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DER WILDE BLAUE


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 11.02.2022

Sardinien

Artikelbild für den Artikel "DER WILDE BLAUE" aus der Ausgabe 3/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Blaues Meer und wilde Felsen sind namensgebend für das Inseltrekking.

Die Ziegenhirten und Kohle-Bergleute, die Anfang des 20. Jahrhunderts in diesem steilen Gelände unterwegs waren, müssen gute Alpinisten gewesen sein.

Am Anfang steht die Frage: Was ist der Selvaggio Blu eigentlich? Extrem- Hiking, Kletter-Hiking, Klettersteig, Fernwanderweg – es gibt viele Bezeichnungen für diesen Weg an der Ostküste Sardiniens. Fest steht: Es ist ein unmarkierter, etwa 50 Kilometer langer Küstenabschnitt zwischen den Orten Santa Maria Navarrese und Cala Sisine, der üblicherweise in fünf Tagen begangen wird. Kletterpassagen wechseln sich mit weglosem Gelände und langen Abseilstellen ab – so steht es zumindest in der Beschreibung. Wie auch immer: Uns scheint es ein großes Abenteuer zu sein und genau das, was wir uns schon lange wünschen! Unser befreundeter Bergführer Alberto aus Cortina hat den gleichen Traum wie wir, sodass wir den Weg geinsam gehen werden.

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... der Vorfreude gibt es einiges vorzubereiten: Material muss organisiert, die Anreise und auch die Versorgung während der fünf Tage müssen geplant werden. Das wohl Wichtigste: der Kontakt zum lokalen Logistiksupport. Diesen braucht man dringend – es sei denn, man hat noch drei bis vier zusätzliche Tage, um sich Material- und Wasserdepots vor dem eigentlichen Auf bruch anlegen.

Ein Luxus, den die Ziegenhirten und Kohle-Bergleute, die Anfang des 20. Jahrhunderts in diesem steilen Gelände unterwegs waren, nicht hatten. Es müssen gute Alpinisten gewesen sein, die sich in diesem unwegsamen Gebiet erst einmal selbst die nötige Infrastruktur schaffen mussten, um Felsabbrüche zu überwinden. Für ihren Weg von Weide zu Weide bauten sie viele Holzleitern. Diese waren aus einem besonderen Material: Gezwirbelte, dicke Äste der hier typischen Wacholderbäume erfüllen, fast schon künstlerisch angeordnet, noch heute ihren – nun bergtouristischen – Zweck.

Für uns heißt es, nach einer Nacht in Santa Maria de Navarese, ein letztes Mal die Rucksäcke zu überprüfen. Es muss alles drin sein, was wir die nächsten fünf Tage benötigen. Die Essensvorräte sind – tageweise sortiert – bereits am Vorabend an Carlos übergeben worden. Er ist der Chef eines Unternehmens, das sich hauptsächlich um die Versorgung von Selvaggio Blu-Reisenden kümmert. Carlos fährt die Vorratstonnen und Wasserkanister morgens an den verabredeten Biwakplatz und tauscht sie gegen die des Vortages aus.

Die werden wir heute auch brauchen, denn endlich geht es richtig los! Der erste Streckenabschnitt ist ideal zum Einlaufen: Direkt über dem Meer gehen wir auf breiten Wegen gemütlich dahin. Das glitzernde Wasser und unheimlich viele Gerüche – Holz, das sich in der Sonne erwärmt, das Meer und viele Kräu- sind beseelt vom Frieden, der um uns herum herrscht. Was für ein Geschenk, hier sein zu dürfen!

Der Weg muss gefunden werden

Irgendwann wird es dann deutlich steiler. Wir gehen – und verirren uns auf ausgewaschenen Pfaden. Selbst Alberto, der das Ganze schon mehrere Male gemacht hat, muss sich immer wieder neu orientieren. Die wenigen blauen Wegmarkierun-gen sind eher dekorativ als hilfreich. Am Ende des ersten Tages warten die ersten Kletterpassagen auf uns: Stellen bis zum vierten Schwierigkeitsgrad müssen bewältigt werden, und so schlängeln wir uns den Rücken des Ginnirco hinauf. Nach der kurzen Kletterei führt der Weg dann über vulkanartige Felslandschaften weiter. Etwas Trittsicherheit schont ganz klar die Außenbänder!

Plattige Felsen, exponierte Querungen und steile Felsaufschwünge: Hier braucht es immer einen erfahrenen Alpinisten, um sicher und zügig voranzukommen.

Immer im Visier, nun aber doch in etwas weiterer Entfernung – das Meer, der Namensgeber dieses Weges: Selvaggio Blu, der »Wilde Blaue«. Das Blau ist jetzt schon klar. Das Wilde kommt noch.

Am Nachmittag erreichen wir unseren ersten Schlafplatz. Eine alte Schäferhütte, windgeschützt und von Nadelsträuchern umgeben – aber dieses eine Mal ohne Blick auf das Meer. Ein wenig gemütlicher hatte ich es mir schon vorgestellt. Wir richten unsere Isomatten und Schlafsäcke auf ein paar Spanholzplatten aus.

