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DEUTSCHLAND im Griff der CLANS


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 22.09.2022

Berlin im März 2017: Mitten in der Nacht steigen drei schwarz gekleidete Männer durch ein ungesichertes Fenster ins Bode-Museum ein. Der Prachtbau liegt nur rund 100 Meter von der Wohnung der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel entfernt. Das hat fast symbolischen Charakter: Während der Staat schläft, bereichern sich kriminelle Clans durch dreiste Verbrechen.

Die Eindringlinge sind gekommen, um ein ganz bestimmtes Ausstellungsstück zu stehlen: Die „Big Maple Leaf“, rechts unten zu sehen, besteht aus reinem Gold, hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern und gehört zu den kostbarsten Münzen der Welt. Ihr Wert liegt bei etwa 3,3 bis 4 Millionen Euro.

DREISTER DIEBSTAHL MIT FETTER BEUTE

Die Diebe zertrümmern die Vitrine mit einer Axt und wuchten die Münze auf ein Rollbrett. Das schieben sie zum Fenster, wo sie ihre Beute auf eine Schubkarre wuchten und zum Fluchtwagen bugsieren. Seitdem fehlt von dem ...

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... Goldstück jede Spur. Dass der Schaukasten nicht alarmgesichert ist, hat einen einfachen Grund: Niemand konnte sich vorstellen, dass eine Münze gestohlen wird, die stolze 100 Kilogramm wiegt.

Die Einbrecher kommen aus dem arabischen Remmo-Clan, der aus 13 Familien besteht und bis zu 1000 Angehörige haben soll. Deren kriminellen Mitgliedern rechnete die Berliner Staatsanwaltschaft allein im Jahr 2017 mehr als 1000 Straftaten mit einer geschätzten Schadenssumme von mehr als 28 Millionen Euro zu. Der spektakuläre Münzraub ist nur einer von vielen Diebstählen arabischer Clans. Weitere Beispiele, die für Aufsehen sorgten: 2010 stürmen vier maskierte, mit Macheten und Pistolen bewaffnete Männer ein Berliner Hotel, in dem gerade ein internationales Pokerturnier ausgetragen wird. Als sich ihnen Wachmänner in den Weg stellen, kommt es zu Rangeleien. Die Räuber f lüchten mit einer Beute von 242.000 Euro, werden aber gefasst und zu mehrjähriger Haft verurteilt.

Abschreckend wirken diese Strafen offenbar nicht. Im Oktober 2014 brechen Mitglieder des Remmo-Clans in Berlin-Mariendorf in eine Bank ein und plündern 323 Schließfächer. Sie erbeuten Schmuck, Uhren, Gold, Münzen und Bargeld im Wert von zehn Millionen Euro.

SONDERERMITTLER IM DAUEREINSATZ

Keine zwei Monate später überfallen Gangster das Kaufhaus des Westens, weltbekannt unter dem Namen KaDeWe. Die Aktion dauert nur 79 Sekunden. Die reichen den fünf Männern, um mit Äxten und Hämmern so viele Vitrinen zu zertrümmern, dass sie mit 15 Rolex-Uhren und Diamantschmuck im Wert von rund 817.000 Euro f lüchten können.

2019 kommt es noch schlimmer. Am frühen Morgen des 25. November dringen Einbrecher mit brachialer Gewalt in das Grüne Gewölbe des Residenzschlosses Dresden ein und stehlen einzigartige Kunstobjekte und bedeutende Schmuckstücke abendländischer Kultur im Wert von knapp 114 Millionen Euro. Darunter auch den „Sächsischen Weißen“, einen 50 Karat schweren Diamanten, seit 1728 in sächsischem Besitz. Die Tat löst den größten Poli- zeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik aus. 40 Sonderermittler sind mit dem Fall befasst, bei einer Großrazzia sind 1600 Polizisten im Einsatz. Sechs mutmaßliche Täter werden verhaftet, doch wie schon bei den Raubzügen zuvor fehlt von der Beute jede Spur. Experten gehen davon aus, dass die Münze aus dem Bode-Museum eingeschmolzen und die Edelsteine aus den Dresdner Schmuckstücken herausgebrochen wurden. Damit wären die Kunstschätze unwiederbringlich zerstört.

