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Die Ahorn-Wunderwelt


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 09.09.2022
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Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 10/2022

Der Herbst ist bekanntlich Pflanzzeit, aber dieser Garten ist so gut wie fertig. Ständiges Umtopfen findet nicht statt, regelmäßiges Einpflanzen ebenso wenig. Hier geht es um kleine Veränderungen, was daran liegt, dass Gehölze im Mittelpunkt des Interesses stehen. Das Gartenreich von Mathias Hoyer präsentiert sich beständig und solide. Es wächst eigentlich nur vor sich hin und verwöhnt seinen Besitzer mit botanischer Vielfalt an Bäumen, Stauden, Sträuchern, Gräsern und mehr. Herbstzeit sollte für den 58-Jährigen also eine Zeit der Ruhe sein. Doch weit gefehlt: Im Herbst ist Mathias Hoyer unermüdlich unterwegs, und seine Rastlosigkeit hat einen Grund. Wenn andere längst gemütlich bei Tee mit Gebäck im Warmen sitzen, weil Beetsaison oder Erntezeit mehr oder weniger der Vergangenheit angehören, ist er draußen. Wenn andere kürzertreten, ist er mit der Kamera unterwegs, weil er das Glück buchstäblich ...

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... fassen kann, aber immer auch fassungslos ist von diesem prachtvollen zweiten Aufblühen, wie Hoyer die Herbstfärbung gern nennt.

Mit Glanz in den Augen und angetan vom bunten Allerlei zeigt er seinen Besuchern die schönsten Stellen in seiner Ahorn-Welt namens „Aceretum“. Es ist ein genießerisches Schwelgen für alle Anwesenden. „Schauen Sie mal von hier“, sagt der Gartenbesitzer. Gefolgt von einem „Lassen Sie uns noch mal dorthin gehen“ bis hin zu einem „Jetzt zeige ich Ihnen einen wirklichen Schatz unter den Ahornen.“ Ist der Herbst trocken und sonnenreich, färbt sich alles intensiver. Werden die Tage kürzer und die Nächte kühler, findet ein beeindruckendes Wechselspiel der Farben statt. Aus den Blättern des Fächerahorns ziehen sich die grünen Farbanteile zurück, sodass Rot-, Gelb- und Orangetöne das Laub zum Leuchten bringen. Manches Jahr dauert das Schauspiel der Herbstfärbung im Ahornwald nur wenige Wochen. Es ist jedes Jahr aufs Neue eine Überraschung, die niemand vorhersehen kann.

Ein Garten als Kraftort

Im oberfränkischen Unterhöll unweit von Hof liegt dieser eindrucksvolle Privatgarten. Er ist – nomen est omen – das genaue Gegenteil von Höll, und zeigt sich zu vielen

Jahreszeiten als Paradies. Auch der Frühling verwöhnt mit schönen Momenten, wenn sich das zarte Grün langsam herausbildet, sich die kahlen Äste wieder mit Blättern schmücken und Rhododendren und Azaleen für wenige Wochen die Hauptrolle bei der Gartengestaltung spielen. Fraglos mag Mathias Hoyer jede Jahreszeit, aber im Herbst ist der gelernte Landschaftsgärtner und Fachagrarwirt für Baumpflege noch begeisterter, wenn sich die Farben der Ahorne staffeln wie die Skyline von New York. Nur eben nicht als silbrig-graue Glas- und Stahlfassadenlandschaft, sondern in allen Farbtönen zwischen Gelb, Rot und Grün. Der Herbst ist jahrein und jahraus Mathias Hoyers zweiter Frühling. Die Pandemie hat dieses Paradiesische noch sichtbarer gemacht, weil monatelang keine Besucher kamen. Der Rückzugsort Garten gab Mathias Hoyer und seiner Frau Stefanie viel Kraft und ermöglichte es beiden, sich an der frischen Luft aufzuhalten. Dem Garten selbst hat die pandemische Ruhe nicht geschadet. Die Sammlung ist dichter und kompakter geworden.

Nun ist Mathias Hoyer wieder in seinem Element unterwegs und freut sich über die Aufmerksamkeit der kleinen Gruppe an Gehölzfans, die sich in überschaubarer Zahl angekündigt hat. Das Aceretum ist ein Geheimtipp und fasziniert als schattiger, fast fünf Hektar großer Landschaftspark, den Mathias Hoyer nach asiatischem Vorbild gestaltet hat und dessen Aura nicht allein durch die vielen Pflanzen lebt. Vielmehr sind es die liebevollen Details, die quer auf dem Gelände verteilt sind und immer auch durch Sichtachsen in Verbindung stehen. Eine schwere bronzene Buddha-Figur. Die prachtvolle Tür einer alten Mühle. Ein üppig bepflanzter Futtertrog. Ein gut 300 Jahre altes indisches Tor, das er bei Ebay gefunden und dann ersteigert hat. In einem anderen Gartenbereich ist der Torbogen aus Sandstein und stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert. Mathias Hoyer ist immer mit offenen Augen unterwegs. Als die Stadt Hof ihre alten Straßenlaternen ausrangierte, ergriff er die Chance und sagte sofort: Die nehme ich. Jetzt dienen die Lampen gut sichtbar als nostalgische Wegbeleuchtung. Auch die vielen Findlinge waren nicht vorhanden, als Hoyer das Grundstück gekauft hat. Er schätzt, ungefähr 500 Tonnen Natursteine in den Garten transportiert und verteilt zu haben. Für den Besucher indes sieht alles aus, als ob es nie anders war. Zu jeder Ecke fällt ihm eine Geschichte ein, jede Kante hat eine Vergangenheit, jeder Baum seine eigene Geschichte und Magie. Für den Besitzer ist die asiatische Gartenphilosophie Vorbild und Anspruch. Auch Hoyer hat den Ort in seine Ideen mit eingebunden und mit dem Ort gestaltet.

