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DEUTSCHLAND ZU FUSS


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 30.08.2019

Andreas Teichmann berichtet über sein Fotoprojekt „Durch Deutschland, für das er dieses Land in 50 Tagen von West nach Ost durchwanderte – mit schnelltrocknender Funktionskleidung und einer 100 Megapixel auflösenden Kamera im Gepäck. Von Peter Schuffelen


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Bildquelle: digit!, Ausgabe 5/2019

Tag 46, Sachsen, Hohburkersdorf: Aussicht vom „Rundblick” in der Sächsischen Schweiz auf einen durchziehenden Regenschauer.


„Ich war nicht einfach so ins Blaue marschiert, ich hatte mich vorbereitet auf diese 1.040 Kilometer lange Fußreise, ein halbes Jahr lang war ich pro Woche 50 Kilometer gewandert, hatte zwölf Kilo abgespeckt. Und doch wäre mein ...

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... Vorhaben, in 50 Tagen von Aachen nach Zittau quer durch Deutschland zu wandern, bereits im ersten Drittel fast gescheitert.

Es war der 14. Tag, im Sauerland, das Wetter zerrte an meinen Nerven, es regnete seit Tagen. Morgens verstaute ich Kamera, Akkus und Laptop in einem wasserdichten Sack, schlüpfte in meine noch klammen Funktionsklamotten, die ich abends kurz durchgewaschen hatte und die bald darauf wieder durchnässt sein würden, und ging los, wohlwissend, dass ich wegen des Dauerregens kaum Bilder würde machen können. Und nun das: Ein plötzlicher, stechender Schmerz im linken Knie, ich ahnte schon, was passiert war, beim Arzt in der nächsten Kreisstadt dann die Bestätigung – Meniskusriss. Er riet mir, mein Vorhaben aufzugeben – „als Arzt”, wie er sagte. „Als Sportler” könne er gut verstehen, dass ich nicht aufgeben wolle – und verschrieb mir ein Schmerzmittel.

Der Meniskusriss war bereits der zweite Rückschlag. Eine gute Woche zuvor hatte mein iPhone den Geist aufgegeben, weil ich es als Navi brauchte und auch im Dauerregen immer wieder aus der Tasche geholt hatte. Zum Glück befand ich mich zu diesem Zeitpunkt in Köln und damit in der Nähe des einzigen Apple Stores auf meiner kompletten Strecke. Ich kaufte ein neueres, wasserdichtes Modell und zog weiter, immer der Nase nach, oder, besser gesagt, dem Weg folgend, den mir meine Wander-App als besten Kompromiss aus kürzest möglicher Strecke und minimalem Asphaltkontakt vorschlug. Insofern war es dann gewissermaßen doch eine Wanderung ins Blaue oder, besser gesagt, ins Grüne. Denn das war eines der Dinge, die mich während meiner Reise am meisten beeindruckte: wie groß Deutschland war und wie stark dieses Land durch Felder und Wälder geprägt ist, trotz aller Industrie und Infrastruktur.

Tag 18, Hessen, Korbach (oben): Der pensionierte Postbeamte Norbert Galliger pflückt sich Birnen von den Gemeindebäumen, von denen jeder frei ernten darf. Tag 27, Thüringen, Worbis (unten): Andreas Kunze hat gerade seine Ausbildung zum Traktoristen abgeschlossen. Er liebt seine Heimat und hat sie noch nie verlassen.

Was aber waren meine Beweggründe? Ich hatte immer schon eine Affinität zum Laufen, und da war dieses Buch, das mich als Jugendlicher beeindruckt hat: „Deutschland umsonst” von Michael Holzach. Ich wollte es diesem Aussteiger gleichtun, wenn auch nicht ohne Geld in der Tasche. Unter freiem Himmel schlafen jedenfalls konnte ich nicht, schon gar nicht mit dem Equipment, das ich dabeihatte: einen Cambo-Kamerabody mit einem Phase-One-IQ100-Rückteil und ein bis an die Bildkreisränder hochauflösendes Weitwinkel-Objektiv Rodenstock HR Digaron-W 32mm, dazu ein Laptop und eine Reihe Ersatzakkus. Das Equipment wog ca. 11,5 kg.

