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DEUTSCHLANDS geheimnisvollste ORTE


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 23.09.2021

Artikelbild für den Artikel "DEUTSCHLANDS geheimnisvollste ORTE" aus der Ausgabe 5/2021 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 5/2021

HEILSTÄTTE UND HORRORLABOR Die dunklen Seiten eines Sanatoriums in Brandenburg

Die vielen Schicksalsorte der neueren deutschen Geschichte stecken voller Geheimnisse. Von einigen stehen nur noch die Ruinen, bei anderen verbirgt sich die oft dunkle Vergangenheit hinter den Fassaden. Seit 2004 gehen Reportageteams des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) für die TV-Erfolgsreihe „Geheimnisvolle Orte“ auf Spurensuche – von der Berliner Reichskanzlei über das letzte Schloss der Hohenzollern bis zum Stasi-Knast Hohenschönhausen. Welche Triumphe oder Tragödien spielten sich an diesen besonderen Orten ab? Wie spiegeln sie die wechselvolle Historie Deutschlands wider? Und was ist von ihnen geblieben?

Es sind nicht immer die bekanntesten Schauplätze, die Geschichte schreiben. Mehr als ein Jahrhundert lang wurde etwa der kleine brandenburgische Ort Sacrow zum Spielball der Mächte (siehe Seite 21). Erst prägten Preußens Könige die Landschaft, dann residierte dort ein führender ...

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... Nazipolitiker, schließlich hinterließen der Mauerbau und der Kalte Krieg unübersehbare Spuren – in Sacrow und in den Herzen der Menschen, die dort leben.

Im WANDEL der ZEITEN

„Böse Bauten“ werden einige der Orte genannt. Weil sie Symbole eines unbarmherzigen Systems waren, in der NS-Zeit den Kriegsvorbereitungen dienten oder in der DDR Regimegegnern zum Verhängnis wurden. Doch Bauten können nie böse sein. Auch das zeigt der Blick in die Vergangenheit: Die Heilstätten Hohenlychen (siehe Seite 18) etwa entstanden ursprünglich im Geist der Nächstenliebe. Tuberkulosekranke sollten dort genesen. Das Grauen zog erst später ein.

Bleibt die Frage, wie man mit solchen geheimnisvollen Orten umgehen soll. Lassen sich die Schatten der Vergangenheit ausblenden? Auf dem Gelände der Heilstätten steht heute eine Parkresidenz. Und Hitlers Wolfsschanze galt lange als Touristenziel – statt als Mahnmal für die Schrecken des Krieges.

Reichskanzlei: Palast des Größenwahns

GEBAUT FÜR DIE EWIGKEIT, LÄNGST VERGANGENHEIT: Mitten im Zentrum von Berlin stand einst die Neue Reichskanzlei, Stein gewordenes Zeugnis von Naziterror und Größenwahn. Wer heute durch die Voßstraße geht, spürt wenig von diesen Schatten der Vergangenheit. Wohnblocks, Spielplätze, Grünflächen, ein Chinarestaurant – bis auf Hinweistafeln wurde die Machtzentrale aus dem Stadtbild getilgt. Gesprengt, abgerissen, entsorgt.

Für Adolf Hitler (1889 – 1945) stand nach der Machtübernahme fest: Die Alte Reichskanzlei, 1738 erbaut und 1930 erweitert, war zu schlicht, bescheiden, altmodisch. Und zu klein: „Wer die Reichskanzlei betritt, muss das Gefühl haben, vor den Herrn der Welt zu treten“ – für ihn die einzige Bestimmung des Bauwerks.

Architekt Albert Speer (1905 – 1981) entwarf die für die Ansprüche der Nationalsozialisten maßgeschneiderten Pläne. Architektur als Inszenierung einer unbarmherzigen Macht! Der Prunkbau sollte eine Art Probelauf sein für die geplante

„Welthauptstadt Germania“. Über 400 Meter lang und 22 Meter hoch, mit einem angrenzenden unterirdischen Bunkersystem. Die alten Häuser an der Voßstraße mussten weichen. Sogar die Arbeiten selbst dienten der Propaganda. Nur Deutschland, so die Botschaft, schafft in so kurzer Zeit so viel. Mehr als 3000 Bauarbeiter schufteten rund um die Uhr, Geld spielte keine Rolle. Offiziell verging von der Auftragserteilung bis zur Übergabe am 9. Januar 1939 nur knapp ein Jahr. Die Rekordzeit gehört jedoch zu den vielen Lügen und Legenden. Schon 1934 hatten die Planungen begonnen, ganz fertig wurde der Herrscherpalast nie.

