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Die 100 besten Debütalben


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 12.08.2021

AN DIESER LISTE HABEN MITGEARBEITET:

André Boße, Stefan Hochgesand, Christopher Hunold, Mike Köhler, David Numberger, Stephan Rehm Rozanes, Reiner Reitsamer, Frank Sawatzki, Ingo Scheel, Uwe Schleifenbaum, Fabian Soethof, Linus Volkmann, Thomas Winkler und Hella Wittenberg

Once in a lifetime

Ein Debüt besitzt keine Vergangenheit und kümmert sich nicht um die Zukunft. Ein Debüt ist Gegenwart, und es verwundert daher nicht, dass die besten Werke der Gegenwartskultur Popmusik erste Alben sind. Eine Annäherung an das Phänomen Debütalbum.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Hermann Hesse, „Stufen“

„Für ein Debüt hast du ein Viertel deines Lebens, für den Nachfolger ein paar Monate.“ Die ME-Autor*innen haben diese Aussage dutzendfach auf Tapes und Files archiviert, sie zählt zu den Interviewstandards. Getroffen wird sie in der Regel bei Gesprächen über ein ...

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... drittes Album, wenn es darum geht, zu begründen, warum die zweite Platte eher mittelmäßig geraten war, im Vergleich zum ersten Werk. Was häufig an der Musik liegt, die weniger Feuer besitzt. Dazu an den Texten, die plötzlich von Themen wie Zollkontrollen, Backstage-Exzessen oder der Einsamkeit von Hotelzimmern weit nach Mitternacht handeln. Dinge, mit denen sich Musiker*innen beschäftigen, wenn sie ausgiebig ein Album „betouren“ – die aber Menschen, die noch nie ein Album „betourt“ haben und dies auch nie tun werden, so sehr interessiert wie die neue Verwaltungssoftware einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

2008

„Just Dance“, „Poker Face“, „Love- Game“, „Paparazzi“: Stefani Joanne Angelina Germanotta aka Madonna 2.0 brachte hiermit 90s-inspirierte EDM vom Autoscooter-Rollfeld in die Clubs aller Welt.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: Die überragende Hit-Single „Bad Romance“ kam tatsächlich erst ein Jahr später mit der Zusatz-EP „The Fame Monster“ (2009) heraus – wie auch „Telephone“, das Duett mit Beyoncé.

99 Maxïmo Park A Certain Trigger

2005

Ein bisschen schien diese Band aus Newcastle am Reißbrett konzipiert. Das sonst eher im Elektronischen versierte Warp-Label wollte es dem Retro-Gitarren-Zeitgeist hiermit so richtig zeigen. Doch der griffig kühle Uptempo-Wave-Rock setzte sich über alle Kritik hinweg.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Bis heute am Liefern, das Debüt aber unerreicht.

96 Courtney Barnett Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

2015

Da schafft es die Australierin, mit komplett unbeeindruckter Stimme ihre scharfsinnigen Alltagsbeobachtungen unter geradlinigem Schluffirock raus- und uns damit umzuhauen.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Wahrgewordener Slackertraum: das Album mit Kurt Vile 2017, LOTTA SEA LICE.

98 Wire Pink Flag

1977

21 Stücke, viele unter zwei Minu- ten: Die Dringlichkeit des Punk trifft auf das Kunstverständnis der Art-School-Boys. Zwischen den Dekonstruktionen steckt der brillante Pop von „Mannequin“ und „Ex Lion Tamer“.

André Boße

Was danach geschah: Auf zwei LPs perfektionieren Wire die Formel, auf eine Pause folgt die elektronische Neuerfindung.

97 The Gun Club Fire Of Love

1981

Archaisch erdig produzierte Kreuzung aus Postpunk mit Mississippi- Delta-Blues. Stets im Fokus: Vokalist, Gitarrist und Komponist Jeffrey Lee Pierce, der Euphorie, Lebenssucht, Drogenabhängkeit, Seelenpein und Liebeskummer in exzellente Songs sublimierte.

Mike Köhler

Was danach geschah: Pierce stirbt 1996 an den Folgen einer Gehirnblutung.

95 Yeah Yeah Yeahs Fever To Tell

2003

Die New Yorker möchten sich hier nicht vorstellen – sie wollen uns jagen. Das schafft Karen O mit manischer Lyrics-und-Stimmen- Mische, während Nick Zinner und Brian Chase uns ihre Bass- und Gitarrenwellen entgegenklatschen.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Drei Alben bis 2013, angedeutetes Comeback 2020.

94 The B-52’s The B-52’s

1979

Knallig und genial – das Debüt der Bomberfrisuren aus Athens, Georgia, als heiliger Gral der Postpunkmoderne, so tanzbar wie verschroben, all Killer, no Filler: „Planet Claire“, „52 Girls“, „Rock Lobster“.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Das Gleiche noch mal in Rot: WILD PLANET erscheint ein Jahr später.

93 Pixies Surfer Rosa

1988

Das eindrucksvolle Ende des Films „Fight Club“ unterlegt von Pixies „Where Is My Mind?“ stellt ja nur einen Bruchteil der ikonischen Kraft dieser Platte dar. An SURFER ROSA orientierten sich diverse Gitarren-Generationen.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Ab den Nullern vor allem eher halbgeile Reunions.

92 Burial Burial

2006

Will Bevan goss die verregneten Straßen der Londoner Nächte in einen düsteren Dubstep- und Garage-Sound, der zahllose Epigonen folgen ließ, die aber nie seine Klasse erreichen sollten.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Schon ein Jahr später erschien mit UNTRUE das Genre-Meisterwerk schlechthin.

91 Tori Amos Little Earthquakes

1992

Das Album atmet Glam à la Queen und Elton John. Im Zentrum stöhnt und flucht Amos’ eindringliche Stimme, flankiert von Klavier. Vor balladeskem Wohlklang bewahren auch die Menstruationsblut ausgießenden Lyrics.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: Auf UNDER THE PINK greift Amos erstmals zum Bösendorfer-Flügel, ihrem Markenzeichen.

90 Hot Chip Coming On Strong

2004

Elf Songs mit der Aura von introvertiertem Indie, der sich aber seltsam elektronisch gibt. Hier ist alles schon angelegt, Hot Chip avancieren zu mehr als einem Geheimtipp.

Linus Volkmann

Was danach geschah: THE WARNING schob zwei Jahre später deutlich mehr in Richtung Tanzfläche - und machte sie zu Nerd-Superstars.

89 Nick Drake Five Leaves Left

1969

Fünf Jahre danach stirbt Drake an einer Überdosis Antidepressiva, weitgehend übersehen, aus der Zeit gefallen, baldiger Status: Beinahe-Ikone. Die Streicher-Arrangements, die er mit seiner Stimme durchfliegt, verdanken dem Barock-Komponisten Händel mehr als der Musik der 60er.

Frank Sawatzki

Was danach geschah: Der Opener „Time Has Told Me“ setzt den Ton für diese visionäre Reise ins Dunkel, mild und bedacht.

88 MGMT Oracular Spectacular

2007

Produziert von Dave Fridmann legt das New Yorker Duo Neo-Psychedelia von Spitzenqualität vor. Zu der Zeit eine Offenbarung, allenfalls vergleichbar mit dem in etwa zeitgleichen Aufstieg von Vampire Weekend.

Stefan Hochgesand

Was danach ge schah: Die erste Albumhälfte wird dominiert von Dance-Pop-Hits wie „Kids“. Die z weite Hälfte weist mehr in die psychoschlierende Zukunft.

87 Jeff Buckley Grace

1994

Das erste und einzige Album des drei Jahre später verstorbenen Tim-Buckley-Sohns zerrt an Rock-, Folk- und Grunge-Grenzen, nur um uns dann wieder mit ätherischem Gesang und epischen Balladen im Sicheren zu wiegen.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Sein darauf enthaltendes Leonard-Cohen-Cover von „Hallelujah“ ist bis heute wohl die am meisten verbreitete Version des Songs.

86 The Darkness Permission To Land

2003

Meisterliche Hardrock-Parodie, die meisterlichen Hardrock hervorbrachte. Für „I Believe In A Thing Called Love“ wäre Freddie Mercury von den Toten zurückgekehrt.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Kurzzeitig „The nation’s leading rock combo“, dann Flop-LP, Split, Reunion. Heute mit Sohn des Queen-Drummers am Schlagzeug.

85 Kanye West The College Dropout

2004

Weil er kein Gangster war, rappte er übers College, über Religion und Familie. Curtis und Marvin hallen nach, aber auch die spätere Megalomanie ist angelegt, in den fordernden Lyrics, den fetten Gospel- Chören. „Jesus Walks“ und „Never Let Me Down“ sind unschlagbar.

David Numberger

Was danach geschah: Das weiß jeder.

94 The Go-Go’s Beauty And The Beat

Historisch: Die Kalifornierinnen sind die erste rein weiblich besetzte Band, die mit selbstkomponierten Songs Platz 1 der USA erreicht. Power Pop, mit Betonung auf Power und Pop.

André Boße

Was danach geschah: 1987 gelingt Sängerin Belinda Carlisle mit „Heaven Is A Place On Earth“ ein Welthit.

83 Vampire Weekend Vampire Weekend

2008

Mit seinen polyrhythmischen Schlenkern maßgeblich für den Einzug des Afrobeat in den Indie- Pop verantwortlich. Frisches Blut für das damals schon arg bleiche Genre. Stephan Rehm Rozanes Was danach geschah: Die Band schreitet in den tiefen Fußstapfen von Simon & Garfunkel bis auf Platz 1 der USA.

82 Sophie Oil Of Every Pearl’s Un-Insides

2018

Der Hyperpop der schottischen Künstlerin aus dem Umfeld von PC Music hat den Blick in eine entfernte Zukunft elektronischer Musik und seiner Möglichkeiten geworfen und neue Pop-Standards gesetzt. Retromania war buchstäblich gestern.