Ahorn-Liebhaber kommen auf ihre Kosten

Dann sind da noch die vielen botanischen Besonderheiten. Der aus China stammende Davidsahorn (Acer davidii) leuchtet in Rapsgelb bis Gelborange, der japanische Fächerahorn ‛Omato’ verführt die Augen mit einem Blutorange. Der strauchartige Cissusblättrige Ahorn (Acer cissifolium) strahlt scharlachrot. Mit ahorntypischen Blättern präsentiert sich der Japanische Weinahorn (Acer palmatum ‛Vitifolium’) changierend zwischen Hell- und Rotorange. Ganz anders, weil zart und anmutig schmal gefächert, ist der Fächerahorn ‛Koto no ito’. Der Herbst wird zur Schau, auch weil es atypische Blattform-Vertreter gibt: Der Hainbuchenblättrige Ahorn (Acer carpinifolium) oder der Birkenblättrige Ahorn (Acer stachyophyllum) gehören dazu. Denn die Blätter können durchaus andere Formen haben. Einige sind rundlich und leicht gelappt, andere unpaarig gefiedert, eiförmig mit gesägten Rändern, drei- bis siebenlappig, spitz, dreigeteilt, geschlitzt, mehrzählig. Wer nur an das Zuckerahornblatt auf der kanadischen Nationalflagge denkt, für den erschließt sich hier eine neue Welt aus Form und Struktur. Nicht nur die Farben begeistern den Besucher, auch der unterschiedliche Habitus eines jeden Gehölzes fasziniert. „Ich mag es besonders, wenn sich die Farben aufbauen und mischen, wenn kleine Ahorne vor größeren gepflanzt sind. In solchen Momenten sieht man die Vielfalt am deutlichsten“, erzählt Hoyer, der das Grundstück, das zeitweise für den Abbau von Eisenerz genutzt wurde, 1999 sah und kaufte. Es sollte die beste Entscheidung seines Lebens werden.

Auf dem Areal stehen 150 Jahre alte Eichen, Fichten und Kiefern. Einige Bäume haben einen Stammumfang von fast drei Metern erreicht und ragen mit über 30 Meter Höhe deutlich aus dem benachbarten Baumbestand heraus. Die Fläche war so verwildert, wie man es sich kaum vorstellen kann. Disteln und Brennnesseln standen mannshoch, der Wildwuchs war ebenso dominierend wie der dichte Wald, der sich über Jahrzehnte gebildet hat. Eine abenteuerliche Begehung bezeichnet Hoyer diesen ersten Besuch. Doch als leidenschaftlicher Rutengänger gab ihm der Boden durchweg positive Signale, und er spürte das große Potenzial dieser wilden Fläche. „Es war diese Mischung, die mich fasziniert hat. Und der idyllische See inmitten des Grundstücks. Libellen flogen beim ersten Besuch über das Wasser, eine Ringelnatter sonnte sich, es war ruhig, und die Lage hat mir gefallen. Von Anfang an hatte ich die Vision, einen Garten für Generationen anzulegen. Einen Garten der Ruhe und Entspannung“, erzählt er.

Einst Wildnis, nun Paradiesgarten

Wenig später fing er mit der Umgestaltung der Wildnis an. Weil er vom Fach ist und sich mit der japanisch anmutenden Landschaftskunst identifizierte, sollte es eine Art Meditationsgarten werden. Der Teich war da, aber Wasserläufe kamen dazu. Feine Kieswege wurden angelegt, tonnenschwere Findlinge mal als Solitär, mal in Gruppen verteilt. Eine geschwungene Holzbrücke ergänzt den Traum vom Wunschgarten. „Es sind knapp 150 Ahorn-Arten bekannt“, erzählt Mathias Hoyer. „Eine Vielzahl kommt aus Nordamerika, andere aus Mitteleuropa und dann wieder viele aus China, Japan oder Korea. In meinem Garten finden sich gut 70 Arten, die bestens mit dem mitteleuropäischen Klima zurechtkommen.“

Das Wort Arbeit will Mathias Hoyer beim Erzählen über die Historie des Areals und den Aufbau eines Traumgartens nicht über die Lippen gehen. Herausforderung, Spaß, Abenteuer fallen als Begriffe, aber nie das Wort Arbeit. Der Garten ist europaweit einmalig, gerade weil der beliebte Fächer-Ahorn (Acer palmatum) nicht die Hauptrolle spielt.

