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DER WENDEPUNKT


Motorsport-Magazin.com - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 18.04.2019

DIE MOTOGP IST IN IHREN GRUNDFESTEN ERSCHÜTTERT. UND DAS NACH NUR EINEM RENNEN IN DER SAISON 2019. WARUM DIE CAUSA-DUCATI EINEN PARADIGMENWECHSEL FÜR DIE KÖNIGSKLASSE BEDEUTET.


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FOTOS: LAT IMAGES, DUCATI

Es war eine Rolle, in der sich die MotoGP gefiel. Das Gegengewicht zum überregulierten Milliarden-Business der Formel 1 wollte man sein. Echtes Racing ohne Schnick-Schnack, anstelle endloser Streitigkeiten an den Verhandlungstischen. Wahrer Rennsport eben - wie in der guten alten Zeit, der man in der oft anachronistischen Welt des Motorsports so gerne nachtrauert. So sah man sich selbst gerne. Doch wie es ...

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... früher einmal war, so wird es nie mehr werden. Auch nicht in der MotoGP. Lange Zeit war die Königsklasse auf zwei Rädern eine Insel der Seligen, welche Racing-Fans Zuflucht vor Strafenorgien und Gerichtsverhandlungen bot. Nun sind politisch motivierte Reglementstreitigkeiten aber auch auf das einst so friedliche Eiland übergeschwappt. Und alles nur wegen eines Stückchen Carbon. Das Chaos beginnt, als Ducati an der Hinterradschwinge der von Andrea Dovizioso, Danilo Petrucci und Jack Miller gefahrenen Desmosedici GP19 einen Spoiler verbaut, der den Hinterreifen kühlen soll. So lautet zumindest die offizielle Version von Technikguru Gigi Dall‘Igna und seinen Mannen in Rot. Der Konkurrenz kommt das von Anfang an spanisch - oder besser gesagt italienisch - vor. Ducati erzeuge mit dem Flügel Abtrieb und verstoße damit gegen das Reglement, ist man dort überzeugt. Deshalb protestierten Honda, Suzuki, KTM und Aprilia nach dem ersten Saisonrennen in Katar gegen Ducati. Der Protest wird in erster Instanz abgeschmettert, die vier Hersteller reichen Berufung ein. Die dann zuständigen Appeal-Stewards der FIM sehen sich im Rahmen des Rennwochenendes am Losail International Circuit aber nicht in der Lage, die Situation richtig zu bewerten und geben den Fall an den Berufungssenat der FIM weiter. 16 Tage nach dem Katar-GP erklärt auch dieser die GP19 für legal. Das ursprüngliche Rennergebnis bleibt bestehen und Ducati darf seinen Flügel weiter verwenden. Die protestierenden Hersteller verzichten auf eine weitere Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Das ist das Ende der Causa Ducati. Zugleich aber auch der Beginn eines neuen Zeitalters in der MotoGP. Streitigkeiten zwischen den Herstellern gab es in der Königsklasse schon immer. Die MotoGP unterschied sich hier nie von Rennserien wie der Formel 1. Der große Unterschied war bislang allerdings, dass Meinungsverschiedenheiten in der MotoGP nie vor Gericht ausgetragen wurden. In der Vergangenheit klärte man derartige Angelegenheiten innerhalb des Herstellerbündnisses Motorcycle Sports Manufacturers‘ Association, kurz MSMA. Die Fronten waren zwar oft verhärtet, etwa bei Themen wie der Einführung einer Einheitselektronik. Am Ende kam man aber doch immer zu einer für alle Seiten zufriedenstellenden Lösung. Der Sport blieb ihm Vordergrund, die Politik war maximal Nebenkriegsschauplatz. Davon konnte im Streit um die Ducati Desmosedici GP19 keine Rede mehr sein. In den zwei Wochen vom Katar-GP bis zur endgültigen Urteilsverkündung durch den Berufungssenat dominierte der Zwist der Hersteller die Schlagzeilen. Und das, obwohl wir zum Saisonauftakt einen epischen Kampf um den Sieg und das engste Königsklassenrennen der Geschichte erlebt hatten. Wie konnte es aber überhaupt zu einer derartigen Eskalation kommen? Die MotoGP ist in den vergangenen Jahren durch Maßnahmen wie die Zugeständnisse für schwächere Hersteller, die Einführung der Einheitselektronik und den Wechsel des Reifenmonopols von Bridgestone zu Michelin bedeutend enger zusammengerückt. In einer Serie, deren Rennen regelmäßig nur durch wenige Tausendstelsekunden entschieden werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis der brutale Wettlauf auf den Rennstrecken auch politische Schlachtfelder abseits davon erschafft. Außerdem wird eine Problemlösung immer umso komplizierter, je mehr Parteien involviert sind. Jeder, der schon einmal versucht hat, am Ende eines ausgiebigen Lokalbesuchs mit Freunden die Rechnung zu teilen, weiß das. Bis 2014 besuchten nur Honda, Yamaha und Ducati das Lokal namens MotoGP. Die Italiener hechelten sportlich aber hinterher und siegfähig waren nur die beiden japanischen Erzrivalen, die mit einem gesunden Mix aus gegenseitigem Respekt und Rivalität gegeneinander vorgingen. Doch die illustre Runde in der MotoGP wuchs. Suzuki und Aprilia kamen 2015 hinzu, 2017 stieg mit KTM der sechste Hersteller ein.