Christopher Hunold Was danach geschah: Anfang 2021 verunglückte sie auf tragische Weise bei einem Sturz in Athen. „It’s Okay To Cry“. Der Asteroid Sophiexeon wurde nach ihr benannt.

81 Norah Jones Come Away With Me

2002

Der Jazzpolizei war dieses Debüt viel zu folkig. Bis heute wird es zu Unrecht verschmäht als Macchiato-Bar-Pop. Aber wenn alle Cafés der Welt dieses Album spielen würden, hätten wir ein besseres Leben.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah So intensiv wie auf ihrem Debüt mit gerade mal 22 klang die Tochter von Ravi Shankar nie wieder.

80 DJ Shadow Endtroducing....

1996

Upcycling in Musikform. Alte Soulplatten, Soundtracks und Hörspiele wurden zu einem der einflussreichsten instrumentalen HipHop-Alben aller Zeiten und die Sample-Culture war nie mehr die gleiche.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Shadow war im Anschluss für kurze Zeit Mitglied der TripHop-Band UNKLE.

77 The Avalanches Since I Left You

So tönt es wohl, wenn man ein Kaleidoskop gegen das mitternächtliche Mondlicht hält: Ein R’n’B-Album, das trotz seiner erklecklichen Fülle an Samples – um die 3 500 sollen es sein – klingt wie aus einem Guss.

Ingo Scheel

Was danach geschah: WILDFLOWER, der Nachfolger, erscheint 16 Jahre – und einige Mixtapes – später.

79 The Cure Three Imaginary Boys

1979

„Object“, „Accuracy“, „Fire In Cairo“ -die Hit-Dichte ist so erstaunlich wie die allermeisten der Stücke kurz sind. Eins der konzentriertesten Debüts überhaupt, dessen super-spröder Sound bis heute Gültigkeit besitzt.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Gothic zieht herauf, Robert Smith etabliert seine markante Vogelnestfrisur.

78 The xx xx

2009

Der gehauchte Minimalismus der Electronica-Dream-Pop-Anordnung macht einige Leute aggressiv. Dabei beantworten The xx mit kühl-eleganten Tracks die Frage, wie Entschleunigung klingen kann, wie es sich anhört, wenn das Herz einen Beat überspringt.

André Boße

Was danach geschah: Wirklich magische Live-Konzerte, bei denen Romy, Jamie und Oliver die Stille statisch aufluden.

76 The Specials The Specials

Schwarz und weiß, wir steh’n auf einer Seite: Das Two-Tone-Label bringt den guten alten Ska zurück in den Fokus und praktiziert ein juveniles Come-together: Sozialkritisch und tanzbar.

Ingo Scheel

Was danach geschah: MORE SPECIALS (1980) erweitert das Klangbild, „Ghost Town“ (1981) wird zum Meilenstein.

75 Suede Suede

1993

Der Hype ist so groß, dass man nur auf den Moment wartet, in dem die Luft entweicht. Doch das passiert nicht, denn das Album überragt dank der dramatischen Balladen sogar die eigenen Monstersingles: „Pantomime Horse“, „Sleeping Pills“, „The Next Life“ – Suede stellen die späten Roxy Music in den Schatten.

André Boße

Was danach geschah: DOG MAN STAR bietet noch mehr Drama. Danach geht Gitarrist Bernard Butler.

74 Mudhoney Superfuzz Bigmuff

1988

Und jetzt alle zusammen: „Touch me, I’m sick!“ Die Rückkehr des Rock, aufgepeppt mit der Attitüde des Punk und der rohen Gewalt von Distortion und Wahwah-Pedal. Nach dieser EP waren sich alle einig: Mudhoney würden Subpop und Seattle in die Charts katapultieren.

Thomas Winkler

Was danach geschah: NEVERMIND. Und Mark Arm blieb die Schrotflinte erspart und immerhin ein Gnadenbrot als Subpop-Lagerist.

73 International Music Die besten Jahre

2018

Ein Bandname wie zwei Leerzeichen, eine Doppel-LP zum Einstand: Die Essener machten es sich und uns nicht leicht. Dennoch verfielen wir diesem so einzigartigen Meisterwerk sofort, das es hierzulande eigentlich gar nicht geben dürfte. Stellen Sie sich Velvet Underground mit Andreas Spechtl als Sänger vor.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Eine Auszeichnung zur Platte des Jahres im Musikexpress, 2021 ein weiteres Album, das gute Chancen hat, es dem Vorgänger gleichzutun.

72 The Mothers Of Invention Freak Out!

1966

Tradierte Hörgewohnheiten führte die nach Dylans BLONDE ON BLONDE zweite Doppel-LP wie das wohl erste Konzeptwerk der Pophistorie ad absurdum: FREAK OUT!, kongenial vom Bandchef, Multiinstrumentalisten und Komponisten Frank Zappa im Gespann mit Produzent Tom Wilson via Collagenformat in Szene gesetzt, gönnte einen ironischen Blick auf die L.A.-Musikszene, karikierte die Popkultur und bot unverblümte Gesellschaftskritik. Als geschmeidiges Transportmittel diente ein Stileklektizismus aus Blues, Jazz, Doo Wop, Avantgarde, Rock’n’Roll und R’n’B.

Mike Köhler

Was danach geschah: Bis zu seinem Tod 1983 veröffentlichte Zappa 62 Alben. Danach kamen noch 54 Stück.

71 Fiona Apple Tidal

1996

Gerade mal 18 ist die New Yorker Singer/Songwriterin zum Zeitpunkt ihres Erstlings, aber doch schnauzt sie uns glasklar die Essenz vom Frausein hin. Apple blickt auf Vergangenes, auf Einsamkeit und Depression, ohne je Details vernebeln zu wollen. Puh.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Dass sie die Coolste ist, bewies Apple, als sie in ihrer Dankesrede für die Best-New- Artist-Trophäe beim MTV Music Award 1997 allen sagte, die Promiwelt sei „Bullshit“.

70 Joanna Newsom The Milk-Eyed Mender

2004

Die Supersirene mit der Harfe, die Devendra Banharts Freakfolk-Gemeinde so becircte, vermochte auf diesem Debüt die Vibrationen ihrer 46 Saiten bis in die letzte Rippe zu tragen, ihre Stimme drehte, als hätte Mickey Mouse Gesangsunterricht bei Tom Waits genommen.

Frank Sawatzki

Was danach geschah: Als Burgfräulein grüßte sie vom Cover von YS (2006) – Startschuss einer Pop-Renaissance aus zirpenden Fantasien.

69 Elastica Elastica

1995

Der UK-Markt funktioniert über Singles. Vier Seven-Inches erscheinen vorab, darunter die Hits „Connection“ und „Stutter“. Was kann das Debüt da noch bieten? Mehr von all dem: Wire ohne Knoten im Kopf, die Stranglers aus femininer Perspektive. Wer will Sängerin und Poetin Justine Frischmann stoppen?

André Boße

Was danach geschah: Drogen und Stress mit Freund Damon Albarn. Die zweite Platte erscheint 2000 – und damit viel zu spät.

68 Os Mutantes Os Mutantes

1968

1967 flossen in Brasilien Samba und Boss Nova mit Psychedelic-Rock und Soul zusammen und mündeten in einer ganz neuen Kunstform: Tropicália. Schlüsselfiguren der Szene waren neben Os Mutantes Gilberto Gil, Caetano Veloso und Jorge Ben, die hier die göttlichsten Songs „Panis Et Circenses“ und „A Minha Menina“ schrieben.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Sängerin Rita Lee verließ die Band 1972 und wurde zur Königin brasilianischen Rocks.

67 Metallica Kill ’Em All

1983

Metallica zählen zu den Mitbegründern des Thrash Metal, einer fiesen Mischung aus Hardcore Punk und Heavy Metal. Anders als Zeitgenossen wie Slayer ließen sie schon auf der ersten Platte das Potenzial erkennen, aus der Nische auszubrechen. Heute laufen Sport- Teams zu „Seek & Destroy“ auf, damals war es der Stoff, aus dem Muttis Albträume waren.

Reiner Reitsamer

Was danach geschah: Meilensteine, Weltruhm – und dann LOAD bis LULU. They killed it all.

66 FKA twigs LP1

2014

Im Clip zur frühen Single „Water Me“ läuft FKA twigs eine Fake-Träne aus dem rechten Auge. Auf LP1 greift sie dieses künstlerische Prinzip wieder auf. R’n’B-Pop in Extremzeitlupe, abgehackte synthetische Sounds, die gehauchte, teils verfremdete Stimme: hochartifiziell und zugleich hyperemotional.

David Numberger

Was danach geschah: Album zwei MAGDALENE enttäuschte nach fünf Jahren Pause nicht. Zuletzt ging es vor allem um ihre Missbrauchsvorwürfe gegen Ex-Freund Shia LaBeouf.

65 The Streets Original Pirate Ma terial

2002

Monarchie und Alltag, durch die Augen des Mike Skinner gesehen: Das Millennium hat kei- ne zwei Jahre auf dem Buckel, da verbuchen The Streets mit ihrem Debüt, darauf Songs wie „Has It Come To This?“ und „Let’s Push Things Forward“, einen zeitgenössischen Klassiker aus der Sozialkritik-Garage, abgeschmeckt mit HipHop, Dosenbier und Vinegar.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Tolle Alben im Zwei-Jahres- Rhythmus, bis zum großen Break zwischen 2011 und 2020.

64 PJ Harvey Dry

1992

1992 beginnt Großbritannien damit, sich im semieleganten Britpopwahn zu suhlen. Polly Jean Harvey aus Dorset kümmert das alles nicht, sie haut mit ihrer Band elf Songs raus, die gewaltig und lasziv von Trennungen erzählen, von der Dichotomie aus Glück und Blut, von Haaren und vom roten Kleid, in dem „er“ „sie“ sehen soll: Feminismus’n’Blues in einer bis dahin nicht gehörten Wucht.

André Boße

Was danach geschah: Ein Jahr später spielt PJ Harvey im Vorprogramm von U2.

