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DER WEG DER GIGANTEN


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 09.07.2019

Leonardo DiCaprio und Brad Pitt residieren seit Jahrzehnten im Hollywood-Olymp. Nun stehen sie erstmals gemeinsam vor der Kamera – für Kult-Regisseur Quentin Tarantino. Hier erzählen sie, wie du an der Spitze überlebst: indem du mutige Entscheidungen triffst und deine Reise trotzdem genießt.


Artikelbild für den Artikel "DER WEG DER GIGANTEN" aus der Ausgabe 9/2019 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 9/2019

Cooles Trio: Regisseur Quentin Tarantino (li.), 56, Leonardo DiCaprio, 44, und Brad Pitt, 55, bei der Premiere von „Once Upon a Time in Hollywood“ diesen Mai in Cannes


„ICH HABE NOCH IMMER DEN HUNGER, ETWAS TOLLES ZU ERSCHAFFEN, WAS MICH AUCH SELBST BEWEGT.“ LEONARDO DiCAPRIO


In dieser Liga spielen nur ganz wenige ...

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In dieser Liga spielen nur ganz wenige mit. Brad Pitt, 55, und Leonardo DiCaprio, 44, zählen zu jenen Hollywoodstars, die einen Film ganz allein schultern können – künstlerisch und an der Kinokasse. Wobei sich zwischen den Karrieren der beiden Oscar-Gewinner eine auffallende Parallele zeigt: Im Gegensatz zu anderen Großkalibern ihrer Generation haben sie sich niemals auf eine bestimmte Rolle festlegen lassen. Während Kollegen wie Johnny Depp (als Jack Sparrow), Tom Cruise (Ethan Hunt) oder Robert Downey jr. (Tony Stark) ihre Millionen zunehmend in Serie(n) scheffeln, suchen Pitt und DiCaprio mit jedem neuen Filmprojekt eine neue Herausforderung – und wagen damit jedes Mal enorm viel.

In Quentin Tarantinos zehnter Regiearbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ stehen die beiden Superstars nun erstmals gemeinsam vor der Kamera, und Regie-Legende Tarantino verspricht „das aufregendste Star-Duo seit Paul Newman und Robert Redford“. Wir haben Pitt und DiCaprio zum Interview gebeten, um die beiden zu einem Thema zu befragen, in dem sie nachweislich Experten sind: Wie überlebt man dauerhaft in der dünnen Luft ganz an der Spitze?

THE RED BULLETIN: Brad, Leo, in euremneuen Film „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt Leo einen Schauspieler, der seine besten Tage lange hinter sich hat. Von euch beiden kann man das wohl nicht behaupten …
BRAD PITT: Stimmt, aber auch wir haben ein Ablaufdatum, das ist uns deutlich bewusst. Umso mehr wissen wir daher die Zeit zu schätzen, die wir bislang in dieser privilegierten Position an der Spitze zubringen durften. Leo und ich haben uns lange darüber unterhalten und sind uns einig: Das Entscheidende ist, dass du in dem, was du tust, eine Bedeutung findest. Wenn uns das weiterhin gelingt, werden wir in unserer jeweiligen Karriere auch einen passenden Übergang in eine neue Phase erleben – so nach dem Beispiel von Anthony Hopkins oder Gene Hackman.

Um in diese Position zu gelangen, habt ihr beide euch mittlerweile fast dreißig Jahre an der Spitze halten müssen. Wie „überlebt“ man das?
LEONARDO DICAPRIO: Ich glaube, das hat viel mit Ernsthaftigkeit und einer gewissen Demut zu tun. In meinen Augen sind Filme die wichtigste moderne Kunstform. Wir empfinden es als Ehre und Privileg, dass wir ein Teil davon sein dürfen. Brad und ich haben ungefähr zur selben Zeit in dieser Branche angefangen und wissen beide, dass es immer nur eine Chance gibt, den Durchbruch zu schaffen – und wie schwer es ist, diese eine Chance zu bekommen. Vom vielzitierten richtigen Ort zur richtigen Zeit rede ich da noch gar nicht …
PITT: Es ist ungefähr so, als würdest du in der Lotterie gewinnen. Es gibt so verdammt viele talentierte Leute da draußen. Der Trick besteht also darin, dass du auch im Zimmer bleibst, sobald du es zur Tür hinein geschafft hast. Wir beide hatten die Gelegenheit, zu lernen, wie das geht. Deshalb haben wir „überlebt“ und unseren eigenen Weg gefunden.

