Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 14 Min.

Deutschland: Interview des Monats: „Wir brauchen in der Politik Menschen mit einer gewissen inneren Unabhängigkeit“


neue energie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 04.01.2021

… sagt Uwe Schneidewind. Der Wirtschaftsprofessor hat vor Kurzem die Oberbürgermeisterwahl in Wuppertal gewonnen – als gemeinsamer Kandidat von Grünen und CDU. Um die Stadt bis 2035 klimaneutral zu machen, setzt er auf seine Erfahrungen als Wissenschaftsmanager und den Mut der Menschen in seiner Kommune.


Artikelbild für den Artikel "Deutschland: Interview des Monats: „Wir brauchen in der Politik Menschen mit einer gewissen inneren Unabhängigkeit“" aus der Ausgabe 1/2021 von neue energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: neue energie, Ausgabe 1/2021

Uwe Schneidewind

ist seit zwei Monaten Oberbürgermeister von Wuppertal. Zuvor war der Ökonom mit Grünen-Parteibuch zehn Jahre lang Präsident des Wuppertal Instituts. Für sein wissenschaftliches Engagement zur Nachhaltigkeitsund Transformationsforschung erhielt er im Sommer letzten Jahres das ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von neue energie. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Flüssig – und überflüssig?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Flüssig – und überflüssig?
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von 30 Jahre: neue energie. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
30 Jahre: neue energie
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Deutschland: Nur halb fertig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Nur halb fertig
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Deutschland: Interview: „Das EEG 2021 enthält hohe Hürden“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Interview: „Das EEG 2021 enthält hohe Hürden“
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Deutschland: Gretchenfrage Tötungsrisiko. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Gretchenfrage Tötungsrisiko
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Deutschland: Interview: „Das eigentliche Problem hat mit den Ausschreibungen angefangen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Interview: „Das eigentliche Problem hat mit den Ausschreibungen angefangen“
Vorheriger Artikel
Flüssig – und überflüssig?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 30 Jahre: neue energie
aus dieser Ausgabe

... Bundesverdienstkreuz. Schneidewind ist Mitglied des Club of Rome und Vorsitzender der Kammer für nachhaltige Entwicklung der evangelischen Kirche in Deutschland.

neue energie: Herr Schneidewind, Sie sind seit November letzten Jahres Oberbürgermeister von Wuppertal. Womit haben Sie Ihre Amtszeit begonnen?
Uwe Schneidewind: Für mich geht es zunächst darum, das engste Team und die Führungskräfte in der Stadtverwaltung kennenzulernen. Ich tauche da ja in eine völlig neue Organisation ein. Ich bin also viel mit Kommunikation nach innen und Arbeit an den Strukturen beschäftigt. Und natürlich mit dem Corona-Management.

ne: Und inhaltlich? In Ihrem Wahlkampf haben Sie einen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz gelegt. Was sind da Ihre vorrangigen Ziele?
Schneidewind: Ich habe ein 100-Tage-Programm aufgestellt, mit acht zentralen Punkten. Einer davon lautet, in den ersten 100 Tagen ein klares Konzept zu entwickeln, wie Wuppertal bis 2035 klimaneutral werden kann. Das ist ein Schlüsselprojekt. Und ich habe Glück, die wissenschaftliche Kompetenz dafür direkt vor der Haustür zu haben. Im Auftrag der Fridays-for-Future-Bewegung hat das Wuppertal Institut kürzlich eine Studie gemacht, wie Deutschland das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen könnte. Diese Studie stellt eine Art nationalen Kompass dar. Wir werden also vermutlich sehr eng mit dem Wuppertal Institut zusammenarbeiten, um zu schauen, wie sich die Erkenntnisse aus der Studie auf die Ebene einzelner Städte herunterbrechen lassen. Auf dieser Grundlage kann ich dann in Gespräche mit den unterschiedlichen Verwaltungsressorts gehen.

ne: Das heißt, Sie folgen in Wuppertal im Prinzip den Forderungen von Fridays for Future?
Schneidewind: Zumindest den daraus abgeleiteten Konsequenzen, der Klimaneutralität bis 2035.