63 Arctic Monkeys Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not

2006

Die Platte ist noch nicht raus, aber bei Live-Gigs singen die Fans die Texte mit. Die Arctic Monkeys sind ein frühes Internet-Phänomen, die Stücke kursieren als Demo-Versionen im Netz, Band und Label haben die Aufgabe, das Albumdebüt spannend zu halten. Das gelingt, weil die unfassbar junge Band aus Sheffield so gut spielt.

André Boße

Was danach geschah: Das Internet als Promo-Tool? Ja, aber nur kontrolliert.

62 Rage Against The Machine Rage Against The Machine

1992

Mit ihrem Debüt politisierten RATM eine Generation. Wie das Che-Guevera-Bildnis auf ihren T-Shirts verwandelten sie die Revolution in Pop. Es war der heilige Zorn von Frontmann Zack de la Rocha, es war der Groove der Band, und dazu eine Zeile, zu der man Dancefloors genauso in Brand stecken konnte wie Polizeiautos: „Fuck you, I won’t do what you tell me!“.

Reiner Reitsamer

Was danach geschah: Zuerst Audioslave, dann Reunions. Welcome to the machine!

61 Fehlfarben Monarchie und Alltag

1980

„Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weg gewaschen hat.“ „Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen.“ Man möchte gar nicht mehr aufhören, noch mehr geniale Zeilen zu zitieren. Im Takt des grandiosen funky Punk-Beat wird Deutsch als Pop-Sprache wiederbelebt.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Peter Hein verpasst seine Chance, der größte Popstar des Landes zu werden, weil er seinen Brotjob nicht aufgeben will.

60 Liz Phair Exile In Guysville

1993

Einmal, nach etwa zwei Minuten, singt sie „yeah“, und es klingt so, als wäre sie wirklich SEHR zufrieden mit dem, was sie macht. Dieser Ausruf im Opener „6’1““ hat jede Berechtigung: Das Debüt der Musikerin aus Chicago glänzt mit seinem Mix aus vergangenheitsbewusstlosem Bluesrock, Balladenmaterial und expliziten Texten bis heute.

Jochen Overbeck

Was danach geschah: Phair wurde zu einer großen, nicht nur geliebten Songwriterin: Dass sie mit LIZ PHAIR 2003 in den Mainstream-Rock wechselte, wurde ihr nie so recht verziehen.

59 Pearl Jam Ten

1991

Während Nirvana sich auf Noise und Punk beriefen, machten Pearl Jam keinen Hehl aus ihrem Hang zu Hardrock, Außenseiter-Hymnen und Ballonmützen. So wütend, pathetisch und zwingend wie auf ihrem Dreifach-Platin- und Diamant-Debüt wurden sie nie wieder, dafür oder deshalb zu einer der beständigsten Rockbands der Welt.

Fabian Soethof

Was danach geschah: Pearl Jam wurden die Grateful Dead des Grunge: Nach mittlerweile elf Alben und Hunderten offiziellen Live-Bootlegs steht ihre nächste Tour an – es wird nicht ihre letzte sein.

58 Weezer Weezer

1994

Vier adrett gekleidete Typen schreiben zwar nicht unmelancholische, aber immer gut nach vorne gehende Popsongs und lassen die auch noch von Ric Ocasek produzieren. Einer der besten, „Buddy Holly“, findet sich später sogar auf der „Windows 95“-CD-Rom. Los Angeles holte sich mit diesem Album die Rock-Deutungshoheit von Seattle zurück: Sonne statt Regen!

Jochen Overbeck

Was danach geschah: Weezer sind heute die komischen Verwandten, die man trotz Nervfaktors zu seiner Party einlädt. Dort spielen sie dann Van-Halen-Songs.

57 Die Ärzte Debil

1984

„Claudia hat ’nen Schäferhund“. War witzig. „Paule heißt er, ist Bademeister“. Dochdoch, das war witzig. Heute würde man sagen: aber halt nicht sehr woke. Aber damals eher so: wahnsinnig witzig. So was hatte sich bis dahin niemand getraut, erst recht keine Punks, vor allem keine deutschen Punks. Wurde auch gleich auf den Index gesetzt und blieb da 20 Jahre.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Aus dem Witz wird die größte deutsche Popband. Kein Witz.

56 Captain Beefheart & His Magic Band Safe As Milk

1967

Anders als alle anderen: Die Mixtur aus archaischem Wüsten-Blues, wimmerndem Theremin, Garagenrock und Dada-Lyrik projizierte zeitgenössischen Blumenkindern wohl ein Fragezeichen auf die Stirn, zumal Käpt’n Don Van Vliet auch noch gurrte, grunzte und röhrte wie ein enthemmtes Wildschwein. Ziemlich genial, das alles.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Trotz Förderung Frank Zappas beendete Van Vliet 1982 seine Musikkarriere und widmete sich der Malerei.

55 Massive Attack Blue Lines

1991

Geboren aus dem Schoß der Kolchose Bristols, dem Soundsystem Wild Bunch, wurde dieses multi-ethnische Wunderkind mit Vorfahren im Soul, Reggae, House, HipHop und Space-Rock zum Wunderkind, das seiner Zeit so weit voraus war, dass man ihm erst drei Jahre später einen Namen gab: TripHop. Dies ist das erste Album seiner Art.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Mit PROTECTION und MEZZANI- NE folgen weitere Meisterwerke. Im 21. Jahrhundert halten Massive Attack ihren guten Namen eher als Klimaschützer und gefeierter Live-Act aufrecht.

54 Blumfeld Ich-Maschine

1992

„Zeittotschläger laufen um ihr Leben. Für fünf Mark Freiheit und für dreißig Mark Bier“. Die Band mit dem Namensbezug hin zu Kafka wurde zum Poetry-Fetisch für eine ganze Generation Gymnasiasten mit Deutsch-LK-Hintergrund.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Der Schlager-Kurs von OLD NOBODY (1999) verzückte, verstörte und bekräftigte den Stempel Diskurs-Pop, der Blumfeld bis zur Auflösung 2007 nie mehr verließ. Jochen Distelmeyer scheiterte überraschend mit seinem Roman „Otis“. Sporadische Reunion-Touren der Band seit 2014.

53 Missy „Misdemeanor“ Elliott Supa Dupa Fly

1997

Die erste Hälfte der 90er verbrachte Elliott damit, zusammen mit ihrem Highschool-Buddy Timbaland Tracks für so ziemlich jeden großen R’n’B-Act der USA zu schreiben. Dann trat sie selbst ins Rampenlicht und wurde mit einem vor Kreativität berstenden Album, spektakulären Videos, die das dominante Frauenbild auf den Kopf stellten, zum schillerndsten Star der Hip- Hop-Szene.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Nach fünf weiteren tollen bis fantastischen Alben wird die Welt seit 15 Jahren mit verheißungsvollen Comeback-Teasern verrückt gemacht.

51 Nine Inch Nails Pretty Hate Machine

1989

Skateboard. Modellflugzeuge. Klavier. Das ist das Interessenstriple, aus dem Trent Reznor seine Alterna-Rock-Blaupause schraubt. Düster und metallisch im Unterbauch, aber eben auch melodiös und pop-affin durchwirkt, kommt sein brachialer Sound daher, kurzum: die perfekte Industrial-Erweiterung des aufkommenden Rock-Revivals, an dem zeitgleich in Seattle gedrechselt wird.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Filmmusiken. Marilyn Manson. Oscar. David Bowie. Johnny Cash.

50 The Band Music From Big Pink

1968

Sie wollten nicht auf ewig die Backing-Band von Bob Dylan sein. Also nahmen Robbie Robertson, Rick Danko, Levon Helm, Garth Hudson und Richard Manuel diese Songs zwischen Rock, Folk, Country und Rhythm & Blues auf: Heute sagt man Americana dazu. Nichts wirkt einstudiert, trotzdem greift alles genial ineinander.

David Numberger

Was danach geschah: Die Abschiedsshow von 1976 wurde als „The Last Waltz“ zur Ikone. Martin Scorsese hat den Film dazu gemacht..

52 Iggy Pop The Idiot

1977

1971 lernte David Bowie den von ihm verehrten Iggy Pop kennen. Nach erster Kollabo auf der dritten Stooges-LP traf sich das Paar 1975 wieder. Beide mieteten sich in der Schöneberger Hauptstraße 155 ein, um zu entgiften. Parallel diente Pop als Bowies Versuchskaninchen, um dessen von deutschen Elektronik-Pionieren wie Neu!, Cluster und Kraftwerk inspiriertes Klangkonzept zu proben. Es entstehen Klassiker wie „Funtime“ und „Nightclubbing“.

Mike Köhler

Was danach geschah: Die Zusammenarbeit führt noch im selben Jahr zum elektrolosen LUST FOR LIFE.

49 Suicide Suicide

1977

Im Ursumpf der New Yorker Glamrockszene 1970 von Vokalist Alan Vega und Keyboarder Martin Rev gegründet, erlebte das auf Schockmomente geeichte Duo seinen Durchbruch erst in der Punk-Ära. Vegas provokante Botschaften, unterfüttert von Revs Minimal-Elektro-Beiträgen, hakten sich im Unterbewusstsein fest: harsche Analysen über den Niedergang des American Way Of Life.

Mike Köhler

Was danach geschah: Das Duo trennt sich 1980, gelegentliche Reunions folgen bis Vegas Tod 2016.

48 Devo Q: Are We Not Men? A: We Are Devo!

1978

David Bowie und Iggy Pop erhielten 1977 Demos von der Truppe aus Akron, Ohio. Sowohl sie als auch Brian Eno und Robert Fripp gedachten zu produzieren. Eno machte das Rennen. Zeitweise agierten im Studio auch Holger Czukay und Dieter Moebius. Unterm Strich sprangen motorisch sperrige Punk-Klassiker und ein uriges Stones-Cover heraus.

Mike Köhler

Was danach geschah: „This is the band of the future!“ Trotz Bowies Prophezeiung blieb der Erfolg überschaubar.