Beim Neujahrsempfang im Januar 1939 erfüllte die Reichskanzlei erstmals ihren Zweck: Einschüchterung. Die Gäste standen vor der monumentalen Fassade. Grauer Stein, harte Kanten, kein Schmuck. Über den Ehrenhof ging es in die tunnelartige Abfolge der Innenräume. Im Mosaiksaal glänzte kalter, glatter roter Stein. Die Marmorgalerie übertraf bewusst den Spiegelsaal im französischen Versailles um das Doppelte. Höhepunkt der Beeindruckungstaktik war das „Arbeitszimmer“ selbst. 400 Quadratmeter groß, mit einem überdimensionalen Schreibtisch, hinter dem sich Hitler nur ungern fotografieren ließ, weil der „große Führer“ dahinter viel zu klein wirkte. Ein riesiger Globus, mit dem Charlie Chaplin als Hitler-Parodie in seinem Film „Der große Diktator“ (1940) spielte, zeugte vom Anspruch auf die Weltherrschaft. Allein die Höhe der Wände von fast zehn Metern ließ Besucher frösteln. So monumental die Kulisse auch wirkte, eine praktische Funktion hatte sie nicht. Die endlosen Gänge und riesigen Räume eigneten sich nicht für Verwaltungsarbeit. Selbst Hitler nutzte sie vor allem zur Repräsentation. Viel lieber hielt er sich in der Wolfsschanze oder auf seinem Berghof auf. Ausgerechnet im Symbol seines Größenwahns fand der Diktator sein Ende – im Führerbunker unter dem Garten der Alten und Neuen Reichskanzlei.

Hohenlychen: Heilstätte und Horrorlabor

GEGENSÄTZE Wo viele Menschen geheilt wurden, mussten andere für qualvolle Medizinversuche leiden

ES RIECHT NACH VERFALL. Doch noch lässt sich die einstige Pracht erahnen. Hoch über dem idyllischen Zenssee, rund 80 Kilometer nördlich von Berlin, liegen die ehemaligen Heilstätten Hohenlychen:Villen und Häuser im Fachwerkstil, Hunderte Zimmer und Säle, prunkvolle Treppenaufgänge. An kaum einem anderen Ort Deutschlands liegen Leben und Tod, Glanz und Grauen so dicht zusammen.

Mit einfachen Baracken zur Behandlung von Tuberkulosekranken fing 1902 alles an. Zu der Zeit wehte noch der Geist der Nächstenliebe durch die Räume. Als die Krankheit immer mehr ihren Schrecken verlor, stellten sich die Heilstätten neu auf. In den 1930er-Jahren stand die „Klinische Abteilung für Sport-und Arbeitsschäden“ im Mittelpunkt. Sie kümmerte sich um verletzte Sportler, von der Kinderlähmung Geschädigte und Opfer von Arbeitsunfällen. Es gab moderne Röntgenanlagen, Operationsräume, eine Abteilung für Krankengymnastik, eine Schwimmhalle mit zu öffnendem Glasdach und therapeutische Bäder. Hohenlychen stand für Genesung, Entspannung und erstklassige medizinische Betreuung. Bei Meniskusschäden erwarb sich die Klinik sogar Weltruf.

Klingt vorbildlich. Doch gleichzeitig begann die konsequente Nazifizierung und „Säuberung“: Jüdische Ärzte und Verwaltungsleiter verloren ihre Stellung, als neuer Chef trat der Chirurg Karl Gebhardt (1897 1948) den Dienst an – ein enger Duzfreund und Leibarzt von Reichsführer SS Heinrich Himmler. Nazigrößen wie Rudolf Heß und Albert Speer erholten sich in Hohenlychen, auch Adolf Hitler war zu Gast. Hinter den prunk-vollen Kulissen versteckte sich zeitgleich ein furchtbares Grauen: Menschenversuche! Ärzte der Heilstätten waren maßgeblich an klinischen Experimenten in Konzentrationslagern wie Ravensbrück und Neuengamme beteiligt. Es ging etwa um Wundheilung mit Sulfonamid, um Transplantation von Knochen, Nerven und Muskeln. „Patienten“ starben oder wurden getötet, um nicht gegen ihre Peiniger aussagen zu können. Gräueltaten, für die sich die Mediziner nach Kriegsende vor Gericht verantworten mussten. Wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde Karl Gebhardt 1948 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die wechselvolle Geschichte von Hohenlychen aber ist noch lange nicht zu Ende:

