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DEUTSCHE BANK: DER TRÜMMER MANN


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 18.04.2019

DEUTSCHE BANK Fleißig, höflich, folgsam – so hat es Christian Sewing bis zum CEO gebracht. Um das Geldhaus aufzubauen, braucht er, was ihm bislang fehlt: Mut und Härte.


Artikelbild für den Artikel "DEUTSCHE BANK: DER TRÜMMER MANN" aus der Ausgabe 5/2019 von manager magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 5/2019

GRUBEN ARBEITER Christian Sewing ist am Anschlag


Ende August, darauf freut sich Christian Sewing (48) schon, wird seine Welt endlich mal wieder überschaubar. Er fährt nach Bünde, eine 48.000-Einwohner-Stadt in Ostwestfalen, und feiert „30 Jahre Abi“. Natürlich im „Wirtschaftswunder“. In der Kneipe, gegenüber dem Gymnasium am Markt, hatte er mit seinen Kumpels die Freistunden verbracht. Ein paar Holztische mit akkurat ausgerichteten ...

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... Tischdeckchen und wer sich gut benimmt, kriegt mit Wirtin Hilli keinen Ärger.

Sewing war kein überragender Schüler, aber er wusste immer, was man von ihm erwartete und wie er diese Erwartungen erfüllen konnte. Als es vor 30 Jahren um die Abifeier ging, organisierte er Spezialfolie, um die Schule Christo-mäßig einzuhüllen. Er tat das alles freundlich und verlässlich. „Man hatte eigentlich nie Streit mit ihm“, sagt ein Kumpel aus jener Zeit.

Vater, Mutter, Schwester, allesamt tennisverrückt, lieferte er auch nur Grund zu allergrößter Zufriedenheit: Es waren die Boris- Becker-Jahre der Republik, und Christian war der beste Spieler vor Ort, ständig Stadtmeister, immer nett und fair zu allen. Falls er doch mal ausflippte und den Schläger in die Ecke feuerte, weil ihm ein Schlag misslungen war, rief ihn sein Vater vom Rand aus zur Räson: „Christian, sei mal ein bisschen ruhiger.“

Wenn Christian Sewing, inzwischen CEO der Deutschen Bank, sich heute erklärt, greift er sehr oft auf diese Zeit zurück, seine „Lehren aus dem Tennis“, sein „Elternhaus“, seine „Erziehung“. Und dass es eben darum gehe, Erwartungen zu erfüllen.

Inzwischen aber liegen die Dinge komplizierter. Sewing führt den größten Sorgenfall der deutschen Wirtschaft: Die Erträge sacken schneller ab, als die Kosten schrumpfen. Deutschlands größtes Geldhaus – immer noch wichtigster Finanzlieferant der heimischen Industrie und aufgrund seiner komplexen Investmentbank eine Gefahr für das Welt - finanzsystem – gilt als fast unlösbarer Fall.

Die Erwartungen an den Mann aus Westfalen sind nicht mehr so schlicht wie in Bünde, Sewing steht vor einem opulenten Erwartungswirrwarr: Regulatoren verlangen ein möglichst langweiliges Geschäftsmodell, seine Investmentbanker das Gegenteil; die Aktionäre fordern mehr Rendite und radikalen Stellenabbau, seine Mitarbeiter und die Gewerkschaften das Gegenteil; sein Aufsichtsrat will, dass der CEO einfach mal durchregiert – regiert aber selbst kräftig mit. Die Kunden wollen, dass die Bank endlich funktioniert und ihre Arroganz ablegt – viele Spitzenkräfte wollen aber nicht, dass das auf ihre Kosten passiert. Im Vorstand tun sich Friktionen und Fraktionen auf. Die Regierung in Berlin? Mal so, mal so.

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BUND VON BÜNDE
1 Kaffeekränzchen- gestählt: Zusammen mit Jugendfreunden beim Nachweis guter Tisch - manieren.
2 Oh, Lord: Sewing mit einem (damals unerfüllten) Traum von einem Dienstwagen der 80er Jahre. Heute fährt er Porsche.
3 Early Adopter: Mit einer Freundin bei einem London- Trip. Für die Bank hat er später einige Zeit dort gearbeitet.