47 Tocotronic Digital ist besser

1995

Wie viel Charme und Kraft im Unperfekten liegt, beweist diese Platte, auf der sogar noch ein „Drum Coach“ für Schlagzeuger Arne Zank geführt wird. Der Hype um Hamburger Acts und deutsche Texte erreicht hiermit mühelos und in den legendären Trainingsjacken das nächste Level.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Lichterloh brennend stieg diese Band bereits ein – so lag dann auch zwischen Debüt- und Folge-Album (NACH DER VERLORENEN ZEIT) nicht mal ein halbes Jahr.

46 Siouxsie & The Banshees The Scream

1978

Die männliche Konkurrenz hatte längst Plattendeals, bei Siouxsie mussten erst Fans die Stadt plakatieren, bis Polydor zuschlägt. Eine vorzügliche Entscheidung, denn Siouxsie und ihr Stamm hatten des Postpunks erstes Opus im Köcher, mal saxofoneskversponnen wie „The Switch“, dann opernhaft wie „Overground“, zerstörerisch wie „Helter Skelter“.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Von null auf Ikone binnen einer Albumlänge: Siouxsie Sioux zwischen Gothic und New Wave.

45 Beastie Boys Licensed To Ill

1986

Ihren Weltruf als grenzeneinreißende Innovatoren zementierten sie gleich beim Debüt, mit dem sie vom Skate-Punk zum HipHop sprangen, und letztgenanntes Genre damit erstmals auf Platz 1 der USA packten. Dennoch schufen sie hier ein Monster: Mit der Parodie auf tumbe Party-Hits „(You Gotta) Fight For Your Right (To Party!)“ landeten sie eine tumbe Party-Hymne und vom Sexismus in Songs wie „Girls“ sollten sie sich vorbildlich wie nachdrücklich distanzieren. Kennt man ihren weiteren Werdegang, lässt sich dieses Album gut genießen.

Stephan Rehm Rozanes

Was danach geschah: Ein Hakenschlag folgte dem anderen, von Jazz zu Noise, from Disco to Disco. Einzige Konstante: moralisch Oberwasser behalten. Do the right thing!

44 Bloc Party Silent Alarm

2005

Die Class of 2005 haben sie mit dem vor Kraft strotzenden Drummer Tong, dem damals herausragenden Songwriter Okereke und der Energie Hunderter Bands als Notenbeste abgeschlossen. Träne im Knopfloch und Schweißperle auf den Tanzschuhen. SILENT ALARM hatte alles und ist auch über 15 Jahre später das definitive Statement der ganzen Englandbrennt-Welle.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Wir hüllen den Mantel des Schweigens über den neuen Sound der Neubesetzung.

43 The Jesus & Mary Chain Psychocandy

1985

Ihren Pop Marke Beach Boys verstauten die Schotten unter Tonnen von Distortion. Dort schimmert und glänzt er bis heute, just wie Honig. An anderer Stelle schleifen die Dekaden schon mal einiges an zeitgenössischer Schärfe ab, nicht so bei Jesus und Maria: Songs wie „You Trip Me Up“ oder „Never Understand“ sind bis dato schmerzhaft schön.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Drummer Bobby Gillespie streicht die Segel, Primal Scream zeigen sich erfreut.

42 The Clash The Clash

1977

Wenn man weiß, dass „I’m So Bored With The USA“ entstand, weil Joe Strummer den nuschelnden Mick Jones und sein „I’m So Bored With You“ missverstand, weiß man, warum THE CLASH so großspurig, größenwahnsinnig, so großartig ist. Politik als Pose, ja, aber manchmal entsteht das Beste gerade aus den falschen Gründen.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Bei der anschließenden Tournee wird die halbe Band verhaftet – weil sie aus einem Hotel Kopfkissenbezüge hatten mitgehen lassen.

41 Run-D.M.C. Run-D.M.C.

1984

Hier beginnt die Geschichte des HipHop als weltweit dominierender Jugendkultur. Die Beats bollern, das ist Hardcore. Das Sampling entwickelt eine neue Sprache, die Raps sitzen wie die Hüte auf dem Cover. Was RUN-D.M.C. darüber hinaus machen: Pop – als Musik für die Gegenwart des Jahres 1984, die gar nicht so weit von der 2021er- Version entfernt ist.

André Boße

Was danach geschah: LP Nummer drei, RAISING HELL, macht die deutsche Turnschuhfirma Adidas zur Weltmarke.

40 Can Monster Movie

1969

Konsequente Reduktion, raumfüllende tribal beats und ein vor akuter Dringlichkeit berstender Gesang: ein Postpunk-Werk von 1969. Oder anders gesagt: der Zeit um mindestens zehn Jahre voraus. Uneasy listening, voll übersprudelnder Improvisationsfreude und manischer Intensität. Die ehrfurchtgebietende Titelfigur geht auf den „Planetenfresser“ Galactus zurück, wie er in der 134. Ausgabe von „Marvel’s Thor“ (1966) abgebildet wurde.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Filmmusiken, die sogar Hits abwarfen. Kultstatus vor allem im befreundeten Ausland, wo man der Neutönerei grundsätzlich gewogener war.

39 Guns N’ Roses Appetite For Destruction

1987

Die Party auf dem Sunset Strip war in vollem Gang, als GN’R mit der Tür ins Haus fielen. Sänger Axl Rose brachte den Furor, Gitarrist Slash den Sex. Vielleicht war es auch umgekehrt. Mit „Sweet Child O’ Mine“ und „Paradise City“ ließen sie die Hair-Metal-Knalltüten alt aussehen. GN’R brannten, sie bestimmt zum frühen Verglühen.

Reiner Reitsamer

Was danach geschah: CHINESE DEMOCRACY oder Warten auf Godot.

38 Grandmaster Flash And The Furious Five The Message

1982

Okay, neben dem Titelstück ist der Rest eher egal. Oder erinnert sich noch jemand an „You Are“? Aber eben an das Titelstück mit dem Großstadtdschungel, in dem man untergehen wird. Fand seltsamerweise auch in süddeutschen Kleinstädten einen gewaltigen Resonanzboden, der zu viel bemaltem Beton und Deutschrap führte.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Ungezählte Plattenspielernadeln fallen ahnungslosen Scratch-Versuchen zum Opfer.

37 M.I.A. Arular

2005

Die Londonerin hat es geschafft, direkt mit ihrem Debüt einen völlig eigenen Sound zu kreieren. Ihr Mashup aus HipHop, Worldbeat und Electropomp ergibt einen überragenden Dringlichkeits-Rave. Eine Platte, die rundum Laune macht und dabei doch voller Wut und Anprangern von Missständen steckt.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Das Album ist nach Maya Arulpragasams Vater, einem Rebellen in Sri Lanka, benannt. Diese Family Ties behielt sie auch bei den Titeln ihrer nächsten Veröffentlichungen bei.

36 Frank Ocean Channel Orange

2012

Eins der Alben übers Alleinsein, die einen doch nicht allein fühlen lassen. Davon gibt’s viele, klar, aber nicht viele sind so gut. Das einsam-schöne „Pyramids“ ist wie fünf Songs in einem, und wahrscheinlich jeder kennt das Gefühl aus „Bad Religion“. Ocean wurde mit Prince und Marvin Gaye verglichen, mit CHANNEL ORANGE hat er das nächste R’n’B-Level freigeschaltet.

David Numberger

Was danach geschah: Eineinhalb Alben und gespanntes Warten.

35 The Stooges The Stooges

1969

Es gibt ja durchaus einige historische Momente, in denen der Legende nach der Punkrock in die Welt kam. Dieser hier gehört zu den legendärsten und ist definitiv der rockigste. Der Blues, leicht beschleunigt, abgenagt bis auf sein dürres, welkes Skelett. „Last year I was 21, I didn’ have a lot of fun“. Schlagzeug, Bass, die Gitarre von Ron Asheton, Iggy Pop legt sich in den Schoß des Mädchens: „Now I wanna be your dog.“ Aber, vor allem, No Future ein knappes Jahrzehnt vorgezogen. „No fun, my babe, no fun“.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Iggy Pop zieht sein T-Shirt aus. Und nie wieder an.

34 Franz Ferdinand Franz Ferdinand

2004

Dass dieses Debüt eine Riesenwelle lostreten würde, war bereits vor Veröffentlichung ausgemachte Sache. Spätestens mit der dem Album vorauseilenden Single „Darts Of Pleasure“ bündelte sich hier die Hoffnung, Gitarrenmusik möge endlich dem Tief der Jahrtausendwende entsteigen. Starthilfe leisteten Franz Ferdinand mit ihrem genauso rhythmischen wie coolen Artschool-Sound. Die deutschen Quatsch-Zeilen „Ich heiße Superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch“ gaben einem dann endgültig den Rest.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Franz Ferdinand lösten alle Hoffnungen ein, ihr eigener Zuweg wurde aber schnell spitzer, wirklich in die Breite gingen andere.

33 Daft Punk Homework

1997

Als HOMEWORK erschien, stand French House dank Künstlern wie Mr. Oizo kurz vor dem Durchbruch. Die beiden Produzenten aber, damals noch ohne Roboter-Helme unterwegs, erlaubtem ihm noch schmutziger und fiebriger zu sein und die Rock-Gesten in den Maschinen-Sound zu lassen. Die bratzigen Beats und wummernden Bässe des mit Funk angereicherten Filter-House waren plötzlich überall und versöhnten auch Gitarren-Kinder mit House.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Die rockenden Roboter entdeckten den Glam und spätestens nach „Get Lucky“ lag ihnen die Welt zu Füßen. Nach 20 Jahren haben sie Anfang 2021 ihr Ende bekannt gegeben.