Wie lässt sich dieser eigene Weg in einem derart schnelllebigen Business überhaupt beeinflussen?
DICAPRIO: In erster Linie, indem man immer und ohne Kompromisse versucht, die richtigen Projekte auszuwählen. Wir haben hart an Filmen gearbeitet, die für uns eine kreative Herausforderung und gleichzeitig auch große Kunstwerke waren.

Woher kommt dieser Antrieb?
DICAPRIO: Ich komme aus keiner allzu wohlhabenden Familie und war wohl auch deshalb besonders ambitioniert. Außerdem bin ich in Los Angeles aufgewachsen, mir war also von Anfang an klar, wie schwer es ist, als Schauspieler Arbeit zu bekommen – was mich nur noch mehr motiviert hat. Woher dieser Antrieb stammt, weiß ich selbst nicht so genau. Es ist eher wie das Bedürfnis, einen Hunger zu stillen – aber es ist kein Hunger nach Reichtum oder Berühmtheit.

Sondern?
DICAPRIO: Der Hunger, etwas Tolles zu schaffen, was mich selbst bewegt. Und das ist keineswegs einfach. Du denkst dir: „Hey, ich habe das richtige Material und einen tollen Regisseur“ – und dann geht es trotzdem schief. Aber du musst immer dranbleiben und weitermachen, dir sagen: „Ich will, dass etwas Großartiges dabei herauskommt.“ Diese Einstellung hat sich bis heute nicht geändert.

Diese Besetzung sitzt: Quentin Tarantino mit seinen Hauptdarstellern Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pitt


„DER GROSSE FEHLER LIEGT, GLAUBE ICH, DARIN, IM RESULTAT NACH DER BEDEUTUNG ZU SUCHEN. DU FINDEST DIE BEDEUTUNG IM TUN.“ BRAD PITT


PITT: Man darf auch nicht vergessen, dass du für einen Film viel Lebenszeit investieren musst – das können schon mal ein bis zwei Jahre sein. Bei einer großen Rolle kann allein die Vorbereitung an die sechs Monate dauern, und dann bist du auch noch in die Nachbereitung involviert. Die Sache sollte also richtig Gewicht haben. Schließlich weiß ich nicht, wie viel Zeit mir selbst noch bleibt.

Wie erkennt man, ob ein Filmprojekt das Zeug zu etwas Großartigem hat?
DICAPRIO:
Du kannst es naturgemäß nur erahnen. Allerdings weißt du, was dunicht willst. Tatsächlich besteht ein wichtiger Teil des Filmemachens darin, dass du dich mit dem Regisseur darauf einigst, was du nicht magst und was du nicht tun willst. Das gibt dir eine Ausgangsbasis, um auszuloten, was du wirklich tun möchtest.

PITT: Ganz wichtig für mich ist, dass ich Dinge nicht wiederhole. Ich will mich weiterbewegen, auf Gedeih und Verderb. Ich kann nicht zurück. Das ist auch bei meinen Reisen so. Wenn ich erst mal aufgebrochen bin und feststelle, dass ich meine Brille oder meinen Führerschein vergessen habe, kehre ich nicht um. Daher wähle ich Projekte nach einem schwer beschreibbaren Gefühl, dass nämlich dieses nächste Projekt mir etwas Neues, anderes bietet. Und dann bleib ich dran.