Es bräuchte einen Anführer, der eine Schneise durch dieses Chaos schlägt: mit strategischem Mut, konfliktfreudig. Paradoxerweise ist Christian Sewing, Deutschlands wichtigster Banker, auf dem Gipfel seiner Karriere angelangt, ohne dass er solche Qualifikationen nachweisen musste.

Es spricht sogar einiges dafür, dass er sie gar nicht hat. „Chris - tian ist ein feiner Mensch“, sagt ein enger Freund, „aber jetzt wird es wohl darauf ankommen: Kann er rücksichtslos sein?“

Wie schwer sich Sewing mit rigorosem Durch regieren tut, zeigte sich in den vergangenen Wochen bei den Verhandlungen mit der Commerzbank (Code - name: Schweden) über eine Fu - sion. Trotz seiner Skepsis hat er sich darauf eingelassen – auf Druck der Bundesregierung und des Konkurrenten. Sein Counterpart Martin Zielke (56) von den Gelben und er teilten sich das Thema in ein Dutzend Arbeitsgruppen auf. Die Commerzbanker lieferten zügig ihre Daten und Einschätzungen, auch wo Sewing und seine Vertrauten das Sagen hatten, ging es gut voran. Aber in seinem Führungsteam organisierten sich Widerstandsnester, die den Prozess verlangsamten – in der Hoffnung, das ganze Projekt zu Fall zu bringen.

Beim Vorstand Werner Steinmüller (64), zuständig für die Region Asien und Pazifik, fanden die Blockierer Gehör, auch Finanzvorstand James von Moltke (50) verhielt sich eckig, Privatkundenvorstand Frank Strauß (49) suchte, wenig hilfreich, den Kontakt mit den Systemopponenten von der Gewerkschaft Verdi.

Andere CEOs werden in solchen Momenten zur Dampfwalze, treiben den Prozess brachial voran und servieren die Widersacher eiskalt ab. Sewing nicht. Er schaut, wie sich die Erwartungen entwickeln, und bleibt bei seinem moderierenden Stil.

Um auch im Kleinen überall mitreden zu können und so Autorität zu gewinnen, fräst er sich durch alle möglichen Details. Ein Mitarbeiter wunderte sich, als er den CEO vor einigen Monaten auf einen Geschäftstermin vorbereitete: Sein zehnseitiges Dossier hielt er schon fast für ausufernd.

„Am Ende waren auch 20 Seiten nicht genug, Christian wollte noch mehr Infos, noch mehr Details. Der hat sich richtig in das Thema verbissen.“

Weil es ihm in seiner Karriere geholfen hat, keine Aufgabe auszuschlagen und immer aufgeschlossen und ansprechbar zu sein, ist er das auch weiterhin. Stets will er alles richtig und es allen recht machen – wie Thomas Manns Senator Thomas Buddenbrook, der schon als Lehrling ins Lübecker Handelshaus eintritt und doch, bittere Pointe, den Niedergang nicht aufhalten kann.

Das Ergebnis, im Fall der literarischen Figur wie auch Sewings: ein Zustand nahe der Komplett - erschöpfung. „Er macht zu viel und nimmt sich keine Auszeiten. Er muss aufpassen, dass er uns nicht umfällt“, sorgt sich einer aus seinem Umfeld.

Nach Hause in die Osnabrücker Villa, wo Sewing mit seiner Frau Barbara lebt – das Paar hat drei Söhne und eine Tochter –, kommt er nur selten dieser Tage. Die umtriebige Raum- und Lichtdesignerin, die aus der westfälischen Verlegerdynastie Delius („Yacht“, „boote“, „surf“, „bike“) stammt, macht auch ihr Ding. Sie besitzt Ateliers am Familiensitz in Osnabrück und auf Sylt und Kunden überall auf der Welt.

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GENOSSEN
1 Dienstherr: Aufsichtsratschef Paul Achleitner hievte Sewing im Frühjahr 2018 an die Bankspitze – aus Mangel an Alternativen.
2 Silberstreif: Mit Gattin Barbara nebst Finanzminister Olaf Scholz und dessen Frau Britta Ernst.
3 Sewing-Versteherin: Finanzaufseherin Frauke Menke förderte die Karriere.