DER REMMO-CLAN »

Issa Remmo gilt als einflussreicher Kopf der Berliner Familie. Er kam 1984 als Kleinkind aus dem Libanon, versteht sich als Friedensstifter und fühlt sich oft zu Unrecht an den Pranger gestellt

PROTZEN GEHÖRT ZUM GESCHÄFT

Die Täter in Dresden gehen mit großer Rücksichtslosigkeit vor: Als sie ihr Fluchtfahrzeug in einer Tiefgarage in Brand stecken, erfasst das Feuer weitere Autos, der Schaden: 421.000 Euro am Gebäude und 171.000 Euro an den Wagen. Weil sich die Gangster dabei verletzen, können sie aufgrund der DNA-Spuren ermittelt werden. Zwei von ihnen standen schon wegen des Münzraubs zweieinhalb Jahre zuvor vor Gericht. Weil das Urteil nicht sofort vollstreckt wird, bleibt Zeit für das nächste Verbrechen. Die Räuber versuchen nicht einmal, ihre Taten unauffällig zu begehen. Im Gegenteil: Protzen gehört zum Geschäft. Ihre Verbrechen sehen sie auch als eine Demonstration der eigenen Stärke und Überlegenheit. Die Journalisten Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer beschäftigen sich bereits seit zwei Jahrzehnten mit den Machenschaften krimineller Familienverbände. Sie sind Autoren des Sachbuchs „Die Macht der Clans“ (siehe Tipp Seite 23) und haben zudem mehrere TV-Reportagen über das Thema gedreht.

» Clans demonstrieren, dass sie stärker sind als der Rechtsstaat.«

THOMAS HEISE, Journalist

In einem ihrer Filme sieht man Ahmad Miri, der in einer Luxuslimousine durch Berlin fährt. Er nennt sich „Patron“, gilt als Kopf des Miri-Clans – und lebt von Sozialhilfe. Wie kann er sich dann ein so teures Auto leisten? „Das gehört mir nicht“, sagt er. Angeblich ist es nur geliehen. „In der Logik der Parallelgesellschaft verfügt das Individuum nicht immer über Eigentum. Viele Clans funktionieren nach dem Motto: Was meinem Bruder gehört, gehört auch mir“, erklären Heise und Meyer-Heuer. Ob Bruder, Neffe, Cousin oder Onkel: Die Familien sind derart groß und unübersichtlich verzweigt, dass es Ermittlern schwerfällt, Eigentum einem Clanmitglied konkret zuzuordnen.

Ahmad Miris Biografie gilt als typisch für eine kriminelle Clankarriere: Mit nur 14 Jahren überfällt er einen Supermarkt und erbeutet dabei nach eigenen Angaben 40.000 bis 50.000 Mark. Über die Jahre begeht er immer wieder Straftaten. 2021 wird er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, wegen gefährlicher Körperverletzung, Verstoß gegen das Waffengesetz und auch, weil er mehrfach ohne Führerschein gefahren ist.

Es ist offensichtlich: Der deutsche Staat und seine Gesetze interessieren kriminelle Clans nicht. Es sei denn, sie können ihn ausbeuten. „Sie kassieren Hartz IV und nebenbei noch Schutzgeld oder machen Geld im Drogenhandel“, sagt Meyer-Heuer. Zudem fallen sie » durch einschüchterndes Verhalten auf: „Clans versuchen, den öffentlichen Raum zu besetzen mit gewaltbetontem und aggressiv-selbstbewusstem Imponiergehabe“, so Heise und Meyer-Heuer. „Nur um der Gesellschaft zu demonstrieren, dass sie stärker sind als der Rechtsstaat und dessen Gesetze.“ Nicht einmal vor der Staatsgewalt machen sie Halt: „Da wird schon mal der Streifenpolizist der Sonnenallee vom Bürgersteig geschubst.“

In Berlin, Essen und Duisburg sind No-go-Areas entstanden, Stadtviertel, in die sich Polizisten nicht mehr trauen, weil sie bedroht werden. Schon bei simplen Straßenkontrollen werden Beamte schnell von einer Meute aus Clanmitgliedern umringt, die ihnen gefährlich werden können. „Wir beobachten, dass teils bewusst die Grenze des strafbaren Handelns nicht überschritten wird, die Aussagen werden aber unmissverständlich platziert“, sagt Stefan Majchrzak, Dezernatsleiter beim LKA Berlin.

