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DIE ANDERE MANN


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

FAMILY ? AFFAIRS

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STEINIGER WEG Monika Mann, viertes Kind von Thomas und Katia, brauchte lange, um zu sich zu kommen. Hier als 45-Jährige auf Capri, 1955

Capri im Winter, das ist jedenfalls keine „verfluchte blaue Limonade“, wie Bertolt Brecht die Insel einmal geschmäht hat. Als die Fähre aus Neapel in den Hafen Marina Grande einläuft, lässt der Fahrtwind auf Deck nach. Monika Mann sieht Felswände, die sich in den grauen Himmel recken, unten am Strand eine lang gezogene Häuserfront. In den offenen Werkstätten im Erdgeschoss, den magazzeni, liegen umgedrehte Boote und ein Haufen Fischernetze. Am Kai wartet das lokale Empfangskomitee von Trägern und Abholern auf die Ankömmlinge. Viele sind es nicht. Wer fährt schon Anfang Dezember nach Capri, außer beinharten Romantikern und Heimatlosen?

Monika Mann gehört offiziell der zweiten und heimlich der ersten Kategorie an. Sie reist mit wenigen Taschen und mit schwerem seelischen Gepäck. Hinter ihr liegt das Jahr 1954, in ihrem von Tiefschlägen nicht verschonten Leben eine besonders trübe ...

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... Phase. Das „arme Mönle“, wie man sie in ihrer Familie mal mitleidig, mal gehässig nennt, steckt wieder mal in einer handfesten Lebenskrise. Diesmal kann sie sich damit nicht einmal zu Weihnachten in den Schoß der Familie retten. In den letzten Jahren hat man sich selten gesehen. Schon 1953 nach einem Besuch bei den Eltern fand Mutter Katia, das „elende Kind Moni“ sei als Hausgast „wirklich eigentlich unvorstellbar in ihrer ablehnenden Muffigkeit. Wenn wir zurück sind, muss sie das Feld räumen“. Stillschweigend ist man nach dieser missglückten Visite übereingekommen, sich derzeit besser aus dem Wege zu gehen.

Aber Heiligabend allein in Rom, wo sie seit 1952 lebt? Unvorstellbar, da muss sie raus, sofort. Weihnachten, das hat für sie den kindlichen Trost des „Alles ist gut“, und wenn nicht alles gut ist, schmerzt es am meisten an den Feiertagen. Monika will weg von der Einsamkeit inmitten von Häusern, Autolärm und urbanem Chaos, wenigstens für die emotional anstrengenden Wochen des Jahreswechsels. […] Der in Rom lebende Maler und Schriftsteller Rolf Schott hat ihr die Insel Capri empfohlen, einen landschaftlich reizvollen Flecken, der könnte ihr gefallen. Und in der Villa Monacone, heißt es, hätten schon viele Künstler residiert, unter anderem Oskar Kokoschka, der dort seinen Alma-Mahler-Furor mit Wandgemälden verarbeitete. Italien ist Sehnsuchtsziel der Deutschen in den Fünfzigerjahren, aber Capri gilt als regelrechtes Künstlerrefugium. Es ist also durchaus standesgemäß für eine Tochter des Schriftstellers Thomas Mann.

Rom war eine von Monikas ersten europäischen Stationen seit der Emigration in die USA. Amerika, das ist seit der hetzerischen McCarthy-Ära für die Mann-Familie vorbei. Mit Ausnahme des jüngsten Bruders Michael sind sie alle nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa zurückgekehrt. Auch der geliebte große Bruder Klaus, auf traurige Weise: Er hat sich 1949 in Cannes mit einer Überdosis das Leben genommen.

Die Eltern Thomas und Katia haben sich 1954 im schweizerischen Kilchberg niedergelassen, in ihrem Schlepptau das älteste Kind Erika, die „Tochter-Adjutantin“, unentbehrlich als Beraterin für den Vater und als Vertraute der Mutter. Golo, wie Monika eines der mittleren der sechs Geschwister, reüssiert als Historiker, der jüngste Bruder Michael hat seine Musikerlaufbahn, seine Frau Gret und zwei Söhne. Die ebenfalls jüngere Schwester Elisabeth lebt in Florenz, zwar frisch verwitwet, aber doch mit ihren beiden kleinen Töchtern, und leitet ein Kulturmagazin.