LANGE ZEIT WAR DIE KÖNIGSKLASSE AUF ZWEI RÄDERN EINE INSEL DER SELIGEN, WELCHE RACING-FANS ZUFLUCHT VOR STRAFENORGIEN UND GERICHTSVERHANDLUNGEN BOT.


Ohne Schwingen-Spoiler: So würde die Konkurrenz Ducati gerne sehen


Dovizioso rollte mit Spoiler in den Katar-Grid


FOTOS: LAT IMAGES, DUCATI

Die GP19 ist nun offiziell regelkonform


Der Mann hinter den Flügeln: Gigi Dall‘Igna


Von den sechs vertretenen Werken sind mit Honda, Ducati, Yamaha und Suzuki aktuell vier siegfähig. Dass man sich in diesem vielschichtigen Kampf um die Vormachtstellung der MotoGP gegenseitig nicht mit Samthandschuhen anfasst, ist klar. KTM und Aprilia wiederum kämpfen um den Anschluss an die Spitze und haben deshalb Interesse daran, den Entwicklungswettlauf in - ihrer Meinung nach verzichtbaren - Bereichen wie der Aerodynamik zu bremsen. Das sorgt für einen explosiven Cocktail, den ein Mann mit der Causa Ducati schließlich hochgehen ließ. Es ist nicht unbedingt eine Überraschung, dass es sich dabei um eine Persönlichkeit handelt, die im Haifischbecken der Formel 1 motorsportlich sozialisiert wurde. Massimo Rivola bekleidete fast ein Jahrzehnt lang bei der Scuderia Ferrari die Position des Sportdirektors, ehe er im Winter von Aprilia in die MotoGP gelotst und dort als Geschäftsführer der Rennabteilung eingesetzt wurde. Mit im Gepäck hatte er leider nicht nur Know-how aus der Königsklasse auf vier Rädern, sondern auch den dort üblichen Umgang mit Konflikten. Mit außergerichtlichen Einigungen hält man sich dort nicht auf. Glaubt man eine Verfehlung der Konkurrenz erkannt zu haben, wird geklagt. Rivola soll die treibende Kraft hinter dem Protest gegen Ducati gewesen sein, der ein absolutes Novum in der MotoGP darstellte. Auf dem Papier mussten Aprilia und Co. am Ende eine Niederlage im Kampf gegen Ducati einstecken - und doch waren sie die geheimen Sieger des Prozesses. Denn eine Disqualifikation von Dovizioso und Co. war wohl nie das vorrangige Ziel des Protests. Stattdessen wollte man Erkenntnisse über die Funktionsweise des Ducati-Spoilers gewinnen. Und das gelang, denn Konstrukteur Gigi Dall‘Igna musste vor dem Berufungssenat einige Geheimnisse vor der Konkurrenz offenbaren, um Ducatis Unschuld zu beweisen. Zusätzlich zielte der Protest inklusive Berufung darauf ab, Lücken im Reglement und der Umsetzung desselbigen aufzuzeigen. »Wir wollen lediglich Klarheit«, war gebetsmühlenartig aus den Reihen der protestierenden Hersteller zu hören.

