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Deutsche Obsession


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 25.01.2019

Leitartikel Die Regierung muss endlich den Mut für ein Tempolimit aufbringen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 5/2019

Die Deutschen waren in den vergangenen Jahrzehnten immer stolz darauf, als vernünftiges Volk zu gelten. Sie erfanden die Chipkarte und den Airbag. Nur in einem Punkt erlaubten sie sich, über die Stränge zu schlagen: bei der Tempofreiheit auf der geliebten Autobahn. Es ist eine Extravaganz, die sich Deutschland mit Afghanistan und Nordkorea teilt. Man kann lange in der deutschen Seele forschen, um zu ergründen, warum ein Tempolimit hierzulande auf so erbitterten Widerstand stößt. Aktuell hat die feministisch angehauchte Theorie ...

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... Konjunktur, dass der verunsicherte Mann des beginnenden 21. Jahrhunderts einen PS-starken Untersatz für sein fragiles Selbstbewusstsein brauche. Tatsächlich spricht sich eine Mehrheit der Männer gegen ein Tempolimit aus. Allerdings plädieren – je nach Umfrage – auch 30 bis 40 Prozent der Frauen nicht für eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf Autobahnen.

Schlüssiger ist die Erklärung, dass die Deutschen ein hoch emotionales Verhältnis zum Auto haben. Wer ein Jahreseinkommen in einen V6 mit 280 PS investiert, tut das nicht, um auf der Autobahn den Tempomaten einzuschalten. Es ist unvernünftig, aber eben auch sehr reizvoll, einmal das Gaspedal bis zum Anschlag durchzudrücken.

Die Regierung ist nicht dazu da, die Bürger zur Vernunft zu zwingen. Wäre es anders, müssten Zigaretten, Alkohol und Softdrinks längst verboten sein. Jeder Skiurlaub widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Viel sicherer und umweltfreundlicher wäre es, sich zu Hause auf der Yogamatte fit zu halten. Doch Freiheit ist auch das Recht, sich selbst zu schaden, solange niemand anders in Mitleidenschaft gezogen wird, weshalb ein Tempolimit in Städten (es besteht seit 1957) inzwischen genauso akzeptiert ist wie ein Rauchverbot in Restaurants und Flugzeugen.

Man kann natürlich wie der ADAC einfach behaupten, es gebe keine stichhaltigen Belege dafür, dass ein Tempolimit die Sicherheit auf den Autobahnen erhöhe. Aber das ist so schlüssig wie das Argument, Rauchen sei nicht schädlich, weil Helmut Schmidt das biblische Alter von 96 Jahren erreicht habe. Die Faktenlage ist hier sehr klar: Im Jahr 2017 starben 409 Menschen auf den deutschen Autobahnen, bei fast der Hälfte, also 181, war der Grund eine unangemessen hohe Geschwindigkeit. Im Jahr 2014 setzte die Regierung der kanadischen Provinz British Columbia das Tempolimit von 110 auf 120 Kilometer pro Stunde herauf. In der Folge hat sich die Zahl der tödlichen Unfälle mehr als verdoppelt.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es gibt kein rationales Argument gegen das Tempolimit. Der einzige einleuchtende Einwand ist ein politischer. Der Erfolg von Union und SPD als große Volksparteien gründete lange Zeit darauf, dass sie wussten, was sie den Bürgern zumuten können und was nicht. Jede Nation hat ihre Obsession, von der sie nicht lassen kann. Norwegen will nicht auf den Abschuss von Minkwalen verzichten. Mitte des 19. Jahrhunderts war es sinnvoll, mit einem Schießeisen in den amerikanischen Westen aufzubrechen, heute kommt man auch ohne Flinte sicher nach Kalifornien; dennoch lebt laut Umfragen fast jeder zweite US-Amerikaner in einem Haushalt mit einer Waffe.

Doch bei allem Verständnis für Eigentümlichkeit darf die Politik nie vor dem Wahnwitz kapitulieren. Deutschland wendet Jahr für Jahr einen hohen Millionenbetrag für die Abwehr von Terror auf. Seit dem Jahr 2014 sind ihm 22 Menschen zum Opfer gefallen, das sind 4 pro Jahr. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung kostet nichts und würde jedes Jahr viele Leben retten. Man muss nichts überstürzen, dafür ist das Thema zu heikel. Die AfD wartet nur darauf, dass sie ein neues Thema in die Finger bekommt. Kaum hatte die Debatte ums Tempolimit in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen, sprach die Partei schon vom »Würgegriff « der Regierung gegen die Autofahrer.

Aber die Deutschen sind Argumenten zugänglich, selbst beim Auto. In den Siebzigerjahren wurde über die Gurtpflicht ähnlich heftig debattiert wie heute über das Tempolimit. Inzwischen stellt sie niemand mehr infrage. Union und SPD sollten deshalb den Mut haben, für das Tempolimit zu werben und es dann auch durchzusetzen. Doch solange Verkehrsminister Scheuer sagt, ein Tempolimit sei »gegen jeden Menschenverstand«, ist er ziemlich nahe an jenen alternativen Fakten, die die AfD gern verbreitet.

René Pfister

► Lesen Sie auch auf Seite 30
Die Furcht der Bundesregierung vor der Wut der Autofahrer


PATRICK SEEGER / DPA