MIRI-CLAN »

Als „Patron“ ist Ahmad Miri in Berlin gefürchtet. Er liebt schnelle Autos und teure Kleidung, obwohl er offiziell von Sozialhilfe lebt. Im Sommer 2021 wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt

Besonders in der niedersächsischen Provinz, wo die Ordnungskräfte personell unterbesetzt sind, terrorisieren Clans ganze Regionen. Anders als in der anonymen Großstadt sind Polizisten dort leicht ausfindig zu machen. Ein Spruch wie „Wir wissen, wo du wohnst“ ist sehr ernst zu nehmen. Nach Razzien wurden Reifen von Dienst- und Privatwagen von Beamten zerschnitten.

PERSONENSCHUTZ FÜR STAATSANWÄLTE

Auch Mitarbeiter von Ämtern oder Justizbeamte werden beschimpft und bedroht. Für Staatsanwälte gab es wiederholt Personenschutz. „Den Schutz der Betroffenen nehmen wir extrem ernst und machen durch gezielte Maßnahmen deutlich, dass wir Drohungen nicht hinnehmen“, sagt Clan-Jäger Majchrzak. Er hält sich zwar bedeckt, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, macht aber klar, dass man den Clans nicht hilflos ausgeliefert sei: „Wir haben geeignete Kommunikationskanäle, um im Zweifel auch mal einen hochrangigen Vertreter eines relevanten Clans erreichen zu können und entsprechende Botschaften zu platzieren.“

Für Thomas Heise ist das ein dringendes Problem: „Der Staat muss diejenigen schützen, die sich gegen die Interessen der Clans positionieren. Es darf nicht sein, dass Gerichtsvollzieher, Ordnungsamtsmitarbeiter, Polizisten und Bewährungshelfer aus persönlicher Angst zurückweichen müssen, wenn die Clans mit den Muskeln spielen. Die Angst ist das Kapital der kriminellen Großfamilien und Basis ihrer Macht.“

Einschüchterungen seien typisch für die Clans, meint auch der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban: „Ihre Verachtung für unsere Gesellschaft ist grenzenlos.“ Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und steht unter Polizeischutz. Einen Grund für das Selbstbewusstsein der Clans sieht er darin, dass unser Rechtssystem oft zu milde mit den Tätern umgeht. Sie verachten Deutschland als schwachen Staat. Bayern meiden sie, weil die dortige Polizei als nicht zimperlich gilt. „Respekt vor der Polizei zeigen viele kriminelle Clanmitglieder nur, wenn maskierte SEK-Beamte die Wohnungstür zersägen“, so Heise.

Laut BKA leben in Deutschland 200.000 Menschen, die arabischen Clans angehören. Wichtig: Nicht alle Mitglieder sind kriminell. „Ein Clan an sich ist zunächst völlig unkritisch, uns beschäftigen dessen illegale Aktivitäten“, betont LKA-Mann Stefan Majchrzak. »

Hotspots sind neben Berlin auch Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (siehe Karte Seite 18). Im Lagebericht der Polizei Berlin 2021 wurden in der Stadt 295 Personen der Clankriminalität zugerechnet.

„Das ist ein extrem abgeschottetes System“, sagt Majchrzak. „Es sind hierarchisch-patriarchalische Strukturen, in denen Familienehre oft eine besondere Bedeutung einnimmt.“ Wird die bedroht, kann es zu gewalttätigen Reaktionen kommen, sagt Majchrzak: „Jeder kriminelle Clan ist anders. Manche vertrauen auf eine Paralleljustiz durch sogenannte Parallelschlichter. Andere Clankriminelle neigen traditionell dazu, gewaltorientierter vorzugehen.“ Immer wieder kommt es zu Vergeltungsaktionen und regelrechten Straßenschlachten, bei denen geprügelt und geschossen wird.

Die Familie und ihre Ehre steht über allem, sie bietet Schutz und Sicherheit, der Einzelne muss sich unterordnen und sich im Notfall auch opfern. In diesem Sommer wurde in Berlin ein Mitglied des Remmo-Clans niedergestochen. Für Aufsehen sorgte auch der Mord an Nidal R. 2018. Acht Schüsse wurden vor den Augen seiner Kinder auf ihn abgefeuert.

» Noch nie ist es der Polizei gelungen, einen V-Mann im inneren Kreis zu etablieren.«

THOMAS HEISE, Journalist

GEWALT UND TOTE IM KRIEG DER CLANS

Die kriminelle Karriere von Nidal R. begann, als er zehn Jahre alt war. Noch bevor er nach dem Jugendstrafrecht belangt werden konnte, standen 20 Delikte in seiner Akte. Insgesamt verübte er als Jugendlicher 90 Straftaten. In der Publikation „Kriminalistik“ veröffentlichte ein Polizeibeamter anonym Zahlen über ihn: In 52 von 60 Fällen setzten die Gerichte die Urteile zur Bewährung aus oder sahen von einer Haftstrafe ganz ab.