Die Ducati GP19 strotzt vor Technik-Tricks


FOTOS: LAT IMAGES, DUCATI

Gekommen um zu bleiben: Der Schwingen-Spoiler


Andrea Dovizioso durfte seinen Katar-Sieg behalten



DER RENNSPORT LEBT VOM KATZ-UND-MAUS-SPIEL ZWISCHEN INGENIEUREN UND REGELHÜTERN, EIN LÜCKENLOSES REGLEMENT WIRD ES NIE GEBEN.


Tatsächlich ist das Regelbuch der MotoGP einer Weltmeisterschaft stellenweise unwürdig. Paragraphen sind entweder ungenau oder ungeschickt formuliert. Wenige Tage nach dem Ducati-Urteil zeigte Honda das deutlich auf und stellte die FIM sowie ihren Technischen Direktor Danny Aldridge bloß. Man wollte ebenfalls einen Spoiler wie den an der Ducati homologieren lassen, erklärte gegenüber Aldridge aber, er würde Abtrieb generieren. Das Bauteil wurde nicht zugelassen. Einen Tag später reichte man das exakt gleiche Element zur Abnahme ein, gab den Zweck dieses Mal mit der Kühlung des Reifens an und darf es nun verwenden. Eine Farce! Die Verantwortlichen der MotoGP müssen sich etwas einfallen lassen. Die Aufgabe als Technischer Direktor wirkt für Danny Aldridge alleine kaum mehr zu bewältigen, Unterstützung für den gestressten Briten wäre angebracht. Das Grundübel liegt aber im Reglement, dass passend zum Hauptquartier der FIM am Genfer See löchrig wie ein Schweizer Käse ist. Um ein gutes Regelbuch zu verfassen, braucht es mehr als nur MotoGPExperten. Gewiefte Juristen müssen die Paragraphen auf etwaige Schwachstellen prüfen und das Risiko von unterschiedlichen Auslegungen minimieren. Der Rennsport lebt vom Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ingenieuren und Regelhütern, ein lückenloses Reglement wird es nie geben. Es muss aber das Ziel sein, dem perfekten Regelbuch möglichst nahe zu kommen. Mit Gummi-Paragraphen wie im Aerodynamik-Streit wird das nicht gelingen.

CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE

DIE ENTHÜLLUNG

Beim letzten Wintertest zur MotoGP-Saison 2019 in Katar rüstet Ducati die Desmosedici GP19 von Danilo Petrucci zum ersten Mal mit dem Spoiler am Schwungarm aus. Im Reglement gibt es keinen Punkt, der das verbieten würde, da von der Aero-Body-Abnahme nur der vordere Kotflügel und die eigentliche Verkleidung, nicht aber Teile wie die Schwinge betroffen sind. Der dort angebrachte Spoiler soll den Luftstrom gezielt auf den Hinterreifen lenken und diesen so kühlen, erklärt die Mannschaft rund um Konstrukteur Gigi Dall‘Igna.

DIE BESCHWERDE

Das völlig neue Bauteil sorgt sofort für Aufregung im Paddock der Königsklasse. Der Technische Direktor Danny Aldridge stuft Ducatis Neuerung als legal ein. Die Konkurrenz - angeführt von Aprilia-Neuzugang Massimo Rivola, der vom Formel-1-Team Ferrari geholt wurde - will mittels einer Anfrage an Aldridge herausfinden, warum dem so ist.

