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Der ZöllnerpfadWandern im RHYTHMUS der GEZEITEN


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Wanderlust - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 24.06.2022

Bretagne

TIPP

Ausflug-Tipps

Wer einmal in der Gegend ist, sollte auch zwei der GR34-Highlights im Norden besuchen – zum einen die Rosa-Granit-Küste zwischen Perros-Guirec und Ploumanac’h: Wind, Meer und Regen haben die Felsblöcke geschliffen und zu besonders bizarren Formen aufgetürmt. Dazu kommt deren rötliche Farbe, die die Kulisse regelrecht verzaubert. Genauso lohnt sich eine weiter entfernte Tour zur Pointe du Raz, südwestlich von Lanildut. Bei dem berühmten Kap handelt es sich um eine schroffe Klippe, die mit einer Höhendifferenz von über 70 Metern ins Meer ragt. Hier fühlt man sich wirklich wie am Ende der Welt, am Fin des terres (Finistère).

Artikelbild für den Artikel "Der ZöllnerpfadWandern im RHYTHMUS der GEZEITEN" aus der Ausgabe 5/2022 von Wanderlust. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wanderlust, Ausgabe 5/2022

Dieses Licht ist unvergleichlich. Mal scheint es absolut hell und mal wirkt es mystisch, aber immer ehrlich. Es geht einher mit einem ebenso faszinierenden Wechselspiel der blauen Farbtöne des ...

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... Meeres, das von bräunlich unterlegten grauen Nuancen bis zum strahlenden Türkis reicht. Und doch verkörpern diese beiden Punkte nur einen Teil von dem, was die Bretagne so einzigartig macht. Ich jedenfalls kann mich nicht sattsehen an dem Naturschauspiel. Reichlich Gelegenheit habe ich während meiner Wanderung auf dem GR34. Der Weitwanderweg führt auf insgesamt fast 2.000 Kilometern um die Halbinsel im Nordwesten Frankreichs. Auf Französisch nennt er sich auch „Sentier des douaniers“, denn man folgt den Spuren der rund 3.500 Zöllner, die unter Kaiser Napoleon zum Schutz vor Schmuggelware aus England und den Niederlanden regelmäßig an der Küste Patrouille liefen.

Meer aus Steinen

Meine gewählte Strecke liegt an der „Côte des Abers“. So heißen die fjordartig ins Land reichenden und von Flüssen gespeisten Meeresarme. Von meinem Startpunkt in Brélès aus schlängelt sich neben dem Aber Ildut ein weicher Pfad durch lichtes Gehölz aus Eichen und Maronen. Auf dem moorigen Ufer spicken Möwen und andere Vögel nach Würmern. Von den vereinzelten Kanufahrern lassen sie sich nicht stören. Auch für mich ist es eine ruhige Einlaufrunde. Dort, wo der Fluss endgültig zum Meer wird, liegt der Hafen von Lanildut. Bekannt in der Taucherszene und der industriellen Algenfischerei, empfängt er mich am heutigen Samstagmittag total verschlafen. Passend zum diesigen Wetter. Ich passiere das „Haus der Algen“ mit seiner Ausstellung über die Verarbeitung von Algen zu Düngemitteln und erreiche endlich die Küste samt meinem nicht zu verfehlenden GR34. Nur wenige Minuten bin ich hier auf dem Weg, da klart es unversehens plötzlich auf. Schon wetteifert das Blau des Himmels mit dem des endlos scheinenden Meeres. Die Ebbe gibt den Blick frei auf die typischen Küstenfelsen. Im wahrsten Sinne des Wortes bilden sie ein Meer aus Steinen. Unzählige Brocken sind es, in Richtung offenes Meer dunkel, am Ufer hellgrau und gesprenkelt von gelben Flechten. Immer wieder bilden sie spannende Naturskulpturen. Ich erkenne für mich Gesichter, eine Sphinx, ein küssendes Paar und mehr. Für die bretonischen Küstenabschnitte genauso charakteristisch wie die Felsen sind die allgegenwärtigen Meeresalgen, die diese oft mit einer Zottelmähne zudecken. Um die 800 Arten soll es in der Bretagne geben! Und das Ganze in diesem einzigartigen Licht … Schon jetzt steht für mich fest, dass dieses Land – ja, die Bretagne ist wie ein eigenes Land, wie das berühmte gallische Dorf bei Asterix – fasziniert.

Der Pfad durch die Dünen federt unter meinen Füßen, auch innerlich fühle ich mich leicht und frei. Zwischen den Felsen-Buchten verstecken sich Sandstrände, ab und zu auch kleine Hafendörfer.