32 Cyndi Lauper She’s So Unusual

1983

Wahnsinn: Mit „Girls Just Want To Have Fun“, „Time After Time“, „She Bop“ und „All Through The Night“ wurde Cyndi Lauper, damals 30, die erste weibliche Künstlerin, die mit vier Singles von einem Album in den Top 5 der US-Charts landete. Dabei hatten die Radiosender den von weiblicher Masturbation schwärmenden New-Wave-Synthpop Laupers erst mal ignoriert. MTV spielte das „Girls“-Video indes rauf und runter – und bekam recht.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: An den kommerziellen Erfolg ihres Debüts konnte Lauper nie wieder anknüpfen – wurde aber, auch durch ihr politisches Engagement, eine Gay-Ikone wie Cher, mit der sie oft auf Tour ging.

31 Wu-Tang Clan Enter The Wu-Tang (36 Chambers)

1993

Das Irre ist, dass der Wu-Tang Clan damals Probleme hat, ein Label zu finden. Der Vertrag soll nämlich nur fürs Kollektiv gelten, ihren Solokram wollen die Leute auf eigene Rechnung machen. RZA sagt später, dass der Deal mit RCA wegweisend ist, weil er die Freiheit der Einzelnen wahrt. Über die Zweiteilung des Albums Shaolin- und Wu- Tang-Sword denkt man einen Joint zu lange nach, die wahre Währung des Debüts sind die Skills des Clans: Wer HipHop liebt, findet ihn hier komprimiert.

André Boße

Was danach geschah: Das Album beschleunigt ein halbes Dutzend Karrieren, die Frage ist: Würden die besten Tracks der Solosachen diese Clan-Platte schlagen?

30 Elvis Presley Elvis Presley

1956

Nein, er hat den Rock’n’Roll nicht erfunden – aber mit diesem Werk dafür gesorgt, dass aus den zuvor recht streng separierten Zutaten Rhythm & Blues, Country und Pop jenes Phänomen erwuchs, das zeitweise fast die globale Jugend an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen sollte. Ein amerikanischer Traum, aber universell interpretierbar, und Elvis setzte den Maßstab, an dem sich das Heer seiner weltweiten Jünger orientieren konnte. Ikonisches Artwork für ein ikonisches Album.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Eine atemberaubende Weltkarriere. Und die Karikatur einer atemberaubenden Weltkarriere.

29 Air Moon Safari

1997

Sie flogen zum Mond und brachten den French Pop in all seinen Facetten zurück auf die Erde: Die Tonmeister Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel schufen mit MOON SAFARI ein außerweltliches Epos zwischen Beat-Kleinodien, Electronica-Picknick und Easy-Listening-Etüde, in dessen Raketenstrahl alles erblühen konnte: Get Easy, Phoenix, Tahiti 80, Daft Punk. Kein Zufall, dass einer ihrer späteren Songs ausgerechnet „Surfing On A Rocket“ heißt. Magnifique? Mais bien sur.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Drei Jahre später mit 10 000 HZ LEGEND ein erneuter Spacetrip, elektronischer und reduziert romantisch.

28 LCD Soundsystem LCD Soundsystem

2005

Während The Strokes in New York das neue Zeitalter des Garagen-Rocks einläuteten, hatte James Murphy ein paar Blocks weiter etwas anderes im Sinn. Als LCD Soundsystem schüttelte er Postpunk, Disco, Glam und House ordentlich durch und erschuf Anfang der 2000er nach seiner Übersingle „Losing My Edge“ einen vor Coolness triefenden Dance-Punk-Sound, der wusste, wo genau im Plattenregal er sich zu bedienen hatte und nebenbei der Cowbell ihr Comeback spendierte.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Nach drei Alben und einem gigantischen Abschiedskonzert 2011 zunächst aufgelöst, kehrte die Band 2017 mit hervorragender Platte zurück.

27 Lauryn Hill The Miseducation Of Lauryn Hill

1998

In den späten 90ern, in denen der Mainstream-HipHop von Männern mit fetten Karren, Ketten und misogynen Sprüchen geprägt war, brachte die 23-Jährige ihr erstes und bis dato einziges Soloalbum heraus. Ein Werk über schlimmsten Herzschmerz, aber auch über Unabhängigkeit – sowohl als Frau wie auch im Sound, der sich wie eine wärmende Decke aus Hip- Hop, Neo-Soul und Reggae über einen legt.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Als erste Musikerin überhaupt sollte sie fünf Grammys für die Platte einsacken. Doch trotz des Erfolgs machte sich Hill danach rar. Und ihre Comeback-Tour 2012 wurde mit jeder Menge Buh-Rufen quittiert.

26 Dexys Midnight Runners Searching For The Young Soul Rebels

1980

Glaubt man, was so erzählt wird, wies Kevin Rowland seine Bläser so lange an, härter und lauter und noch härter und lauter zu spielen, bis Lippen bluteten. Das Ergebnis: Die kraftvollsten Bläsersätze aller Zeiten, Northern Soul für eine neue Zeit, coole Arbeitermusik, mit „Geno“ und „Burn It Down“ mindestens zwei Klassiker für die Ewigkeit – und der grandiose Beginn des lang anhaltenden Scheiterns eines der verkanntesten Genies der Popgeschichte.

Thomas Winkler

Was danach geschah: Latzhosen, „Come On Eileen“, Obdachlosigkeit, Cross-Dressing und einer der größten Flops aller Zeiten (MY BEAUTY).

25 The Beatles Please Please Me

1963

Mit „Love Me Do“ und „Please Please Me“ als Vorboten, trat das in einer 12-stündigen Marathonsession unter Ägide von George Martin entstandene Debüt ein globale Lawine los, die erst durch Paul McCartneys Rückzug im April 1970 Halt fand. 14 energische Stücke von knapp 33 Minuten – acht Songs von Lennon/McCartney, sechs US-Cover. Sämtliche Mitglieder sangen mal Leadstimme. Rasch transformierte sich das Genre Merseybeat zu Beat, versuchten weltweit zahllose Jugendliche das Erfolgskonzept zu kopieren, was den Band-Boom förderte. Als erster Höhepunkt eroberte die von den Beatles angeführte British Beat Invasion den Europäern bis dahin weitgehend verschlossen gebliebenen US-Markt.

Mike Köhler

Was danach geschah: Nicht nur, dass die Beatles die selbstbestimmte Band erfanden sowie zig Trends setzten. Bis heute gelten die Fab Four als Nonplusultra.

24 Patti Smith Horses

1975

Das Debüt, und ihr definitives Album. Der erste Satz, dass Jesus für die Sünden von irgendjemand anders gestorben ist, aber nicht für ihre, ist genauso Ikone wie das androgyne Coverfoto. Ihr Freund Robert Mapplethorpe hat es geschossen. „Words are just rules and regulations to me“, ätzt Smith im Song „Gloria“, entsprechend frei geht sie mit ihnen um. Eindeutig ist das wenigste. Johanna von Orléans kommt vor, Blake und Rimbaud. Es geht, so viel ist klar, um Eroberung, Tod, Sex, Drogen, (kein) Geld. Um Liebe freilich auch. Dazwischen Versatzstücke von alten Popsongs. HORSES ist klassischer New-York-Sound, Punk, surreale Poesie, Avantgarde und „simple Rock’n’Roll“.

David Numberger

Was danach geschah: Als Dichterin hat sie angefangen, heute schreibt Patti Smith mystisch-magische Erinnerungsbücher.

23 Ramones Ramones

1976

Im New Yorker CBGB’s zunächst noch belächelt, war spätestens am 23. April 1976 klar, dass die dysfunktionale Familie Ramone es absolut ernst meint. Allein der Blick auf die Tracklist erscheint aus heutiger Sicht, als würde man ins klingende Geschichtsbuch horchen: Die Geschichten vom Blitzkrieg und vom Baseball- Schläger, all die Dinge, die man will (Klebstoff schnüffeln) und nicht will (mit der Liebsten herumlatschen), die Sache mit Judy, die Havanna-Affäre, das Leben zwischen Basement und Straßenecke, vertont im Scheitelpunkt aus Melodie und Tempo – alles so over the top, gleichzeitig perfekt, ist dies eine der historisch hochverdichtetsten 29 Minuten of all things Punkrock, monochromatisch und majestätisch.

Ingo Scheel

Was danach geschah: One-Two-Three-Four Welteroberung, zu Lebzeiten und posthum.

22 Arcade Fire Funeral

2004

Der Missing Link zwischen Marching Bands, Orchestergräben und Indie-Rock: Als Arcade Fire 2004 um die Eheleute Win Butler und Régine Chassagne aus Montreal die Welt eroberten, taten sie das buchstäblich mit Pauken und Trompeten, mit Akkordeons, Xylophonen, Orgeln, Celli, Harfen, Handclaps, Synthesizern – und einem bisweilen euphorisch klingenden Konzeptalbum über den Tod, das fast alle großen Musikmagazine zu einer der besten Platten der 2000er kürten. „Wake Up“ und „Rebellion Lies“ zählen auch live zu ihren bis heute eingängigsten Hits.

Fabian Soethof

Was danach geschah: Ein Konzeptalbum über Vorstädte, ein Soundtrack für Spike Jonze, eine Hommage an Disco und David Bowie, eine schlagereske Platte mit Panflöten: Stillstand kann man Arcade Fire nicht vorwerfen. Mainstreamanschluss aber auch nicht.

21 Pink Floyd The Piper At The Gates Of Dawn

1967

Kaum ein Album der drogenseligen Sechziger bringt die Ambivalenz jener Jahre so drastisch auf den Punkt. Einerseits: LSD-inspirierte, surreale und märchenhaft verschrobene Kleinode, die in Komposition und Darbietung schlicht unvergleichlich ausfielen. Andererseits: Protagonist Syd Barrett, der die Band bereits Anfang 1968 verlassen musste und – zumindest zeitweise – ein Fall für die Psychiatrie wurde. Ein dezidiert britisches, erfreulich exzentrisches Meisterwerk des frühen Psychedelic-Rock, das mit Pink Floyds deutlich kommerziellerem Breitwand-Sound späterer Jahre rein gar nichts zu tun hat.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Barrett veröffentlichte zwei eigenartige Soloalben, die völlig zu Recht unter Kultverdacht stehen. Pink Floyd wurden Superstars – auch ohne ihren „crazy diamond“.

