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Dezember : RD-KLASSIKER DEZEMBER 1974 : Pater Hsias Weihnachtsmesse


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 21.12.2018

Es geschah in einem vereisten Graben in der windgepeitschten Öde eines chinesischen Arbeitslagers. Und doch sind an jenem Weihnachtstag in den schönsten Kirchen der Christenheit schwerlich ergreifendere Worte gesprochen worden


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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 1/2019

Er hiess Hsia, und ich habe ihn zuletzt Ende 1961 in einem chinesischen Gefangenenlager südlich von Peking gesehen. Aber seither muß ich alljährlich um die Weihnachtszeit an ihn denken, an diesen gebrechlichen alten Chinesen mit dem zerfurchten Gesicht und den unbesiegbaren Augen. Ich sehe ihn wieder im eisigen Wind stehen, heiter und gelassen, in den Händen die Hostie und den ...

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... Wein, und für sein Einssein mit Gott Zeugnis ablegen – die ganze Zeit in dem Bewußtsein, daß er für das, was er da tat, erschossen werden konnte.

Ich hatte Hsia Anfang desselben Jahres kennengelernt, bei einer Umlegung der Gefangenen, wie Brigadeführer Jang sie regelmäßig veranstaltete, um uns in der Furcht des Herrn zu halten. Ich war einer Zelle von 18 Mann zugeteilt; wir mußten Schweinekoben ausmisten, Dünger schleppen und die Toten begraben. Hsia schlief auf der Strohmatte neben mir. Er war uns allen nicht ganz geheuer, vor allem, weil er so alt und schwach aussah, daß man sich kaum vorstellen konnte, wie er seinen Anteil an der Arbeit verrichten sollte.

Das schlimmste aber war, daß er als einstiger Trappistenmönch fortwährend behauptete, Gott werde uns helfen, wenn wir nur fest an ihn glaubten. Die meisten von uns hatten ihren Glauben bereits vor langer Zeit verloren. Dafür hatten schon die Kommunisten gesorgt. Religion war als ,,Opium für das Volk“ und Aberglaube aus der Volksrepublik verbannt, und schwere Strafen erwarteten alle, die an dem Glauben festhielten, es gebe eine höhere Macht als Mao Tsetung. Vor allem Christen wurden verfolgt. Ihre Sünde wog besonders schwer, weil sie zum „Gott der Imperialisten“ beteten.

Hsia hätte sich mehr als alle anderen der Gefahr bewußt sein müssen. Man hatte ihn, nur weil er Priester war, zu zwanzig Jahren Schwerarbeit verurteilt. Trotzdem fuhr er in seinen Gebeten und religiösen Übungen fort. Wir anderen ließen ihn in Ruhe oder gingen ihm sogar aus dem Weg; auch ohne Hsias Religion hatten wir genug zu fürchten.

Doch er war nicht zum Schweigen zu bringen. Irgendwie hatte er herausgekriegt, daß ich außer ihm der einzige Katholik in unserer Zelle war, und eines Tages kam er während einer Arbeitspause zu mir herüber. ,,Du bist doch noch ein guter Katholik, Jean, nicht wahr? In deinem Herzen, meine ich.“

,,Ich bin ein Gefangener, Alter“, sagte ich müde. ,,Laß mich in Frieden.“

Er schien mich nicht zu hören. ,,Wollen wir nicht zusammen beten, Jean? Ich kann dir die Beichte ab nehmen.‘‘

,,Hör zu, Hsia“, sagte ich scharf, voller Angst, daß jemand den alten Narren hören könnte. ,,Wenn du vor einem Exekutionskommando stehen willst, so ist das deine Sache. Ich versuche nur, am Leben zu bleiben. Also, halt den Mund, ja?“

Er wurde nicht böse. ,,Na schön, mein Sohn“, sagte er. ,,Ich verstehe. Nur vergiß nicht, daß ich dein Freund bin.“ Und er schulterte seine Dungkörbe und ging.

Der Alte sah wirklich zum Gotterbarmen aus, und doch brachte er es fertig, wie die anderen unter der Last der 30 Kilogramm schweren Dungkörbe über den höckerigen Erdboden zu stolpern. Die Stange über seinen Schultern, an der die Körbe hingen, beugte seinen Oberkörper fast waagrecht nach vorn; aber er tat seine Arbeit und oft auch noch die von schwächeren Kameraden.

,, Was mag diesen Alten in Gang halten?“, fragte jemand.

,,Gott“, antwortete ein anderer. „Wenn Jang nicht hinsieht, steigt Gott herunter und trägt den Dung für ihn.“ Ein guter Witz, über den wir alle lachten.

Sonst hatten wir nicht viel zu lachen. Wir arbeiteten von Morgengrauen bis Sonnenuntergang, und unsere Tagesration bestand aus Brotersatz und einer Schüssel dünner Suppe. Unsere Zellen waren schmutzige Löcher, in denen es von Mücken und Flöhen wimmelte, und Tag für Tag karrten diejenigen, die Begräbnisdienst hatten, die unvermeidlichen Leichen über den Hügel zum Friedhof.