Fünf Jahrzehnte lang diente das Gelände als sowjetisches Lazarett, betreten für Deutsche verboten. Inzwischen wurden viele der verfallenden Gebäude saniert – für Ferienwohnungen, Mieteinheiten und eine Seniorenresidenz.

Wolfsschanze Hitlers geheimes Hauptquartier

KRIEGSRAT Bei Lagebesprechungen plante Adolf Hitler (2. v. l.) den Vernichtungsfeldzug im Osten

VIEL IST NICHT GEBLIEBEN VON EINEM DER GEHEIMSTEN SCHICK- SALSORTE DER DEUTSCHEN: verfallene Bunkerkolosse, überwuchert, bemoost, teilweise restauriert, eine Gänsehautattraktion für Touristen. Die Wolfsschanze war das wichtigste Führerhauptquartier im Zweiten Weltkrieg. Hier fielen Entscheidungen, die Deutschland und die Welt in die Katastrophe führten.

Die Anlage wurde ab 1940 in der Nähe der ostpreußischen Stadt Rastenburg, dem heutigen Ketrzyn in Polen, errichtet. Tarnname der Baustelle: „Chemische Werke

Askania“. Sie lag in einem dichten Wald, gesichert durch Tarnnetze, Stacheldraht, Panzersperren und Flakstellungen. Bepflanzte Dächer, grüner Putz und Baumattrappen sollten feindliche Flugzeuge täuschen.

Adolf Hitler drängte auf schnelle Fertigstellung, denn die Wolfsschanze schien ihm ideal für ein Lagezentrum im geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion. So stampften die Bautrupps in Rekordzeit eine „Kleinstadt“ aus dem Boden – mit Wohn-und Verwaltungsgebäuden, Fernmeldezentrale, oberirdischen Stahlbetonbunkern, Bahnanschluss und Flugplatz. Zeitweise arbeiteten und wohnten hier bis zu 2000 Menschen.

Wer die äußeren Stacheldrahtzäune, Panzergräben und Wachtürme passiert hatte, gelangte zunächst in Sperrkreis III mit den Unterkunftsbaracken. Im Sperrkreis II arbeitete der Wehrmachtführungsstab. Im Sperrkreis I lag der am besten gesicherte Bunker Nummer 13, der Adolf Hitler sowie seinen Adjutanten und Sekretärinnen vorbehalten war. Ab 1941, mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, hielt sich Adolf Hitler meist in diesem Hauptquartier auf.

Hier besprach er mit den SS-Führern Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich die Vernichtung der Juden, mit Reichsminister Joseph Goebbels die Idee des totalen Krieges. Hier lag die wichtigste Befehlszentrale des Vernichtungsfeldzugs im Osten. Und hier zündete Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907 1944) auch die Bombe, die den Diktator töten sollte.

Am 20. Juli um 12.37 Uhr betrat Stauffenberg die tägliche Lagebesprechung, begrüßte Hitler, lehnte die Tasche an ein Bein des Kartentischs und verschwand unter einem Vorwand wieder. Als die Bombe um 12.42 Uhr explodierte, hatte der Attentäter den innersten Sicherheitskreis der Wolfsschanze bereits verlassen. Doch der Diktator überlebte. Außer Schürfungen und Prellungen trug er geplatzte Trommelfelle davon, während vier andere im Raum Anwesende an ihren Verletzungen starben.

Als dann am 24. Januar 1945 die Rote Armee anrückte, hatte Hitler die Wolfsschanze längst verlassen. Die zurückweichende Wehrmacht zerstörte das Hauptquartier nach einem zuvor erstellten „Sprengkalender“. Zurück bleiben nur die Ruinen im Wald von Rastenburg.

