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DER ZEN-KÄMPFER


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 10.12.2019

VINZENZ GEIGER ist das größte deutsche Talent in der Nordischen Kombination seit Jahren. Was ihn so stark macht: Er denkt positiv und bleibt locker. Immer? Ja, immer! Daran verzweifeln manchmal nicht nur seine Gegner.


Artikelbild für den Artikel "DER ZEN-KÄMPFER" aus der Ausgabe 2/2020 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 2/2020

Wie im Flug: Vinzenz Geiger in seinem Element


Mit Leichtigkeit zum Erfolg: Vinzenz Geiger zieht seine Lockerheit aus seiner inneren Ruhe.


Stufe für Stufe: Vinzenz Geiger auf der Treppe der Heini-Klopfer-Skiflugschanze in Oberstdorf


Stell dir vor, du sitzt auf einem schmalen Holzbrett, unter dir führt eine 80 Meter lange Spur mit 80 Prozent Gefälle in die Tiefe, Millionen Augen sind auf dich ...

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... gerichtet. Und jetzt musst du springen. Wenig später: Deine Oberschenkel brennen, in deinem Mund schmeckst du Blut vom kilometerlangen Rennen auf Langlaufskiern. Und jetzt musst du den perfekten Zeitpunkt finden, um zum alles entscheidenden Schlussspurt anzusetzen.

Wenn du tickst wie die meisten Menschen, bereiten dir diese Situationen schon als Vorstellung Herzflattern. Für Vinzenz Geiger sind sie Alltag. Er meistert sie mit einer Abgebrühtheit, die selbst Experten staunen lässt. Und das mit 22.

In der Nordischen Kombination, jener Disziplin, in der sich die Athleten im Skispringen und Langlaufen messen, ist Vinzenz Geiger das größte deutsche Talent. 2017 holte er bei der Junioren-WM Gold im Einzel, bei den Olympischen Spielen in Südkorea 2018 Gold und bei der WM 2019 Silber im Team. 2020 will er nun im Weltcup aufs Treppchen, sooft es geht, vor allem beim Heimspiel in Oberstdorf (24. bis 26. Januar). Vorher erklärt er in The Red Bulletin, woher er seine unglaubliche mentale Stärke bezieht.


„Klar kenne ich Nervosität. Aber ich wandle sie in Energie um.“


THE RED BULLETIN: Wenn man mit Kollegen über dich spricht, hört man: „Der Vinzenz, der ist ein cooler Hund.“ Stimmst du dem zu?
VINZENZ GEIGER: Ja, mich zeichnet aus, dass ich auch in brenzligen Situationen stets entspannt bleibe. Ich mag den Druck.

Nervosität kennst du nicht?
Doch, doch. Aber es gelingt mir, sie in Energie umzuwandeln.

Das ist ja fast schon eine Superkraft. Ist diese Lockerheit angeboren oder antrainiert?
Angeboren. Das war schon immer so. Ich bin auch nie der Typ gewesen, der sich vor Klausuren ins Hemd gemacht hat oder vor Schulaufführungen Lampenfieber hatte.

Als Kind in der Geisterbahn?
Da war ich tiefenentspannt.

Beim Zahnarzt?
Gar kein Problem.

Hat dir das beim Einstieg in die Nordische Kombination geholfen? Der erste Sprung von der Schanze ist für einen kleinen Jungen schon eine Mutprobe.
Meine Gelassenheit hat mir von Anfang an genutzt. Bei der nächstgrößeren Schanze hatte ich aber schon auch Schiss, ich konnte bloß besser damit umgehen als die meisten anderen.

Nordische Kombination geht mit großer Qual, Ausdauertraining und niedrigen Temperaturen einher. Wenn man in so jungen Jahren einen Olympiasieg einfährt, trägt das nochmals zu einer gesunden Entspannung bei?
Schon. Ich bin jetzt 22, beim Team-Gold war ich 20. Viel früher geht das nicht. Es war ja meine erste Chance überhaupt. 2014 war ich noch zu jung. Und auch 2018 war die Konkurrenz im Team groß, aber ich wurde von Tag zu Tag zu besser, und so bin ich da reingeraten. Ich stand im Team, und bumms – wir haben gewonnen. Das ging alles viel zu schnell, um es ganz zu begreifen: Olympiasieger, meine Herren!

Hast du mal analysiert, wie es dir gelingt, so cool zu bleiben? Andere gehen dafür ihr Leben lang zum Coaching oder holen sich einen Schamanen.
Nö, habe ich nicht analysiert.

Atmen? Schreien? Meditation?
Ich bleibe halt immer positiv.

Das kann doch nicht alles sein!
Doch, doch. In jeder Situation habe ich den Gedanken, dass es gleich noch besser wird. Das ist dann wohl das Geheimrezept.

Gerätst du denn nie an deine Grenzen? Im Auto, bei IKEA, an der Kasse im verdammten Supermarkt?
Passiert schon mal. Aber auf die Palme kriegt man mich selten. Im Auto manchmal, aber nur, wenn ich allein bin. Ansonsten bleibe ich auch da gelassen.

Dein Bundestrainer ist eine Legende. Hermann Weinbuch trainiert seit 1996 die Nordischen Kombinierer. Da warst du noch nicht mal auf der Welt. Hat er dich in Korea ins Team gehievt, weil er weiß, was er an deiner Coolness hat?
Mag sein, hat er so aber nicht gesagt.

Ist er eine Quelle deiner Coolness?
Ich bin die Quelle meiner Coolness. Ich brauche auch keine Anleitung, um gelassen zu bleiben. Trainieren muss ich es auch nicht. Eher anders herum: Manchmal brauche ich einen Tritt in den Hintern, um nicht zu sorglos zu sein.