Denn das war die zweite Motivation meiner Wanderung, um von einem Dreiländereck (Belgien, Niederlande, Deutschland) bei Aachen bis zum anderen bei Zittau (Deutschland, Polen, Tschechien) zu kommen. Ich wollte mit dieser Wanderung meine Wahrnehmung nachschärfen und dabei die ergebnisoffenen Begegnungen dokumentieren (nach 25 Jahren als Bildjournalist für Magazine wie GEO, Spiegel oder Mare kann doch manches zur Routine werden). Das Gehen als langsamste Art der Fortbewegung erschien mir für dieses Vorhaben genau richtig. Denn beim Gehen bewegt man sich in einem Tempo, dem unsere Sinne am besten folgen können. So entsteht auch im Inneren – in Analogie zur hohen Auflösung meines 100-Megapixel-Backs – das feinkörnigste Bild.

Zu meiner langsamen Art der Fortbewegung passte, dass ich eine „langsame” Aufnahmetechnik praktizierte. Am Anfang brauchte ich im Schnitt zwanzig Minuten, einmal dauerte es wegen widriger Umstände eine Dreiviertelstunde, um alles aufzubauen, am Ende schaffte ich es in fünf Minuten. Hatte ich die Kamera aufgebaut und waagerecht in Stellung gebracht, war das Bild noch lange nicht im Kasten. Es gab keinen Autofokus, keinen Sucher. Ich habe das Bild auf dem Display komponiert, mit einer Lupe die Schärfe kontrolliert. Doch diese Arbeitsweise kam mir entgegen. Ich war noch nie ein Anhänger der „Point and shoot”-Methode, sondern habe immer versucht, den Bildern ihre Zeit zu geben. Am Ende habe ich im Schnitt vier Motive pro Tag gemacht und diese in meinem Blog www.50days.de veröffentlicht, der zunächst nur für Freunde und Familie gedacht war, im Laufe der Zeit aber immer mehr Leser fand, die meine Geschichten und Bilder lesen und sehen wollten.

Am 4. August 2017 ging ich los. Ein Freund hatte mich zum Dreiländereck bei Aachen gefahren. Der erste Tag war warm und sonnig, ich hatte vergleichsweise wenige Kilometer vor mir, und doch gelangen mir gleich drei Bilder, die es am Ende in die Ausstellung schaffen sollten. Eines zeigt Kathi mit ihrer Familie und Freunden vor einer Gruppe gelber Container auf einem Depot, wo sie ihren 55. Geburtstag feiert. Es war eine von vielen spannenden Begegnungen und Gesprächen, die so nur entstehen konnten, weil ich zu Fuß unterwegs war und dadurch ungezwungen mit den Menschen ins Gespräch kam. Etwa am vierten Tag, als ich auf Bewohner des Protest-Camps am Hambacher Forst traf, die gegen die Abholzung des Waldes protestieren.

Tag 04, NRW, Hambacher Forst (oben): Bewohner des Wiesencamps. Tag 22, Hessen (rechts oben): Michael Szecsenyi lebt seit 1961 in Kassel, für die documenta interessiert er sich nicht. Tag 44, Sachsen, Dresden (rechts unten): Der Vietnamese Hung und seine Frau Trang betreiben ein Restaurant in Leipzig und lassen Hochzeitsbilder vor der Dresdner Altstadt machen.