Alle haben ihren Platz und ihre Aufgabe, nur Monika weht umher wie ein Blatt im Wind. Die Rückkehr aus dem Exil, „the whole business of ‚come back‘“ ist für sie „rather terrifying“. […]

Beruflich weiß sie auch nicht, wie weiter. Sie hat es mit der Musik probiert, ohne Pianistin zu werden, mit Zeichnen, zuletzt mit dem Schreiben. […] In der Familie spricht man aber hinter ihrem Rücken von einer »künstlerischen Oberflächenbegabung« (der Vater) und ihrem »Halbtalentchen« (die Mutter). Im Gegensatz zu den publizierenden Geschwistern Klaus, Erika und Golo gilt es bei ihr als anmaßend, dass sie sich ausgerechnet im Familiengeschäft versucht hat.

Nun ist sie 44 Jahre alt, ohne Job, ohne Mann und Kinder, ohne eigenes Zuhause. Ihren Unterhalt bestreitet sie von der familiären Apanage. Die Lebensperspektiven einer Frau in mittleren Jahren schwinden, auch wenn sie aus deutschem Bildungsadel stammt.

In dieser Verfassung also wird Monika Mann an diesem Dezembertag 1954 in Capri an Land gespült: „Der Wind hat mich hergetragen.“ […]

An der Steilküste steht nur eine Handvoll Häuser in exklusiver Lage, und eines der ersten ist die Villa Monacone. Monika sieht das einladende, fast herrschaftliche Haus, die Säulen und Veranda, die „riesige Aussicht“ auf Meer und Felsen, sie spürt Ruhe und Weite. Diese Weite! Zum ersten Mal seit Langem kann sie frei atmen. […] Sie ist gekommen, um zu bleiben, aber das weiß sie noch nicht. Was sie aber weiß: Es ist eine „Liebe auf den ersten Blick“, wie sie das später nennen wird. Und die schließt auf Anhieb und explizit den Mann mit den lachenden Augen mit ein, der sie hier erwartet.

Antonio Spadaro heißt er. Seiner Familie gehört die Villa, er wohnt im Parterre unter ihrem Apartment und wird ihr Mitbewohner sein. Er ist drei Jahre älter als sie, also 47, ein schlanker Mann mit feinem Gesicht. […] Etwas seltsam, dass er Junggeselle ist, denn bei Frauen kommt er ausgesprochen gut an. Er ist ja auch unverschämt gut aussehend, das fällt Monika sofort auf, dafür hat sie schon immer einen Blick gehabt. Und am schönsten ist sein freundliches Lächeln. […]

Trotzdem, am Anfang fremdelt sie. Sie ist noch nicht ganz angekommen. Weihnachten, das sie so liebt, steht vor der Türe, und sie ist hier allein gestrandet, da macht sie sich nichts vor. Sie findet, auch die Capreser seien eigentlich „Sonderlinge. Die ‚Insel‘ frägt einen besonderen Typ.“ Aber ob sie da nicht ganz gut aufgehoben ist? Nennt man sie in der Familie, träumerisch und einsiedlerisch wie sie sein kann, nicht auch einen Sonderling?

Diese Weite! Zum ersten Mal seit Langem kann sie frei atmen. Sie ist gekommen, um zu bleiben, aber das weiß sie noch nicht.

Zumindest das Wetter zeigt sich in diesem Winter von seiner freundlichen Seite. Spaziergänge helfen ihr, Fuß zu fassen. Ein Weg folgt dem schmalen Panoramapfad nach links zum Arco Naturale, einem natürlichen Bogen aus Stein, und zur Casa Malaparte, die auf einem vorgelagerten Felsen im Meer liegt.

