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Deutschland: Hessen: Die Lahn – Party- oder Wanderfluss?


Kanu Sport - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 01.10.2019

„Was, ihr wollt auf die Lahn? Voll der Party-Fluss!“ – Auf Party stand uns nicht der Sinn. Also lieber einen anderen Fluss suchen? Eigentlich sehen die Bilder von der Lahn und der Umgebung im Internet ganz vielversprechend aus: Viel Natur und viel Kultur.


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Die Lambertuskirche auf ihrem Felsen hoch über der Lahn in Dietkirchen.


Wohl auch deswegen zählte man schon 2012 etwa 2,4 Millionen Übernachtungen und 30 Millionen Tagesgäste. Für über 10.000 Arbeitsplätze sorgt so die Lahn, kann man einer Broschüre des Vereins PROLAHN entnehmen, der sich um die Entwicklung und Nutzung des Flusses bemüht. Egal, die Planungen stehen, wir machen uns auf den Weg nach Wetzlar. Unser Faltbootzweier und der PE-Zweier unserer Freunde haben ab dort sicherlich genügend Wasser unter sich, und außerdem liegt Wetzlar für uns verkehrstechnisch recht günstig an der A 45. Zu viert wollen wir mit zwei Booten von Wetzlar bis etwa nach Bad Ems paddeln. Das sind ca. 110 Flusskilometer. Zeit wollen wir uns lassen, um auch etwas von den Sehenswürdigkeiten rechts und links der Lahn zu sehen. Wir könnten aber grundsätzlich auch weiter oberhalb des Flusses starten, z. B. in Roth. Ein prima Platz zum Aufbau des Zeltes ist auf dem Campingplatz Wetzlar schnell gefunden. Nach den zahlreichen Regentagen dieses Sommers gibt es noch genügend Stellplätze. Unsere beiden Autos dürfen wir auch gegen Gebühr für die Zeit unserer Paddeltour auf dem Zeltplatz sicher abstellen. Eine Besichtigung der historischen Innenstadt von Wetzlar lohnt auf jeden Fall. Schmucke Fachwerkhäuser und der Dom zeugen von der großen Bedeutung, die die Stadt einmal hatte. Sogar Goethe war hier, wie wir immer wieder erzählt bekommen. 1772 hat er ein Praktikum am Reichskammergericht absolviert. Eine moderne Seite hat Wetzlar auch. Für Fotofreunde ist z. B. der Leitz-Park der Firma Leica sicherlich ein absolutes Muss.
Uns zieht es bald zurück an die Lahn. Erst zur Besichtigung der Bootsgasse bei Flusskilometer 12 und dann zur Rollenbahn an der Staustufe hinter der historischen Brücke von Wetzlar. Die Bootsgasse ist sicherlich be- fahrbar, wir werden aber vorsichtshalber treideln, die Rollenbahn ist gut ausgebaut. Mit vereinten Kräften werden wir über sie die zwei beladenen Boote transportieren können. So kommt es dann auch am nächsten Tag. Nach den Regentagen herrscht bestes Paddelwetter, auf dem Fluss sind Partygäste weit und breit nicht zu sehen. Die kräftige Strömung der nun gut gefüllten Lahn zieht uns zügig zur ersten Selbstbedienungsschleuse in Altenberg. Nur eine Kanubesatzung kurbelt kräftig am Mechanismus der Schleusentore. Gewartet werden die Schleusen und die Wasserstraße regelmäßig, wie mir ein Arbeiter erzählt, der gerade die Funktion der Schleuse kontrolliert. Auf das Kraut vor der Schleuse angesprochen, erklärt er, dass aus Naturschutzgründen in einem Jahr die eine, im folgenden dann die andere Seite entkrautet wird. Auf der ganzen Paddelstrecke können wirfeststellen, dass alles prima in Schuss gehalten wird. Die nächsten Schleusen Oberbiel und Niederbiel lassen schnell eine Schleusenroutine aufkommen. Am Zeltplatz Schooleck angekommen, erahnen wir angesichts der gestapelten Kanus, welche Mengen an Booten von den Verleihern vorwiegend auf Tagesausflüge geschickt werden können.

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Der Felsen Bodensteiner Lei.