Sewing mag – zumindest in seinem privaten Umfeld – starke Menschen, das spricht für ihn. Als CEO aber mangelt es ihm an der Autorität, die seine Vorgänger zumindest intern immer lange Zeit ausspielen konnten: Josef Ackermann (71) verkörperte den Anspruch auf polyglotte Exzellenz, Anshu Jain (56) konnte vermutlich so gut wie kein anderer die Monstermaschine der Bank im Handel mit allerlei riskanten Finanzprodukten bedienen, John Cryan (58) wusste wohl als Ein - ziger, was so alles in der Bilanz der Bank gefährlich vor sich hinschlummert. Christian Sewing dagegen, der Ex-Lehrling aus Westfalen, muss beständig gegen das Vorurteil ankämpfen, als CEO der Bank ein Produkt einer historischen Unfallserie zu sein.

Das letzte Aufgebot

Zu Jahresbeginn 2018 ist Aufsichtsratschef Paul Achleitner (62) klar, dass er bei seinem Spitzenpersonal wieder einmal eine Fehlentscheidung getroffen hat: Sein CEO John Cryan, brillant in der Analyse, weigert sich, naheliegende Entscheidungen zu treffen, und verbreitet nur noch schlechte Laune. Externe Kandidaten wie Richard Gnodde von Goldman Sachs oder Standard-Chartered- Chef Bill Winters stehen nicht zur Verfügung, Investmentbankingchef Marcus Schenck, erst seit drei Jahren bei der Bank, will sich den Horrorjob nicht antun.

Achleitners letztes Aufgebot heißt: Christian Sewing. Der hatte, als seine Mitvorstände bei Achleitner teilweise immer vehementer Cryans Amtsführung kritisierten, „einfach abgewartet und die Klappe gehalten“, bekundet ein Kollege. Achleitner fragt den Backoffice-Fachmann, erst seit drei Jahren im Vorstand, was denn sein Plan für die Bank sei. Sewings Antwort, sinngemäß: Ihre Stra tegie der Großkunden- und Kapitalmarktbank mit an - gegliedertem Massenkunden - geschäft, Herr Achleitner – nur müsse man die jetzt auch mal konsequent um setzen.

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VORBILDER
1 Vom früheren Risikovorstand der Deutschen Bank, Hugo Bänziger, hat sich Sewing vorsichtiges Erwartungsmanagement abgeschaut.
2 Jürgen Fitschen, Ex-Co- Chef der Bank, war lange der wichtigste Kundenberater des Geldhauses. Sewing hat seinen umgänglichen Stil zum Teil kopiert.
3 Wolfgang Kirsch, den Ex-Chef der DZ Bank, hält Sewing für den perfekten Banker. Kirsch wurde immerhin auch bei der Deutschen Bank ausgebildet.

Achleitner jubiliert: Er brauche, so teilt er seinen Großaktionären und Aufsichtsratskollegen mit, jetzt keinen Welterklärer oder Großstrategen mehr an der Vorstandsspitze, sondern einen Umsetzer.

Den Ruf des präzise arbeitenden Maschinisten immerhin hat sich Sewing in der Bank hart er - arbeitet. Nach seiner Lehre in Bielefeld geht es für ihn kontinuierlich bergauf. Er wird zu einem Experten für das traditionelle Kerngeschäft der Deutschen Bank: der Vergabe von Großkrediten an Unternehmen und der Kontrolle des Ausfallrisikos derselben.

Er macht sich einen Namen als verlässlicher Lieferant. „Sewing können Sie eine Aufgabe geben, auch eine sehr anspruchsvolle, und Sie können sicher sein: Das läuft, da brennt nichts an“, sagt ein ehemaliger Vorgesetzter.

Auf all seinen Stationen hält das ehrgeizige Eigengewächs immer Ausschau nach Leuten, von denen er etwas lernen kann: Beim Chef seiner ersten Auslandssta - tion in Toronto etwa bewundert er, wie dieser stets den richtigen Ton findet, wenn er Mitarbeiter kritisiert.

Eines von Sewings größten Vorbildern ist Wolfgang Kirsch (64), den einstigen Vorstandschef der DZ Bank hält er für einen kompletten Banker, eine perfekte Mischung aus Expertise und Persönlichkeit. Für Kirsch arbeitete Sewing indirekt in seinen beiden einzigen Berufsjahren außerhalb der Deutschen Bank – als Risikovorstand der genossenschaft - lichen Immobilienbank DG Hyp.