In jenem Sommer glaubte ich, daß die Reihe nun auch an mir sei. Ausgemergelt von Unterernährung und Ruhr, wurde ich eines Tages auf dem Feld ohnmächtig, und man brachte mich ins Lazarett. Tagelang lag ich im Koma. Als ich dann eines Nachts zu mir kam, saß Hsia neben mir und fächelte mir Kühlung zu. Dann begann er verstohlen, so daß niemand es sah, mir Suppe einzuflößen. Ich schmeckte Froschfleisch und Gemüse und Reis, und mit jedem Löffel kehrte ein wenig Kraft zurück.

,,Sie können uns quälen und unseren Körper zerstören, mein Sohn“, flüsterte er, ,,aber unseren Seelen können sie nichts anhaben, wenn wir es nicht zulassen.“

Er kam noch dreimal wieder und brachte mir jedesmal eine warme Mahlzeit. Erst im September, als ich wieder kräftig genug war, zur Arbeit zu gehen, erfuhr ich, wie er die anderen angebettelt und angetrieben hatte, während der Mittagspause Wildgemüse zu sammeln und Frösche zu fangen, und wie er selbst kleine Por tionen Reis gestohlen hatte, die er dann heimlich über einem winzigen Feuer kochte. Ich dankte ihm und war beschämt, wenn ich daran dachte, wie ich ihn behandelt hatte.

Eines Tages erzählte Hsia mir von seiner Verhaftung. Es war 1947 gewesen, als die Kommunisten seine Heimatprovinz überrannt hatten. Er war an diesem Tag nicht im Kloster gewesen, und als er zurückkam, fand er die anderen Mönche massakriert und die Gebäude niedergebrannt. Die Soldaten, deren Blutdurst gestillt war, hatten sich damit begnügt, ihn ins Gefängnis zu werfen. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft war er zu 20 Jahren

„Besserung durch Arbeit“ verurteilt worden.

„Na ja, wenigstens bist du noch am Leben“, sagte ich.

Er sah mich fest an. ,,Ich bin am Leben, weil Gott es so gewollt hat. Ich glaube, daß er eine Aufgabe für mich hat. Sonst hätte ich lieber das Schicksal meiner Brüder geteilt.“

Im November steckte Jang mich in eine Abteilung, die Reisfelder anlegen mußte. Nach kurzer Zeit ließ er mich holen und sagte, ihm sei gemeldet worden, daß Hsia nachts heimlich bete. ,,Ist das wahr?‘‘ schnauzte er. Ich lächelte mühsam. ,,Er ist ein alter Mann, Herr. Wenn er den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet hat, ist er erschöpft und plappert im Schlaf.“

Jang sah mich eine Weile scharf an, dann sagte er: ,,Sag ihm, wenn mir auch nur ein einziges Gebetswort gemeldet wird, werdet ihr beide es teuer bezahlen.“

Sobald ich in die Zelle zurückkam, ging ich zu Hsia. ,,Du mußt vorsichtig sein“, sagte ich. ,.Für mich sind es ein paar Monate Einzelhaft. Aber du …dein Leben steht auf dem Spiel.“

„Und was ist an meinem Leben so wichtig?“, fragte er ruhig.

Im dezember setzte bittere Kälte ein, und ein eisiger Wind heulte aus Nordwesten. Ende des Monats kam Hsia eines Tages zu mir an den Rand des Reisfeldes und fragte, ob er sich ein paar Minuten ausruhen dürfe. ,,Wir haben sowieso bald Pause. Hat es nicht bis dahin Zeit, Alter?“

,,Nein, dann kommen die Wachen.“ Er kämpfte mit dem, was er sagen wollte. ,,Weißt du nicht, was heute für ein Tag ist?“

„Montag, der 25. Dezember“, sagte ich gereizt. Und dann schwieg ich plötzlich, denn mir wurde gleichzeitig klar, nicht nur daß Weihnachten war, sondern daß der Alte beten wollte.

,,Hsia“, flehte ich, ,,du bist verrückt, so etwas zu riskieren.“

„Ich muß“, sagte er schlicht. ,,Und ich möchte, daß du mit mir betest. Wir sind hier die einzigen, denen dieser Tag heilig ist.“

Ich blickte mich um. Die Wachen waren nicht in Sicht, und der nächste Mann war mindestens durch die halbe Breite des Feldes von uns getrennt.