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Eingang zum Schiffstunnel in Weilheim.


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@@Mittelalterliche Mauer vor Dausenau direkt an der Lahn.


Weilburg – Erlebnis Schiffstunnel

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Vor Weilburg lässt die Strömung mehr und mehr nach. Macht aber nichts. Wir genießen die Flussstrecke, auf der die bewaldeten Berghänge bis ans Ufer reichen und die Bäume teilweise ihre Äste weit über die Lahn strecken.

Wenn die begleitende Bundesstraße und die Bahnstrecke sich vom Flusslauf entfernen, wird es richtig idyllisch und still. Darüber, woher das Selters, Synonym für Mineralwasser, kommt, haben wir uns nie Gedanken gemacht. Als wir am Örtchen Selters vorbeifahren, wird uns klar, wo der Spruch „Sekt oder Selters“ seinen Ursprung hat. Hinter der Schleuse Löhnberg hört die Strömung ganz auf. Vor der Flussbiegung in Weilburg stoßen in einem regelmäßigen Strom Leihkanus vom Ufer ab und bevölkern die Lahn. Alles strebt auf die linke Bergwand zu, in der sich ein großes, schwarzes Tunnelloch für uns Paddler öffnet. Bald sind auch wir im dunklen, kühlen Tunnel verschwunden. Als sich die Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen, erkennen wir vor uns Dutzende von Kanus, die vor einem hohen Schleusentor, das den Tunnelausgang verschließt, warten. Durch einen Spalt am oberen Rand dringt ein schmaler Lichtstreif, sonst ist es zappenduster. Die Akustik ist „hervorragend“. Bald haben Spaßvögel herausgefunden, dass man auf den wasserdichten Tonnen und den Kanus prima trommeln kann und dass der Tunnel mit seinem tollen Echo das Dröhnen mächtig verstärkt. Dazu wird gejuchzt, gerufen, gesungen, Blödsinn gemacht. Von hinten kommen immer mehr Kanus an. Schließlich werden wir von der Haltestange an der Tunnelwand abgedrängt und in der Menge eingeschlossen.

Der einzige Schiffstunnel Deutschlands ist die versprochene Paddelsensation der Lahn, allerdings nur für die, die nicht unter Platzangst leiden. Irgendwann haben zwei Kanubesatzungen das Tor aufgekurbelt, wir werden mit der kompakten Kanumasse Richtung Schleusentor geschoben, dann schließt es sich wieder. Dicht gedrängt stehen die Boote im Tunnel, man kommt mit den Bootsbesatzungen rechts und links ins Gespräch: Wo geht es hin, wo kommt man her? Was ist ein Faltboot? Was hat man so alles mit? Wie passt das da rein? Wo schläft man am Abend? Was bedeutet der Wimpel mit dem DKV? Je länger wir warten, desto lauter wird die Tunnelparty. Irgendwann werden auch wir aus dem Tunnel und der Schleusenkammer gespült, um vor dem nächsten Schleusentor zu landen, es handelt sich nämlich um eine Doppelschleuse.

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Andrang vor der Schleuse Kirschhofen.


Endlich sind wir durch und legen einen Sprint ein, um der Kanumasse zu entkommen. Nach 4,5 Kilometern stehen wir vor der Schleuse Kirschhofen. Die Kanus stauen sich auch hier unorganisiert vor dem verschlossenen Schleusentor, von hinten fahren Kanus ungebremst auf die Wartenden auf, einige rückwärts, andere quer. Wie die das schaffen, ist uns schleierhaft. Die Party geht weiter. Alle sind entspannt und guter Laune. Über der ganzen Szene schwebt der Bass einer Musikanlage.

Da wird doch tatsächlich eine Mandeltorte (natürlich glutenfrei!) von Boot zu Boot gereicht. Dank an die freundlichen Spender. Als das Schleusentor sich öffnet, rückt die kompakte Kanumasse Richtung Schleusenkammer vor. Niemand scheint zu paddeln, aber es geht vorwärts. Die Dynamik von Masse ist für uns Laien halt ein Geheimnis. Inzwischen sind die Mannschaften der Leihkanus mutiger geworden. Einige kreuzen wild von rechts nach links über den Fluss, andere lassen sich treiben, ein Pärchen verschwindet mit seinem Kanu unter dem Gelächter von Freunden und Bekannten ungewollt, aber laut juchzend, in einem überhängenden Weidengebüsch am Ufer. Nur gut, dass es eine Schwimmwestenpflicht gibt.