20 Tom Waits Closing Time

1973

Gerade mal 22 ist Tom Waits bei den Aufnahmen zu seinem Debüt, als er mit seinem Produzenten Jerry Yester (von Lovin’ Spoonful) aneinandergerät: Waits schwebte ein von Klavier und Kontrabass getriebenes Jazz-Album vor. Yester dachte eher an ein gitarriges Folk-Album. Vielleicht war Waits daran nicht ganz unschuldig – schließlich bestand ein nicht zu geringer Teil seiner Live-Sets damals noch aus Bob- Dylan-Coverversionen. Heraus kommt also ein Folk-Jazz-Hybrid. Aber was für einer!

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: Auf dem Debüt klingt die Waits- Stimme noch vergleichsweise unverschlissen. Nach unzähligen „Old Gold“-Zigaretten und Whiskey-Gläsern hat sich Waits zwei, drei Jahre später die Stimme auf ein Level ruiniert, das zu seinem Markenzeichen wurde – und auch die Arrangements wurden viel rumpeliger.

19 Wanda Amore

Die Idee war gut, und die Welt so was von bereit: Die Österreicher retteten 2014 im Alleingang den Rock’n’Roll mit dem, was man ein Gesamtpaket nennt: Gute Typen spielten gute Songs. Wobei: Wanda fügten an allen Ecken und Enden etwas hinzu. Die Wiener weckten Verlangen, indem sie dem Debüt drei hervorragende Singles vorausschickten (das erinnerte an Oasis). Sie formulierten einen eigenen Claim, der sofort im Kopf blieb („Amore!“) Und sie streuten einen Zauberstaub über ihre Songs, der streng nach altem Schnaps roch, nach der Luft des empfehlenswerten Wiener Lokals „ Kreisky“ und den Achselhöhlen von Mick Jagger, ca. 1972.

Jochen Overbeck

Was danach geschah: Die Wiener mach(t)en weiter, immer weiter. Und „Amore“ ist vier Alben später zum Schlachtruf auch jenseits von Wanda geworden. Gerüchten zufolge soll nach NIENTE von 2019 bald ein neues Album erscheinen.

18 The Strokes Is This It

2001

Ja genau das ist es – ein absolut geradliniges wie simples Rockalbum. Eines, das schon vorab so einen Hype erfuhr, dass man weit mehr als nur eine Platte mit elf Tracks vermutete. Und irgendwie ist IS THIS IT ja auch mehr: Die New Yorker brachten uns schließlich mit einer ordentlichen Ansage den Anti-Trend. Hier gibt es Garage Rock und keine breitbeinige XL-Produktion. Lieber singt Julian Casablancas Trivia- Storys mit Augenlidern auf Halbmast zum Lo- Fi-Sound, der sich nur zu gerne an frühere Werke der Stooges oder auch Velvet Underground schmiegt.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Das Cover, auf dem eine behandschuhte Hand auf einem nackten Hintern von der Seite zu sehen ist, war für den US-Markt einfach zu viel – das Artwork musste ersetzt werden. The Strokes wählten schließlich eine abstrakte Abbildung eines Physik-Experiments.

17 Black Sabbath Black Sabbath

1970

16. Oktober 1969 in den Londoner Regent Sound Studios: Nach zwölf Stunden unter der Ägide von Produzent Rodger Bain befanden sich sieben Songs, prinzipiell das seinerzeit aktuelle Live-Repertoire der nach Boris Karloffs Horrorfilmklassiker benannten Band aus dem Großraum Birmingham, im Kasten. Dass ihr Debüt mal als erste LP des Metal-Genres, der Titelsong als erste Doom-Metal-Hymne in die Rock-Annalen eingehen sollte, davon ahnte die Band rein gar nichts. Zumal das in eindeutigem Artwork (im Ausklappcover tummelte sich ein auf den Kopf gestelltes Kreuz!) verpackte Werk mit seiner von Ozzy Osbournes Klagegesang umflorten archaisch-düsteren Wucht-Ästhetik sich zur provokanten Antithese der damaligen Jesus-Welle entwickelte.

Mike Köhler

Was danach geschah: Veröffentlicht an einem Freitag, den 13., erwies sich das Debüt binnen Monaten als Bestseller.

16 A Tribe Called Quest People’s Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm

1990

THE LOW END THEORY als alles überstrahlendes Referenzwerk hat der Rezeption des Debüts von A Tribe Called Quest lange Zeit ein wenig die Sicht verdeckt. Mit den Jahren jedoch hat sich der Fokus zugunsten dieses Albums neu justiert. Im Kollektiv Native Tongues, dem u.a. auch De La Soul, Jungle Brothers, Queen Latifah und Monie Love angehörten, hatten Q-Tip, Phife Dawg, Ali Shaheed Muhammad und Jarobi White Gleichgesinnte gefunden, hier entwickelt sich der Nährboden für ihren Conscious Rap, dessen Schwerpunkt auf Musikalität und die ebenso komplexen wie zurückgelehnten Arrangements für eine ganz neue Klangfarbe im urbanen HipHop sorgen.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Knapp anderthalb Jahre später erscheint besagter Meilenstein, THE LOW END THEORY.

15 Oasis Definitely Maybe

1994

Zwei Durchschnittstypen im Manchester der mittleren 90er, die halt doch keine Durchschnittstypen waren. Hochbegabter Songwriter und Gitarrist der eine, kolossaler Frontmann der andere. Dass im Leben nicht immer alles läuft, wie es laufen sollte, wussten sie, damit abfinden wollten sie sich nicht. „Rock’n’Roll Star“ ist der perfekte erste Song für ein erstes Album, „Live Forever“ lässt einen nie im Stich – und an manchen Tagen gibt es überhaupt nichts Besseres als die Gitarre am Anfang von „Supersonic“. Definitiv nie hat Britpop mehr Punch gehabt.

David Numberger

Was danach geschah: 2009 lösen die Gallagher-Brüder die Band auf, natürlich im Streit. Was Show ist, was echt, ist dabei nie ganz klar. Gut möglich, dass Noel und Liam nicht zusammen Weihnachten feiern. Ausgeschlossen ist es aber auch nicht.

14 Billie Eilish When We Fall Asleep, Where Do We Go?

2019

An diesem Album ist gar nichts gefällig. Schon „!!!!!!!“ wirkt mit dem Gelächter von Eilish und ihrem Produzentenbruder Finneas eher wie ein Outtake statt eines typischen Openers. Aber wir haben es hier auch gar nicht mit so einem klassisch-homogenen Werk zu tun – vielmehr versammeln sich auf der Platte Songs, die sich in alle Richtungen drängen und dehnen. Mal balladesk, mal mit viel Trap und bratzenden Electrobeats besingt die zu dem Zeitpunkt 17-Jährige unerwiderte Liebe, Suizidgedanken, Momente des Selbst-Empowerns und lässt auch das drückende Gefühl von Isolation nicht aus.

Hella Wittenberg

Was danach geschah: Das „!!!!!!!“, in dem Eilish zunächst geräuschvoll ihre Zahnspange herausnimmt, ist nur einer der vielen ASMR-würdigen Augenblicke des Albums, die die Sängerin letztlich auch zur Queen des Internetphänomens gemacht haben.

13 Leonard Cohen Songs Of Leonard Cohen

1967

Er hatte früher in einer Schülerband gespielt und sich ein paar Gitarrengriffe beigebracht, ansonsten war Cohen bis in seine Dreißiger hinein nicht groß am Musikmachen interessiert. Er wollte lieber Dichter sein, trieb sich in kanadischen Künstlercafés rum, eine Zeit lang auch in Griechenland. Andererseits ließ es sich als Singer/Songwriter in den 60ern ganz gut leben, Bob Dylan hatte es vorgemacht. Mit sanftmonotoner Stimme sang Cohen „Suzanne takes you down …“, und war ein Star. Auch „So Long, Marianne“ und „Sisters Of Mercy“ wurden Klassiker. Die karge Melancholie, die religiösen Bilder, die geheimnisvollen Frauen: Viel von dem, was Cohens Songs auch später ausmachte, war hier schon da.

David Numberger

Was danach geschah: Cohen schrieb nebenbei weiter Gedichte, ein Jahr vor seinem Tod auch ein ziemlich großartiges über Kanye West.

12 The Jimi Hendrix Experience Are You Experienced

London-Heathrow, am 24. September 1966: Ein junger Gitarrist aus Seattle ist eben gelandet, wird demnächst zwei kompetente Mitstreiter an Bass und Schlagzeug engagieren, im Dezember die Single „Hey Joe“ veröffentlichen und mit denkwürdigen Club-Auftritten die Londoner Platzhirsche düpieren. Im Mai folgt das Debütalbum, oszillierend zwischen feedbackgesättigtem Psychedelic-Rock, entfesseltem Space-Age-Experiment und etwas Blues. Nur klingt all das bei Hendrix völlig anders als bei den braven britischen Blues-Jüngern: wild, kompromisslos, revolutionär. Ein Album als Gamechanger, als Weckruf für die Rockszene und vor allem die vermeintlichen Gitarrenhelden, denen vorgeführt wird, was sich für irre Klänge aus diesen sechs Saiten zaubern lassen, wenn man die Kraft der Elektrizität nur konsequent genug nutzt.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Zwei weitere offizielle Studioalben, legendäre Live-Shows, viel zu früher Tod.