Cecilienhof: Ein deutsches Schicksalsschloss

HOHENZOLLERN Das Kronprinzenpaar Wilhelm und Cecilie von Preußen bewohnte Cecilienhof bis 1945

KAISERLICHER GLANZ IM ENGLI- SCHEN LANDHAUSSTIL: Wilhelm II. (1859 – 1941) ließ Schloss Cecilienhof für seinen ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm (1882 – 1951) und dessen Frau Cecilie erbauen. Im nördlichen Teil des Neuen Gartens in Potsdam, unweit vom Ufer des Jungfernsees, sollte das Paar eine repräsentative Residenz bewohnen. Errichtet aus Materialien wie Backstein und dunkler Eiche, mit 176 Zimmern, Innenhöfen, einer großen Wohnhalle, Rauchsalon, Bibliothek, Musiksalon, Schreibzimmer und einem im Stil einer Schiffskabine gestalteten Kabinett.

Das Schloss war gerade mal ein Jahr bewohnt, als die Novemberrevolution von 1918 dem Glanz zunächst ein Ende setzte. Der deutsche Kaiser dankte ab, das Kronprinzenpaar aber bewohnte Cecilienhof noch bis 1945 und machte es zur Zweigstelle des Exil-Kaiserhauses im republikanischen Potsdam, zum Treffpunkt von High Society und Nazigrößen. Mehrfach war auch Adolf Hitler zu Gast.

Schlagzeilen machte der letzte Schlossbau der Hohenzollerndynastie allerdings durch 17 Tage im Sommer 1945. Vom 17. Juli bis 2. August trafen sich dort die drei mächtigsten Männer der Welt, die Staatschefs von Großbritannien, den USA und der Sowjetunion, um über die Zukunft Deutschlands und Europas zu entscheiden. Ursprünglich wollten sich Winston Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin in Berlin treffen, doch die Reichshauptstadt lag in Trümmern. So entschied man sich für Cecilienhof. Der Sowjetgeheimdienst rüstete das Anwesen kurzerhand für die Potsdamer Konferenz um.

Ohne Kräftemessen ging es bei den „Großen Drei“ auch auf dem Schloss nicht ab. Sogar mit der Raumaufteilung wurde Politik gemacht: Im Erdgeschoss nutzten Amerikaner und Sowjets je zwölf Räume.

Die Briten waren im Obergeschoss einquartiert – in elf Räumen. Der zwölfte lag im Erdgeschoss. Ihn musste Churchill durchqueren, um in den Konferenzraum zu gelangen. Bequemer wäre es über die imposante Treppe gewesen, aber das hätte dem Briten aus Stalins Sicht einen zu gro­ßen Auftritt beschert. Schon im Innenhof wurden die Staatschefs von einem großen Sowjetstern aus roten Geranien begrüßt. Tagelang hatten Gärtner diese kleine Provokation penibelst gepflanzt.

Zumindest auf dem Papier herrschte Einigkeit darüber, dass Deutschland entnazifiziert, entmilitarisiert, demokratisiert und dezentralisiert werden sollte. Was in den 17 Tagen von Potsdam in jenem Schloss, das einst Wohnsitz des Kronprinzenpaars war, verhandelt wurde, prägte die Welt jahrzehntelang – bis zur Deutschen Einheit 1990.

Sacrow: Im Schatten der Mauer

MANCHMAL TÄUSCHT EINE IDYLLE. Sacrow, heute ein Teil von Potsdam, liegt malerisch zwischen Buchenwäldern, Schilfgürteln und stillen Seen direkt an der Havel. Auf den ersten Blick erinnert nichts an die dramatischen Ereignisse, die den 150-Einwohner-Ort zum Spiegelbild der deutschen Geschichte machten.

Alles fing harmlos an: Im Jahr 1840 erwarb Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (1795 1861) das Gut Sacrow und ließ es zu seiner jetzigen Form umgestalten – mit Parkanlagen, Feldern, Wiesen, dem neuen Königswald. Ein besonderes Anliegen war für ihn der Bau einer neuen Kirche. Nach Ideenskizzen des Königs entwarf Architekt Ludwig Persius eine Basilika mit frei stehendem Glockenturm im italienischen Stil. Diese Heilandskirche machte Schlagzeilen, als 1897 von ihrem Turm die ersten drahtlosen Telegrafieversuche in Deutschland glückten. Ein Meilenstein der Funktechnik! Doch dann zogen dunkle Wolken über Sacrow. Mit der NS-Diktatur begann auch hier die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Hausbesitzer. Die „Entjudung“ war das Ziel. Im Sacrower Schloss residierte nun ein glühender Nazi: Friedrich Alpers,Generalforstmeister des Deutschen Reichs, NSDAP-Politiker, Staatssekretär und SS-Obergruppenführer.

