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Die Amateure haben ausgespielt


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 15/2019 vom 05.04.2019

Leitartikel Der DFB ist vom Sportkapitalismus überfordert und braucht eine neue Struktur.


DER SPIEGEL

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 15/2019

Choreografie vor der Dortmunder Südtribüne


A m vergangenen Samstag, drei Tage bevor mit Reinhard Grindel schon wieder ein Präsident des Deutschen Fußball-Bundes am Ende war, zogen Anhänger von Borussia Dortmund auf der Südtribüne ihres Stadions meterhohe Stoffbahnen hoch. Bei der Choreografie waren ein Mann und ein Kind zu sehen. Darunter hatten die Fans ein Spruchband ausgerollt, auf dem stand: »Als Kind bin ich mit meinem Vater gekommen.

Und der wurd auch schon von seinem mitgenommen « – es war ein monumentales Bild der Nostalgie. Auf dem Rasen machten sich die Spieler warm. Der Wert des Kaders von Borussia Dortmund: mehr als 600 Millionen Euro. Der Verein spielte gegen den VfL Wolfsburg, der laut Schätzungen jährlich mit mehr als 50 Millionen Euro vom VW-Konzern am Leben gehalten wird.

In diesem Spannungsfeld – zwischen Familienfest und knallhartem Kapitalismus – bewegt sich der moderne Fußball. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte dessen Faszinationskraft der Kitt für eine Gesellschaft sein, die ihre Bindekräfte verloren hat, in der Kirchen, Gewerkschaften und Parteien zu Organisationen der Vergangenheit werden. Fußball als Brücke zwischen Generationen und Geschlechtern. Ein Metier, in dem sich die Unterschiede von Arm und Reich auflösen. Mit Fußball ließ sich die Stimmung im Land beeinflussen.

Auch deshalb suchten Bundeskanzler wie Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel die Nähe zu den besten Spielern des Landes. Und die Fußballverbände motzten ihre eigene Bedeutung auf mit Kampagnen gegen Rassismus, für das Ehrenamt, für Fair Play und Inklusion. Angeführt von einem Mann mit offenen Ohren für die Sorgen des kleinen Mannes: DFB-Präsident Reinhard Grindel, das personifizierte gute Gewissen.

Auf der Strecke blieben Fragen, die in die Zukunft reichen. Wie stellt sich der Fußball gegen finanzstarke Investoren auf? Wie will er Kinder gewinnen, die sich lieber am Computer als auf dem Platz messen? Nun ist Grindel weg, enttarnt als Raffzahn, der fünfstellige Einnahmen verschwieg und sich von einem Oligarchen beschenken ließ. Der Mann, der den Sumpf rund um das Sommermärchen austrocknen sollte, ist selbst in einem Sumpf versunken (siehe Seite 120).

Es trifft den deutschen Fußball in einer ohnehin fragilen Zeit. Die deutsche Nationalmannschaft ist so unbeliebt wie lange nicht mehr. Die Bundesliga wird fad, ihren besten Vereinen wurde im Achtelfinale der Champions League demonstriert, dass sie von Europas Spitze abgekoppelt sind. Es muss sich eine Menge ändern, diesmal wirklich.

Sollte es noch einmal derartige Entgleisungen wie die Grindels geben, hätte das für einen der wichtigsten Verbände des Landes fatale Folgen. Sie greifen die Werte an, für die der Fußball – nicht nur in seinen PR-Filmen – steht: für das Einhalten von Regeln und Versprechungen. Der Verband setzt zudem seine Glaubwürdigkeit als moralische Instanz gegen Geschäftemacher aufs Spiel, die dabei sind, den Fußballsport auszuhöhlen.

Mit Grindels Sturz ist klar geworden, dass das System DFB nicht mehr funktioniert, nicht in diese Zeit passt. Es schafft die Balance zwischen Familienfest und Kapitalismus nicht mehr, der Verband wird auch dadurch korruptionsanfällig. Die Antwort heißt: Der Verband muss sich professionalisieren, muss sich darauf einstellen, dass er im rauen Sportkapitalismus agiert.

Dazu gehört ein ehrlicher Umgang mit dem Geld. Bislang wurde der ehrenamtliche DFBPräsident für Aufwand und Verdienstausfall entschädigt, Grindel zeitweise mit monatlich gut 14000 Euro. Und er hatte Zu griff auf eine Vielzahl anderer Töpfe. Hier wäre eine hauptamtliche Anstellung und ein höheres Gehalt angebracht, um fähige Leute anzuziehen. Im Gegenzug gilt Transparenz.

Ebenso verlogen war das Auswahlverfahren für den Job des Präsidenten. Der wird von den Mitgliedern des DFBBundestags gewählt, doch eine echte Wahl haben sie nicht, weil der Kandidat zuvor von mächtigen Landesfürsten bestimmt worden ist. Damit sie stillhalten, bekommen die Provinzfunktionäre Einladungen zu Galas und Länderspiel - reisen. So führt auch diese Scheindemokratie zu einer Günstlingswirtschaft sondergleichen. Stattdessen sollte eine Findungskommission aus einem Kreis von Kandidaten den besten auswählen, der dann vom Präsidium des Verbands bestätigt werden müsste.

Fußball ist ein schönes, manchmal auch brutales Spiel. Mehr als das sollte es nie werden. Und das Beispiel Borussia Dortmund zeigt, dass man trotz Professionalität und großer Summen etwas vom Familienfest bewahren kann. Udo Ludwig


FOX-IMAGES / DDP IMAGES

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