Sein Tod sorgt 2018 für Unruhe im Milieu, wo er als Held und Märtyrer verehrt wird. Zu seiner Beerdigung kommen 2000 Menschen. Es folgen Vergeltungsaktionen, in die Nidals Bruder Mohammed verwickelt sein soll. Ende April 2022 wird der auf einem Volksfest niedergestochen und stirbt im Krankenhaus.

Laut Polizei gab es kaum Zeugenaussagen. Die Clans bleiben unter sich. „Es gibt keine andere Möglichkeit, Mitglied in einem solchen Clan zu werden, als in ihn hineingeboren zu werden“, so Thomas Heise. „Und es gibt keinen Weg hinaus als den auf der Bahre. Noch nie ist es deshalb der Polizei gelungen, einen V-Mann im inneren Kreis dieser Familien zu etablieren.“

AL-ZEIN-CLAN »

Die Al-Zeins um Mahmoud Al-Zein (r.) gehören zu den mächtigsten Clans des Landes. Sie stammen ursprünglich aus Südostanatolien

Kommt es doch zur Anklage, leisten sich die Clans die beste Verteidigung. So haben die Remmos für das Verfahren des 114-Millionen-Euro-Raubs in Dresden neun Topjuristen aufgeboten. Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn muss es mit einer Übermacht von spezialisierten Anwälten aufnehmen, wie er dem ZDF berichtet: „Uns stellen sich ganze Armeen an Anwälten entgegen. Das schaffen wir personell nicht.“ Die Gerichte sind unterbesetzt und überlastet. Deshalb verschleppen die Anwälte der Clans Prozesse und ziehen die Verfahren mit juristischen Tricks in die Länge.

Die Angeklagten selbst schweigen vor Gericht. Wenn es sein muss, gehen sie für ihren Clan auch ins Gefängnis, zumal die Strafen für Thomas Heise oft nicht im richtigen Verhältnis zu den Taten stehen: „Wenn du für zehn Millionen eine Sparkasse leer räumst und dafür vier Jahre Knast bekommst, dann lohnt sich das Verbrechen. Das ist ein Problem.“

WAFFEN UND GELD IM GARTEN VERGRABEN

Die Liste der von Clanmitgliedern begangenen Straftaten ist lang. In den Ermittlungsakten der Polizei finden sich Delikte wie Schutzgelderpressung, Diebstahl, Nötigung, Menschenhandel und Prostitution, illegales Glücksspiel, Drogen- und Waffengeschäfte, Betrug, Geiselnahme und Mord.

Als Staatsanwalt Radbod Tafaghodrad vor dem Düsseldorfer Landgericht im Juni dieses Jahres die 127-seitige Anklageschrift gegen sieben Mitglieder des Al-Zein-Clans vorliest, braucht er eine Dreiviertelstunde. Die Angeklagten kassierten vom Staat ungerechtfertigte Sozialleistungen in Höhe von 456.000 Euro, obwohl sie in einer 300 Quadratmeter großen Villa leben und teure Autos fahren. Auf die Schliche kam die Polizei den Betrügern durch eine Großrazzia im Sommer 2021, bei der in Duisburg, Düsseldorf und Leverkusen 31 Häuser und Geschäftsräume durchsucht wurden. Auf dem Anwesen des Clanchefs fanden Polizisten nicht nur Luxuswagen, sondern auch im Garten vergrabene Waffen und 290.000 Euro Bargeld. Das Oberhaupt war wegen illegalen Glücksspiels verhaftet worden. Die Al-Zein-Familie in Nordrhein-Westfalen zählt laut Polizeibericht 231 verdächtige Mitglieder, die für 351 Straftaten verantwortlich sein sollen. Zwar sei nicht jeder Angehörige des Clans aktiv kriminell. Aber laut des zuständigen Staatsanwalts Tafaghodrad profitieren alle in der Familie von den Straftaten, da alle Gelder in einen gemeinsamen Topf fließen.

Die Villa hatte ein Sohn des mutmaßlichen Clan-Oberhauptes gekauft. Er war angeblich in der Firma eines Freundes seines Vaters als Gebäudereiniger beschäftigt. Aber: „Tatsächlich hat er zu keinem Zeitpunkt gearbeitet, sondern seinen Lebensunterhalt durch Straftaten finanziert“, sagte Staatsanwalt Tafaghodrad vor Gericht.

