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DEUTSCHLAND: ABENTEUER NACH THÜRINGER ART


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 11.06.2020

Mikroabenteuer — das sind kleine Entdeckungen und Reisen in der eigenen nahen Umgebung. Für solche Erlebnisse reicht ein Wochenende, manchmal auch der Feierabend. Gerade zu Corona-Zeiten helfen diese kleinen Fluchten, wenn das Fernweh zu groß wird. Maximilian Heller (Text & Fotos) hat sich aufgemacht, um die kleinen Abenteuer vor seiner Haustüre in Thüringen zu suchen.


Artikelbild für den Artikel "DEUTSCHLAND: ABENTEUER NACH THÜRINGER ART" aus der Ausgabe 4/2020 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 4/2020

Anfang Mai steht der Wein an der Saale noch in frischer Blüte.


Der Bockfelsen über dem Hohenwarte-Stausee bietet einen atemberaubenden Blick über die Saaleschleife und den Campingplatz Hopfenmühle.


Gegen den Corona-Koller: Im Fernweh-Park in ...

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... Oberkotzau lassen sich über 4.000 Straßen- und Ortsschilder aus der ganzen Welt bestaunen.


Es ist ein verregneter Samstagnachmittag. Die Straßen meiner thüringischen Heimatstadt sind menschenleer. Aschgrau hängen Plakate abgesagter Veranstaltungen an den Laternen. Der Corona-Lockdown hat uns mit voller Breitseite erwischt. Graue Tristesse wohin das Auge reicht. An Reisen ist nicht zu denken. Die Grenzen sind geschlossen, die Nachrichtenlage zu unübersichtlich und angesichts des Gesundheitsrisikos ist mir auch jegliches Fernweh vergangen. Die heiß ersehnte Ténéré 700 fristet in der Garage ein einsames Dasein.

Das Telefon klingelt. Es ist Andreas: »Kannst Du eine Reisegeschichte machen?« »Im Hinterhof?«, frage ich spöttisch und scrolle am Computer durch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes. »Ich habe da eher an ein Mikroabenteuer gedacht. Ein Abenteuer vor Deiner Haustür«, erwidert Andreas. Da macht es klick. Klar, Schotter und Staub haben wir in Thüringen genug. Dazu noch reichlich Natur und jede Menge idyllische Burgen und Schlösser. »Ich geb’ mein Bestes!«, antworte ich und lege auf.

Tausend Fragen schwirren mir durch den Kopf. Was darf ich in diesen bewegten Zeiten als Motorradfahrer noch unternehmen? Wo darf ich hin? Was geht und was nicht mehr? Die Ausgangsbeschränkungen sind zwar vom Tisch, aber Restaurants, Hotels, Campingplätze und Menschenansammlungen jedweder Art bleiben tabu. Ich lege mir also einen Plan zurecht. Da ich allein unterwegs bin, halte ich die Kontaktsperre ein. Ausreichend Verpflegung packe ich direkt in die Gepäckrolle und beim Tanken fülle ich meinen Getränkevorrat gleich mit auf. In der Tankstelle setze ich meinen Klapphelm nicht ab, klappe das Visier nach oben und verwende mein Halstuch als Mund-Nasen-Schutz. Einzig beim Thema Übernachten komme ich ins Grübeln. Am besten wäre natürlich die abgemähte Wiese eines Bauern oder ein Privatwald, wildes Zelten ist in Thüringen ja schließlich verboten. Ich entschließe mich, es auf gut Glück zu versuchen. Im schlimmsten Fall, sind es ja nur wenige Kilometer bis nach Hause.

Aber die wichtigste Frage: »Wo fahre ich hin?« ist noch nicht beantwortet. Da macht es ein zweites Mal klick. Seit langem habe ich mit den zwei Flüssen Saale und Unstrut noch eine Rechnung offen. Unzählige Male war ich an ihren Ufern schon mit dem Kanu oder zu Fuß unterwegs, bin durch das schroffe Thüringer Schiefergebirge gewandert oder mit dem Boot am Fuß der Weinberge bei Freyburg entlang geschippert. Jetzt sollte es endlich mit dem Motorrad so weit sein, unter anderen Umständen freilich, aber Selbstverzicht schärft ja bekanntlich den Blick für das Wesentliche.


Touren unter anderen Umständen, aber Selbstverzicht schärft ja bekanntlich den Blick für das Wesentliche


Entsprechend einfach gestaltet sich dann auch die Routenplanung. Startpunkt ist die Saale-Quelle im bayrischen Fichtelgebirge. Von dort aus geht es entlang der Saale durch Thüringer Wald und Schiefergebirge und hinein in die Weinregion Saale-Unstrut nach Sachsen-Anhalt. Insgesamt rund 300 Kilometer Heimat-Entdeckung.