Über die Gründe für Sewings Wechsel zu den Genossen gibt es zwei Versionen: Die Wohlmeinenden sagen, sein damaliger Job bei der Deutschen Bank (er sollte ein Modell entwickeln, mit dem sich „operative Risiken“ wie etwa das Versagen interner Prozesse oder schwerwiegende menschliche Fehler erkennen ließen) habe ihn gelangweilt. Die Skeptiker sagen, Sewing habe schlicht die Aufgabe überfordert, etwas komplett Neues zu entwerfen.

Menkes Banker-Traum

Seine Aufgabe bei den Genossen – man schrieb das Jahr 2005, und die gefährlichen US-Immobilienrisiken mussten rasch raus aus der Bilanz – erledigt er jedenfalls so formidabel, dass ihn Hugo Bänziger (63), damals Risikovorstand der Deutschen Bank, wieder zurücklotst – und als stellvertretenden Leiter des Risikomanagements in London installiert, der damaligen Gewinnmaschine der Bank. Auch von Bänziger schaut sich Sewing etwas ab: die Vorsicht und Verlässlichkeit beim Er - wartungsmanagement. Man dürfe sich bei seinen Chefs, so Bän - zigers Devise, keine negativen Überraschungen leisten und müsse im Zweifelsfall frühzeitig Bescheid geben, wenn etwas schiefläuft. Sewing verinnerlicht das.

Es sollte ihm letztlich den Weg an die Vorstandsspitze ebnen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Frauke Menke (54), bei der Aufsichtsbehörde BaFin für große Geldhäuser zuständig und von einem heiligen Zorn auf die Skandalbank durchwirkt, weil deren Leute sie jahrelang mit Ausflüchten zu beschwichtigen versuchten – und dabei auch noch nassforsch auftraten.

Spätestens als Sewing 2013 interner Oberpolizist (Head of Group Audit) wird, ändert er das. „Er hat stets geliefert, was er ihr versprochen hat. Und er hat meist versprochen, was sie verlangt hat. Die beiden konnten hervorragend miteinander, das hat intern schnell die Runde ge- macht“, erzählt ein ehemaliger Top - banker des Instituts. „Die meisten von uns waren einfach nur froh, dass sich einer gut mit ihr verstand.“ Und einige ahnten: Eines Tages würde das „dem Christian“ nützlich werden.

So sollte es kommen.

Frauke Menke hat Karrieren bei der Deutschen Bank zerstört, Vorstände mussten auf ihren Druck hin gehen. Sewing, diesen freundlichen, wohlerzogenen jungen Mann, fördert sie. „Sie hat immer gesagt: Es wäre gut, wenn er in den Vorstand käme“, sagt einer aus ih- rem Umfeld. Für einen wie Paul Achleitner, der in dieser Zeit selbst ein besseres Karma mit den Aufsehern gut gebrauchen kann, kommt das einer Handlungsanweisung nahe: Anfang Januar 2015 sitzt Sewing im Vorstand, erst, ungewöhnlich genug für einen Nichtjuristen, für Recht, sechs Monate später für die Privat- und Firmenkundenbank.

Wer Sewings schwiegersohnhafte Freundlichkeit, seinen jungenhaften Charme mit Unbedarftheit verwechselt, macht allerdings einen großen Fehler. Der Mann ist nicht nur sehr ehrgeizig, er kann auch taktieren und ihm gefallen Statussymbole, der Chauffeur etwa oder das Büro auf der Vorstandsetage. Das war ihm schon als Chef der Revision wichtig, obwohl es ihm damals eigentlich noch gar nicht zustand.

Zu seiner taktischen Schläue gehört, sich stets auf das Machbare zu kon - zentrieren. Nachdem er im Vorstand die Verantwortung für das Privat- und Firmengeschäft bekommen hat, spricht er sich gegen den Verkauf der Postbank aus und nutzt seine guten Kon takte zum Regulierer für einen echten geldwerten Vorteil im Sinne des Konzerns: Das Geldhaus bekommt eine Sonderfreigabe und darf die Liquidität der Postbank für Investmentbankgeschäfte nutzen.

Geht es aber um die Integra - tion der Postbank, agiert Sewing wattig: Mit den mächtigen Betriebsräten und der Gewerkschaft Verdi geht er sanft um, im Ton und in der Sache. So haben die Gespräche über die Eingliederung in das restliche Massengeschäft der Bank zwar bereits 2017 be - gonnen, eine Reihe von Punkten aber ist bis heute offen.