An Tag 18 lernte ich im hessischen Korbach Norbert Galliger kennen, einen pensionierten Postbeamten, der gerade dabei war, mit einem selbstgebastelten Pflückstock Birnen von den Gemeindebäumen zu ernten. Dieses Recht musste früher noch ersteigert werden, heute endet das meiste Obst auf dem Gehweg. Oder am Tag 22, an dem ich auf einer Kreuzung in Kassel Michael Szecsenyi porträtierte. Der 80-Jährige lebt seit 1961 in der documenta-Stadt, hat sich aber nie für die weltbekannte Kunstausstellung interessiert – „außer damals, als Beuys da war – der hat wenigstens Bäume gepflanzt”. Am Tag 27 habe ich in der Nähe des thüringischen Dorfs Worbis mit Andreas Kunze gesprochen, der gerade seine Ausbildung zum Traktoristen als Klassenbester abgeschlossen hatte, mit 21 bereits geschieden war und noch nie aus Thüringen herausgekommen war, weil es „hier am Schönsten ist”. Am 44. Tag meiner Reise traf ich auf Hung (38) und seine Frau Trang (28) und fotografierte sie dabei, wie sie von einem ganzen Foto-und Filmteam Hochzeitsbilder vor dem klassischen Elbpanorama Dresdens machen ließen, weil ihnen die Stadt besser gefällt als Leipzig, wo das vietnamesische Paar ein Restaurant betreibt.

Immer wieder war ich während meiner Wanderung stundenlang unterwegs, ohne einem Menschen zu begegnen. In diesen Momenten sind Landschaftsbilder entstanden, ungeschönte, welche die Zersiedelung des Landes zeigen, aber auch geradezu romantisch schöne. Eines meiner Lieblingsbilder habe ich vier Tage vor Ende meiner Reise gemacht. Es zeigt einen „Rundblick” über die Weiten der Sächsischen Schweiz bei Hohburkersdorf und auf einen durchziehenden Regenschauer, der über der Landschaft hängt wie ein grauer Geist.

Ein derartiges Bild entfaltet seine ganze Qualität allerdings nicht am Rechner, deshalb, aber auch wegen der großen Resonanz auf meinen Reiseblog, war mir irgendwann klar, dass ich eine Auswahl meiner Aufnahmen in einer Ausstellung zeigen wollte – zum Teil als 200 x 150 cm große Exponate. Titel: „Durch Deutschland”.

Ich habe immer schon Langzeit-Reportagen über lokale Geschichten gemacht und dafür zum Teil auch Preise gewonnen. Das Große im Kleinen, die zweite Ebene im Vertrauten zu finden, ist das, was mich reizt. Sieben Wochen täglich um die zwölf Stunden draußen zu sein und dabei keine Sekunde in einem Auto oder sonstigen Fortbewegungsmittel zu verbringen, hat mich verändert. Physisch (ich habe während der 50 Tage noch mal 15 Kilogramm verloren), vor allem aber mental. Es hat viel mit dem zu tun, was man „Hikers High” nennen könnte, die Neugier auf das, was hinter der nächsten Biegung kommt. Ich will weiter an dieser Schärfung meiner Sinne arbeiten, die unvermeidlicherweise leiden, wenn man über 25 Jahre lang Bilder im Auftrag produziert. Und ich möchte Deutschland noch einmal durchqueren, jetzt wo meine Knie-OP glücklich verlaufen ist, diesmal vom südlichsten Punkt Deutschlands bei Oberstdorf bis nach Sylt, etwa 1.400 Kilometer. Am 5. August gehts los. Am Ende soll ein Buchprojekt stehen, und dann sehe ich weiter.

ANDREAS TEICHMANN,

Jahrgang 1970, ist ein deutscher Fotograf. Er hat sein Diplom an der Folkwangschule in Essen gemacht und ist seit 1996 Mitglied von laif, Agentur für Fotos und Reportagen. Er arbeitet seit 25 Jahren als Fotograf für Magazine weltweit und lebt heute mit seiner Familie in Essen. Die Ausstellung des ersten Teils zu seinem „Durch Deutschland”-Projekt war bisher schon in mehreren deutschen Städten zu sehen, zuletzt während der Kölner Fotoszene. Projekt: www.DurchDeutschland.eu Blog: www.50days.de