Immobilien sind das wichtigste Mittel der Geldwäsche. Während Summen bis in den fünfstelligen Bereich in der Regel über Gemüsehändler, Barbershops, Wettbüros, Spielcasinos oder Nacht- und Shisha-Bars gewaschen werden, nutzen Clans für Immobilienkäufe das Hawala-Banking. Das Wort Hawala kommt aus der arabischen Sprache und bedeutet Vertrauen oder Austausch. Das »

System ist in muslimischen Ländern verbreitet und in Deutschland verboten. Vereinfacht ausgedrückt wird dabei illegal erworbenes Geld in bar an einen Mittelsmann, Hawalder, in einem anderen Land übergeben. Über weitere Strohmänner wird das Geld gewaschen, bis damit eine Immobilie gekauft wird. Hawalder gehören oft zu den Clans, die international verzweigt sind. Es kann aber auch eine andere Person sein, die das Vertrauen der Familie genießt.

GELDWÄSCHE DURCH STROHMÄNNER

„Sie transferieren ihr Geld oft in den Libanon“, erklärt Journalist Claas Meyer-Heuer. „Von da aus kaufen libanesische Strohleute Immobilien in Deutschland. So wächst das Vermögen und damit die Macht des Clans.“

Macht besitzen sie auch durch ihre schiere Größe. So soll der Miri-Clan deutschlandweit geschätzte 8000 Angehörige haben. Die benutzen viele unterschiedliche Namen. Mitglieder des Remmo-Clans heißen beispielsweise auch Remo, Ramo oder Rammo. Für den Al-Zein-Clan, auf dessen Konto der Raub im KaDeWe geht, sind 18 verschiedene Schreibweisen bekannt, etwa Al Zayn, Al Zain, Al Zeyn. Das ist für Behörden, die meist nicht vernetzt sind, schwer zu durchschauen und erschwert die Arbeit der Polizei.

Auch klassische Ermittlungsmethoden wie Zeugenbefragungen oder der Einsatz verdeckter Ermittler erweisen sich als wirkungslos bis unmöglich. Und selbst wenn es zu Anklagen kommt, können sich Zeugen plötzlich nicht mehr erinnern oder ziehen aus Furcht vor Racheakten ihre Aussagen zurück.

ABOU-CHAKER-CLAN »

Arafat Abou-Chaker vor dem Berliner Amtsgericht: Hat der ehemalige Manager von Bushido den Rapper bedroht und erpresst? Er bestreitet das

Verbrechen aller Art, Schäden in Millionenhöhe, rechtsfreie Räume, bedrohte Polizisten, überforderte Gerichte: Ist der Staat machtlos? Fast scheint es so. Experten sind sich sogar sicher, dass Clans längst auch schon Einfluss auf die Schaltstellen der Gesellschaft haben.

Der frühere LKA-Ermittler Klaus Nachtigall sagte in einem Interview mit RTL: „Für Clanmitglieder ist es kein Problem, Informationen aus polizeilichen Informationssystemen und aus der Justiz zu bekommen. Es gibt Bundestagsabgeordnete, die sich Personen aus der organisierten Kriminalität als Praktikanten holen.“ Nachtigall spielt auf den Fall des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Freiherr von Stetten an, bei dem der Rapper Bushido 2012 ein Praktikum absolvierte. Der hatte damals noch engen Kontakt zum Abou-Chaker-Clan, von dem er sich inzwischen zu befreien versucht.

Auch auf andere Art unterwandern Clans die Gesellschaft. In der ZDF-Doku „Kriminelle Clans“ erzählt ein ehemaliger Zivilfahnder anonym: „Die Macht der Großfamilien hat sich mit Sicherheit vergrößert. Es gibt Familienangehörige von Clans, die bei der Berliner Polizei sind. Es gibt immer wieder Löcher, wo Informationen gestreut werden.“ Die Gewerkschaft der Polizei warnt vor Bewerbern, die aus Clanfamilien kommen und eine Ausbildung bei der Polizei machen.

Clans halten einzelne Familienmitglieder bewusst von Straftaten fern, damit sie sich unbescholten bei der Polizei bewerben können. So erhalten sie Zugang zu Dienstrechnern und Kenntnis über bevorstehende Aktionen. Zudem sind sie in der Lage, Informationen über Ermittler zu sammeln, die dann von den Clans unter Druck gesetzt werden können. Die Polizei spricht von Einzelfällen, die man nicht vermeiden könne.