ne: Ist das nicht sehr ambitioniert?
Schneidewind: Über das Wuppertal Institut bin ich mit den Vertretern von Fridays for Future schon lange in der Diskussion. Da standen oft noch sehr viel ambitioniertere Ziele im Raum, zum Beispiel Klimaneutralität bis 2030. Dazu haben wir immer sehr deutlich gemacht, dass diese Vorgabe unrealistisch wäre, allein schon wegen der nötigen Umstellungszeiten im Gebäudesektor oder im Infrastrukturbereich. 2035 ist dagegen eine ambitionierte Größe, aber sie ist meiner Ansicht nach scha.bar. Insofern sind wir jetzt mit dem, was wir hier in der Stadt wollen, und dem, was die Fridays for Future gemeinsam mit dem Wuppertal Institut aufgezeigt haben, auf einer sehr ähnlichen Linie.

ne: Was folgt daraus konkret? Welche Schritte wollen Sie jetzt einleiten?
Schneidewind: Wir nehmen uns die Schlüsselbereiche der Stadt vor, die zentral für das Klima sind. Einer davon ist der ganze Komplex der Energieerzeugung. Hier müssen wir die komplette Umstellung auf regenerative Energien schaffen. Der zweite große Komplex ist der Gebäudebestand. Hier gilt es, ei- nen Weg zu finden, den CO.-Ausstoß drastisch zu mindern, etwa durch Senken des Energiebedarfs über Dämmung oder andere Wärmekonzepte und verstärkte Nutzung regenerativer Energien. Dritter Komplex ist die Industrie, da braucht es einen speziell auf die Industriestruktur der Stadt zugeschnittenen Transformationspfad. Und der vierte Komplex ist die Mobilität. In allen vier Bereichen möchten wir ermitteln: Was sind die Ist-Zustände? Wie kann darauf basierend ein Transformationspfad für die nächsten 15 Jahre aussehen? Und was wird das kosten? Mit ihrer hohen Verschuldung wird die Stadt Wuppertal die nötige Transformation ökonomisch nicht alleine stemmen können. Deshalb brauchen wir Zahlen, auf deren Basis wir dann mit dem Land und insbesondere mit dem Bund in Verhandlungen um Unterstützung gehen können.

ne: Was machen Sie, wenn die bestehenden Stadtstrukturen, etwa die lokale Wirtschaft, nicht mitziehen? Haben Sie als Oberbürgermeister überhaupt die Macht, größere Veränderungen durchzusetzen?
Schneidewind: Als Oberbürgermeister ist man in einer Moderator- und Transformatorenrolle. Mein Vorteil dabei ist, dass ich genau solche Transformationsprozesse von Städten in meiner Rolle als Präsident des Wuppertal Instituts in den letzten zehn Jahren auf nationaler Ebene immer wieder mitbegleitet habe. Aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass es ein gutes Zusammenspiel braucht zwischen politischer Rahmensetzung und dem Engagement des privaten Sektors. Weil private Investitionen nötig sind, müssen wir entsprechende Anreize implementieren. Und dazu braucht es auch eine kluge Kopplung zwischen Land und Bund. Mit unserem schwarz-grünen Bündnis haben wir im Stadtrat aktuell keine Mehrheit. Aber falls wir nach der Wahl im Herbst eine schwarz-grüne Bundesregierung bekommen sollten, könnten wir zu dieser Regierung vielleicht einen sehr engen Draht knüpfen und mit ihr gemeinsam Klimatransformationsstrategien angehen, auch auf Stadtebene.

ne: Apropos schwarz-grüne Bündnisse – fanden Sie es ein gewagtes Experiment, als gemeinsamer Kandidat von Grünen und CDU anzutreten?
Schneidewind: Natürlich war das ein gewagtes Experiment. Es war in vielerlei Hinsicht auch eine Zumutung für die Wähler. Man darf sich da nichts vormachen. Für viele CDU-Wähler ist die Abgrenzung von den Grünen ein Teil ihrer politischen Identität. Und vor allem für junge Grünen-Wähler ist die Abgrenzung von der CDU ein wichtiger Teil ihrer DNA. Einen Kandidaten zu haben, der mit beiden Parteilogos auf Plakaten auftritt, das war extrem mutig. Aber das Wahlergebnis hat gezeigt, dass wir eben auch eine sehr mutige Stadtbevölkerung haben.