„Die Integration der Postbank liegt mit Sicherheit ein paar Komplexitätsstufen unter einem Zusammenschluss mit der Commerzbank“, befindet ein Berater, der beide Institute kennt. „Und da hat sich Sewing schon nicht als der jenige hervorgetan, der zügig, energisch und hart zur Sache geht.“

Aber Sewing ist mit seiner Art eben extrem weit gekommen. Beim Tennis ging es ihm nie darum, spektakulär zu spielen. Mit präzisen Grundschlägen hetzte er seine Gegner von einer Ecke in die andere, bis er den Punkt gemacht hatte. „Es ging ihm eigentlich immer nur darum, zu gewinnen“, sagt ein ehemaliger Teamkollege. „Man muss“, sagt Sewing selbst, „immer gucken: Was kommt als Nächstes? – und darauf dann reagieren. Das habe ich im Sport gelernt.“

Als neues Vorstandsmitglied hieß das für ihn zweierlei: Den Honeymoon mit den Regulierern verlängern, was ihm dank seines engen Kontakts zu Menke und anderen Kollegen gelang. Und die deutsche Karte zu spielen, die bei den Aufsehern und der Politik fortlaufend wichtiger wurde.

Also heftete er sich Jürgen Fitschen (70) an die Fersen, der sich als Co-CEO neben Anshu Jain zwar nie um die Modernisierung der Bank gekümmert hatte, als dauerreisender Mr. Deutschland bei den heimischen Kunden dafür aber den Ruf als verlässlichster Kümmerer der deutschen Bankenwelt hatte. Wenn Sewing Fitschen heute trifft, gibt es eine herzliche Umarmung wie unter Skatbrüdern.

Sewings öffentliche Auftritte sind in Gestik, Mimik und Rhetorik eine eigenartige Mischung aus der tradierten Selbstgewissheit des typischen Deutsche-Bank- Chefs – und westfälischer Handfestigkeit. Bei der ersten Rede vor seinen Aktionären im Mai 2018 wirkte es noch, als setze er die Betonungen mit großem Eifer dort, wo seine Leute sie ihm markiert hatten. Wenn er jetzt spricht und etwa zu seinen Lieblingswörtern wie „exactly“ und „honestly“ greift, wie während einer Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wirkt das authentischer.

Vor offiziellen Anlässen, wie dem Neujahrsempfang seiner Bank in Berlin, kontrolliert er mehrfach nervös, ob die Krawatte auch nicht unter dem zugeknöpften Jackett hervorlugt. Er genießt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. Aber ob er seine Rolle ordentlich ausfüllt, da scheint er sich selbst nicht ganz sicher.

Christian Sewing kann mit Druck eigentlich sehr gut um - gehen, in letzter Zeit aber ist er dünnhäutiger geworden. Wenn man ihn kritisiert, braust er in - zwischen deutlich rascher auf als früher. Er will nun, wie viele Chefs, lieber Beifall hören.

KÜCHEN - KABINETT

ASOKA WÖHRMANN

Der einstige Chefanlagestratege der Fondstochter DWS ist seit Herbst 2018 ihr Chef und soll die Kosten in den Griff bekommen.

ALEXANDER VON ZUR MÜHLEN

Der Kapitalmarktexperte ist in Sewings Vorstandsstab Strategieberater. Die beiden kennen sich seit Finanzkrisenzeiten.

FRANK KUHNKE

Der Banker ist im Vorstand für die Großbaustelle IT zuständig. Wegen seiner Durchsetzungskraft hat er die Spitznamen „Frank, the tank“ und „General Kuhnke“.

Keine Experimente

Auch die Personalwechsel, die er seit seinem Start vorgenommen hat, sprechen für seinen Wunsch nach ein wenig Wellness. Experimente fehlen, stattdessen umgibt er sich mit Charakteren, die ihm ähneln und die er seit Langem kennt.