Ich packe das Motorrad, verstaue meine Kamera im Tankrucksack und mache mich an einem kühlen Mai-Morgen auf den Weg. Es geht zunächst in den Süden. Das Thermometer im Cockpit zeigt frische 2° C und nach einer Stunde auf verschlungenen Landstraßen schicke ich die Griffheizung in die erste Frühschicht. Nach gut zwei Stunden geht es hinauf ins Fichtelgebirge. Von der Autobahn ist der Nordhang schon gut zu erkennen, als sich die ersten Sonnenstraßen über den Asphalt schieben. Die Saale-Quelle befindet sich inmitten eines kleinen Waldstücks am Rande der Stadt Zell. Die Straße hinauf zur Quelle hat ihre besten Jahre lange hinter sich und nur wenige hundert Meter unterhalb des Quellsteines mündet die Anfahrtsstraße unvermittelt in einem Waldweg. Verunsichert stehe ich vor der Weggabelung und wische hektisch über das GPS. Kein Parkplatz, kein Hinweisschild, kein Wegweiser, nicht einmal ein Verbotsschild warnen vor der Einfahrt in den Wald. »Hier muss sie doch eigentlich sein, die Saale-Quelle«, denke ich und stochere mit dem Vorderrad im Halbdunkel über die Fichtenwurzeln. Tief im Wald entdecke ich ein paar Waldarbeiter. Mit lauten Kettensägen pflügen sie Schneisen in den Wald und winken mich aufgeregt weiter. »Immer weiter da runter«, rufen sie und schon bald erscheint im kalten Morgennebel ein kleiner Buchenhain mit einer Sitzgruppe. Daneben die Saale-Quelle.

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1 Bis auf den Boden der dichten Fichtenwälder dringt erst spät am Tag das Sonnenlicht hindurch. 2 Das Schloss Burgk wacht über die Saale-Kaskaden bei Saalburg. 3 Die Saale-Quelle bei Zell im Fichtelgebirge ist nicht leicht zu finden. Nur ein kleines Rinnsal tropft aus dem Stein. 4 Von den Dornburger Schlössern blickt man weit hinunter ins Tal der Saale.

Die Quelle ist in dicke Felsen gefasst und das noch junge Rinnsal fließt plätschernd durch den Buchenhain. Hier am Nordrand des Fichtelgebirges beginnt also der 413 Kilometer lange Flusslauf der Saale. Ich verbringe noch eine Weile an der Quelle, bevor ich den schattigen Wald im Norden verlasse. Von nun an fahre ich, wo es geht, so nah wie möglich am Ufer des Flusses entlang, über Schwarzenbach in die kleine Stadt Oberkotzau. Auch wenn der Name wenig schmeichelhaft für die sonst so beschauliche Vorstadt von Hof ist, gibt es hier doch einen Pflichtstopp für alle Abenteurer und Fernreisende: den Fernweh-Park. In über 4.000 Straßen- und Ortsschildern aus aller Herren Länder lässt sich hier hervorragend in die Ferne schweifen. Hier hängen Nummernschilder aus sämtlichen Staaten der USA, unaussprechliche walisische Wegweiser und süffisant anzügliche Ortsschilder aus »Katzenhirn« oder »Poppenhausen«. Genau das Richtige also, um der heimischen Corona-Tristesse zu entfliehen.

Von diesem bunten Denkmal der Völkerverständigung fahre ich nur wenige Kilometer weiter zu einem Dorf, das über viele Jahrzehnte als Ort der Spaltung und hohen Mauern in die Geschichte einging. Das kleine Dörfchen Sparnberg liegt am äußersten Zipfel Thüringens und damit am äußersten Rand, dem Todesstreifen der ehemaligen DDR. Die damalige Staatsführung beließ es in Sparnberg nicht bei einem Grenzzaun, das Dorf wurde sprichwörtlich eingemauert. Eine zwei Meter hohe Betonmauer wurde ringsum den Ort errichtet. Davor wucherte dichter Maschendraht und dahinter plätscherte die friedliche Saale. Viele Familien wurden 1968 durch den Mauerbau zerrissen und lebten über Jahrzehnte hinweg getrennt: die Oma im bundesdeutschen Rudolphstein und die Enkel im ostdeutschen Sparnberg.

Selbst als die Mauer in Berlin schon gefallen war, wurde Sparnberg von den Grenztruppen noch gehalten. Erst im späten Dezember 1989 zogen auch die letzten Grenzsoldaten aus dem Dorf ab und die Zeit der Abschottung war vorüber. Als ersten Akt der Selbstermächtigung schleiften die Einwohner die dicken Mauern und bauten mit provisorischen Mitteln eine eigene Brücke über die Saale, ohne schweres Gerät, ohne Baugenehmigung. Aus Sicherheitsgründen wurde das Provisorium von den Behörden dann auch unmittelbar wieder abgerissen und durch eine ansehnliche Holzbrücke ersetzt.