VERBRECHEN SIND HOCHPROFITABEL

Die Lage ist ernst. „Die Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig um das Problem gekümmert. Wir haben es verpennt“, hat Herbert Reul, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, in einem Interview mit dem „Spiegel“ eingeräumt.

» Wir setzen 1000 Nadelstiche. Die Clans dürfen keine ruhige Minute mehr haben.«

HERBERT REUL, Politiker

Er spricht von einem „Frontalangriff der Clans auf den Rechtsstaat“, der sich wehren müsse. Reul: „Wir sind dabei, das Vertrauen unserer Bürger zu verlieren.“

Ursache sind vor allem Fehler und Versäumnisse der Integrationspolitik über Jahrzehnte. Seit 1975 im Libanon ein Bürgerkrieg ausbrach, nutzten Flüchtlinge die Transitregelung zwischen der DDR und der BRD, die es ihnen ermöglichte, über Ost- nach Westberlin einzureisen. Sie wurden zwar geduldet, aber nicht integriert, bekamen keine Arbeitserlaubnis, für die Kinder bestand keine Schulpf licht – der Anfang einer Parallelgesellschaft. „In dem Machtvakuum, das entstand, entwickelten sich die Clans zu hochprofitablen kriminellen Unternehmen, mit jährlichen Umsätzen im geschätzten mittleren zweistelligen Millionenbereich“, so Heiser und Meyer-Heuer.

Inzwischen ist die Politik aufgewacht. Bundesinnenministerin Nancy Faeser räumte dem Thema bei ihrer Antrittsrede im Bundestag im Januar dieses Jahres höchste Dringlichkeit ein: „Wir werden besser als früher aus Fehlern lernen. Wir werden die Bekämpfung von Clankriminalität verstärken“, sagte sie.

Damit den Worten auch Taten folgen können, fordert die Gewerkschaft der Polizei mehr Mitarbeiter und eine bessere Ausstattung. „Man braucht mehr Personal, motivierte Ermittler, Staatsanwälte und Finanzermittler“, sagt auch Thomas Heise, der zudem die angestrebte bessere Vernetzung der Bundesländer und Behörden für erforderlich hält. Und Claas Meyer-Heuer ergänzt: „Das Problem muss international angegangen werden, denn es handelt sich bei den Clans um globale Netzwerke mit Verbindungen nach Schweden, dem Libanon und Südamerika. Eine Landespolizei allein ist dabei aufgeschmissen.“

BUCHTIPP

Thomas Heise, Claas Meyer-Heuer: „Die Macht der Clans“, Penguin Verlag, 352 Seiten, 11 Euro

NULL-TOLERANZ-STRATEGIE

Der Staat scheint bereit, es endlich mit den Clans aufzunehmen. NRW-Minister Reul spricht von einer „Null-Toleranz-Strategie“ und einer langfristig angelegten Taktik der „tausend Nadelstiche“. Konkret bedeutet das ein Zusammenwirken von Behörden und polizeiliche Präsenz, ständige Razzien in Shisha-Bars und Wettbüros, Beschlagnahmung von Luxusautos, Geld und Immobilien. Reuls Forderung: „Die Clans dürfen keine ruhige Minute mehr haben.“

Hilfreich ist dabei das Gesetz zur Vermögensabschöpfung, das 2017 in Kraft trat. Es ermöglicht, Vermögen unklarer Herkunft einzuziehen. Ein spektakulärer Schlag gelang der Justiz 2018, als 77 Immobilien des Remmo-Clans im Wert von neun Millionen Euro beschlagnahmt wurden. Das Landgericht Berlin ordnete die Maßnahme mit der Begründung an, die Anwesen seien mit Erlösen aus Straftaten erworben worden. Auch die Geldwäsche will die Regierung verstärkt bekämpfen. Geschätzte 100 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich gewaschen. Um illegale Finanzströme zu stoppen, plant Finanzminister Christian Lindner die Einrichtung eines Bundesfinanzkriminalamts.

Claas Meyer-Heuer ist überzeugt, dass der Staat bei der Bekämpfung der Clankriminalität einen sehr langen Atem braucht: „Das ist ein Langzeitproblem, dafür gibt es keine simplen Lösungen und kein Allheilmittel.“

THOMAS KUNZE