Es ist so wie daheim in Bünde, Christian Sewing hat ein Herz für alte Kumpels: Frank Kuhnke etwa, der neue IT-Vorstand, oder der neue DWS-Chef Asoka Wöhrmann, ein verlässlicher Abarbeiter. Alexander von zur Mühlen hat er sich als Strategiechef an die Seite geholt. Ein weiterer enger Vertrauter ist Karl von Rohr, der den putzigen Titel Chief Administrative Officer trägt und über bewundernswerte diplomatische Fähigkeiten verfügt, allerdings nicht der größte Bankenexperte der Doppeltürme ist.

Gleichzeitig scheut Sewing radikale Schritte, wie bei den um- strittenen Vorständen Sylvie Matherat (57), die für Compliance zuständig ist, und dem Investmentbankchef Garth Ritchie. Beide haben sich einen schriftlichen Rüffel der Aufsichtsbehörde BaFin eingefangen – wegen ihres überschaubaren Aufklärungswillens im Umgang mit Risikokunden.

Zwar ist wohl vor allem Ritchie schwer zu ersetzen. Es fehlt jemand mit Vorstandsformat, der die Untiefen der Investmentbank überhaupt noch durchblickt. Aber es kratzt an Sewings Glaubwürdigkeit und stellt seinen Veränderungswillen infrage, dass er mit den beiden im Vorstand weitermacht.

So hat Christian Sewing ein Küchenkabinett um sich geschart, das ihn in seinem abarbeitenden Lieferantenstolz eher bestärkt, als radikale Schritte zu provozieren. Dem Wirrwarr an Erwartungen, dem er sich gegenübersieht – wer hilft ihm da raus?

Intern sagt er fortwährend, er wolle „das Beste für die Deutsche Bank“ – und das ist wohl auch so. Nur was ist das, „das Beste“? Einfach das, was sein Aufsichtratschef Paul Achleitner sagt, formal sein Vorgesetzter? Oder vielleicht doch das, was ihm der Starberater seines wohl kompetentesten Aktionärs einbläut, wenn dieser alle paar Wochen bei ihm vorbeischaut: Matt Zames (48) vom Finanzinvestor Cerberus, zuvor jahrelang zweitwichtigster Vorstand bei der derzeit wohl erfolgreichsten Bank der Welt, JPMorgan?

Die Höllenhunde killen gerade die Kosten ihres Neuerwerbs, der Hamburg Commercial Bank, ehedem HSH Nordbank. Von Sewing erwartet Zames im Grunde genau dasselbe.

Durch die Aufnahme der Verhandlungen mit der Commerzbank hat er mindestens drei Erwartungen geweckt: Dass etwas Radikales passiert, dass die Bank stabiler wird und dass die Kosten drastisch sinken. Einen Status quo ante, ist sich ein Eingeweihter sicher, werde es nicht geben. Ohne einen echten Befreiungsschlag wäre die Gefahr zu groß, dass sich noch mehr Kunden abwenden und sich die Abwärtsspirale der Bank beschleunigt.

Schon jetzt ist klar: Sewings Ziel, bis zum Ende des Jahres eine Eigen - kapitalrendite von 4 Prozent zu erwirtschaften, gehört selbst für die Optimisten unter den Analysten ins Reich der Fantasie.

Vielleicht schafft es der Mann aus Bünde aber auch, auf dem Gipfel seiner Karriere mal nicht danach Ausschau zu halten, wer jetzt genau was von ihm erwartet. Sondern eine eigene Idee durchzuziehen.

Sein Koordinatensystem muss Sewing dafür gar nicht unbedingt ver - lassen. Vor einigen Jahren spielte er ein Tennismatch gegen einen ehemaligen Profi. Dass er am Ende verloren habe, so Sewings Erkenntnis, habe eigentlich nur daran gelegen, dass der Profi ein paar Risiken eingegangen sei. Er selbst dagegen habe nur abgewartet.

In seiner Zeit in Bünde hat er es noch anders gehalten. „Ich weiß noch, wie Christian mal auf dem Tennisplatz gesagt hat: Pass auf, ich schlag jetzt ein Ass“, erzählt ein alter Freund.

Und dann hat er es gemacht.


Foto: Ramon Haindl für manager magazin

Fotos: manager magazin

Fotos: Arne Dedert / dpa / picture alliance, Sven Darmer / DAVIDS, Christoph Papsch / laif

Fotos: Volker Schaeffner, Dominik Butzmann / laif, Markus Hintzen / laif

Fotos: Bert Bostelmann / laif, Martin Joppen, Ulrich Schaarschmidt