ne: Was hat die Menschen zu solchem Mut bewogen?
Schneidewind: Sie haben erkannt, dass wir die großen Herausforderungen einer klimagerechten Transformation nur hinbekommen, wenn wir neue, kluge Verbindungen schaffen zwischen den Grün-Progressiven und den bürgerlichen Milieus. Nehmen Sie zum Beispiel ein umstrittenes Projekt wie die Mobilitätswende. Wenn wir da nicht Strategien entwickeln, die große Teile der Bevölkerung mitnehmen, dann verkämpfen sich die Stadtgesellschaften bei diesem Thema unendlich und es geht nichts voran. Wir in unserem schwarz-grünen Bündnis haben die Zusammenarbeit bisher als extrem fruchtbar wahrgenommen, weil beide Seiten mal aus ihren klassischen Blasen heraus müssen, bereit sein müssen, in neuen Perspektiven zu denken. Wie erfolgreich die Strategie am Ende tatsächlich ist, werden wir vermutlich erst in zehn Jahren richtig beurteilen können. Aber ich finde schon spannend, was wir hier versuchen, auch mit Blick auf ganz Deutschland.

ne: Sind Sie als Person aufgrund Ihres Lebenslaufs besonders gut als Spitzenkandidat einer schwarz-grüne Koaliton geeignet?
Schneidewind: Ja, klar. Beim Aufbau eines solchen Bündnisses hängt viel an der Person. Ich eigne mich, um Brücken zu bauen. Denn auf der einen Seite bin ich sehr konventionell sozialisiert: Betriebswirtschaftsstudium, Unternehmensberatung. Das heißt, wirtschaftliche Rationalität ist ein wichtiger Teil meines Denkens und Handelns. Außerdem habe ich mich in den letzten zehn Jahren stark in der evangelischen Kirche engagiert. Das passt durchaus zum Wertekompass der CDU. Andererseits passt die urchristliche Idee einer nachhaltigen Entwicklung, einer Welt, in der die Schöpfung bewahrt wird und in der alle die gleichen Lebenschancen haben, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer geschlechtlichen Orientierung und ihrem Wohnort, ebenfalls gut zu den Werten der grünen Milieus, auch wenn diese Ziele dort nicht unbedingt theologisch konnotiert sind.

ne: Gibt es auf Bundesebene eine ähnlich geeignte Integrationsfigur wie Sie für ein schwarz-grünes Bündnis?
Schneidewind: Ich könnte mir vorstellen, dass ein Kandidat für den CDU-Vorsitz wie Armin Laschet aufgrund seiner bisherigen politischen Biografie auch sehr authentisch als Brückenbauer auftreten könnte. Und Robert Habeck hat in Interviews immer wieder klar gemacht, dass Koalitionen für ihn nichts sind, was man als reine Beschränkung sehen sollte, sondern als einen politischen Baustein, um Ideen umzusetzen, gerade wenn man eine sehr umfassende Transformationsagenda hat. Daher glaube ich, dass es auf Bundesebene auch Integrationsfiguren gibt. Aber natürlich existieren in beiden Parteien auch Themenbereiche, in denen eine Übereinkunft noch sehr, sehr schwer vorstellbar ist – das ist ja in Wuppertal nicht anders.

ne: Wo glauben Sie denn, besonders gut mit der CDU in Wuppertal zusammenspielen zu können? Und wo sehen Sie die größten Hürden?
Schneidewind: Es gibt zum Beispiel ganz interessante Schnittmengen im Umgang mit Flächen. Es gab in Wuppertal etwa ein Naturgebiet, das fast 40 Jahre lang umkämpft war. Immer ging es um die Frage von Industrieansiedlungen, zuletzt sollte dort eine forensische Klinik gebaut werden. Nach vielen Gesprächen gerade auch mit Landwirten, also eher CDUnahen Milieus, haben wir nun entschieden, dieses Gebiet komplett aus dem Bebauungsplan herauszunehmen. Auch im Hinblick auf das für den Stadtumbau so wichtige zivilgesellschaftliche Engagement ist eine schwarzgrüne Konstellation eine große Chance. Es gilt, die traditionellen Bürgervereine, die freiwilligen Feuerwehren, die Kleingartenvereine mit den eher progressiven Initiativen zusammenzubringen, die eine neue Urbanität etwa im Verkehrssektor voranbringen wollen. Dieses Sich-für-seine-Stadt-engagieren, auch über den Eigennutz hinaus, das ist eine Gemeinsamkeit, auf der wir aufbauen können.