»21 Jahre Lockdown und Kontaktsperre – aber Sparnberg gibt es immer noch«, schießt mir durch den Kopf, als ich die Holzbrücke überquere. Ich schaue mich im Dörfchen um. Außer ein paar Gedenktafeln erinnert heute fast nichts mehr an die bewegte Geschichte des Ortes. Keine Spur mehr von den dicken Mauern und auch die Saale plätschert nun unbeeindruckt an Sparnberg vorbei.

Einen etwas anderen Blick über den ehemaligen Grenzstreifen kann man vom benachbarten Wachhügel in Pottiga gewinnen. Auf dem Skywalk, einer ausgefeilten Stahlkonstruktion mit Aussichtsplattform, schwebt man buchstäblich über dem Saaletal. Der Blick reicht von hier oben weit über die mäandernden Flussauen und dem grünen Band entlang. Ich mache ein kurze Pause. Im Info-Pavillion gibt es freies W-LAN und ich nutze die Zeit, um das Frühstück nachzuholen. Unmittelbar hinter der thüringischen Grenze beginnt bei Harra die Saale-Kaskade, ein System aus fünf Talsperren und Wasserkraftwerken. Die Straße verläuft meist abseits des Wassers und gelangt erst in den Orten Saaldorf und Saalburg zurück an das Ufer der Saale.


Das Döfchen Sparnberg an der Grenze zur ehemaligen DDR wurde sprichwörtlich eingemauert


In Saalburg herrscht für gewöhnlich reges Treiben an den Anlegern der Saaleschiffe. Dann laufen hier Kaffee-Fahrten auf und Imbissbuden versorgen die Fahrgäste mit Fisch und Thüringer Bratwurst. In Zeiten von Corona sind die Anlegestellen wie leergefegt und die kleinen Kioske sind mit Sperrholz fest verschlossen. Wehmütig verlasse ich Saalburg und fahre weiter in Richtung Norden. Die Straße verläuft nun dichter am Wasser und führt bei Gräfenwarth direkt über die 65 m hohe Staumauer der Bleiloch-Talsperre.

Nur wenige Flusskilometer abwärts schlängelt sich die Saale in einer 180°-Kehre durch ein enges Tal. Etwa 50 Meter über der Schleife thront das weiße Schloss Burgk und bietet damit den wohl berühmtesten Anblick der Saale-Kaskade. Den besten Blick hat man vom Dörfchen Burgkhammer am unteren Flussufer.

Die L1103 verläuft nun wieder abseits der Wasserlinie über die Rapsfelder auf den Hochebenen des Schiefergebirges. Das malerische Fachwerkstädtchen Ziegenrück lasse ich links liegen und fahre über Paska hinunter zum Flussufer zur Linkenmühle. An einer Pontonbrücke liegt eine kleine Fähre und wartet auf Fahrgäste. Die Mühlenfähre ist die einzige ihrer Art in Thüringen und bringt täglich von 9 bis 18 Uhr Autos, Motorräder, Fahrräder und Fußgänger von einem Saale-Ufer zum anderen. »Bis zur letzten Woche durften wir gar nicht ablegen: Corona!«, schmettert mir der Kassenwart mit sichtbarem Unverständnis entgegen. »Fünf Wochen lag das Schiff am Kai und wurde nicht bewegt. Jetzt haben wir mehr Arbeit mit der alten Dame als je zuvor. Was sich nicht bewegt, das rostet«, lacht er herüber und gibt einen dicken Klecks Schmierfett auf die Scharniere der Auffahrrampe. Mit einem Ruck löst sich die Fähre vom Kai und steuert auf das gegenüberliegende Ufer zu. Nach nur fünf Minuten ist die Überfahrt schon vorbei und die Rampe kracht lautstark auf den Anlegesteg.

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1 Zum Schloss Kochberg bei Saalfeld entführte sogar schon Goethe seine Geliebten. 2 So manche Kuriosität gedeiht an den warmen Weinhängen der Saale-Unstrut-Weingüter. 3 Zelten am Fuße der Leuchtenburg bei Jena, idyllischer kann man nicht nächtigen. 4 Der alte Bahnhof Blechschmidtenhammer bei Lichtenberg nahe der thüringisch/bayrischen Grenze war ab 1945 die Endstation vor dem Grenzstreifen.

