018 gewann er vier EM-Goldmedaillen, 2019 holte er dreimal Gold bei der WM. Dass er nicht noch mehr Medaillen zuhause hat, war auch einem Startverzicht bei der Kurzbahn-WM Ende 2018 in China geschuldet. Peaty bevorzugte einen privaten Wettbewerb abseits des Weltverbands. „Außerdem ist die Kurzbahn nicht ganz so prestigeträchtig. Mein Ziel ist Tokio 2020.“

Um sein Erfolgsgeheimnis noch vor den Olympischen Spielen zu lüften, lassen seine Rivalen jeden von Peatys Wettkämpfen filmen – „sogar im Becken, mit Unterwasserspiegeln und -kameras“, sagt Peaty lachend. „Die Chinesen tun es, die Japaner ebenso, sogar die Amerikaner. Ich schätze, ich sollte das als Kompliment sehen.“


„Wenn ich nicht der Beste werden kann, interessiert es mich nicht.“


Die schlechte Nachricht für die Konkurrenz: Peaty scheint über physische Vorteile zu verfügen, die man sich nicht einfach abschauen kann. Dazu gehört die Hypermobilität seiner Knie, die ihm bei jedem Tempomehr Rückstoß verleiht. „Hypermobilität heißt, dass ich meine Kniegelenke stärker überstrecken kann als andere“, erklärt er. „Deshalb kann ich die Oberschenkel dichter zusammenhalten. So vermindere ich den Strömungswiderstand und kann zugleich mehr Kraft generieren.“ Während sich andere Brustschwimmer wie Frösche bewegen, erinnern Peatys Tempi an Kniebeugen. Die Folge: Peaty schafft pro Minute 58 bis 60 Tempi, seine Rivalen nur 55. „Die meisten meiner Gegner setzen auf langsame, weit ausholende Bewegungen, ich bewege mich schnell und auf engem Raum“, sagt er. „Das schaffen nur wenige, aber das bedeutet nichts. Ich würde das andererseits beim Rückenschwimmen oder im Freistil nicht können. Deine Talente sind nutzlos, wenn du sie nicht für die richtige Sache einsetzt.“

Unter Marshalls Anleitung trainiert er 35 Stunden pro Woche, schwimmt mehr als 11 Kilometer täglich (nur sonntags ist frei). Im Fitnesscenter schleudert er Traktorreifen, beim Squat stemmt er 150 Kilogramm, beim Bankdrücken 130. Pro Tag verbrennt er so 6000 Kilokalorien – mehr als das Doppelte eines durchschnittlich sportlichen Mannes.

Das Luxusproblem: Peatys einziger ernst zu nehmender Gegner ist Peaty. Darum müssen immer ehrgeizigere Ziele her, um die Motivation aufrechtzuerhalten.

„Er ist ein Löwe“, sagt Marshall, „du musst ihm Fleisch vor die Nase halten, damit er jagen geht.“ Während sich die Konkurrenz an einer 58er-Zeit über die 100 Meter abarbeitet, hatte Peaty das „Project 56“ in Angriff genommen – seine persönliche Mission, die 57-Sekunden-Marke zu sprengen. Mit erfolgreichem Abschluss im Juli. „Irgendwann werden wir den Punkt erreichen, an dem es nicht mehr schneller geht. Ich will so nahe wie möglich an diesen Punkt heran.“ Er trainiert jetzt regelmäßig mit ehemaligen SAS‑Soldaten, um seine neuen Ziele zu erreichen.

„Manche Athleten sagen, es geht nur um die Leistung, die man am Stichtag bringt“, sagt er, „aber das ist falsch. Es geht darum, diesen hohen Level zur täglichen Routine zu machen.“ Peaty hätte ein Royal Marine werden können, doch jetzt ist das Schwimmbecken sein Schlachtfeld.

„Im Becken schalte ich auf Kriegsmodus“, sagt er.

„Draußen geht man respektvoll miteinander um, aber im Wasser habe ich keine Freunde. Ich verwandle mich in einen Gladiator – ein geniales Gefühl.

Ich will ein Vermächtnis aufbauen, einer der ganz Großen werden. Alles, was ich dafür tun muss, ist, so viel wie möglich zu gewinnen und so viele Rekorde wie möglich zu brechen.“ Klingt eigentlich ganz einfach.

Dominanz-Check

Adam Peatys Weltrekord: Niemand hängt die Konkurrenz deutlicher ab als er


NEIL WEBB @DEBUT ART. MAKE-UP BY LINDA JOHANSSON @ONE REPRESENTS, USING WELEDA