ne: Aber gerade bei der Mobilität gibt es doch große Differenzen zwischen Schwarz und Grün…
Schneidewind: Ich glaube, da verläuft der Riss zurzeit gar nicht immer unbedingt nur zwischen Schwarz und Grün, sondern er geht auch quer durch die CDU. Wir hatten etwa zwei CDU-Fraktionsvorsitzende, der eine ist ständig mit dem Rad in der Stadt unterwegs, der andere ist sehr stark engagiert im Mercedes-Geländewagen-Club. Die moderne Großstadt-CDU ist heute auch im Hinblick auf die Art, wie sie sich das Leben in den Innenstädten vorstellt, wie man zu einem Mix der unterschiedlichen Mobilitätsformen kommt, gar nicht mehr so weit weg von grünen Vorstellungen. Um in diesem Feld zu einem Kompromiss zu kommen, hilft es, Grundsatzverhärtungen, die man manchmal bei den Grünen findet, zu überwinden.

Zum Beispiel?
Schneidewind: Wir hatten hier eine Diskussion um Umweltspuren. Wenn ich in einer Stadt wie Wuppertal, in der kaum Radfahrer unterwegs sind, einfach eine Umweltspur für Radler reserviere und dort wirklich nur alle drei Minuten mal ein Radfahrer langkommt, dann vertieft das den Hass in der Stadtgesellschaft. Denn die Autofahrer, die im Stau ste Politihen, fragen sich natürlich: Warum wird diese Spur freigehalten, während sich die Autos auf den restlichen Fahrbahnen drängeln? Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass das Problem rein ideologisch angegangen wird. Wuppertal ist eine überdurchschnittlich stark autogerechte Stadt. Es geht also zunächst darum, über Vermeiden und Verlagern des Verkehrs und natürlich über eine konsequente E-Mobilität die Treibhausgas-Emissionen in diesem Bereich zu senken.

ne: Das klingt nach einer Politik der kleinen Schritte, wie wir sie beim Klimaschutz aktuell auch bei der Großen Koalition im Bund erleben. Fehlt Ihnen als Wissenschaftler da nicht der umfassendere Ansatz, der große Sprung nach vorn?
Schneidewind: Wir machen das wie in einem System kommunizierender Röhren. Das übergreifende Ziel der Klimaneutralität bis 2035 haben wir dabei als Referenz, an der wir unsere Maßnahmen immer wieder messen müssen. Das heißt, wenn ich bei einer Einzelmaßnahme Kompromisse eingehen muss, weil ich spüre, dass sie in der Stadtgesellschaft noch nicht durchsetzbar ist, führt das automatisch zu Diskussionen darüber, wie wir das an anderer Stelle kompensieren können. Man muss also immer das übergeordnete Ziel vor Augen haben, um nicht jede Maßnahme über Kompromisse kleinzukochen. Wir möchten auf diese Weise eine Art produktive Lernarena scha.en, gerne auch gemeinsam mit anderen Städten wie Bonn oder Aachen, die sich ähnliche Ziele gesetzt haben. Ich hoffe, dass so die nötige Dynamik entsteht.

ne: Hilft Ihnen bei dieser Heransgehensweise an das neue Amt Ihr Hintergrund aus der Forschung?
Schneidewind: Was mir jetzt besonders hilft, ist meine Erfahrung im Forschungsmanagement. In dieser Anfangssituation bin ich vor allem als Führungskraft gefragt. Wenn man eine Organisation mit 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernimmt, ist es hilfreich, schon mal Organisationen geleitet zu haben. Ich war Präsident der Universität Oldenburg mit 2000 Mitarbeitern und habe zuletzt mehr als zehn Jahre lang das Wuppertal Institut geführt. Deshalb habe ich Erfahrung, wie man Organisationen handlungsfähig macht und wie man Leute motiviert. Aus meiner Forschertätigkeit bringe ich zudem eine relativ intensive Einsicht in Veränderungs- und Transformationsprozesse mit, nicht nur theoretisch, sondern aus der konkreten empirischen Arbeit mit vielen Städten, Bundesländern und nationalen Regierungen. Insofern ist das, was ich vorher gemacht habe, ein tolles Kapital für meinen jetzigen Job, auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Die wissenschaftliche Dimension ist da nur ein Baustein.

