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Die Alchemie eines Rätsels


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 31.03.2022

Dossier

Wlarum wird ein Mensch aus der Geschichte gestrichen? Totgeschwiegen, verleumdet oder aus den sozialen Netzwerken eliminiert? Interessanterweise trifft das meist nicht die sogenannten „Bösen“ – ganz im Gegenteil: Es handelt sich eher um Menschen, die Großes, Gutes, vielleicht sogar Unglaubliches in ihrem Leben geleistet haben. Schürt das den Neid der Mitmenschen? Darf es in deren Augen so etwas oder so jemanden nicht geben wie Jesus Christus, Karl den Großen oder William Shakespeare? Wenn die historische Existenz bezweifelt wird, fällt auch deren Werk, Aussage oder Hinterlassenschaft in sich zusammen.

DAS ÄUSSERE

Hier in diesem Fall handelt es sich um Jābir ibn Hayyān (auch Dschabir, Gabir, im Westen bekannt unter dem Namen Geber, Yeber). Obwohl es ihn gar nicht gegeben haben soll, trägt er viele Namen: Abū Mūsā Jābir ibn Hayyān, Abū abd Allāh, auch al-Sūfī (Vertreter des Sufismus), al-Azdī ...

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 2/2022

? Der Alchemist J?bir ibn Hayy?n, Portrait von Geber, 15. Jh., Codici Ashburnhamiani 1166, Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz
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... (aus dem arabischen Stamm der Azd), al-Kūfī (aus der Stadt Kufa – heute im Irak), al-Tūsī (aus der Stadt Tus – im Iran). Wir befinden uns im 8./9. Jahrhundert, im Goldenen Zeitalter des Islam. Geburtsdatum von ihm gibt es nun wirklich keines. Er soll aber zwischen 806 und 816 gestorben sein – im Alter von 94 Jahren – laut einer Quelle.

Wie dem auch sei! Ich glaube, zu keiner Zeit in der Geschichte der Menschheit war es so wichtig wie heute, zu sagen: „Das habe ICH geschrieben. Und niemand darf mir MEINE Urheberschaft verwehren.“ Ganz im Gegenteil: Zu früheren Zeiten widmete man die eigenen Schriften seinen Lehrern oder man ließ große Erkenntnisse vom eigenen Meister aussprechen – wie Sokrates in Platons Werken. Was Jābir übrigens auch selbst passierte: Im 13. Jahrhundert tauchen ein oder mehrere Pseudo-Geber auf – vermutlich Mönche in Spanien und/oder Italien, die nach dem Studium der übersetzten Teile von Jābirs Werk selbst weiterexperimentieren und das sogenannte Pseudo-Geber-Corpus schrieben.

Es hätte für mich persönlich schon einen Reiz, würden all die genannten Texte wirklich von Jābir ibn Hayyān stammen. Aber auch wenn die Autorenschaft einer ganzen Schule zusteht, wäre selbst das extrem beachtenswert. Viel wichtiger als die persönliche Urheberschaft scheint mir jedoch, wie wir mit den Erfahrungen und dem tradierten Wissen unserer Vorfahren umgehen, ob wir sie zum Wohle der ganzen Menschheit zu nutzen imstande sind. Oder gilt nur unsere momentane, zeitgebundene Wissenschaft in ihrer Eitelkeit und rein materiellen Perspektive, die sich eingestehen muss, noch vor vielen Rätseln zu stehen. Der Vorteil am alten, tradierten Wissen ist, dass es sich schon über viele Jahre und Jahrhunderte – um nicht zu sagen Jahrtausende – bewährt hat.

DER STICH INS WESPENNEST

Meine erste Schuldvermutung auf persönlichen Neid greift viel zu kurz. Wenn man in der Causa des Jābir ibn Hayyān tiefer in seine Zeit eintaucht, entdeckt man das sprichwörtliche Wespennest.

