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Der Wille zur Willing


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 60/2019 vom 22.05.2019

Jan H. Linge war ein großer Name für kleine Kielboote wie den Soling oder Yngling. Mit derWilling 31 aus dem Entwurfsjahr 1976 machte sich der Norweger auch einen Namen im Fahrtensegment. Solide gebaut, seegängig und gut segelnd, überzeugte der Seekreuzer für große Crews damals viele. Kann das kurios-kojenreiche Konzept auch heute noch überzeugen?


TECHNISCHE DATEN

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Bildquelle: segeln, Ausgabe 60/2019

Eine leichte Seebrise weht an diesem frühen Morgen Anfang April über die Strander Bucht. Noch führt die schwache Frühjahrsonne einen verzweifelten Kampf gegen den beharrlichen Seenebel weiter draußen auf der Förde. Versprochen wurde einer der ...

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... ersten, echten Sonnentage in der noch jungen Segelsaison 2019. Was sich letztlich durchsetzt, kann der Willing 31, laut Konstrukteur Jan Herman Linge einst „als stabiler Seekreuzer für offene Gewässer wie das Skagerrak“ konzipiert, eigentlich auch egal sein. Ob Sonne satt oder Wind und Welle – sie sollte mit allen Wetterlagen dealen können, wie schon ihr Äußeres im Ersteindruck verrät. Der Rumpf wirkt für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hochgezogen, wodurch das Oberdeck relativ flach und kurz ausfallen kann – was wiederum breite Laufdecks und einen geräumigen Arbeitsplatz zum Segelwechsel auf dem Vordeck ermöglicht. Sicheren Halt dabei geben lange Handläufe, eine rutschfeste Anti-Slipstruktur sowie eine umlaufende Lochleiste mit massiver Seereling. Zum Vorschiff hin steigt das Deck an, und der Vorsteven steht weit vor, um an der Kreuz sanft eintauchen zu können – unterstützt durch ein tiefes Unterwasserschiff mit V-Spant. Mittschiffs weist die Rumpfsilhouette einen dicken Bauch auf, das Heck gibt sich eingeschnürt und leicht angehoben. Über diesen Formen, die den Zeitgeist der späten 1970er-Jahre repräsentieren, steht ein solides Topprigg mit kleinem Groß und großer Genua. Abber Rumpf und Rigg sind nicht nur dem norwegischen Konstrukteur Jan H. Linge geschuldet, sondern auch der damals dominierenden IOR-Formel, die neben reinen Regatta- auch sportliche Fahrtenyachten wie die Willing 31 beeinflusste.

UNTER DECK

Schlafplätze für eine Kompanie

Salon: Unter Deck springen sofort die beiden Lotsenkojen in das Blickfeld. Dafür fehlt es allerdings etwas an Stauraum und Ablagen. Doch genau diese Aufteilung macht die Willing als Ausbildungsschiff beliebt


Pantry: Die Pantry ist ungewöhnlich, nämlich quer zur Längsrichtung angelegt


Kartentisch: Riesiger Kartentisch mit anschließender Hundekoje


Vorschiff: Bietet für zwei Erwachsene genügend Platz


Hundekojen: Sowohl an Back- als auch an Steuerbord befindet sich eine Hundekoje.


Nasszelle: Auf das Nötigste beschränkt. Wer duschen wollte, ging früher zum Hafenmeistergebäude.


Norweger mit notorischer Liebe zur See

Jan Herman Linge? Vielleicht kein Name, der im Fahrtensegment mit den großen skandinavischen Konstrukteuren wie Paul Elvstrøm oder Olin Stephens konkurieren kann, aber dennoch fest mit dem hiesigen Bootsbau verbunden ist. Lærling, Jypling, Brisling – fast alle seiner Entwürfe endeten auf „-ing“. Die zwei bekanntesten sicherlich der „Soling“ und der „Yngling“. Ersteres ein sportliches Kielboot, das aufgrund seiner enormen Popularität seit 1968 bis zu den Spielen 2000 in Sydney über drei Dekaden olympisch eingesetzt wurde. Der „Yngling“ entstand 1967 als Ergänzung zum Soling für seinen damals jugendlichen Sohn („Ynglinger“= norweg für „jugendlich“) und zeichnete sich dank Auftriebskörper in Heck und Bug als unsinkbares Boot aus. Beide Boote wurden tausendfach gebaut und segeln noch immer in internationalen Einheitsklassen. Auf einen Typus festlegen ließ sich der umtriebige Norweger aus Trondheim, der auch lange beratend für die International Sailing Association (ISAF) tätig war, jedoch nie. Neben diversen Segelbooten und -yachten, entwarf der gelernte Schiffbauingenieur auch zahlreiche Motorboote und Fregatten für das norwegische Militär. Angefangen hatte alles bereits 1937, als der damals erst 15-jährige kurzentschlossen auf einem Schiff anheuerte, um seiner großen Liebe, dem Meer, näherzukommen. Vater Martin Linge, ein renommierter Schauspieler und späterer Kompaniechef der „Norwegian Independent Company No 1“, intervenierte, suchte und fand seinen pubertierenden Sohn schließlich in Singapur wieder. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Linge unter ihm in der bekannten Widerstandseinheit „Milorg“, wurde von den Nazis nach einem Fallschirmsprung im besetzten Norwegen gefasst, konnte aber glücklicherweise auf dem Weg zur Gestapo fliehen. So wurde nach den Kriegswirren der Weg frei für eine außergewöhnliche Konstruktionkarriere, in der er diverse Entwürfe jeder Größe und Art lieferte. Nach Schätzungen wurden etwa 10.000 Segelboote und ebenso viele Motorboote aus der Feder von Jan Herman Linge gebaut.