ne: Halten Sie es generell für wichtig, wissenschaftliche Fachkenntnisse in die Politik einzubringen?
Schneidewind: Ich finde es richtig, wenn Wissenschaft sich stärker in die Gesellschaft einbringt. Wissenschaftliches Vorgehen heißt ja, sich selber immer wieder infrage zu stellen, mit Kritik in konstruktiver Weise umzugehen und fest daran zu glauben, dass die Kraft des besseren Arguments dazu dienen kann, Verständigung zwischen Menschen zu erzeugen. Das sind urdemokratische Grundvorstellungen. So gesehen trägt die Kraft des wissenschaftlichen Arguments in politischen Diskussionen durchaus zur Festigung von Demokratie bei.

Sie sagen, Wissenschaft habe etwas Urdemokratisches. Allerdings wird Wissenschaftlern auch oft vorgeworfen, sie seien zu kompromisslos, sie wollten den Menschen auf Basis ihrer Fachkenntnisse einfach etwas überstülpen…
Schneidewind: Dieser Vorwurf kommt meines Erachtens oft auch zu Recht. Und zwar dann, wenn aus der Perspektive einzelner Disziplinen oder bestimmter naturwissenschaftlicher Argumentationslinien vermeintlich klare, politische Forderungen abgeleitet werden, nicht selten auch noch mit so einem Überlegenheitshabitus nach dem Motto: ‚Jetzt haben wir es euch doch erklärt, weshalb setzt ihr Politiker das nicht um?‘ Deshalb mache ich mich stark für eine Wissenschaft, die getragen ist von der Idee der Transdisziplinarität und die auch Wissen von nicht klassisch wissenschaftlichen Akteuren aus Politik und Gesellschaft miteinbezieht, die also sehr viel demütiger ist, ihre eigene fachspezifische exzellente Expertise nicht überhöht und über andere stellt.

ne: Muss Wissenschaft nicht andererseits manchmal auch insistieren? Wenn etwa die Klimaforschung ihre eigenen Erkenntnisse ernstnimmt, hat sie doch keine andere Wahl, als die Politik dazu aufzufordern, schneller zu handeln – auch wenn die Forderungen für manche zu radikal klingen…
Schneidewind: Absolut, das ist auch legitim. Und die Klimaforschung macht das sehr verantwortlich. Sie zeigt einfach die naturwissenschaftlichen Fakten auf, sie zeigt Entwicklungspfade, die eintreten werden, wenn wir weiter so leben wie bisher. Damit liefert sie zentrale Argumente für die politische Diskussion. Einen Kurzschluss gäbe es erst, wenn die Klimaforschung darauf bestünde, sich über jede Form von Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Abwägungsprozesse hinwegzusetzen, um das 1,5-Grad-Ziel unbedingt einzuhalten.

ne: Was würde dann passieren?
Schneidewind: Dann würde es extrem demokratiefeindlich. Wenn solche Formen der Verabsolutierung einzelner Erkenntnisse in Gesellschaften Raum greifen, tragen sie zur Polarisierung und dem Auseinanderfallen der Gemeinschaft bei. Eine solche Absolutierung ist vermutlich der beste Garant dafür, dass wir die Klimaschutzziele nie und nimmer erreichen werden. Wer das aus einer rein naturwissenschaftlichen Argumentation einfordert, ist sozialwissenschaftlich und politikwissenschaftlich in höchstem Maße unaufgeklärt. Wir sehen ja, was in den USA passiert, wie eine Gesellschaft auseinanderfliegen kann und am Ende dann Klimaschutzargumente gar nicht mehr ziehen.