Zum einen muss der Sufismus um Anerkennung durch die islamischen Rechtsgelehrten kämpfen. Oder eher umgekehrt: Die Rechtsgelehrten kämpfen gegen die Sufis mit ihren oft eigenwilligen und individuellen Bestrebungen. Zum anderen tobt in dieser Zeit noch immer der Krieg um die Nachfolge Mohammeds, verbunden mit der Trennung der Schiiten und der Sunniten. Und mitten darin Jābir ibn Hayyān. Seine religiösen Schriften sind eindeutig schiitisch.

Auf politischer Ebene gibt es ebenso Revolution. Im Jahr 750 löst das Abbasiden-Kalifat die Umayyaden ab – führend dabei war eine kämpferische Gruppe aus Kufa (wo auch Jābir lebte). Inmitten blutiger Schlachten widmet Jābir ibn Hayyān eines seiner Werke einem abbasidischen Wesir. Das heißt, es gibt für viele Menschen viele Gründe, Jābir ibn Hayyān nicht sympathisch gegenüberzustehen.

DAS INNERE

Jābir gilt – zumindest in Teilen der arabischen Welt – als Begründer der Chemie und der Pharmakologie, als Entdecker des Königswassers, Verbesserer der Destillierapparate, der Kategorisierung der Elemente und Wegbereiter einer praktisch-experimentellen Wissenschaft.

Die Alchemie gilt heute als verrückte Mutter einer intelligenten Tochter – nämlich der Chemie. Der Name dieser Wissenschaft stammt entweder von Kem, dem ursprünglichen bzw. eigenen Namen von Ägypten oder aus dem Arabischen: al-kīmiyā – der Zauber. Und genau dieser Nimbus der Zauberei haftet der Alchemie heute an und wir lächeln über die naiven Alchemisten, die versuch(t)en, Gold herzustellen.

Vielleicht kann die verrückte Alchemie unser Denken eine innere Sicht auf die Welt und ihre (chemischen) Elemente lehren. Vielleicht können uns heute die in den Elementen innewohnenden spezifischen Eigenschaften, von denen Jābir spricht, inspirieren und auch seine Lehre des Gleichgewichtes in Bezug auf Maße, Zahlen und Verhältnisse – vielleicht mehr in einem inneren als einem materialistisch äußeren Zusammenhang, wie wir das heute verstehen? Hieß vielleicht die Wissenschaft, die sich mit den kleinsten Teilchen befasst, in früherer Zeit Alchemie? Heute nennen wir sie Atomphysik. Sehen wir nicht an der heutigen Quantenphysik, dass wir rein materialistisches Denken über Bord werfen müssen? Und noch ein letztes Vielleicht: Vielleicht ist es gerade diese innere Sicht der Dinge und Ereignisse, die es erlaubt, ein Universalgelehrter zu sein – damals wie heute.

Vielleicht ist es gerade die innere Sicht auf die Dinge und Ereignisse, die es erlaubt, ein Universalgelehrter zu sein – damals wie heute.

RÜCKBLICK UND AUSBLICK IN DIE ZUKUNFT

Die wichtigste Erkenntnis für mich: Die große Zeit des Hellenismus (etwa 300 vor bis 300 nach Christus) war eine Blütezeit des Wissens und der Bildung, des Synkretismus und der gegenseitigen kulturellen Befruchtung von Griechenland bis nach Indien. Altes Wissen wurde neu belebt und in philosophischen und initiatischen Schulen weiterentwickelt. Etwas Ähnliches gab es wohl auch für die islamische

Welt in der Zeit des Jābir ibn Hayyān. Selbiges Wissen tauchte dann ab dem 10. Jahrhundert in Spanien auf und befruchtete die europäische Kultur, die damals nicht einmal die Seife kannte. Und später noch im Zuge der Renaissance in Italien gab es wieder einen neuen Impuls mithilfe dieser alten Wissenschaften. Mögen wir die Alten nicht aus der Geschichte streichen, totschweigen oder wegsperren, sondern uns von ihnen inspirieren lassen, denn es gibt heute vieles, was wir zum Besseren führen können … Schließlich ist die Alchemie die Lehre und Wissenschaft der Verwandlung und Veredelung.

