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Die Abschaffung des Menschen


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 30.09.2021

Interview

Artikelbild für den Artikel "Die Abschaffung des Menschen" aus der Ausgabe 4/2021 von Abenteuer Philosophie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
? Andreas von Westphalen, ist als Journalist, Autor, Theater- und Hörspielregisseur tätig. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Neuere Germanistik und Philosophie in Bonn, Oxford und Fribourg.

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Ihr Buch, das sich mit dem altruistischen Menschenbild befasst, heißt „Die Wiederentdeckung des Menschen“. Was soll wieder entdeckt werden?

Eigentlich sollte das Buch „Die Abschaffung des Menschen“ heißen. Ein sehr harter Titel, aber das ist die Gefahr, die ich in unserer Gesellschaft sehe. Der Verlag schlug einen optimistischeren Titel vor: „Die Wiederentdeckung des Menschen“.

Konkret sehe ich als „Abschaffung des Menschen“ den Prozess, den ich beobachte. Ich befürchte, dass wir in der Gesellschaft von einem „kapitalistischen Menschenbild“ ausgehen: dass der Mensch von Natur aus egoistisch, an Konkurrenz orientiert und materialistisch ist. Und genau diese Eigenschaften werden in Wirtschaft und Gesellschaft gefördert. Was dann passiert, ist eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Der Mensch wird tatsächlich zu dem Egoisten, ...

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... Materialisten und Konkurrenzwesen, der er aber von Natur aus so nicht ist. Das ist für mich die „Abschaffung“ des Menschen.

Die Wiederentdeckung besteht also darin, unsere Überzeugungen und Täuschungen über das Wesen des Menschen fundamental zu hinterfragen und die Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien zur Kenntnis zu nehmen.

Was würden Sie als diese wahre Natur des Menschen bezeichnen?

Der Mensch ist von Natur aus eher altruistisch, kooperativ und genügsam.

Ich betone „eher“, weil wir natürlich nicht absolut denken dürfen und die Natur des Menschen keine Mathematik ist. Wir können vier wichtige Grundprinzipien feststellen, die für unser Bild vom Menschen sehr spannend sind und die in vielen aussagekräftigen Experimenten mit Kleinkindern und Menschenaffen sowie Studien über Naturvölker gemacht wurden. Dadurch kommt man der Natur des Menschen am nächsten.

1) Kooperation Das Erste, was man feststellen kann, ist, dass das Grundprinzip der Evolution nicht der Egoismus, sondern die Kooperation ist. Das hat Martin A. Nowak in hochkomplizierten Computermodellen gezeigt, die in vereinfachter Form die Evolution nachbilden. Das ist das erste Prinzip. Wir täuschen uns und gehen davon aus, dass sich natürlicherweise der Egoismus in der Evolution durchsetzt, aber es ist in Wahrheit die Kooperation.

2) Soziale Intelligenz Der Mensch ist eine Sondererscheinung in der Natur: Wir sind weder besonders kräftig noch besonders schnell, wir haben keine besondere Eigenschaft, die uns prädestiniert, dass wir in der Evolution überleben. Es stellt sich daher die Frage: Wie hat es der Mensch geschafft, nicht nur zu überleben, sondern in allen Sphären dieses Planeten Fuß zu fassen?

Die herausragende Eigenschaft des Menschen, die ihn recht deutlich von anderen Spezies unterscheidet, ist seine hochgradige Sozialintelligenz und seine Fähigkeit zur Kooperation. Michael Tomasello bezeichnet den Menschen als hyperkooperatives Wesen. Wir sind besonders fähig, miteinander Pläne zu schmieden und ein gemeinsames Ziel zu entwickeln. Wir fangen also gemeinsam ein Tier auf der Jagd und teilen es dann gemeinschaftlich. Wir agieren nicht getrennt, sondern haben immer schon zusammengearbeitet.

3) Soziales Lehren Ganz besonders wichtig ist auch das „soziale Lehren“. Der Mensch hat die Fähigkeit, seine Erfahrungen von Generation zu Generation, von Mensch zu Mitmensch ganz bewusst weiterzugeben und zu lehren.

4) Langer Reifungsprozess Der Mensch hat einen besonders langen Reifungsprozess. Bis ein Kleinkind wirklich selbstständig ist, vergehen Jahre.

Das ist auf den ersten Blick widersinnig, weil es in der Natur hochgefährlich ist.

Je früher Wesen selbstständig sind, umso besser für sie. Beim Menschen funktioniert es anders und es funktioniert nur, weil eine Gruppe die Kinder kooperativ aufzieht.