11 The Stone Roses The Stone Roses

1989

Perfektion ist Sache der Götter? Von wegen. Das Debüt der Stones Roses funkelt auch über drei Dekaden nach seiner Entstehung wie pures Bernstein im Sonnenlicht. Das hypnotische „I Wanna Be Adored“ zum Auftakt, der schillernde Britpop von „She Bangs The Drums“ und „Waterfall“, der Groove von „Made Of Stone“, das orgiastische „I Am The Ressurection“ zum Ausklang, mit seinem Bogen von Rave zu QUADROPHENIA, und alles dazwischen, wie Perlen an einer Schnur, von Klangjuwelier John Leckie auf Hochglanz poliert. Vielleicht ein Grund, warum es den Mannen aus Manchester nie so wirklich gelingen sollte, ihr Debüt in adäquater Form auf die Bühne zu bringen: Eine Sternenkonstellation wie diese gibt es alle paar Jahrhunderte nur einmal.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Fünf Jahre Wartezeit auf SECOND COMING, das zweite Album, für das bis heute nur ein Plätzchen im Schatten geblieben ist. Split 1996, Reunion 2011, die neben einer Tour nur zwei Singles hervorgebracht hat. Erneuter Split 2017.

10 De La Soul 3 Feet High And Rising

1989

Als HipHop drauf und dran war, sich in Positionskämpfen und Aufmerksamkeitsdebatten zu wichtig zu nehmen, kamen diese Boys und spielten sich die Bälle in einem selbst geschaffenen Klangraum mit lauter irritierenden Verweisen zu. De La Soul entwickelten eine Spielform, in der der Kommentar gleichberechtigt neben der Musik stand. HipHop als Skit-Programm, eine Sammlung aus Rhythmen, Reimen, Noise und Sonnenschein, 23 Tracks mit Spielzeiten zwischen 37 Sekunden und knapp fünf Minuten, zum Finale ein Willkommensgruß aus dem „D.A.I.S.Y. Age“. Beste Unterhaltung mit einem Distanzhalter zu Gangsta Rappern, politischen Schwergewichten und Style-Rebellen, geboren in den Plattensammlungen der suburbanen Elternhäuser und befeuert von den frisch erworbenen Produktions-Skills von Prince Paul. Als Outsider definierten De La Soul ein neues In-Sein im HipHop.

Frank Sawatzki

Was danach geschah: 1991 folgte ein bemerkenswert unspaßiges Lebenszeichen: DE LA SOUL IS DEAD.

9 Bon Iver For Emma, Forever Ago

2007

Die Story hinter diesem Album, sie ist fast zu gut, um wahr zu sein: Der 25-jährige Justin Vernon verschanzt sich einen guten Winter (französisch: „bon hiver“) lang in der Jagdhütte seines Vaters, um eine Lungenentzündung, Pfeiffersches Drüsenfieber, Online-Poker- Spielsucht und akuten Trennungsschmerz auszukurieren. Dabei knallt er Rehe ab, um sich zu ernähren, Papa bringt alle zehn Tage Bier vorbei, und Vernon schreibt Songs, inspiriert von Springsteen-Lyrics und choralen Harmonien der Wiener Sängerknaben. Sein hypnotisches Falsett, das er gern in acht Spuren übereinanderlegt, erinnert an die Apachen. Am Ende des Winters glaubt Vernon, okaye Demoversionen auf Band zu haben – bis er schnallt: bisschen Trompete und Posaune drauf und schon ist das Album perfekt.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: Auch im Debüt setzt Bon Iver schon Auto-Tune ein. Später scheint er Cher Konkurrenz machen zu wollen, was den Exzess angeht – und macht das Mainstream-Stilmittel somit auch indiesalonfähig.

8 N.W.A. Straight Outta Compton

1988

Provokationen, unabsichtlich oder kalkuliert, verschaffen Aufmerksamkeit. Dieses Album steckte voll davon. Eingebettet in eine düstere Klangcollage aus Schreien, Four-Letter-Words, Sirenen, Schuss- und Fahrgeräuschen wie aus einem Crime-Movie, verhalfen die mit sinistrer wie vehementer Funk-Besessenheit produzierten 13 Tracks sowohl Niggaz Wit Attitudes als auch den Gangsta- und Westcoast-Rap auf die globale Landkarte zu setzen. Titelsong, „Gangsta Gangsta“, „If It Ain’t Ruff“ wie auch „Parental Discretion Iz Advised“ operierten schon auf des Messers Schneide. „Fuck Tha Police“ traf nicht nur ein Bann sämtlicher Radiostationen und MTV, sondern zog Boykott von LP und Band durch zahlreiche Verbände sowie ein offizielles Schreiben des FBI an das Label Ruthless / Priority / EMI nach sich -was Medieninteresse und Absatzzahlen regelrecht explodieren ließ. Zentrale Message: Bei der Schilderung des Ghetto-Gang-Lebens fiel die bis dato gewohnte Sozialkritik zugunsten von hedonistischer bis nihilistischer Verherrlichung flach.

Mike Köhler

Was danach geschah: N.W.A. verpufften 1991, schoben Solokarrieren an, wiedervereinigten sich mehrmals. Eazy-E verstarb 1995 an AIDS.

7 The Doors The Doors

1967

Laut Autor Nik Cohn schien Jim Morrison anfangs „nur ein wunderschöner Junge in schwarzem Leder zu sein, der aussah, als hätten ihn sich zwei Schwule am Telefon ausgedacht“, doch bald „entpuppte er sich als etwas sehr Ernstzunehmendes“. Konkret: als unberechenbarer, literarisch bewanderter und dem Exzess verpflichteter Vorreiter dessen, was man gemeinhin unter dem Begriff „Gothic“ subsumiert. Bereits das Debütwerk strahlte – auch jenseits von „The End“ – in jenem immanenten Zwielicht, das Pop-Frohnaturen schaudern ließ, doch Außenseiter, Melancholiker und Suchende umso magischer anzog. Musikalisch umrahmt von perlenden Gitarrenklängen, Latin-Jazz-Schlagzeug und einer barock bis orientalisch mäandernden Orgel. Aber im Zentrum stand Morrisons warmer Bariton, der ein bacchantisches „sweet delight“ auf die Verdammnis der „endless night“ reimte.

Uwe Schleifenbaum

Was danach geschah: Fünf Studioalben, Skandalshows, mythenumrankter Tod in Paris.

6 Joy Division Unknown Pleasures

1979

Als Ende der 70er dieser Meilenstein der damals noch blutjungen Postpunk- Geschichte erschien, geschah ... erst mal nichts. So groß der Eindruck sein mag, den das Debüt von Joy Division auf einen ganzen Sound und die Stimmung einer Epoche besaß, so gering war indes der Impact bei Erscheinung. Die Aufnahmen in den Strawberry Studios in Stockport hatten an den Wochenenden stattfinden müssen, da die Band werktags noch Lohnarbeiten nachging. Eine erste Auflage von 10 000 Exemplaren verkaufte sich schleppend. Um die Qualität des Materials, zu dem unter anderem Stücke wie „Disorder“ oder „She’s Lost Control“ gehören, ins Licht zu rücken, bedurfte es des Nachfolgewerks: CLOSER, der Hit „Love Will Tear Us Apart“ und leider auch der Suizid von Sänger Ian Curtis am 18. Mai 1980 brachten der Band die größere Wahrnehmung, die dann auch ihrem Debüt zum Kult verhalf.

Linus Volkmann

Was danach geschah: Das Cover-Artwork der Platte mit den wellenförmigen Radio-Amplituden ist heute ein beliebtes Nerd-Meme.

5 Björk Debut

1993

Björks erwachsenes Solodebüt (entstanden nach den drei Alben mit ihrer Postpunk-Band The Sugarcubes) ist der perfekte Einstieg ins Björk’sche Œuvre. Entgegen aller Unkenrufe, wie ach so sperrig und verschroben Björks Musik sei, ist DEBUT ihr bis heute größter kommerzieller Erfolg, entstanden mit Mainstream-Produzent Nellee Hooper (U2, Madonna), sehr zugänglich, zumal man heute hört, was sie da alles angestoßen hat: Ohne Björk wären Grimes und FKA Twigs undenkbar. Aber auch Robyn und Lada Gaga, die 2013 ihr Album nach dem betitelte, was Björk exakt 20 Jahre vorher schon machte: Artpop. Die Songs sind in Björk ein Jahrzehnt lang gereift, doch die Arrangements hat sie in ihrer damals neuen Heimat London geschliffen, deren Untergrund-Clubwelt sie ganz benebelt hat. DEBUT ist houseclubby, ist acid-jazzy und eine Absage ans öde Grunge- Gitarren-Einerlei derzeit.

Stefan Hochgesand

Was danach geschah: Der Nachfolger POST in- und exhaliert den frischen TripHop von Portishead, aber auch die Intelligent Dance Music von Aphex Twin. Bis heute hat Björk beste Frühwarn-Antennen für neueste musikalische wie popkulturelle Trends (auch die Beats von Arca und The Haxan Cloak). Dadurch klingt sie selbst stets frisch – und ist das größte lebende Hyper-Gesamtkunstwerk.

4 Roxy Music Roxy Music

1972

Die Tragik ist, dass alles schon mal da war, jede Emotion ausgedrückt wurde, auf jede Art. Egal wie emphatisch, romantisch, was auch immer man zu sein versucht: Man gerät in Distanz zu sich selbst. Alles gerinnt zur Pose, zum Kitsch. Bryan Ferry hatte Anfang der 70er ein Kunststudium bei Richard Hamilton hinter sich. Jetzt wollte er Verfahren der Pop- Art – Dekonstruktion, Collage, Zitat – auf die Popmusik übertragen. Der erste Song „Re-make/Re-model“ formuliert das Programm im Titel. Wenn es keine Originalität mehr gibt, setzt man das, was da ist, neu zusammen und schafft sich eine neue Originalität. Ferry singt affektiert, theatralisch, imitiert Jazz-Stimmen der 40er, Popsänger der 50er. Die Saxofon-, Klavier-und Gitarrensolos wirken wie ausgestellt, dazu Brian Enos irre Synthesizer. In „The Bob“ hallt der Zweite Weltkrieg nach. Glamour, Fashion, Avantgarde, Art-Rock: Ein Album, als wäre die Popmusik schnell angehalten, angeschaut, kommentiert und auf einer anderen Reflexionsebene wieder aufgenommen worden.