Also gut, man entscheidet sich für ein Projekt, das einem viel bedeutet. Was ist der nächste Schritt?
DICAPRIO: Ich halte Recherchen für den wahrscheinlich unterschätztesten Teil beim Filmemachen. Im Zuge der Vorproduktion musst du deine Figuren genau analysieren. Wenn du beim Dreh nicht schon einen ganzen Wissensschatz zu diesen Personen und ihren Verhaltensweisen aufgebaut hast, wenn du dich darin nicht sattelfest fühlst, dann kannst du sie nicht authentisch darstellen. Denn es wird immer unangenehme Überraschungen geben. Dinge ändern sich tagtäglich, du änderst deine Meinung, der Regisseur ändert seine … In diesen Momenten kannst du nur richtig reagieren, wenn du in deiner Rolle ganz zu Hause bist.

PITT: Und du musst den Schaffensprozess genießen. Das ist auch einer der Gründe, warum sich kein anderer Dreh mit dem eines Tarantino-Films vergleichen lässt – wegen seiner Liebe zum Film. Manchmal sagt Quentin nach einer Einstellung: „Wir haben’s im Kasten. Aber wir werden’s noch mal drehen. Und warum …?“ Dann ruft die ganze Crew im Chor: „… weil wir es lieben, Filme zu machen.“ Mit dieser Einstellung führt er das ganze Team.
DICAPRIO: Brad hat recht. Das würde ich auch meinem jüngeren Ich raten: Treib dich an, nimm alles ernst! Versuch das Unmögliche. Und genieße deine Reise.

Pitt und DiCaprio in Cannes: „Eine Karriere beim Film gleicht einer Achterbahnfahrt. Es geht immer rauf und runter.“


„WENN DU NICHT AN DEIN PROJEKT GLAUBST, DANN ERWEIST DU IHM EINEN BÄRENDIENST – DU ENTEHRST ES.“ LEONARDO DiCAPRIO


Hollywood ist allerdings nicht unbedingt als Ort für Friede, Freude, Eierkuchen bekannt. Ist es nicht eher das ungemütliche Haifischbecken?
PITT: Ich weiß, es gibt die Ansicht, dass jeder in Hollywood Nabelschau betreibt und nur in „Ich, Ich, Ich!“-Kategorien denkt. Das will ich gar nicht bestreiten, aber das gibt es in allen Branchen. Und die für mich interessantesten Leute in unserem Beruf sind diejenigen, die Dinge hinterfragen und sich für intelligente, provokante Ideen interessieren. Das sind Menschen, die beim Geschichtenerzählennach sich selbst, nach dem Wert des Erzählten, nach Antworten und tieferer Bedeutung suchen.
DICAPRIO: Was nicht heißt, dass es nicht auch Meinungsverschiedenheiten geben kann. Ich kann ganz unverblümt offen sein. Das habe ich in meinen Genen. Das mag manchmal zu Spannungen mit meinen Mitstreitern führen, aber das ist etwas Gutes. Denn ansonsten machst du etwas, woran du nicht glaubst. Und wenn du nicht an dein Projekt glaubst, dann erweist du ihm einen Bärendienst, du entehrst es. Ich glaube, kein Regisseur kann von mir behaupten, dass ich mit meiner Meinung zu Projekten je hinterm Berg gehalten hätte. Und ich hoffe, dass diese Filme dadurch besser geworden sind.
PITT: Leo und ich haben mit sehr aufgeschlossenen und intelligenten Leuten gearbeitet. Und dabei kommt es natürlich auch zu Diskussionen. Wenn dir klar ist, dass du es mit einer inspirierenden Person zu tun hast, dann kannst du etwas von ihr lernen. Deshalb mag ich es, mit Regisseuren zu arbeiten, die schlauer sind als ich.

Was kann man denn von Quentin Tarantino lernen?
PITT: Quentin will alles real in der Kamera einfangen. Da gibt es keine Computereffekte. Meine Figur, ein Stuntman, hat eine ganz lange Kampfszene mit Bruce Lee. Und Quentin sagte: „Wir drehen das alles in einer Einstellung – ohne Schnitte.“Darauf ich: „Aber du kannst es doch danach so schneiden, dass es genau so wirkt.“ Aber er blieb hart: „Wenn wir alles in einer Einstellung bringen, dann muss das auch exakt so gefilmt werden.“ Und genau das haben wir gemacht. Du kannst mit ihm debattieren, aber du solltest nicht mit ihm streiten.