DECKSLAYOUT

Sicheres Cockpit für Fahrtentörns

Cockpit: Die Duchten sind sehr hoch, sodass die Crew sicher und bequem im Cockpit sitzt.


Sandwich-Deck: Bei Bohrungen im Deck muss stets sorgfältig gearbeitet werden, um zu verhindern, dass Feuchtigkeit an das Kernmaterial kommt


Kontaktkorrosion: Bei Kontakt zwischen Aluminium und Stahl kommt es zu Kontaktkorrosion


Willing 31 – Spagat aus sportivem Segeln und Törntauglichkeit

Neben zahlreichen kleineren Kielyachten entstanden viele Daycruiser für die norwegische Motorbootmarke Windy. Neben der Gambling 34 (1970) war die Willing 31 aus dem Jahre 1976 eine seiner größeren Segelyachtentwürfe – und kommerziell ein echter Erfolg. In der achtjährigen Bauzeit bis 1984 konnten gut 400 Boote abgesetzt werden, wobei Linge die Rümpfe und Decks selbst produzierte. Ausbau und Vertrieb übernahm die norwegische Firma Scandia Plast Boatworks. „Fast, able and willing“ („schnell, fähig und bereit“) lautete der selbstbewusste Slogan zur Einführung der Willing 31. In der Tat wies die Willing damals gute Segeleigenschaften auf, wie einige Regattaerfolge aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren bewiesen. Der Look mit fensterlosem Aufbau (auf dem Testschiff wurde nachgerüstet) erscheint heute etwas ungewöhnlich, war aber Mitte der 1970er durchaus en vogue. Linges Formensprache aus den kleinen, großen Schwestern Soling und Yngling findet sich partiell auch in der Willing wieder: Beispielsweise im überhängendem Heckspiegel, dem vorspringenden Vorsteven, dem eigenwilligen Skegruder oder dem formähnlichen Kiel. Im Gegensatz zu den kleinen Sportbooten war die große Willing aber für den wachsenden Markt des Fahrtensegelns konzipiert.

Eigenwilli(n)g unter Deck

Wer sich über das aussteifende Brückendeck ins Innere begibt, könnte meinen, der Konstrukteur hatte bei seinem Wohnkonzept den Baby-Boom der 1960er- und 1970er-Jahre vor Augen. Eine Bettenburg aus kuriosen neun Kojen kann im Extrem belegt werden. Nach heutigen Komfortansprüchen dürfte die Hälfte an Besatzung jedoch ausreichen, um auf dem nur 9,50 Meter langen Boot noch Ruhe zu finden. Die üppige Kojenanzahl war neben der Seetüchtigkeit wohl auch der Grund, warum so viele Willings in Charter oder als Ausbildungsschiffe liefen und noch laufen.

Zwei zeittypische Hundekojen tun sich achtern unter den Cockpitduchten auf, weshalb Backskistenstauraum hier leider fehlt. Üppiges, wie Fender, muss notdürftig achtern in zwei tieferen Backskisten gestaut werden. Direkt am Niedergang backbords liegt eine bugwärts ausgerichtete L-Pantry mit zweiflammigem Spirituskocher und großem Eisfach. Letzteres wurde auf vielen Booten schon auf Gas und echten Kühlschrank umgerüstet. Ihr gegenüber positioniert: eine funktionale Navi in Fahrtrichtung mit großem Kartentisch. Der Navigator nutzte das Kopfende der Hundekoje zum Sitzen und konnte so nachts zwischen Schlafphasen gewonnene Kenntnisse als Kommandos direkt ins Cockpit weitergeben – so funktionierte Fahrtensegeln in den 1970ern.