,,Geh in den Entwässerungsgraben“, sagte ich. ,,Ich gebe dir 15 Minuten, Alter. Mehr nicht!“

,,Und du?“

,,Ich bleibe hier.“

In den nächsten Minuten starb ich tausend Tode. In jedem Heulen des Windes hörte ich den Ruf eines Wärters. Und dann überkam mich etwas – ich weiß nicht, was –, was stärker war als meine Angst und mich hinüber zu dem Graben zog. Was ich dort sah, war so überwältigend, daß ich seit vier Jahren zum erstenmal Jang und das Gefangenenlager vergaß und mich auf den Glauben an etwas besann, was mehr ist als nur das Amlebenbleiben.

Unten in dem ausgetrockneten Graben hielt Hsia die Messe. Seine Kirche war diese öde nordchinesische Ebene, sein Altar ein hartgefrorener Erdhügel. Als Meßgewand trug er die zerschlissene Gefangenenuniform; ein angeschlagener Emaillebecher diente ihm als Kelch. Aus ein paar lange gehüteten Trauben hatte er etwas Weinähnliches destilliert, und aus einer Handvoll Weizen, den er während der Sommerernte gestohlen haben mochte, hatte er einen dünnen Fladen gemacht – die Hostie. Keine Kerzen standen auf Hsias Altar; statt ihrer flackerte ein kleines Feuer über einem Häuflein Reisig. Das Heulen des Nordwestwinds war der Chor, und mir war, als ob die Gebete des mutigen alten Mannes von den Flammen geradewegs zum Himmel emporgesandt und vom Wind in alle vier Himmelsrichtungen getragen würden.

Plötzlich sehnte ich mich danach, Hsias Glauben zu teilen. Nirgends in der Welt, dachte ich, nicht in den schönsten Kirchen der Christenheit, konnte an diesem Weihnachtstag eine so ergreifende Messe wie diese gehalten werden. Überwältigt sang ich die heiligen Worte: ,,Et cum spiritu tuo.“

Hsia schien nicht überrascht; er nickte ermutigend und intonierte:

,,Ite missa est.“ Und die fast vergessene Antwort kam mir von selbst auf die Lippen: ,,Deo gratias“ – ,,Dank sei Gott.“ Die Messe war zu Ende. „Möge der Herr verstehen, daß wir ihn nicht beleidigen wollen“, sagte Hsia. „Das ist kaum die richtige Art …“ Ich konnte nicht sprechen. Seine unveränderten, unwandelbaren Wertmaßstäbe, seine Angst nicht vor dem Erschossenwerden, sondern davor, daß er Gott beleidigen könnte, hatten mir endlich klargemacht, was er mir in all diesen Monaten zu sagen versucht hatte: daß das Überleben an sich, so wie ein Tier mit List und ständiger Furcht überlebt, für einen Menschen nicht genügt.

Ein Mensch braucht etwas Höheres, für das er lebt, einen Traum, einen Glauben. Und ich sagte: „Gott wird es verstehen, das glaube ich sicher,Pater Hsia.“

„Ich danke dir, Jean. Gott schütze dich allezeit!“

Und zum ersten mal seit vier Jahren glaubte ich daran, daß er mich schützen würde.

Dann sah ich Jang auf seinem Fahrrad herankommen. Ich hatte gerade noch Zeit, in den Graben zu springen und die Hände über das Feuer zu halten, als wollte ich mich wärmen, bevor er auf uns niederstarrte.

„Was macht ihr da?“ rief er.

,,Dieser verrückte Alte hat ein Feuer gemacht, um sich zu wärmen“, sagte ich blöde lächelnd.

„Ihr könnt mit der Arbeit aufhören, wenn Pause ist, vorher nicht!“ brüllte er. ,,Zurück an die Arbeit!“ Ein paar Tage später wurden wir wieder verlegt, und ich wurde von Hsia getrennt. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Aber von diesem Tag an, solange ich in diesem unmenschlichen Lager blieb, war ein Winkel meines Herzens sicher vor Jang und seinen Schergen – sicher und ohne Furcht. Vielleicht lebt Hsia noch, vielleicht ist er tot. Doch selbst wenn die Kommunisten ihn getötet haben – sie konnten nur seinen Körper zerstören, das Haus seiner unbesiegbaren Seele. Ihr selbst konnten sie nichts anhaben.

JEAN PASQUALINI, Sohn eines französischen Vaters und einer chinesischen Mutter, hat wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“ sieben Jahre in einem rotchinesischen Arbeitslager verbracht. Er ist 1964 entlassen worden und lebt jetzt in Paris.

Aus aller Welt

WAS SOLL aus dem Fischereiwesen werden, wenn die Fänge wegen der zunehmenden Quecksilberverseuchung nicht mehr an den Mann zu bringen sind? In Schweden haben die Fischer angefangen, Hechthäute zu präparieren und zu Krokodil- und Eidechsenlederersatz zu verarbeiten. Nach Angaben schwedischer Fachleute sind die Fischhäute sehr widerstandsfähig und geschmeidig. Sie sehen gut aus und eignen sich vorzüglich als Material für Schuhe, Handtaschen und Gürtel, sogar Bikinis.-AW

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