Nach Kriegsende ging das Schloss in Volkseigentum über und wurde zunächst als „Erholungsheim für Verfolgte des Naziregimes“ genutzt – bis die DDR 1961 die Mauer bauen ließ und Berlin zur geteilten Stadt machte. Sacrow wurde zum Symbol dieser Teilung. Abgeriegelt durch Stacheldraht und Mauer, zum „Grenzgebiet“ mit eigenen Regeln erklärt, mit einem Schlagbaum gesichert. Betreten ohne Passierschein verboten. Für die Bewohner ein Albtraum. Immer wieder gab es Versuche, von hier aus schwimmend das Westberliner Ufer zu erreichen. Am 4. November 1975 wurde der 21-jährige Sacrower Lothar Hennig von einem übereifrigen Grenzposten erschossen. Mitten auf der Dorfstraße, unweit seines Elternhauses.

GOTTESHAUS Die Heilandskirche lag 30 Jahre lang im Niemandsland

Die Heilandskirche, einst als Wahrzeichen am Havelufer gelegen, ragte auf einmal im Niemandsland in den Himmel. Für DDR-Bürger tabu hinter dem Todesstreifen, auch vom Westen aus nicht erreichbar. Der Glockenturm wurde zum Teil der Grenzmauer. So war das 1844 errichtete Gotteshaus dem Verfall preisgegeben, ein steinernes Zeugnis des Kalten Krieges. Erst am Heiligen Abend 1989, nach rund drei Jahrzehnten, fand wieder ein Gottesdienst in der Heilandskirche statt. Noch in einem völlig zerstörten Innenraum, doch mit der Hoffnung auf ein neues Kapitel der deutschen Geschichte.

Berlin-Tempelhof:Mythos mit Unterwelt

LABYRINTH Unter dem Flughafengebäude erstrecken sich Bunker, Keller -gewölbe und Versorgungsgänge

NUR EIN FLUGHAFEN? NEIN. Tempelhof, das größte Baudenkmal Europas, war immer schon ein Mythos. Als am 8. Oktober 1923 der Flugbetrieb mit einer vorläufigen Konzession begann, standen auf dem Tempelhofer Feld lediglich ein paar hölzerne Baracken und Hallen. Die Anlage wuchs und wuchs – bis das Reichsluftfahrtministerium im Juli 1935 dem Architekten Ernst Sagebiel den Auftrag für einen kompletten Neubau erteilte. Gigantisch sollte er werden, ein Regierungsflughafen fürs kommen­de germanische Weltreich. Bei der Fertigstellung 1941 war das Gebäude mit einer Geschossfläche von über 300.000 Quadratmetern und einer Gesamtlänge von 1,2 Kilometern das größte der Erde.

Seitdem ranken sich Legenden um den monumentalen Bau. Schon damals waren weite Teile vor der Öffentlichkeit verborgen. Vor allem das geheime Labyrinth aus Luftschutzräumen, Bunkern und Kellergewölben nährte die Gerüchte. Wie viele unterirdische Geschosse hat der Flughafen wirklich? Gibt es kilometerlange Tunnel, die in die Berliner Innenstadt führen? Verschwörungstheoretiker glauben sogar, dass Adolf Hitler 1945 über einen Geheimgang vom Führerbunker nach Tempelhof floh. Fest steht: Die Katakomben bergen so manches Geheimnis. In einer Tunnelröhre unter Tempelhof ließ die Wehrmacht sogar Kampfflugzeuge montieren. Der sogenannte Filmbunker diente zur Lagerung von Kartenmaterial und Luftbildern auf Zelluloid, im April 1945 vernichtete ein 1200 Grad heißes mehrtägiges Feuer dieses Archiv. Die Spuren sind heute noch sichtbar.