Bei der Anlegestelle von Mazou wundere mich über den Kreis aus Pfählen, die weit aus dem Wasser ragen. Wie ich später erfahre, handelt es sich um eine traditionelle Ankermethode aus dem Mittelalter. Damals pflanzten die Fischer bei Niedrigwasser lange, möglichst gerade Baumstämme samt Wurzelballen in den Meeresboden, sicherten sie am Boden durch dicke Steine und machten ihre Boote daran fest. Jetzt sind es kleine Jollen, die ohne Wasser unter dem Rumpf auf der Seite liegend zu schlafen scheinen.

SCHMECKEN

Köstliche Bretagne

Zur kulinarischen Vielfalt in der Bretagne gehören unbedingt auch Spezialitäten aus Algen, die vor Ort im Meeres-Naturpark Iroise geerntet werden. Die Auswahl reicht von frischem Tatar aus verschiedenen Algenarten bis zu raffiniert verfeinertem Mandelkuchen mit Matcha. In einem Algenkochkurs kann man sogar lernen, diese selbst zuzubereiten.

Weiter geht es durch die Dünen mit ihrer winderprobten Vegetation aus Strandgräsern mit harten Blättern, wildem Senf und Fenchel sowie Blumen mit auffallend kleinen Blüten. Dann wieder habe ich die Wahl. Entweder ich folge meiner rot-weißen Markierung direkt über einen Strandabschnitt oder weiche auf einen kleinen Umweg über das feste Ufer aus. Solche Alternativen gibt es stets, weil der Weg am Wasser bei Flut oft überflutet ist. Nicht nur weil das Gehen zwischen Sand und Steinen mit meinen Wanderschuhen nicht immer leicht ist, sondern auch aus Neugier wähle ich ab und zu diese Variante. Zu schön, wenn ich dabei wieder auf trutzige Granitsteinhäuser mit üppigen Hortensienbüschen in Lila und Rosa treffe.

Bevor ich am Nachmittag am Ende von Porspoder im Hotel einchecke, stromere ich noch ein bisschen durch die Gassen des Ortes. Dabei entdecke ich die nächste historische Sehenswürdigkeit, und zwar die Häuser der „Maîtres de Barques“. Gerade gießt eine Frau hinter einer Mauer im Garten die Blumen. Auf meine Frage erzählt sie, dass die Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammten und reichen Reedern gehörten. Anders als die meisten anderen Einwohner hätten die sich schon damals größere Granithäuser mit Schieferdächern und Kamin leisten können. Ihre Familie sei aber einfach wegen der schönen Lage hergezogen.

Natur und Kultur im Einklang

Direkt vor meinem Hotel liegt am Rand eines weiten Sandstrandes die Halbinsel Saint Laurent. Ich nutze die Gelegenheit – ich habe noch Zeit bis zum Essen und komme derzeit locker über den Deich – und erkunde sie gleich noch vor dem Abendessen. Genau wie ich haben auch einige Einheimische diese Idee, mal mit Kindern und mal mit ihren Hunden. Es ist eine Freude, den Tieren zuzuschauen, wie sie Fangen spielen und dabei geschickt von Fels zu Fels jumpen. Hund müsste man sein, denke ich und krabbele wenigstens einmal mehr auf einen Felshaufen mit Rundumsicht. Ansonsten liegen an der Küste immer wieder winzige Eilande, die einzig von Vögeln bewohnt werden.

Der Weg führt mich immer direkt an der Küste lang. Das Wetter ist dauerhaft zauberhaft, ich lasse mir Zeit und genieße den allgegenwärtigen leichten Wind, der mir um die Nase weht. Holzbänke laden dazu ein, sitzend die Gedanken schweifen zu lassen.

Kurz vor dem Hafendorf Tremazan erblicke ich auf einer Anhöhe die Chapelle Saint Samson. Mit zwei dicken alten Granitkreuzen davor und dem blau-weißen Himmel im Hintergrund gibt sie ein tolles Bild ab – kein Wunder, dass es sich angeblich um die am häufigsten fotografierte Kapelle der Bretagne handelt. Im Inneren der Kapelle verrät ein Infoblatt, dass sie aus dem Jahr 1785 stammt, während der heilige Samson als Namensgeber wohl schon 495 geboren wurde. In dem ehemaligen Brunnen am Fuße der Anhöhe sollen die Menschen im Glauben an ihn ihre Kinder getaucht haben, um sie vor Krankheiten zu bewahren.