„ICH WILL MICH NICHT WIEDERHOLEN, SONDERN MICH WEITERBEWEGEN, AUF GEDEIH UND VERDERB. ICH KANN NICHT ZURÜCK.“ BRAD PITT


Wo wir bei dem Thema „Konfrontation“ sind: Hat einer von euch sich jemals einen echten Kampf mit einem Co-Darsteller geliefert?
PITT: Nein, aber bei einem Actionfilm ließ der Regisseur mich und meine Kollegen gegeneinander boxen. Er erklärte, dass wir uns auf diese Weise besser kennenlernen. Seine Worte waren: „Du erfährst erst richtig etwas über jemanden, wenn du ihm ins Gesicht schlägst.“ Wir haben durch das Sparring einen richtigen Gemeinschaftsgeist entwickelt. Einerseits bist du aggressiv, andererseits hältst du dich auch zurück, weil dir der andere etwas bedeutet. Du zeigst Wettbewerbsgeist und zugleich Beschützerinstinkt.

Neulich in Hollywood

Auf die große Leinwand – um jeden Preis: Nach diesem Motto versuchen TV-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und sein Stunt-Double Cliff Booth (Brad Pitt), in Hollywood Fuß zu fassen. Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood feiert die Traumfabrik der ausklingenden 1960er-Jahre – mit perfekt inszenierter Nostalgie und einer gehörigen Portion Gewalt.
159 Minuten, ab 15. August in den Kinos

Wie stark ist der Wettbewerbsgeist beim Drehen? Wie groß ist die Versuchung, eine Szene an sich zu reißen?
DICAPRIO: Das ist nie ein Thema. Wir machen, was für die Rolle richtig ist.
PITT: Ja, das ist eine Sackgasse. Wenn du um so etwas kämpfst, bist du auf dem sichersten Weg, den Film zu vermurksen. Bei einem großartigen Projekt muss jeder die Chance haben, sein Bestes zu geben.

All diesen Erkenntnissen zum Trotz waren nicht alle eure Filme durchschlagende Erfolge …
PITT: Das kommt immer darauf an, wie man Erfolg definiert. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der Neunziger einmal die Turnwettbewerbe bei der Olympiade anschaute. Da gab es eine Russin, die als absolute Favoritin galt. Aber nach den ersten zehn Sekunden ihres Programms stürzte sie. Ich sah, wie sie dann wieder aufstand und alles perfekt durchzog. Das war für mich höchst inspirierend und bewegend. Alle sprachen davon, was das für eine Erniedrigung gewesen sei, aber für mich war das ein wahrer Sieg. Wenn es also um Filme geht, dann denken wir oft nicht an den Schwierigkeitsgrad. Für mich definiert sich Erfolg aber genau darin – und nicht in der Frage, ob er als bester Film in den Jahrbüchern stehen wird.

Doch Misserfolge aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit können auch zum Ende einer Karriere führen.
PITT: Irgendwann wird jeder mal eine vergessene Größe sein. Du kannst nichts anderes tun, als einfach weiterzumachen.
DICAPRIO: Letztlich ist jede Karriere eine Achterbahnfahrt. Es geht immer rauf und runter. Deshalb bleibt dir nichts anderes übrig, als das Ganze als Langstreckenlauf zu betrachten.
PITT: Ich glaube, der große Fehler liegt darin, nach der Bedeutung im Resultat zu suchen. Du findest die Bedeutung im Tun. Jeden Tag. Darauf kommt es an. Aber das zu finden ist zugegebenermaßen ein ständiger Kampf.


ANDREAS RENTZ/GETTY IMAGES

ART STREIBER/SONY PICTURES

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