Zusammengefasst: Die herausragenden Eigenschaften des Menschen, die Schlüsseleigenschaften, weshalb der Mensch in der Evolution eine Erfolgsgeschichte hat, sind Kooperation und Altruismus.

Altruismus definieren Sie als …

Ich definiere ihn nicht wie meist in der Wirtschaftswissenschaft oder in der Evolutionsbiologie: „Die Kosten, die ich für den Nutzen eines anderen aufbringe“ –, also als eine Art Nullsummenspiel. Das halte ich für eine sehr merkwürdige und lebensferne Definition. Sie definiert den Altruismus sehr eingeengt und reduziert ihn.

Ich halte die Definition, die man in jedem Lexikon findet – „uneigennützige Hilfe“ für zutreffender. Wenn ich jemanden über die Straße helfe, kostet mich das nichts. Darüber zu diskutieren, wieviel Kalorien, Aufmerksamkeit und Zeit mich das kostet, ist meines Erachtens befremdlich.

Ich verstehe unter der „Abschaffung des Menschen“ die Tatsache, dass wir in der Gesellschaft von einem „kapitalistischen Menschenbild“ ausgehen.

Die Uneigennützigkeit des Altruismus, die Fähigkeit zur Kooperation, das soziale Gewissen: Sind das rein biologische Veranlagungen oder gibt es etwas, das über die reine Biologie hinausgeht, was den Menschen vom Tier unterscheidet?

Wir werden nie wissen, inwiefern wir uns vom Tier unterscheiden. Wenn zum Beispiel ein Elefant zum Elefantenfriedhof geht, weil er weiß, dass er stirbt, dann wissen wir nicht, was in seinem Kopf vorgeht, ob es da intuitive Vorstellungen gibt. Das ist schwer zu sagen. Aber ich kann sagen, dass wir von der Biologie her sehr viele Voraussetzungen mitbringen, die uns zu Mitgefühl und sozialem Verhalten befähigen. Wir haben ein soziales Gehirn, wir haben Spiegelneuronen. Wir haben ein Belohnungszentrum, das mit Dopamin-Ausschüttung soziales Verhalten belohnt. Dann gibt es noch Oxytocin, das sogenannte Bindungshormon, das uns bei allen sozialen Kontakten wohlfühlen lässt. Wir erleben das ständig im Alltag mit unseren Mitmenschen, dass wir uns gut fühlen, wenn wir einander helfen, getröstet werden oder andere trösten. Da gibt es offensichtlich etwas im Menschen, das über den eigenen Körper hinausweist.

Inwiefern das einfach zum Menschen gehört, weil wir von unserer Biologie so sind, weil wir so aufwachsen oder ob es eine Transzendenz gibt, das vermag ich nicht zu sagen. Aber es ist offensichtlich, dass die, die uns als Einzelkämpfer im Dschungel oder als einsame Tellerwäscher auf dem Weg zum Millionär bezeichnen, nicht recht haben können.

Bezeichnen Sie sich als Idealisten?

Das ist jetzt die kürzeste Antwort: Ja.

Was macht einen Idealisten aus?

Ein Idealist ist ein Mensch, der ein Ideal hat und versucht, durch sein Denken und Handeln ein klein wenig die Welt in diese Richtung zu verändern. Der Zusammenhang zu utopischem Denken ist sicherlich vorhanden. Über den Handlungen steht ein Ideal: Man bezieht Dinge ins Leben mit ein, die äußerlich nicht konkret gegeben sind. Zum Beispiel spielt bei Erziehungsfragen Idealismus eine große Rolle, wenn ich mir überlege, welche Werte ich meinem Kind vermitteln möchte.

Wir merken, dass Sie dieses Thema sehr bewegt …

Ich habe viele Erlebnisse mit Leuten gehabt, die meinten: Der Mensch ist von Natur aus ein Egoist, Konkurrenz ist gut und wir sind alle Materialisten. Ich solle mich doch einfach umschauen. Ich war auch immer wieder erstaunt, wenn das Verhalten anderer sehr monokausal erklärt wurde: weil er/sie ein Egoist sei, weil er im Rampenlicht stehen wolle, weil er immer nur an sich denke …

Das ist viel zu einfach gedacht. Ich kenne keine Menschen, die per se Egoisten sind. Ich kenne egoistisches Verhalten und dass man so wirkt – klar –, aber man ist nicht so.