Wegen des breiten IOR-Bauches ließ sich schiffsmittig ein geräumiger Salon realisieren, der backbords eine Dinette beherbergt, die durch Absenken des Tisches zu einer Doppelkoje umbaubar ist. Ihr gegenüber liegt eine Längsbank, die ebenfalls als Koje umbaubar ist. Beidseitig darüber finden sich statt Stauschränken zwei weitere Lotsenkojen. Sie lassen sich heute aber auch zum Stauen von Taschen nutzen, wodurch man sich allerdings die Sicht/ das Licht der Rumpffenster nimmt. Über eine hochgezogene, aussteifende Bodenwrange gelangt man ins abgetrennte Vorschiff. Backbords findet sich eine kleine Nasszelle mit Pump-Toilette und ausziehbarem Waschbecken – zum Duschen blieb in den 1970ern meist nur der Gang zum Hafenmeister. Wer die Tür zum Vorschiff öffnet, schließt automatisch den großen Stauschrank steuerbords. Die V-Koje bietet zwei Erwachsenen vollen Schlafkomfort. Ablagen für Bücher fehlen jedoch.

Im Gros wirkt der Ausbau in Teak und Teaksperrholz sauber gearbeitet. Wo nötig, finden sich Schlingerleisten und an zentralen Orten wie im Salon oder der Navi wurde der Rumpf seitlich in Holz gewegert. Diese Baunummer befindet sich allerdings auch in einem guten Pflegezustand: Das Teak wurde bereits nachlackiert und die Seitenwände von den zeittypischen Teppichen befreit, was dem Interieur ein aufgeräumtes Flair verleiht. Fehlend ist schlicht schnell zugänglicher Stauraum in Form von Ablagen und Schränken für die alltäglichen Dinge des Lebens – ein Manko, das dem kompanieartigen Kojenanspruch geschuldet ist.

Die Willing trägt noch die Rumpfsprache der IOR-Formel aus den 1970er-Jahren


Sicher unter Segeln

Am Ende setzt sich heute Sonne, gepaart mit einer mäßigen Seebrise um zehn bis zwölf Knoten, durch – in etwa das Windspektrum, in dem das dreieinhalb Tonnen schwere Schiff mit moderat hohem Topp-Rigg von Seldén zu laufen beginnt. Wie viele Yachten jener Jahre gewann die Willing ihren Vortrieb vornehmlich durch eine weit überlappende Genua (31 m²), im Vergleich zu der das Großsegel (19 m²) eher klein konstruiert war. Mit diesem Segelplan läuft das Schiff vor Allem auf halben Winden hervorragend. An der Kreuz zeigen sich im Vergleich zu modernen Konstruktionen Defizite im Wendewinkel (über 90 Grad), was der außen angeschlagenen Genua geschuldet ist. Gut sechs Knoten zeigt die Logge mit einem Schrick in der Schot – bei den moderaten Bedingungen heute wohl der Kurs, der den Maximalspeed erzeugt. Das Achterstag unterteilt sich über dem Cockpit in einen Hahnepot und ist nur schwerfällig trimmbar, aber das massive Topprigg gibt da ohnehin Grenzen vor. Der Traveller auf dem Brückendeck ist wie auf vielen Yachten jener Jahre zu kurz geraten, um optimale Wirkung zu zeigen. Dafür gibt sich das geschützte Cockpit ergonomisch gelungen: Die serienmäßig mit Teak belegten Duchten sind leicht nach außen geneigt und weisen den richtigen Abstand auf, um sich am Wind gut nach Lee abstützen zu können. Die Steuerung per Pinne agiert an der Kreuz angenehm agil, weist vor dem Wind wegen des Skegs aber auch eine ausgeprägte Laufruhe auf. Ein Schlingern, wie sonst auf IOR-Konstruktionen vor dem Wind typisch, ist nicht wahrnehmbar – allerdings segeln wir auch bei wellenarmen Bedingungen. Gemacht ist die Yacht eigentlich für ganz anderes. „Wind und Welle auf offenem Meer sind ihr Metier“, weiß Dirk Buske, Inhaber der Segelschule Sailaway aus Kiel. „Wir setzen gleich drei Willings in unseren Ausbildungs-Törns ein, da sie sich bei rauem Wetter bewährt haben. 6.000 bis 8.000 Seemeilen laufen die Schiffe pro Saison – und das seit Jahrzehnten.“ So ist es weniger die einst hochgelobte Segelperformance bei leichten Winden, die das Schiff heute ausmacht, als vielmehr ihre Zuverlässigkeit als gutmütiges Seeschiff. Wer will, kann mit der Willing auch bei Sturmstärke noch sicher segeln.