Nach Kriegsende begann ein neues Kapitel. Das Areal mitten in Berlin wurde zum Stützpunkt der US-Besatzungsmacht – und zu einem Symbol der Freiheit. Vom 26. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 landeten und starteten hier Versorgungsflugzeuge der Alliierten zeitweise im 90-Sekunden-Takt, insgesamt rund 555.000 Mal. Sie brachten Kohle, Lebensmittel und andere wichtige Güter in die geteilte Stadt, um die Blockade durch sowjetische Truppen zu umgehen. „Rosinenbomber“ hießen diese Flugzeuge, denn noch vor der Landung auf Tempelhof warfen Piloten kleine Hilfspakete mit Fallschirmen aus Taschentüchern ab. Als die Amerikaner 1951 einen Teil des Areals für den zivilen Luftverkehr freigaben, war der Zentralflughafen Tempelhof die einzige von der DDR nicht kontrollierte Verbindung zum Bundesgebiet. Für DDR-Flüchtlinge ein Tor in die Freiheit, für Politiker ein Tor nach Berlin.

Das vorläufige Ende für Tempelhof kam am 30. Oktober 2008. Der Flughafen wurde offiziell geschlossen. Die Legenden aber bleiben, und auch das Leben kehrt zurück: Heute wird das Gelände für Messen, Musikund Sportveranstaltungen genutzt.

Hohenschönhausen: Schrecken des Stasi-Knasts

WENDE Stasi-Chef Erich Mielke: Erst wurde er in der DDR geehrt,dann saß er selbst auf der Anklagebank

GENSLERSTRASSE 66 IM BERLINER STADTTEIL HOHENSCHÖNHAUSEN. Eine Adresse des Schreckens: 44 Jahre lang wurden hier die Menschenrechte mit Füßen getreten. Alles begann im Mai 1945, als die sowjetische Besatzungsmacht das Gelände beschlagnahmte. In der leer stehenden Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) richteten die Sowjets das Speziallager Nr. 3 ein. „Feindliche Elemente“ sollten hier inhaftiert werden: angebliche Spione, Saboteure, NSDAP-Aktivisten, verdächtige Polizeiangehörige, Verwaltungsbeamte. Zeitweise waren über 4200 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht. Wer das Grauen nicht überlebte, wurde in Massengräbern auf einem Schuttabladeplatz verscharrt. Im Winter 1946/1947 funktionierte die Besatzungsmacht das Speziallager in ein zentrales Untersuchungsgefängnis für Deutschland um. Häftlinge mussten dazu im Keller einen Trakt mit fensterlosen, bunkerartigen Zellen errichten: Es waren feuchtkalte Räume, lediglich mit Holzpritsche und Kübel ausgestattet, Tag und Nacht brannte das Licht. In diesem sogenannten „U-Boot“ sollten die Gefangenen zu Geständnissen gezwungen werden.

Im Jahr 1951 wechselten die Folterer, der Schrecken aber blieb: Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übernahm das alte Kellergefängnis. Schritt für Schritt entstand in der Genslerstraße ein Komplex, der auf keinem Ostberliner Stadtplan verzeichnet war. Ein weißer Fleck, ein Sperrgebiet mit Zellen, Verhörzimmern, Büros, Archiv, Werkstätten, Druckerei und dem geheimsten Krankenhaus der DDR. In diesem Stasi-Knast landeten Menschen, die der kommunistischen Diktatur im Weg standen. Es traf auch Politiker, die in Ungnade gefallen waren, wie den ehemaligen DDR-Außenminister Georg Dertinger.

Was genau sich hinter den Mauern abspielte, war geheim. Die Gewalt der ersten Jahre wich immer mehr der „Weißen Folter“: psychologische Zermürbung durch Isolationshaft, Ungewissheit über den Aufenthaltsort, Desorientierung, monatelange Verhöre. Der Wille der Inhaftierten sollte gebrochen werden, ohne nachweisbare körperliche Schäden zu hinterlassen.

In Forschungseinrichtungen des „Operativ-Technischen Sektors“ (OTS) entwickelten und bauten Stasi-Experten alles, was für die Bespitzelung innerer und äußerer Feinde nützlich war. Ingenieure, Physiker und Chemiker tüftelten an Brieföffnungsmaschinen, getarnten Beobachtungsfahrzeugen, Abhörwanzen oder geheimer Nachrichtentechnik. Erst die friedliche Revolution im Herbst 1989 leitete die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes und seiner Gefängnisse ein.

Ironie der Geschichte: Letzter Häftling in Hohenschönhausen war Erich Mielke (1907 – 2000) – der Stasi-Chef selbst.