Damit kenne ich jetzt zwei von 7.777 Heiligen, die in der Bretagne verehrt werden sollen. Nummer zwei ist die heilige Maria, die Schutzpatronin der Seefahrer. Der Legende nach war ihre Lieblingsfarbe Blau. Daher rührt angeblich die verbreitete Tradition, die Fensterläden der Häuser in dieser Farbe zu streichen.

Übernachten individuell

Mit Portsall erwartet mich ein recht belebter kleiner Touristenort. An der Hafenpromenade lädt eine Ausstellung zu einem Besuch ein, die bewusst macht: Die wundervolle Natur der Bretagne ist nicht selbstverständlich und durchaus Gefahren ausgesetzt – so wie dem Öltanker-Unglück direkt vor Portsalls Küste. An modernen Info-Stationen können Besucher nachverfolgen, wie 1978 der Riesentanker Amoco Cadiz bei Sturm an Felsen zerschellte und 227.000 Liter Öl die Küste verseuchten. Unzählige Vögel und Meerestiere kamen zu Tode. Der Einsatz von vielen freiwilligen Helfern trug dazu bei, dass sich Fauna und Flora zum Glück erholen konnten. Nachdenklich verlasse ich die Ausstellung und werfe am Hafen noch einen Blick auf den dort liegenden mächtigen Anker der Amoco. Die Sonne bringt meine Urlaubslaune rasch zurück und ich suche meine heutige Unterkunft. Diesmal ein Gästezimmer, denn ich will verschiedene Möglichkeiten kennenlernen.

Das Zimmer ist einfach, aber sauber, und es gibt eine Etagenküche. Netterweise reserviert mir die Vermieterin Murielle Letard für das Abendessen gleich einen Platz im La Chaumine. So umgehe ich die Scheu, mein Französisch am Telefon testen zu müssen. Im direkten Gespräch klappt es dagegen gut, zumal man es auf Englisch versuchen oder die Hände zu Hilfe nehmen kann. So wie in der Crêperie, wo ich mir Buchweizen-Galette und heimischen Cidre bestelle. Die Bretonen scheinen zu wissen, was mir gut schmeckt!

Dazu passt die lockere Atmosphäre. Der Wirt, in kurzen Hosen, ist sehr zuvorkommend. Er nimmt sich sogar Zeit und bringt mir ein paar Brocken Bretonisch bei. Puh – eine völlig andersartige, schwierige Sprache, deren keltischer Ursprung unverkennbar ist. Zumindest den Apéritif „Chouchen“ könnte ich nach dem Trip aber doch gut allein bestellen.

WANDERN

Der Zöllnerpfad

Ein geschichtsträchtiger Weg voller Salz und Gischt! Und nicht nur das, er ist auch der Favorit der Franzosen, die ihn zu ihrem „Lieblings-Fernwanderweg“ gewählt haben. Willkommen auf dem Zöllnerpfad! Auf einer Strecke von über 2.000 km, vom Mont-Saint-Michel bis zur Brücke von Saint-Nazaire, schlängelt er sich entlang der Küste der Bretagne. Von rotweißen Markierungen gesäumt, bietet er allen Wanderern frische Seeluft und freien Blick auf das Meer. Infos unter: www.bretagne-reisen.de

Standhafte Wurzeln

Meine letzte Etappe führt weiter nach Saint-Pabu am Aber Benoît, vorbei an längeren Sandstränden. Die meisten teile ich mir ausschließlich mit den Möwen, an anderen ziehen Aqua-Jogger ihre Bahnen. Immer wieder halte ich an und bewundere, wie genial die Natur im Kleinen funktioniert. Beispielsweise wenn man erkennt, wie die Pflanzen mit ihren verzwiebelten Wurzeln die Dünen sichern und oberhalb der Erde Schnecken den Käfern, Bienen oder Schmetterlingen Platz und Nahrung bieten.

Dass ich Saint-Pabu schon am frühen Nachmittag erreiche, erweist sich als günstig. Denn ich muss länger hier suchen, bis ich meine außerhalb gelegene Herberge finde. Diesmal handelt es sich um ein Gîte, ein Zimmer auf dem Bauernhof La Clé des Champs, das sich als Glückstreffer nach meinem Geschmack entpuppt. Mein Zimmer heißt Ar-Men, so wie der berühmt-berüchtigte Leuchtturm 30 Kilometer vor der Küste. Angesichts der häufigen Stürme stehen die meisten Leuchttürme Frankreichs in der Bretagne. Sie zu entdecken – vielleicht eine nächste Tour?

INFO

Kontakt & Info

Weitere Informationen beim Tourismusverband der Bretagne, www.bretagne-reisen.de bzw. www.tourismebretagne.com, die auch diese Reise ermöglicht haben.