David Numberger

Was danach geschah: Die triumphale Single „Virginia Plain“ kam erst mit der US- Ausgabe aufs Album. Eno stieg bald danach aus, Ferry führte die Band später konsequent in Richtung eingängigen Hochglanz-Pop.

3 Portishead Dummy

1994

Klar, es gab auch Massive Attack, die sogar ebenfalls aus Bristol kamen. Aber wenn wir ehrlich sind: Selten stand eine Platte so singulär für einen ganzen Sound wie DUMMY für Trip- Hop. Alles, was man dem Genre attestiert, hier findet man es in Perfektion. Plattenknistern, eine in Mitleidenschaft gezogene Scratch- Nadel, verschleppte, schwere Beats, Samples aus einer weit entfernten Vergangenheit, diese unheimlich trostlose Grundstimmung, die Grunge im 90er-Vergleich fast wie Fun-Punk klingen ließ und dazu dieser stimmliche Kontrast. Wir müssen, natürlich, über Beth Gibbonssprechen. Ihre Stimme klagt, weint und leidet, aber so elegant, so vollgesogen mit Emotionen. All das klingt so wunderschön, dass man sich fast nicht trauen möchte, es zu genießen, weil allen elf Songs diese Einsamkeit und Verzweiflung innewohnt. Kein Wunder bei Zeilen wie „And this loneliness. It just won’t leave me alone“. Musik, die nie für die große Bühne gedacht war und sie doch erreichte.

Christopher Hunold

Was danach geschah: Drei Jahre später erschien der selbstbetitelte Nachfolger. Auf THIRD mussten Fans elf Jahre warten. Und das war 2008. Geoff Barrow ist heute Kopf der experimentellen Krautrock-Band Beak>.

2 Sex Pistols Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols

1977

Da kann Johnny Rotten noch so misanthropisch sein, das Debüt, das einzige „echte“ Album der Sex Pistols, ist eine Mannschaftsleistung. Mit Chris Thomas und Bill Pryce konnte Teamchef Malcolm McLaren auf ein mit allen Wassern gewaschenes Produzententandem vertrauen. Thomas etwa hatte bereits mit Pink Floyd, den Beatles und Roxy Music gearbeitet, Kettenraucher Pryce gehörte ebenfalls zu den Besten seines Fachs. Als Vorteil erwies sich, dass

Gitarrist Steve Jones und Drummer Paul Cook eine von unablässigem Proben gestählte Achse bildeten, die selbst das musikalische Gestümper eines Sid Vicious, kurz vor Beginn der Aufnahmen für das musikalische Herz der Band, Bassist Glen Matlock, eingestiegen, zu kompensieren wussten. So fügte es sich, dass diese Platte nicht nur durch den Parolenreichtum Rottens besticht, sondern sich auch in klanglicher Hinsicht und in puncto Songwritingals komplett zeitresistent erweisen sollte. Und dann ist da ja auch noch das Artwork von Jamie Reid. Der Queen tackerte der britische Künstler und ausgewiesene Situationisten-Anhänger bereits die Erpresserbrief-Buchstaben quer übers Gesicht, sein Knallgelb-Pink-Design von NEVER MIND THE BOLLOCKS geriet zum ikonischen Referenzwerk.

Ingo Scheel

Was danach geschah: Tod, Split, Reunion, Rock’n’Roll- Schwindel, Prozesse, nur keine neue Platte mehr.

1 The Velvet Underground & Nico The Velvet Underground & Nico

1967

„A left-fielder, which could click in a big way.“ Dieses hellsichtige Fazit zog das „Billboard“-Magazin in seiner Ausgabe vom 4. März 1967. In der „Tampa Tribune“ schrieb kurz darauf ein gewisser Vance Johnston: „THE VELVET UNDERGROUND & NICO is several confusing sounds mixed by Andy Warhol, most depressing and whatever the message I failed to get. It’s rock with a sadistic touch, I suppose but at any rate Warhol’s fans will surely declare this his best.“ Dazu muss man wissen, dass „Billboard“ eine Branchenzeitschrift war, die „Tampa Tribune“ hingegen eine zwar Pulitzer-Preis-dekorierte, aber letztendlich ländlich-konservative Tageszeitung.

Auf lange Sicht hat „Billboard“ recht behalten. Betrachtet man die unmittelbare Rezeption, waren aber die Floridaianer näher am Puls der Zeit. Obwohl auf dem auch damals wohlgelittenen Verve-Label erschienen, verpuffte THE VELVET UNDER- GROUND & NICO, das Debütalbum der aus Lou Reed, John Cale, Maureen Tucker, Sterling Morrison und Christa Päffgen alias Nico bestehenden Band schnell. Ein Rechtsstreit mit dem Schauspieler Eric Emerson, der auf der Hinterseite des ursprünglichen Artworks zu sehen war, sorgte zudem dafür, dass das Album nach nur drei Monaten erst einmal vom Markt verschwand. Die Charts-Positionen lesen sich entsprechend ernüchternd: Eine Nummer 171 im Dezember 1967 war das Höchste der Gefühle.

Eine kurze Erinnerung: Auch wenn 1967 das Jahr war, in dem zahlreiche Psychedeliker ihre Debütalben veröffentlichten, spielte diese Musik im Massengeschmack gerade der ländlichen USA keine allzu große Rolle. Die Popgruppe, die am besten verkaufte, waren die Monkees, die sich zwar langsam von ihrer Plattenfirma emanzipierten, aber im Vergleich zu The Velvet Underground natürlich kreuzbrav klangen. Und: Selbst das ebenfalls 1967 veröffentlichte Debütalbum einer Band wie der Doors mag etwas gewesen sein, dass Erwachsene ablehnten, an dem sie sich rieben. Doch den Grund ihrer Ablehnung war recht genau zu benennen, sie waren ein einfacher Feind. The Velvet Underground dagegen brachten viele nur blankes Unverständnis entgegen. So etwas wie „European Son“, mit seinen übereinander, ineinander, gegeneinander laufenden Spuren, mit seinen Dissonanzen, seinen Rückkopplungen, seiner kaum erkennbaren Struktur, war das denn wirklich Musik? Und musste man wirklich so uncodiert über „Heroin“ singen? Und den Typ, der das einem, der man „sick and dirty, more dead than alive“ an einer Straßenecke wartete, verkaufte?

Musste man. THE VELVET UNDER- GROUND & NICO ist ein Album, das aus kleinen Gesteinssplittern ein Kunstwerk zusammensetzt, das sich auch heute noch jeder Deutung entzieht, dem man sich gleichzeitig nicht entziehen kann. Es schlug Funken, die damals kaum sichtbar waren, aber zu verschiedenen Schwelbränden führten; weniger in der Musik der 60er- als Ein Kunstwerk, das sich auch heute noch jeder Deutung entzieht, dem man sich gleichzeitig nicht entziehen kann .in jener der 70er-Jahre: Auf dieser Platte werden die Songs niemals aus- oder gar aufgefüllt oder enden im sogenannten Jam. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um raue, widerborstige Strukturen, die entweder freidrehen oder in Schleifen laufen, die niemals das Gesungene (bzw: Gesagte) verdecken, sondern es im Gegenteil noch verstärken. Die Handlung dieser Songs, sie liegt so deutlich vor einem, wie das später im Punk der Fall war.

Die Art, wie Avantgarde scheinbar mühelos in diese Songs hineinfließt, wie der klassisch ausgebildete Cale mit Stimmungen arbeitet, wie er sich von John Cage gleichermaßen beeinflussen ließ wie von seinem Spiel mit Terry Riley, La Monte Young und Marian Zazeela und deren Theatre of Eternal Music, ist ebenso bedeutsam für die Folgegeschichte der Popmusik. Und Andy Warhol, der die Rolle des Produzenten auf eine gänzlich andere Art und Weise ausführte, als das bis dato Usus war, natürlich auch: Er war keiner, der am Regler saß. Er war nicht mal einer, der im Studio sonderlich präsent war, diesen Part übernahm Verve-Mann Tom Wilson. Vielmehr war Warhol der Produzent der Idee The Velvet Underground, die er 1966 entdeckt und für sein Performance-Projekt „Exploding Plastic Inevitable“ rekrutiert hatte. Er war es, der ihnen die deutsche Sängerin Nico zur Seite stellte – beziehungsweise: vor die Nase setzte: Weder Reed noch Cale oder Tucker waren sonderlich begeistert –, ohne die die Band kaum einen Plattenvertrag bekommen hätte.

Sie singt die schönsten Lieder auf dieser Platte, gleichzeitig verdreht sie tradierte Rollenbilder: Während Lou Reed im lichtdurchfluteten Opener „Sunday Morning“ zum Glockenspiel Zärtlichkeiten in den Hallraum haucht, besitzt ihre Stimme in „Femme Fatale“, vor allem aber in „All Tomorrow’s Parties“, das mit seinem präparierten Klavier so klingt, als hätte ein Kammerpop-Song einen Autounfall gehabt, eigenartige Ungerührtheit.

Es dauerte bis in zweite Hälfte der 70er- Jahre, bis all das tatsächlich gehört wurde. „It never stops getting better“, schrieb der Musikjournalist Robert Christgau in der New Yorker „Village Voice“, die sich beim Erscheinen des Albums wenig begeistert gezeigt hatte. Auch Brian Eno gehörte zu den Fürsprechern: Von ihm stammt der oft zitierte Satz mit den 30 000 Exemplaren, die THE VELVET UNDERGROUND & NICO verkaufte, die aber jeweils zur Gründung einer Band geführt hätten. Ist natürlich Unsinn. Aber das Album begründet eine Ahnenlinie, die uns über Television, Sonic Youth und die Strokes bis in die Gegenwart führt.

Jochen Overbeck

Was danach geschah: Eine ganze Menge. Dieses Album hatte Auswirkungen auf so ziemlich jede Band, in der jemand eine Gitarre hielt. Die Songs sind vielfach gecovert worden, am schönsten vielleicht von der Wiener Band Die Buben im Pelz, die die ikonische Cover- Banane durch eine Wurst austauschten.