Ein Ruhetag in Weilburg

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Wir beschließen, eine Partypause einzulegen und besuchen Weilburg. So entkommen wir dem gut gelaunten Trubel und lernen dafür das idyllische Weilburg mit seinem imposanten Schloss und dem sehenswerten Schlossgarten kennen. Zurück auf dem Campingplatz Gräveneck fällt uns umso mehr die andere Seite der Lahn auf. Der 22 Meter hohe Turm aus rotem Backstein, das Hauptgebäude des Campingplatzes, gehörte bis 1966 zu einer Eisenerzgrube.

Morgens sind es im Zelt knapp +10 Grad, Morgennebel hüllt das hier enge Lahntal und den Campingplatz dicht ein. Als die Sonne höher steigt, verzieht sich auch der Nebel und wir haben bestes Paddelwetter. Die Lahn haben wir für uns alleine. Im Laufe des Tages kommen ab und zu einzelne Kanus und eine Kajakgruppe hinzu. Unterwegs gibt es für uns viel zu sehen, felsige, steile Hänge, bewaldete Ufer, ein gewaltiger Felsen, der unvermittelt hoch über das Ufer ragt. Es handelt sich um die „Bodensteiner Lei“. Kurz darauf kommt die berühmte Marmorbrücke von Villmar. Man muss schon wissen, dass sie aus Marmor ist. Aber sie erinnert daran, dass hier im Lahntal das Zentrum des Marmorabbaus war. Von hier ging der Marmor sogar bis nach Amerika ins Empire State Building und in die UBahn Stationen von Moskau.

Bald ist auch schon Runkel mit seiner spektakulären Burgruine erreicht. Die beiden Burgtürme ragen wie zwei mittelalterliche Hochhäuser über der ältesten im ursprünglichen Zustand erhaltenen Brücke der Lahn. Über 550 Jahre kann man auf ihr die Lahn überqueren. Der Fluss hat nun wieder an Strömung gewonnen, sodass die Anlandung an der steilen Anlegestelle zum Campingplatz etwas geübt sein will. Ein Kanu will anlegen, schafft es nicht, gegen die Strömung zu wenden, und verschwindet hinter der Flussbiegung.


“Es gibt kaum einen Fluss in Deutschland, an dem es so viele unterschiedliche Sehenswürdigkeiten und eine so abwechslungsreiche Naturkulisse gibt”