Bei solchen Äußerungen habe ich innerlich immer eine Warnung verspürt, dieses extrem negative Menschenbild anzunehmen. Dann bin ich Vater geworden und war erstaunt, wieviel Erziehungsratgeber, auch Freunde und Bekannte, der Ansicht sind, dass das Kind – wie es bei Freud steht – per se egoistisch sei. Das hat mich fundamental und intuitiv sehr geärgert.

Das Buch von Richard David Precht: „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ war das erste Buch, das mich dahin gebracht hat. Dann habe ich mich in Studien vertieft.

Dieser gesamte Forschungszweig der „positiven Psychologie“ gewinnt derzeit unglaublich an Popularität. Ich habe versucht, die wichtigsten Studien in meinem Buch zusammenzutragen.

„Das Erste, was man feststellen kann, ist, dass das Grundprinzip der Evolution nicht der Egoismus, sondern die Kooperation ist.“

„Es geht bei der großen Politik, bei den großen globalen Fragen – ob man will oder nicht – um eine globale Kooperation.“

Was können wir als Einzelne zur Verbreitung dieses altruistischen Menschenbildes beitragen?

Das eigene Menschenbild genau zu hinterfragen. Zu reflektieren, inwieweit das eigene Verhalten auf dem kapitalistischen Menschenbild beruht. Das eigene Denken, auch die Erwartungshaltungen an andere Menschen überprüfen. Gehe ich automatisch davon aus, dass die anderen egoistisch sind, dass ich nicht mit ihnen kooperieren kann, dass ich ihnen nicht vertrauen kann …?

Was kann ich aufgrund dessen im sozialen Umfeld ändern? Welche Fragen kann ich anderen stellen? Ich kann mich offen und freundlich verhalten und bemerken, dass sich die anderen dann auch so verhalten.

Wir können uns im regionalen Bereich mehr auf das Gemeinwohl ausrichten,dazu anregen, gemeinschaftlicher zu handeln. Durch konkrete und kreative Projekte kommen die Menschen auch wieder mehr in die Selbstwirksamkeit. Weiters müssen wir versuchen, dieses altruistische Menschenbild mehr in die Politik zu integrieren, beispielsweise mit Bürgerbeteiligungen. In den Schulen und Universitäten wissen wir mehr über das Menschenbild des homo oeconomicus (Anmerkung der Redaktion: der Mensch als egoistisches Konkurrenzwesen) als über unsere eigentliche Beschaffenheit. Wir lernen mehr über Pflanzen und Tiere als über das eigentliche Wesen des Menschen. Wir müssen mehr Augenmerk auf das altruistische Menschenbild legen, denn wir täuschen uns alle sehr über das Wesen des Menschen.

Zusammengefasst: Es geht bei der großen Politik, bei den großen globalen Fragen – ob man will oder nicht – um globale Kooperation. Ohne sie können wir u. a. die Klimakatastrophe nie lösen. Mit der Prämisse „my country first“ werden wir nicht weiterkommen. Wenn wir es wirklich ernst meinen, müssen wir uns alle an einen Tisch setzen und dürfen nicht nur die Eigeninteressen im Kopf haben.

„Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch einen Tag lang bewusst davon ausgeht, dass jeder, dem er heute begegnet, ein sympathischer Mensch ist – und dann schauen, was passiert.“

Gibt es drei Wünsche, die Sie für die Gesellschaft haben?

Erstens wünsche ich mir, dass alle Menschen ihr eigenes Bild von der Natur des Menschen hinterfragen.

Zweitens, dass jeder Mensch einen Tag lang bewusst davon ausgeht, dass jeder, dem er heute begegnet, ein sympathischer Mensch ist – und dann schauen, was passiert.

Drittens, dass die politischen Parteiprogramme, die auf dem kapitalistischen Menschenbild basieren, von Journalisten, Medien und Wählern hinterfragt werden. Dass die Menschen erken-nen, dass es sich bei dem egoistischen Menschenbild vor allem um eine sich selbsterfüllende Prophezeiung handelt, das heißt, wir gehen grundsätzlich und präventiv davon aus, dass sich unser Gegenüber egoistisch verhält. Wenn wir aber mit einer offenen Haltung und einem gemeinschaftlicheren Verhalten auf andere Menschen zugehen, dann werden sich diese auch offener und gemeinschaftlicher verhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

ap

LITERATURHINWEIS: Andreas von Westphalen: Die Wiederentdeckung des Menschen. Warum Egoismus, Gier und Konkurrenz nicht unserer Natur entsprechen. Westend, 2019

Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Goldmann, 2010