Viel Hilfe hilft nicht immer viel

Aus Neugierde waren in den 1980er-Jahren die beiden Bergsteiger Peppino Cicaló und Mario Verin aufgebrochen, um das Küstenland von Baunei zu entdecken. Begeistert von der uralten Kulturlandschaft nahmen sie Küstenabschnitt für Küstenabschnitt unter die Lupe und entwickelten daraus einen der schönsten Küstenwege der Welt. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Varianten – nah und näher an der Küste, leichter und schwieriger, Richtung Norden oder Richtung Süden. Führerliteratur ist ebenso erhältlich wie GPS-Daten. Viele Hilfestellungen also – die allerdings beim Navigieren an

Felsabbrüchen oder bei mangelndem GPS-Empfang im Hinterland nicht immer zuverlässig den gewünschten Erfolg bringen.

Noch beeindruckt von den Eindrücken des ersten Tages starten wir bei Sonnenaufgang wieder Richtung Norden. Zunächst steigen wir über struppige und felsdurchsetze Hänge hinab Richtung Meer. Knorrige Holztore, hin und wieder Steine als Wegmarkierungen in alte Äste plexer als am Tag zuvor, aber traumhaft: Gelb blühende Sträucher, uralte, respekt- unserer Seite: das Meer. Bei den ausgesetzten Felsen des Bacu Tenadili sind wieder Klettergurt und Seil gefragt. Danach wird es einfacher und wir erreichen unseren zweiten Stützpunkt: Porto Pedroso. Ein fjordähnlicher Kiesstrand, wo schon unsere Expeditionstonnen und Wasser auf uns warten.

Der nachmittägliche Ablauf ist immer ähnlich: Zunächst gibt es ein wohlverdientes Ichnusa, ein lokales Bier, anschließend muss noch das Nachtlager hergerichtet werden. Da es um diese Jahreszeit noch recht frisch werden kann, haben wir uns – hauptsächlich wegen der Kinder – für Zelte entschieden. Der freie Himmel tut es aber genauso und ist die übliche Art der Übernachtung auf dem Selvaggio Blu. Das anschließende Lagerfeuer ist nicht nur ein schöner Hingucker, sondern hilft im Frühjahr auch noch gegen die Kälte der frühen Dunkelheit. Bevor diese einbricht, heißt es aber, fürs Abendessen zu sorgen. Einfach muss es sein: Heute gibt es Reis mit Erbsen und Karotten.

Die meisten Schlafplätze des Selvaggio Blu sind mit ein paar einfachen Tischen krumm wie die Wacholderleitern auf dem Weg. Es ist ein wundervolles Miteinander und natürlich noch einmal eine Gelegenheit, die Erlebnisse des Tages Revue passieren zu lassen. Früh kuscheln sich alle in die Schlafsäcke – natürlich nicht ohne vorher den eindrucksvollen Sternenhimmel bewundert zu haben.

Der dritte Tag bleibt uns allen in Erinnerung: Es ist kaum zu glauben, dass der märchenhafte Strand der Cala Goloritze in Europa liegt! Umrahmt von spitzen, weißen Felstürmen liegen die kleinen Strandabschnitte mit ihrem glitzernden Sand einfach so da. Nachdem wir uns halbwegs sattgesehen haben, geht die abwechslungsreiche Kletterei los. Plattige Felsen, exponierte, felsdurchsetzte Querungen, steile Felsaufschwünge – heute ist alles geboten und wird immer wieder durch kurze, weglose Abschnitte unterteilt. Manche Stellen sind klettersteigartig seilversichert, für andere braucht es zum Abseilen ein 60 Meter Seil – immer aber einen erfahrenen Alpinisten, um sicher und zügig voranzukommen.

Highlight folgt auf Highlight: In unserem Fall jetzt das Abseilen in eine große Höhle. Auch der Übernachtungsplatz ist kaum zu toppen. Von dort beobachten wir –fast schon kitschig – vorbeiziehen- noch kalte Meer gestürzt. An diesem Tag prickelt nicht nur der Kopf, sondern nun auch der ganze Körper!

Auch an den verbleibenden beiden Tagen gibt es immer wieder viele Höhlen und lange Abseilfahrten. Es sieht so aus, als hätte das Meer mit dem Kalkstein gespielt – so lange, bis bizarre Gänge, Höhlen und Durchschlüpfe entstanden sind. In vielen Passagen ist konzentriertes Gehen im weglosen Gelände gefragt. Ein Sturz wäre lebensgefährlich.