ne: In der Corona-Pandemie werden Epidemiologen aber sehr intensiv in die Gestaltung der Politik einbezogen, auch in der Ö.entlichkeit hat ihre Stimme enormes Gewicht. Klimaforscher hatten bislang nie so viel Autorität. Woran liegt das?
Schneidewind: Das sehe ich nicht so dramatisch. Wenn man sich anschaut, mit welch massiven Geldmitteln die Klimaforschung ausgebaut wurde, wie viele öffentliche Ressourcen in der zugehörigen Infrastruktur stecken, dann würde ich schon sagen, dass es auch für diese Wissenschaft eine hohe politische Akzeptanz gibt. Natürlich hören Politi ker in einer akuten Krisensituation, in der sie ganz unmittelbar Orientierung für sehr konkrete wissenschaftliche Fragen brauchen, stärker auf entsprechende Experten. Der Klimawandel ist eben ein langfristigeres Thema als Corona. Über zivilgesellschaftliche Bewegungen wie die Fridays for Future, die hier faktisch Wissenschaftstransporteure sind, sind diese Erkenntnisse in letzter Zeit noch mal ganz anders inszeniert in den politischen Diskurs eingebracht worden. Ich habe den Eindruck gerade hier in Deutschland und Europa wird auf Klimaforschung sehr, sehr intensiv gehört. Vielleicht nicht so intensiv, wie sich die Akteure das wünschen. Aber das ist schon eine Erfolgsgeschichte.

Im Videogespräch: Uwe Schneidewind (links), Astrid Dähn und Jörg-Rainer Zimmermann.


ne: Die Fridays for Future sind da skeptischer. Sie kritisieren, dass die Politik die Dringlichkeit des Klimaproblems immer noch nicht erkannt hat oder einfach ignoriert…
Schneidewind: Naja, so sind unsere Demokratien eben organisiert. Neue Themen werden von bestimmten Akteuren in die Politik getragen. Und diese Akteure müssen von Unzufriedenheit über die Politik innerlich zerfressen sein, denn nur dadurch wird der Spannungsbogen gehalten. Trotzdem darf das kein Grund sein, an der Politik zu verzweifeln. Ich finde, die Fridays for Future haben extrem viel bewegt, auch wenn die Umsetzung mit einer gewissen Zeitverzögerung verbunden ist. Und sie müssen laut bleiben, um in den kommenden Jahren noch viel mehr zu erreichen. Der nächste Lackmustest wird die Bundestagswahl. Da werden wir neue Mehrheitsverhältnisse bekommen, und dann muss es in der Klimapolitik einen riesigen Sprung nach vorn geben. Wenn dann wieder nichts passiert, würde ich den Skeptikern Recht geben.

ne: Ginge es schneller voran, wenn mehr Wissenschaftler in der Politik wären?
Schneidewind: Das weiß ich nicht. Ich habe ja schon deutlich gemacht, dass das Einbeziehen der Potenziale von Wissenschaftlern in politische Prozesse vieles besser machen kann. Aber dazu müssen die Wissenschaftler nicht unbedingt politische Funktionen haben. So eine politische Aufgabe erfordert Persönlichkeitsstrukturen mit ganz vielen Facetten. Man muss Freude am Umgang mit Menschen haben. Man muss Freude an Kommunikation haben, an der Verständigung mit anderen und durchaus auch an den machtpolitischen Dimensionen des Amts. Es gibt sicher einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an all diesen Dingen Gefallen finden. Aber für viele würde so ein Schritt in die Politik vermutlich nicht passen.

ne: Hängt die Trägheit politischer Prozesse vielleicht auch damit zusammen, dass die handelnden Personen großenteils Berufspolitiker sind, deren gesamte Karriere von der Gunst ihrer Wählerschaft abhängt, die sich also nicht trauen, einen etwas mutigeren Schritt zu unternehmen, aus Angst, ihre Wähler zu verprellen?
Schneidewind: Das ist ein wichtiger Punkt. Was wir mehr brauchen und was meiner Meinung nach auch gut ist für die Politik, sind Menschen mit einer gewissen inneren Unabhängigkeit. Die sozusagen einen Kompass haben und dem folgen können, weil sie nicht darauf angewiesen sind, es sich in diesen Abhängigkeiten des politischen Systems mit niemandem zu verscherzen. Ich hätte nicht Oberbürgermeister werden müssen, ich hatte auch vorher einen tollen Job. Ich möchte das OB-Amt machen, weil ich in Wuppertal bestimmte Themen, die mich bewegen, voranbringen will. Das Schlimmste für mich wäre, nach fünf Jahren festzustellen, dass ich dort keine Impulse ausgelöst habe. Das wäre viel schlimmer, als auch ein paar Fehler gemacht zu haben. Die innere Freiheit zu haben, dann eben nicht wiedergewählt zu werden, aber dafür austesten zu können, was möglich ist, das gibt einem viel Handlungsspielraum.