DER CORPUS JABIRIANUM:

Hier sei noch die Liste der Werke angeführt, die Jābir ibn Hayyān zugeschrieben werden. Man kann darin die unglaubliche Vielfalt seiner Themen erkennen und welche Schriften über das Lateinische auch in unserem Kulturkreis Einzug gehalten haben.

Das Buch der großen Gnade

(Kitāb al-Rahma al-kabīr, Nr. 5) – das vermutlich älteste und authentischste Werk. Im 13. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt unter dem Titel: Liber Misericordiae.

Die 100 und 12 Bücher

(Nr. 6 – 122): Praktische Aspekte der Alchemie. Enthalten auch eine frühe Version der berühmten Tabula Smaragdina mit Kommentar.

Die 70 Bücher

(Nr. 123 – 192): Systematik der Alchemie. Im 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt unter dem Titel: Liber de Septuaginta.

Die 10 Bücher der Berichtigung

(Nr. 203 – 212): nehmen Bezug auf die Alchemisten: Pythagoras (Nr. 203), Sokrates (Nr. 204), Platon (Nr. 205), Aristoteles (Nr. 206), Archigenes (Nr. 207 – 208), Homer (Nr. 209), Demokrit (Kr. 210), Harbī al-Himyarī (Nr. 211), Jabir selbst (Nr. 212).

Die 20 Bücher

(Nr. 213 – 232): zum Beispiel das Buch des Kristalls. (Nr. 220) und das Buch der inneren Bewusstheit (Nr. 230).

Die Bücher des Gleichgewichts

(Kutub al-Mawāzīn, Nr. 303 – 446): über Kosmologie, Grammatik, Musiktheorie, Medizin, Logik, Metaphysik, Mathematik, Astronomie, Astrologie.

Die 500 Bücher

(Nr. 447 – 946): Schiitische, religiöse Texte. Das Buch vom Königtum (Kitāb al-Mulk, Nr. 454) gibt es in lateinischer Übersetzung als Liber regni.

Die Bücher über die sieben Metalle Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und das „chinesische Metall“ (Nr. 947 – 953)

Die drei Bücher der Prägnanz (Nr. 954 – 956)

Diverse Alchemische Abhandlungen (Nr. 957 – 1149)

Die Bücher über militärische Strategien (Nr. 1150 – 1749)

Das Buch der Suche (Nr. 1800): Philosophische Grundlagen der Theurgie oder der Wissenschaft über die Talismane. Zitiert Werke von Platon, Aristoteles, Archimedes, Galen, Alexander von Aphrodisias, Porphyrius, Themistius, (pseudo-) Apollonius von Tyana und andere.

Das Buch der 50

(Nr. 1825 – 1874): Über die theoretische Basis der Theurgie, die spezifischen Eigenschaften, Astrologie und Dämonologie.

Das große Buch der spezifischen Eigenschaften (Nr. 1900 – 1970): Über die verborgenen Kräfte von Mineralien, Pflanzen etc. und deren praktische Anwendung in der Medizin etc.

Das Buch des Königs (Nr. 1985)

Das Buch der schwarzen Magie (Nr. 1996)

Medizinische und pharmakologische Schriften (Nr. 2000 – 2499): darunter auch Abhandlungen über Zoologie, Botanik (Das Buch der Pflanzen und der Heilkräuter), Das Buch der Gifte und wie man ihre schädlichen Wirkungen abwehrt.

Das Buch der Vollständigkeit (Nr. 2715)

Philosophische Schriften (Nr. 2500 – 2799): Hauptsächlich in Bezug auf Aristotelische Philosophie

Mathematische, astronomische und astrologische Schriften (Nr. 2800 – 2899)

Religiöse Schriften (Nr. 2900 – 3000): Über die Schiitische Schule des Denkens, Über die Seelenwanderung, Über das Imamat und eine Erklärung der Torah.

(Nicht alle Werke sind erhalten. Die Reihenfolge orientiert sich an der Katalogisierung nach Paul Kraus.)

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