Sicher im Klettergurt hängend seilen wir uns in die Grotta del Fico ab. Was für ein bizarrer Ort! Direkt über dem Meer öffnet sich eine riesengroße Tropfsteinhöhle. An deren Ende – 500 Meter hinter dem Eingang! – lebte noch bis vor 40 Jahren eine ganze Familie der seltenen Mittelmeer-Mönchsrobbe. Leider sind die Robben inzwischen gestorben und es sind keine neuen nachgezogen. Beeindruckt machen wir uns an die Vorbereitungen für das letzte Abendessen. Dieses Mal ist es schon etwas »luxuriöser« – ein Wasseranschluss und ein Spülbecken sind vorhanden und das Gefühl, bald wieder ins »echte« Leben einzutauchen, stimmt uns fast ein wenig melancholisch.

Am letzten Tag ist der Spannungsabfall spürbar: Erschöpft, vor allem aber so voller Eindrücke, dass kaum mehr welche hineinpassen, erleben wir die allernächste Meeresnähe. Nur ein Meter über dem Wasser klettern wir an der Küste entlang. Weiter oben treffen wir wieder auf alte Eselpfade, kommen an einer historischen Schäferhütte vorbei und queren dann die beeindruckenden Sa-Nurca-Klamm. Üblicherweise ist die Abseilfahrt hinunter zur Cala Biriala nur ein kleiner Umweg auf dem letzten ziellen Ende des Selvaggio Blu. Wir sind aber sicher, dass es kein schöneres Ende gibt und beenden hier eines der unvergesslichsten Erlebnisse.

Als Carlos uns später – unmittelbar an unseren Streckenverlauf entlang – mit dem Schlauchboot zurück zum Ausgangspunkt fährt, fallen immer wieder die gleichen Satzbrocken: »Das war da, wo...«, »Hier sind wir doch...«, »Schau mal unser...«, »Hier haben wir...«. Eine ganz schöne Leistung, diese Strecke zu überwinden. Das wird uns jetzt noch einmal so richtig klar. Aber viel wichtiger ist: Einer unserer Träume hat sich tatsächlich verwirklicht. Wow.

▶ FÜNF TAGE WILDES TREKKING AUF SARDINIEN

Der Selvaggio Blu ist kein klassischer Fern- oder Küstenwanderweg! Selbstständig durchgeführt benötigt man viel alpine Erfahrung, seilfreies ausgesetztes Klettern im III. Schwierigkeitsgrad sowie solides Vorsteigen im unteren V. Schwierigkeitsgrad. Selbstständiges Abseilen sowie eine Kondition für sieben Stunden im weglosen Gelände sollten selbstverständlich sein. Gute Orientierung sowie ein sicherer Umgang mit Karten und GPS sind genauso Voraussetzung wie Abenteuergeist für Übernachtungen unterm Sternenhimmel.

WIE HINKOMMEN?

Fähre: Die Verbindungen vom Festland sind zahlreich. Von Livorno gehen täglich Fähren mit einer Fahrtdauer von ca. 8 Stunden nach Olbia.

Mehr Infos unter: www.directferries.de

Per Zug und Fähre: Zwar die längste aber bestimmt auch nachhaltigste Art Sardinien zu erreichen. Von München über Genua nach Port Torres dauert die Reise ca. 25 Stunden. Traumaussichten und nostalgisches Reisegefühl garantiert! Infos unter www.rome2rio.com

Flugzeug: Beide Flughäfen Olbia und Cagliari werden von mehreren Fluglinien angeflogen. Näher am Ausgangspunkt des Selvaggio Blu liegt der Flughafen Cagliari.

WANN?

Aufgrund moderater Temperaturen eignen sich vor allem das Frühjahr (März bis Ende Mai) und der Herbst (September/Oktober). Letzterer hat den Vorteil, dass das Meer schön warm ist!

WER HILFT?

Bei Explorando Supramonte kann man entsprechenden logistischen Support – auch sehr persönlich abgestimmt – anfragen: www.trekkingbaunei.it

WO ANKLOPFEN?

Mit einem erfahrenen Bergführer ist – vor allem die Orientierung – leichter! Unter anderem bietet Alberto de Giuli im Frühjahr und Herbst entsprechende Touren an: www.albertodegiuli.com

WO WOHNEN?

Am Tag der An- bzw. Abreise gibt es eine Vielzahl an Übernachtungsmöglichkeiten in Santa Maria de Navarese. Die Albergo de Santa Maria ist komfortabel und zentral gelegen: www.albergosantamaria.it

DIE TAGESETAPPEN:

Der Selvaggio Blu kann auf unterschiedlichste Art und Weise begangen werden. Üblicherweise führt der Weg von Santa Maria de Navarese in fünf Tages zur Cala Sisine. Unsere Autorin war wie folgt unterwegs:

GUT ZU WISSEN:

Kinder sind auf dem Selvaggio Blu ganz selten anzutreffen. Das Gehen im weglosen Gelände fordert viel Konzentration und Erfahrung. Die Autorin hat zwar ihre Kinder mitgenommen, würde dies aber nur einer sehr bergsporterfahrenen Familie und vor allem nur mit Orientierungshilfe durch einen Führer empfehlen!