ne: Wäre es für Sie auch denkbar, in der Bundesregierung politisch aktiv zu werden?
Schneidewind: Bei meiner Forschung am Wuppertal Institut habe ich viel mit Ministerinnen und Ministern auf Landes- und Bundesebene zusammengearbeitet. Man darf sich da nichts vormachen: Was sich auf diesen Ebenen innerhalb einer Legislatur wirklich gestalten lässt, ist häufig sehr limitiert. Man ist oft nur in die Fachbezüge eines Ressorts eingebunden. Und man ist von dem, was die eigene Politik für die Menschen bewirkt, relativ weit weg. Der Schritt in die Politik war für mich deshalb immer nur auf kommunaler Ebene denkbar.

ne: Als Oberbürgermeister…
Scheidewind: Ja, Oberbürgermeister ist für mich einfach der ideale Job, weil all das, was eine Stadt ausmacht in ihren Verbindungen und Verknüpfungen, im Oberbürgermeisteramt zusammenläuft. Wenn ich schon in die Politik gehe, will ich auch richtige Politik machen, mit Menschen für das Gemeinwohl. Und ich glaube, dass sich auch bei den großen Transformationsthemen wie der Energiewende in Vorreiterstädten wie Wuppertal zeigen wird, wie das funktionieren kann. Das sind dann sozusagen die Musterbausteine, die auf Landes- und Bundesebene übertragen werden müssen. Insofern ist OB einer solchen Stadt derzeit einer der spannendsten Jobs, den die Republik zu bieten hat.

ne: Aber wenn Sie das Amt eine Weile ausgeübt haben, können Sie sich dann nicht doch vorstellen, irgendwann einen Schritt weiterzugehen, auf die Bundesebene?
Schneidewind: lch glaube, wenn man in der Umweltpolitik national etwas bewegen will, dann bleibt man besser Präsident des Wuppertal Instituts, als beispielsweise Umweltminister zu werden. Denn dessen Amtszeit ist erstmal auf vier Jahre beschränkt. Die führenden Institute haben dagegen viel mehr Möglichkeiten, Politik zu gestalten, durch die Kontinuität ihrer Forschung, durch ihre Vernetzung mit den Arbeitsebenen der Ministerien. Das ist eine wesentlich machtvollere Position, wenn es um wirklich langfristige Veränderungen geht. Mir ist dagegen die Rückkopplung mit den Menschen wichtig. Ich hätte mich nie um den Oberbürgermeisterposten in Wuppertal beworben, wenn ich in den letzten zehn Jahren nicht mit ganz vielen Menschen, die in dieser Stadt Veränderungen vorantreiben, enge persönliche Verbindungen geknüpft hätte. Dieses Gefühl, du bist hier angekommen, du bist zuhause, war für mich eine zentrale Motivation für den Job. Und ich möchte anderen Menschen in verantwortungsvollen Positionen Lust machen, vielleicht ebenfalls einen Seitenwechsel in die Politik zu vollziehen.

ne: Ist der Seitenwechsel für Sie endgültig, oder können Sie sich vorstellen, später wieder in die Wissenschaft zurückzukehren?
Schneidewind: Nach der ersten Amtszeit bin ich Ende 50. Falls ich dann nicht mehr antrete oder nicht wiedergewählt werde, muss ich mir sehr genau überlegen, was ich noch tun will. Aber das Schöne ist ja, Wissenschaftler bleibt man immer. Das kluge Nachdenken über Dinge, das bleibt eine Leidenschaft, solange der Kopf halbwegs klar sortiert ist. Und insofern kann ich mir natürlich vorstellen, hinterher das, was ich an Erfahrungen in meinem politischen Amt gesammelt habe, wissenschaftlich zu reflektieren. Ob das dann als freischa.ender Autor passiert, als Hochschullehrer an irgendeiner Universität, oder indem ich einen Thinktank oder etwas Ähnliches leite, wird sich zeigen.


Foto: Roland Horn

Foto: Roland Horn

Fotos: Roland Horn