Kultur, Geschichte und bauliche Sehenswürdigkeiten

Auch dieser Campingplatz liegt ganz in der Nähe eines Bahnhofs. Da bietet es sich an, von hier aus Limburg mit seiner historischen Altstadt, dem Dom und der inzwischen allbekannten Bischofsresidenz einen Besuch abzustatten. Das ist überhaupt ein Vorteil der Lahn. Es gibt kaum einen Fluss in Deutschland, an dem es auf einer so relativ kurzen Strecke so viele unterschiedliche kulturelle, geschichtliche oder bauliche Sehenswürdigkeiten von hohem Rang gibt, und dies zudem noch in einer interessanten und abwechslungsreichen Naturkulisse.
In kurzen Abständen findet man Unterkunftsmöglichkeiten, die an einem Bahnhof liegen. So kann man bequem zu den zahlreichen Sehenswürdigkeiten fahren und sie besichtigen, auch wenn sie nicht Ziel einer Tagesetappe sind.
Es hat seinen besonderen Reiz, sich einer Stadt, die man am Vortage besucht hat, nun auf dem Wasser- wege zu nähern. Sehenswürdigkeiten, an denen man tags zuvor mit dem Zug vorbeigerauscht ist, nähert man sich nun in aller Gelassenheit und Ruhe. Eine Wasserschildkröte sonnt sich auf einem dicken Ast im flachen Wasser, die Schwäne haben auch hier alle paar hundert Meter ihr Revier abgesteckt, genießen die Sommersonne und nehmen von uns Paddlern kaum Notiz. Natürlich haben sich auch hier inzwischen die Nilgänse angesiedelt. In Dietkirchen wächst wieder ein gewaltiger, steiler Felsen unmittelbar aus dem Ufer der Lahn. Oben scheint die ehemalige Stiftskirche wie eine mittelalterliche Festung direkt aus dem Felsen geformt zu sein. Kurz vor Limburg unterqueren wir die Brücke der Autobahn A3, die sich auf schon fast filigranen Säulen über das sich nun weitende Lahntal spannt. Wenn man flussabwärts auf Limburg zufährt, kann man erahnen, was sich die Baumeister des Doms gedacht haben mögen: „Wie kann ich mit Architektur ein Maximum an Eindruck bei den Menschen erreichen?“ Der Fluss lenkt uns unmittelbar auf die spektakuläre mittelalterlich Kulisse zu. Links thront auf dem hohen Steilufer grau und kantig die alte Burg, rechts von ihr ragen die sieben spitzen Türme des Doms in vollkommener Symmetrie in die Höhe. Die Dächer von der Apsis, von den Türmen der Querschiffe rechts und links sowie die beiden Haupttürme flankieren immer höher steigend den alles überragenden mittleren Hauptturm. Die helle Mittagssonne lässt die rot-weiße Fassade des Doms noch mehr strahlen. Mit der Burg eine perfekte architektonische Inszenierung von mittelalterlicher weltlicher und kirchlicher Macht für alle Reisenden, die sich auf dem Fluss von Osten her Limburg nähern.

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Die Rollenbahn für Kanu und Kajaks am Wehr.


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Kanus starten unterhalb des Schlosses.


Ab hier werden wir von freundlichen Schleusenwärtern geschleust. Gelegentlich kommen uns nun auch größere Motorboote entgegen. Die haben es aber nicht eilig, sodass Motorboote und Paddelboote gut miteinander auskommen. Irgendwie schafft es die Flusslandschaft, Gelassenheit zu verbreiten. Die Landschaft wird flacher und der Fluss scheint sich dem anzupassen, indem er gemächlich dahinfließt. Am Schloss Oranienstein in Diez, eines der Stammhäuser des niederländischen Königshauses, sehen wir, dass die Campingwiese am Restaurant „Das neue Mühlchen“ kaum belegt ist. Wir machen Halt und verbringen den sonnigen Nachmittag faul an Land, lesen, klönen, kochen gemeinsam. Urlaub vom Feinsten.

Genuss trotz Regen

Gut, dass wir den Vortag so ausgiebig genossen haben. In der Nacht beginnt es in Strömen zu regnen. In einer Regenpause bauen wir morgens die Zelte schnell ab, beladen die Boote und sind bald selbst regensicher verstaut. Verabschiedet werden wir von den melancholischen Klängen eines Didgeridoos, dem traditionellen Musikinstrument der nordaustralischen Aborigines, das ein Campinggast für uns spielt. Vielleicht war es eine geheimnisvolle Melodie, mit der nicht die Sonne, sondern die Regenzeit beschworen wird. Es regnet immer heftiger, aber wir sitzen trocken in unseren Booten. Die bewaldeten Berghänge rücken nun wieder näher an den Fluss heran und engen ihn immer mehr ein. Wir sind allein auf dem Fluss, der Regen prasselt gleichmäßig auf die Wasseroberfläche, Dunstwolken steigen im Wald an den Uferhängen auf. Sonst ist es still. Es hat was von Amazonas in der Regenzeit. Auch im Regen kann man diesem besonderen Streckenabschnitt der Lahn viel abgewinnen. Am linken Ufer tauchen Abfüllstutzen aus Beton auf, die schon dicht von Bäumen eingeschlossen sind. Hier wurden Schiffe mit dem beladen, was man an Bodenschätzen abbaute. Die hohen, farbigen Steinklippen zeugen davon, wie geologisch interessant diese Gegend ist. Ein Besuch des „Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus“ wäre sicherlich lohnend. Die Lahn schlängelt sich nun in zahlreichen Windungen durch die immer höher werdenden Berge an ihren Ufern. Hinter der Schleuse Cramberg macht der Fluss eine riesige Schleife. Von dort aus, an der schmalsten Stelle der Flussschleife, hat man einen Wassertunnel durch den Berg getrieben. Am Ende der Flussschleife, nach der Schleuse Scheidt, kommt am linken Flussufer der Auslauf des Wasserkraftwerkes. Jede Menge Plastikflaschen, Treibholz, eine ertrunkene Ratte und zahlreiche tote Fische, einen langen Aal und sonstigen Unrat spuckt das Wasserkraftwerk aus. Es ist uns unverständlich, dass das möglich ist. Es ist ein schlimmer Anblick, wie der ganze Dreck die Lahn hinunter treibt und sich nach und nach in der Ufervegitation verfängt.