DIE KLARSTELLUNG

Der Technische Direktor kommt dem Wunsch von Aprilia und Co. nach. Er schickt acht Tage vor dem ersten Saisonrennen in Katar eine Mitteilung an alle Hersteller aus, in der die regeltechnischen Rahmenbedingungen für Teile wie Ducatis Spoiler erklärt werden. Dieses Dokument ist nicht öffentlich einsehbar, soll aber besagen, dass derartige Elemente erlaubt sind, wenn sie dazu dienen, Schmutz oder Wasser abzuweisen beziehungsweise den Reifen zu kühlen.

DAS RENNEN

Ducati setzt den Spoiler am Schwungarm im ersten Saisonrennen 2019, dem Grand Prix von Katar, an den Maschinen der Factory-Piloten Andrea Dovizioso und Danilo Petrucci sowie an der Kunden-Ducati von Jack Miller bei Pramac Racing ein. Dovizioso gewinnt das Rennen, Petrucci wird Sechster. Ducati führt damit nach dem ersten Rennen Fahrer-, Team- und Herstellerwertung der MotoGP an.

DER PROTEST

Unmittelbar nach Rennende gehen bei den FIM-Stewards mehrere Schreiben ein: Honda protestiert gegen Andrea Doviziosos Motorrad, Suzuki gegen jenes von Jack Miller und KTM sowie Aprilia beeinspruchen die Legalität der Ducati von Danilo Petrucci. Eine gut abgestimmte Aktion, an der sich lediglich Yamaha nicht beteiligt. Die protestierenden Hersteller sind überzeugt davon, dass der Schwungarmspoiler Abtrieb generiert und somit gegen die in der Regelklarstellung festgelegten Richtlinien verstößt. Der Protest wird aber abgeschmettert, die Legalität der Ducati Desmosedici GP19 bestätigt.

DIE BERUFUNG

Honda, Suzuki, KTM und Aprilia geben nicht auf. Sie legen gegen die Ablehnung ihres Protests Berufung ein. Somit wären die nächste Instanz eigentlich die FIM Appeal Stewards, doch diese sehen sich aufgrund der komplizierten Sachlage nicht in der Lage, noch am Rennwochenende in Katar ein faires Urteil zu fällen. Deshalb übergeben sie den Fall dem FIM Court of Appeal, dem Berufungssenat des Motorradweltverbandes.

DIE VERHANDLUNG

Am 22. März, zwölf Tage nach dem Rennen von Katar, tagt der Court of Appeal in Mies am Genfer See. Drei von der FIM aus einem Pool von zwölf Männern ernannte Juristen entscheiden über die Causa Ducati. Die involvierten Parteien dürfen ihre Sicht der Dinge und mögliches Beweismaterial vorlegen. Ducati wird von Konstrukteur Gigi Dall‘Igna höchstpersönlich vertreten. Die protestierenden Hersteller schicken Massimo Rivola (Geschäftsführer von Aprilia Racing), Alberto Puig (Repsol-Honda-Teamchef), Davide Brivio (Suzuki-Teamchef) sowie Mike Leitner (KTM-Teamchef) in die Schlacht. Nach fast acht Stunden geht der Verhandlungstag zu Ende, Entscheidung fällt an diesem Freitag aber keine.

DAS URTEIL

Vier Tage nach der Anhörung kommt es zum Rechtsspruch durch den Court of Appeal, am späten Abend des 26. März wird das Urteil offiziell. Die Anwälte stufen Ducatis Motorrad als legal ein. Das Ergebnis des Katar-Grand-Prix bleibt bestehen und der Spoiler an der Schwinge darf weiterhin verwendet werden. Die protestierenden Hersteller Honda, Suzuki, KTM und Aprilia haben das Recht, gegen diese Entscheidung beim Internationalen Sportgerichtshof CAS zu berufen, verzichten aber darauf.