Überhaupt, findet Monika, sind die Ausblicke auf der Insel „erschütternd schön“. Wenn sie auf ihre Terrasse tritt, hört sie nur das Meeresrauschen, das sich im Winter zum Brausen steigert. An rauen Tagen klatscht das Wasser laut gegen die Felsen, und die Gischt sprüht bis nach oben zum Haus. Die Möwen kreischen und liefern Flugshows vor ihrer Veranda hoch über den Faraglioni. Vielleicht ist das erste Weihnachtsfest auf der Insel auch nicht so traurig wie befürchtet. Gegen die Einsamkeit helfen die Begegnungen mit Antonio. […]

Im Kilchberger Elternhaus gibt es derweil Bowle und Geschenke. Trotzdem herrscht an diesem Weihnachten 1954 nicht eitel Sonnenschein. Thomas Mann vermerkt in seinem Tagebuch „leichte Schneedecke“ und schwere Belastung durch die älteste Tochter Erika, die mit dem „Extremismus ihres Hasses“ gegen, in diesem Fall, Journalisten, aber schon seit Längerem gegen so ziemlich alle, darunter ihre eifersüchtig beäugten Geschwister, die Mutter Katia quält. Beide Eltern wagen allerdings nicht, ihre Älteste um Mäßigung zu bitten. An Heiligabend telefoniert man mit Elisabeth in Florenz. Von Michael ist in dem Eintrag nicht die Rede, der hat seinem Vater mit dem inzwischen 14-jährigen Lieblingsenkel Frido längst das größte Geschenk gemacht: Und Frido feiert Weihnachten in Kilchberg.

Dass die abwesende Monika nicht erwähnt wird, verwundert nicht. Wie notierte Hedwig Pringsheim, Großmutter mütterlicherseits, schon zu Weihnachten 1929 unverblümt in ihrem Tagebuch: „Das übliche Weihnachtsfest, (…) mit netter Musikproduktion der Kleinen, gutem Essen, etwas Grammophon, halt wie immer, das einzig fehlende Kind Moni fehlte ja nicht.“ Ja, sie fehlt nicht, wenn sie nicht da ist. […] Zu Jahresanfang 1955 werden Monika Mann und Antonio Spadaro ein Paar. Ein sehr diskretes: In der Öffentlichkeit ist sie für Antonio ganz förmlich „la Signora“, er wird dies so halten bis zum Schluss. Im Ort erlebt man die beiden kaum zusammen. Stattdessen gehen sie gemeinsam auf dem Panoramaweg spazieren. Wenn Antonio dann ihre Hand nimmt, fühlt sich Monika wortlos verstanden. Dann kann sie nicht einfach davonwehen, diese Hand macht sie wind- und wetterfest gegen ihre inneren Stürme.

Das Halten seiner Hand, wird sie ihm später schreiben, sei etwas „Magisches und Heiliges“: „Sie ist zärtlich, sie ist enorm, sie ist traurig, sie ist das Leben.“ Und so beginnt Monika Mann, sich auf eine längere Zeit in der Villa Monacone einzurichten. […] Sie fühlt sich sogar so inspiriert und mutig, dass sie sich wieder ans Schreiben macht. In Amerika hat sie bereits Feuilletons verfasst, die ihr Vater „Monis verwegene Stückchen“ nennt, nun denkt sie an ein Buch. Ihr erstes.

Wovon es handeln soll? Von dem, was sie hier, in der Stille inmitten wilder Meeresgischt, beschäftigt: dem, was war, und dem, was ist. Und wie beides miteinander zusammenhängt. Ihre Erinnerungen an Kindheit, Familie, Emigration will sie festhalten und ihre Lebenssicht neu ordnen. „Vergangenes und Gegenwärtiges“ wird das autobiografische Werk heißen.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des zweiten Kapitels von „Monascella“ von Kerstin Holzer.

Kerstin Holzer befasste sich bereits für ihre Biografie über Elisabeth Mann Borgese mit der Geschichte der Manns. Während ihrer Spurensuche auf Capri wohnte sie nun in Monika Manns einstigem Haus, der Villa Monacone, vis-à-vis der Faraglioni-Felsen – wohl das Office mit dem schönsten Ausblick der Welt.