Angler berichten, dass das keine Ausnahme sei. Naturschutz geht anders. In Laurenburg lockt uns der Gasthof Lahntal. Dort können wir die Wiese direkt am Ufer für unsere Zelte und den großen Dachboden zum Trocknen unserer Sachen nutzen. Abends haben wir uns ein Tellerschnitzel mit einer Extraportion Pommes verdient. Tagebucheintrag: „Es regnet ununterbrochen.“ Der Fluss ist merklich gestiegen und wird immer brauner von den mitgeführten Sedimenten. Nach dem Frühstück nieselt es nur noch, Zeit zum Packen. Kaum sitzen wir in unseren Booten, prasselt der Regen heftig nieder. Die Schleuse Kalkofen taucht bald im Regendunst auf. Sie hat für uns besondere Bedeutung. Der Pegel Kalkofen ist als Hochwasserpegel für die Lahn hier maßgebend. Ab 3,60 m ist die Lahn für jeglichen Bootsverkehr gesperrt. Die Lahn steigt weiter, aber wir können passieren. Kloster Arnstein thront hoch oben am Berghang, Weinberge begleiten uns ein Stück, dann wieder Wald. Ab und zu kommt uns ein Motorboot entgegen. Warum im sonst zuverlässigen Paddelführer steht, dass es von der Schleuse Hollerich bis Nassau ein etwas zähes Stück Paddelei sei, erschließt sich uns trotz des Dauerregens nicht. Dass der Blick auf die noch erhaltene mittelalterliche Stadtmauer von Dausenau von der Lahn kommend ein Erlebnis ist, dem können wir dagegen uneingeschränkt zustimmen. Die nüchterne Betonbrücke, auf die man zufährt, muss man allerdings ausblenden. Für uns ist hier Schluss. Die Lahn steigt unaufhörlich. Der Pegel Kalkofen springt innerhalb von 24 Stunden von 2,00 auf 4,60 Meter und es regnet heftig weiter. Noch stehen wir auf dem Campingplatz Dausenau hoch genug, müssen am späten Abend aber eines unserer Zelte aus einer Pfütze auf eine etwas höhere Stelle ziehen.
Bei einer guten Flasche Rotwein, geschenkt von der freundlichen Platzchefin, kommen wir auf die Frage zurück, ob die Lahn ein Party- oder Wanderfluss ist. Der Lahn gelingt anscheinend durch die Zeiten hindurch das seltene Kunststück, es allen recht zu machen: Die einen können auf ihr ausgelassen die Freizeit genießen, die anderen können, wenn sie bestimmte Tage meiden, in Ruhe und Gelassenheit die großartige Flusslandschaft genießen. Vielen Ortsansässigen ermöglicht der Fluss zudem ihr Auskommen. Wir kommen sicherlich wieder, denn auf unserer Paddeltour haben wir nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die die Lahn bietet, gesehen und erlebt.

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Bewaldete Hänge bis an die Lahn vor Weilburg.


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Verwinkeltes Gässchen in der Altstadt von Limburg.


Infos

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Etappen

Campingplatz Wetzlar – Zeltplatz Schooleck 12,5 km

Zeltplatz Schooleck – Campingplatz Gräveneck 24 km

Campingplatz Gräveneck – Lahntours- Campingplatz Runkel 18 km

Lahntours-Campingplatz Runkel – Campingplatz „Das neue Mühlchen“, Oranienstein 14,5 km

Campingplatz „Das neue Mühlchen“ – Camp. Wiese „Gasthof Lahntal“, Laurenburg 20,5 km Camp. Wiese „Gasthof Lahntal“ – Campingplatz Dausenau 20 km

Gesamtstrecke: ca. 110 km

Schwierigkeit/Bootsverkehr

Keine besonderen Schwierigkeiten. Entsprechende Vorsichtsmaßnahmen müssen natürlich eingehalten werden und Regeln sowie Anweisungen befolgt werden.