Deine Sportart ist schizophren. Als Skispringer musst du sehr leicht sein, gleichzeitig braucht man Substanz für den Ausdauersport Langlaufen. Man muss also eine Balance finden. Ist ein ausgeglichener Typ wie du dafür perfekt geeignet?
Gelassenheit ist hier entscheidend. Man kommt durch sie aber nicht ans Ziel. Man muss im Training das exakt richtige Maß finden, um sowohl die Schnellkraft auf den Schanzentisch zu bringen als auch Ausdauer in der Loipe zu haben.

Macht dir eine Disziplin deutlich mehr Spaß als die andere?
Ich bin ein sehr ausgeglichener Athlet …

Warum überrascht uns das nicht?
… und beherrsche beide Disziplinen ähnlich gut. Manchmal aber frustriert’s einen aber schon, wenn man beim Skispringen das Timing gerade nicht so hat oder beim Langlaufen noch eine Stunde durch den Regen soll.

Der herausragende Kombinierer in der vergangenen Weltcupsaison war Jarl Magnus Riiber. Der ist genauso jung wie du. Ein solch gleichwertiger Gegner, der einem manchmal einen Schritt voraus ist, den man aber manchmal um Haaresbreite schlägt – ist das die beste Motivation überhaupt?
Jarl hat letzte Saison nichts anbrennen lassen. Es war zwar ein paar Mal richtig knapp, und auch wenn ein zweiter Platz nicht direkt eine Niederlage bedeutet, nervt ein zweiter Platz doch tierisch. Hier muss man Motivation und Ehrgeiz draus ziehen, also ja: Es ist auch mein Ziel, Jarl dieses Jahr zu schlagen. Dafür muss ich in den Flow kommen. Locker bleiben halt.

Keine Angst vorm Abgrund: Am Start hat Vinzenz höchstens mal ein Kribbeln im Magen.


AB NACH DRAUSSEN!

Im Winter macht Sport im Freien keinen Spaß? Das hält Vinzenz Geiger für großen Quatsch. Fünf Tipps vom Vollprofi.

1. Tu’s für die Weihnachtsgans
Positiv denken, dann hält der innere Schweinehund die Schnauze! Für mich ist Sport im Winter ja viel schöner als im Sommer. Und ohne Plauze schmeckt die Weihnachtsgans noch leckerer!

2. Bauch und Rücken geben dir Halt
Rumpfstabilität ist so wichtig – gerade im Wintersport. Vier Übungen für zu Hause sind ideal dafür. Liegestütze, Klimmzüge, Sit-ups und Planks. Wenn du das durchziehst, verletzt du dich nicht so leicht, wenn du mal ausrutschst.

3. Langlauf ist Trumpf
Wenn’s die Möglichkeit gibt, dann probier mal Langlaufen. Es ist einfach die schönste Ausdauersportart im Winter. Wenn du in der Stadt wohnst, dann gehst du halt joggen. Der wichtigste Tipp: Im Winter eher kürzere Distanzen und dafür etwas schneller laufen. Dann wird dir warm.

4. Lass dich pushen
Ich höre immer Musik beim Sport, wenn ich allein bin. Nichts Getragenes, eher etwas, was pusht. Noch besser ist, nicht allein rauszugehen, sondern mit Freunden, um sich gegenseitig zu motivieren.

5. Denk an später
Geh doch dann raus, wenn’s am schlimmsten ist – wenn es regnet und graupelt –, und bring es hinter dich! Nichts geht über den Stolz, wenn du später nach der heißen Dusche auf dem Sofa sitzt.

Entspannt by nature: Vinzenz kannte schon vor Schulaufführungen kein Lampenfieber.


„Performen kann ich nur im Flow. Locker bleiben halt.“


Was würdest du jemandem raten, der im Gegensatz zu dir Schwierigkeiten hat, locker zu bleiben?
Das Negative ausblenden. Ans Positive denken. Mit dem Gedanken im Kopf, dass etwas nichts wird, wird’s auch nichts. So einfach sehe ich das.

Leichter gesagt als getan. Manche nutzen Meditation, um ihre Gedanken zu ordnen. Du auch?
Ich selbst nutze Meditation nicht, kann mir aber vorstellen, dass sie ein gutes Hilfsmittel sein könnte. Bei mir klappt’s einfach von selbst, dass ich loslaufe und immer daran denke, das Beste rauszuholen – auch wenn’s hart ist, auch wenn’s wehtut. Eine andere Chance hat man eh nicht.

Mal ehrlich: Reizt du deine Freunde und Familie mit deiner Lockerheit manchmal? Wollen die dich manchmal schütteln nach dem Motto: „Vinzenz, jetzt reg dich doch auch mal auf!“
Ja, schon. Vor allem meine Freundin treibe ich manchmal zur Weißglut.

Warum? Was ist die dunkle Seite deiner Ausgeglichenheit?
Bei der Pünktlichkeit hapert’s. Da stößt meine Passt-schon-Mentalität dann schon auf heftigen Widerstand. Ein Satz, den ich häufig höre, lautet: „Vinzenz, jetzt nimm das doch mal ernst!“

Womöglich hat deine Freundin aber auch viel von dir gelernt in Sachen Gelassenheit?
Sie bleibt in vielen Situationen lockerer als früher, ja. Aber so ganz ändert man sich ja doch nicht. Also gibt’s schon noch häufig Ärger.

Was machst du dann?
Na ja, cool bleiben.

Rennrad, Trailrun und natürlich Skisport: Auf Instagram zeigt Vinzenz die Vielfalt seines Trainings: @vinzenz_geiger

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