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Ich nehme noch einen Umweg über die Hohenwarte-Staumauer und begebe mich abseits des Flusslaufes an den Rand des Thüringer Beckens. Ich lasse die Saale-Städte Saalfeld und Rudolstadt links liegen und fahre in den unscheinbaren Ort Großkochberg. Das Schloss Kochberg liegt etwas versteckt hinter einem großen Torbogen am Ortsausgang. Das Wasserschloss kann getrost als einer der schönsten Renaissance-Bauten in ganz Deutschland bezeichnet werden. Wohl auch deshalb ging der ver-meintliche Schwerenöter und Wahl-Thüringer Johann Wolfgang von Goethe hier ein und aus. Überhaupt kommt man im Umland von Weimar und Jena nicht am großen Dichter vorbei. Überall finden sich Gedenktafeln zum Andenken an den alten Klassiker.

Ich fahre zurück ins Tal der Saale. Die untergehende Sonne wirft ein blutrotes Licht auf die ikonische Leuchtenburg und ich beginne, mir einen Schlafplatz zu suchen. Ich fahre über ein paar bemerkenswerte Spitzkehren an der Burg vorbei und lande im kleinen Örtchen Seitenroda. Von hier führen ein paar Wirtschaftswege direkt unterhalb des Burghügels auf ein paar flache Weiden mit abgegrasten Wiesen. Ich halte auf der erstbesten Wiese direkt neben dem Weg und schlage mein Zelt auf. »Verstecken kann ich mich mit dem roten Zelt sowieso nicht. Dann sollen mich wenigstens alle finden, die etwas dagegen haben könnten«, rechtfertige ich mich vor mir selbst und verkrieche mich in meinen Schlafsack. Am nächsten Morgen hängt dicker Raureif an den Gräsern und die ersten Traktoren stampfen lautstark auf die Felder. Die Bauern grüßen freundlich und recken die Daumen in die Höhe. »Vielleicht macht der Corona-Lockdown auch ein wenig solidarischer«, denke ich und verstaue zufrieden meinen Schlafsack im Gepäck.

Nördlich der Stadt Jena schmiegt sich die B-88 dicht an die steilen Hänge des Saale-Tals. Die Anhöhen sind gespickt mit den Erkern romantischer Schlossanlagen wie den Dornburger Schlössern oder dem Burgenpaar Saaleck und Rudelsburg. Auch landschaftlich hat sich einiges verändert. Dominierten noch einige Flusskilometer aufwärts große Tannenwälder und steile Berghänge die Szenerie, sind es hier im Saale-Unstrut-Land vor allem rundliche Weinberge und beweidete Hochflächen, von denen aus sich weite Blicke in die Flusstäler ergeben.

Tatsächlich ist das Zweistromland der Saale und Unstrut ein ganz besonderes Fleckchen Erde. Es ist nicht nur das nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands, die Region zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen kämpft seit Jahren für den Status als Welterbestätte. Jedes noch so kleine Dörfchen in der Region beherbergt hier ein Jagdschloss, ein Rittergut oder zumindest ein altes Kloster.

An der Unstrut-Mündung bei Flusskilometer 161,83 verlasse ich die Saale und fahre die Unstrut hinauf. Schon die ersten Kilometer flussaufwärts beginnen mit wunderschönen Kurven durch die trockenen Kalkhügel. In der gleißenden Morgensonne spüre ich richtig, wie die warme Luft durch die Reben hinaufsteigt und die Süße in die saftigen Trauben bringt. Vorbei an der Weinstadt Freyburg geht es 200 Meter hinauf zum Kloster Zscheiplitz. Das Weingut im Klostergarten hat freilich geschlossen, aber von den Türmen der Abtei lässt sich das gesamte untere Unstrut-Tal überblicken.


Ich halte auf der erstbesten Wiese und schlage mein Zelt auf. Verstecken kann ich mich mit dem roten Zelt sowieso nicht


Ein letztes Mal schaue ich zurück auf die Flussauen, stärke mich etwas und packe bald darauf meine Sachen in die Gepäckrolle. Nachdenklich hat mich dieses Abenteuer im Taschenformat gemacht. Klar, man muss nicht in die Ferne schweifen, um etwas zu erleben. Neues und Spannendes gibt es auch vor der eigenen Haustür. Aber etwas, das ich vorher nie bewusst wahrgenommen habe, fehlt doch. Es ist die Aufregung, sich in fremden Kulturen zu bewegen, die Unsicherheit, eine Sprache nicht zu verstehen und viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt zu sein. Es ist die Freude, auf Einheimische zu treffen, aber auch Gleichgesinnten zu begegnen. Fernweh stillt man halt nur in der Ferne.

Das Rokoko-Schloss in Dornburg scheint direkt wie aus einem Märchen entsprungen.