Die umfangreichste Art mit weit über 1000 Züchtungen ist bei ihm eher Beiwerk. Sein Augenmerk liegt auf den Wildarten, die über das ganze Grundstück verteilt sind. Der in Deutschland heimische Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus) darf nicht fehlen. Der mitteleuropäische Feld-Ahorn (Acer campestre) trifft auf den norwegischen Spitz-Ahorn (Acer platanoides). Der äußerst seltene Himalaya-Ahorn (Acer sterculiaceum ssp. franchetii) fühlt sich hier ebenso wohl wie zahlreiche Arten aus Japan, zum Beispiel der Feinzähnige Ahorn (Acer argutum), oder Dutzende Bäume aus Nordamerika wie der Weinblatt-Ahorn (Acer circinatum) oder ein besonderer Zwerg-Ahorn (Acer glabrum ‛Douglasii’).

Die Faszination Ahorn ist beim Rundgang in den Erklärungen und Erläuterungen spürbar, wenn Mathias Hoyer sehr unterhaltsam über seine Schätze spricht. Mehr noch freut er sich, wenn er auf Gäste trifft, die wirklich Interesse an dieser eindrucksvollen Sammlung haben. Wenn es um seine Raritäten geht, ist Mathias Hoyer besonders stolz. Zum Beispiel auf den Fünfblättrigen Ahorn (Acer pentaphyllum), eine seltene Ahornart aus dem Himalaja, die dort in einer Höhe von rund 3000 Meter beheimatet ist. Aus 40 Samenkörnern hat er 20 Pflanzen erfolgreich ausgesät. Auch ein Japanischer Goldahorn begeistert ihn, weil die Art mit einem Jahrestrieb von wenigen Zentimetern meist als Bonsai gehalten wird. Bei ihm ist er gute drei Meter groß, schon 70 Jahre alt, und auch die Umpflanzung an einen neuen Ort macht dem Gehölz wenig aus. Nicht alle Bäume wurden als Jungpflanzen in die oberfränkische Erde gesetzt. Manche Bäume kamen als stattliche Exemplare nach Unterhöll. Ergänzt wird die Ahornsammlung mit einer umfangreichen Kollektion an mehr als 100 Azaleen und Rhododendren sowie 150 Funkien-Sorten. Das Ganze hat übers Jahr verteilt seine Reize. Blüte trifft auf Blatt, selbst die Stämme der Gehölze machen was her und unterscheiden sich vielfältig. Mal ist die Rinde glatt, mal rissig, es gibt ein- und mehrstämmige Bäume, auch in der Größe ragen einige meterhoch über andere eher kleine Arten. Gepflanzt sind die meisten Gehölze auf kleinen Hügeln. So kann bei größeren Niederschlägen das Wasser sich nicht um den Baum herum stauen. Während im vorderen Gartenbereich Sonne und Halbschatten dominieren und in heißen Sommern sich die Hitze bis 35 Grad Celsius staut, hat er es in dieser Zeit in seinem Waldgarten gute zehn Grad kühler.

In seinem Aceretum erinnert Mathias Hoyer auch an die vielen Forschungsreisenden ab dem 17. Jahrhundert, denen man den Pflanzenhandel verdankt. Der Arzt und Forschungsreisende Engelbert Kaempfer gehört ebenso dazu wie der Ethnologe und Naturforscher Philipp Franz von Siebold und der schwedische Botaniker Carl Peter Thunberg. Die Gesichtsreliefs hat Mathias Hoyer selbst entworfen und angefertigt. Zuletzt hat er gemeinsam mit einem Künstler ein Denkmal für den Gärtner, Botaniker und Pflanzensammler Ernest Henry Wilson eingeweiht, der mehr als 40 Ahorn-Arten und andere seltene Bäume aus Fernost nach Europa und in die USA brachte. Beim Stichwort Reisen wird Mathias Hoyer indes eher still. Auf einer Weltkarte am Eingang seines Privatgartens sieht man, wo der Ahorn seine Heimat hat. Er selbst war nie an den Ursprungsorten seiner gesammelten Lieblinge. Warum auch? Für seine Weltreise reichen im seine 4500 Quadratmeter Privatgarten. Das bekannte chinesische Sprichwort „Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem du einen Garten anlegst“ passt wie kaum ein anderes auf den Garten von Mathias Hoyer.

Text und Fotos: Jens Haentzschel

Aceretum Unterhöll 3 95185 Gattendorf

Besichtigung nur nach telefonischer Vereinbarung Anmeldung und Infos unter: 09281 477863 oder über E-Mail: mathias.hoyer@web.de www.ahornwelt.de