Auf der beschriebenen Strecke ab Wetzlar gibt es in Wetzlar selbst eine Rollenbahn und eine Bootsgasse an zwei Wehren, die aber gut ausgebaut sind. Auf der Strecke gibt es weiterhin 9 Schleusen in Selbstbetrieb und ab Limburg 7 Schleusen mit Schleusenwärtern. Ab Limburg muss man verstärkt mit größeren Motorbooten und auch Passagierschiffen rechnen. Der Bootsverkehr hält sich aber in Grenzen. Wasserskistrecken sind ausgeschildert. An Sonn- und Feiertagen sowie Wochenenden sind besonders viele Mietboote unterwegs. An den Schleusen kann es sich dann stauen. Schwäne gibt es eine ganze Menge an und auf der Lahn. Paddler wissen, dass sie gelegentlich ihr Revier rabiat verteidigen können. Durch den ausgeprägten Wassersport auf der Lahn machen sie aber einen ganz entspannten Eindruck, auch wenn sie Junge bei sich haben. Trotzdem sollte man sich ihnen respektvoll nähern.

Befahrensregeln

Für den Bereich des Schiffstunnels und der Doppelschleuse Weilburg gibt es eine schifffahrtspolizeiliche Anordnung, z.B. Schwimmwestenpflicht und das Einhalten einer Rettungsgasse im Tunnel, www.oberlahn.de/29-Nachrichten/nId,199928,Vorsicht-auf-der-Lahn.html

Befahrbarkeit/Pegel

Ab 3,60 m ist die Lahn für jeglichen Bootsverkehr gesperrt. Infos bei HW Pegel Kalkofen 0643/19429. Sonstige Hinweise (z.B. Schleusen) siehe Merkblatt für Wassersportler auf der Bundeswasserstraße LAHN des Wasser- und Schifffahrtsamt Koblenz, www.elwis.de/Freizeitschifffahrt/V erkehrsvorschriften/wasserstrassenbezogen/ Merkblatt-Lahn.pdf. In der Zeit vom 01.11. bis 31.03. jeden Jahres wird nur nach Anmeldung der Schleusung beim WSA Koblenz geschleust, 06432/9528-0, innerhalb der Dienstzeiten.

Unterkunft

Zahlreiche Vereine, Campingplätze, Veranstalter und Gasthöfe bieten in dem touristisch voll erschlossenen Lahntal Übernachtungsmöglichkeiten an. So können Tagestouren und Tourenabschnitte ganz individuell geplant werden.

Transfer zum Einstieg

Entlang der Lahn führt die Lahn-Eifel-Bahn mit zahlreichen Zu- und Ausstiegsmöglichkeiten, lahneifel-bahn.de/

Sehenswürdigkeiten

Hinter jeder Flussbiegung gibt es neue Sehenswür Sehenswürdigkeiten, die man alle gar nicht aufzählen kann. Historische Altstädte, Burgen Schlösser, Dome, Kloster, Kirchen, Natursehenswürdigkeiten, geologische Besonderheiten, Industriedenkmäler, Museen, Geschichten und Geschichtliches warten auf Besucher. Als größere Städte seien hier nur Wetzlar, Limburg und Bad Ems genannt. Nicht zu vergessen ist die abwechslungsreiche Landschaft, die sich in den bergigeren Teilen mal verengt, danach wieder öffnet.
Informationen erteilt z. B. der Lahntal Tourismus Verband e. V., www.daslahntal.de

Buchtipps, Karten

Gewässer- und Radkarte Lahn (Marburg – Koblenz) Maßstab 1:75000, Jübermann – Kartographie und Verlag Lahn (Roth – Lahnstein), Kanu Kompakt, Thomas Kettler Verlag (mit topographischen Wasserwanderkarten inkl. Radwanderweg im Maßstab 1: 75 000)

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Fotos: Müller / Ritterbach

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