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Die Angst ist so alt wie das Impfen selbst


pieks - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 26.02.2021

Seit es Impfungen gibt, sind auch Ängste vor dem Pieks verbreitet. Welche Bedenken die Menschen seit Jahrhunderten bewegen und welche neuen Argumente für Skepsis sorgen: ein Blick auf 200 Jahre Impfgeschichte mit Medizinhistoriker Wolfgang Ulrich Eckart


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Bildquelle: pieks, Ausgabe 1/2021

Ängste vor dem Pieks sind vielfältig, Aufklärung und Gespräche helfen. Eine immer wieder diskutierte Impfpflicht bewirkt eher das Gegenteil


»Da verwundert es natürlich nicht, dass Menschen erst einmal vorsichtig sind und eine gewisse Skepsis hegen.«


Am 14. Mai 1796 impfte der englische Landarzt Eduard Jenner erstmalig einen achtjährigen Jungen mit ...

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... Kuhpockenviren aus der Pustel einer erkrankten Magd. Als Jenner den Jungen sechs Wochen später mit dem Eiter normaler Pocken infizierte, war er gegen die Erkrankung immun.

Um die Wirksamkeit zu belegen, impfte Jenner im Anschluss weitere Kinder, darunter seinen elf Monate alten Sohn, und schloss aus den Erfolgen, dass sich auf diesem Weg eine lebenslange Immunität vor der Pockenerkrankung erreichen lässt. Gleichzeitig stand für den Arzt fest, dass eine gezielte Infektion mit Kuhpocken niemals tödlich endet, womit die Geschichte der Massenimpfungen begann. „Die Pockenimpfung wurde wenig später sehr publik, und es folgte alsbald eine staatliche Impfgesetzgebung. Seitdem existiert auch das Phänomen der Impfangst“, erklärt der Medizinhistoriker Wolfgang Ulrich Eckart.

DER GROSSE POCKENAUSBRUCH

In Bayern und Hessen wurde bereits 1807 die staatliche Impfpflicht eingeführt. Andere Länder begannen damit erst nach dem großen Pockenausbruch im Jahr 1870, bei dem allein in Deutschland eine Viertelmillion Menschen starb. „Die aufkommenden Ängste waren verschieden. Darunter waren solche vor dem Pieks an sich, das ist heute nicht anders. Aber es wurden auch Ängste von Gruppen geschürt, die das Impfen für die schlimmste Ausgeburt einer Medizin hielten, die den menschlichen Körper angeblich mit Arzneimitteln vergiftet“, so Eckart.

Heilung war damals nach Auffassung vieler Impfgegner eine Aufgabe der Natur - und die neue Methode daher mit großen Befürchtungen verbunden: „Man hatte Angst vor einer Vergiftung des Bluts durch eine Vermischung von Tier und Mensch in einer Weise, die man sich nach heutiger Kenntnis von Genetik kaum vorzustellen vermag. Es kamen Vergleiche mit der Sodomie auf, also der geschlechtlichen Verbindung von Tier und Mensch.“

Die Pocken-Impfpflicht setzte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern durch. Parallel schlossen sich Impfgegner zu Anti-Impf-Vereinen zusammen - insbesondere im Kaiserreich, als dort 1874 das Impfgesetz erlassen wurde. „Diese Impfängste breiteten sich dramatisch aus. Sie waren im Grunde ganz ähnlich wie heute. Doch letztlich war der Impferfolg gegen die Pocken durchschlagend.“ Die Pocken konnten damals zwar noch nicht ausgerottet werden, aber das gelang schließlich in den 1970er-Jahren.

PROF. DR. MED. WOLFGANG ULRICH ECKART

Professor für Geschichte der Medizin, Universität Heidelberg

Eckart hat Medizin, Geschichte und Philosophie studiert. Nach seiner Approbation als Arzt wurde er Professor für Geschichte der Medizin sowie Institutsleiter seines Fachbereichs an der Universität in Heidelberg. Er ist Mitglied der Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften.

Seit den 1970er-Jahren wird in Deutschland kein Impfstoff zugelassen, der zum Abschluss aller Prüfungen nicht auch noch vom Paul-Ehrlich-Institut auf Ungefährlichkeit untersucht worden ist


DUNKLE SEITEN DER IMPFHISTORIE

Dennoch kam es in der Geschichte des Impfens auch immer wieder zu Zwischenfällen, die der Impfangst Nahrung gaben. So war zum Beispiel 1930 bei einer Charge des sogenannten BTG-Impfstoffs gegen Tuberkulose der Erreger nicht im nötigen Maß abgeschwächt worden. Die damalige Vakzine war ein Lebendimpfstoff mit abgeschwächten, aber nicht abgetöteten Erregern. Geht hier während der Herstellung etwas schief, kann es zu massiven Infektionen kommen. Und das geschah beim sogenannten Lübecker Impfunglück: Schulkindern wurde der Impfstoff injiziert, Hunderte von ihnen erkrankten an Tuberkulose, 77 starben innerhalb kürzester Zeit. Etwas Ähnliches passierte auch bei der Einführung eines Impfstoffs gegen Kinderlähmung (Polio) in den 1950ern.

HEUTIGE PRÜFVERFAHREN

„Das sind Gefahren, die bei einem neuen Impfstoff immer drohen, wenn man nicht die nötigen Sicherheits- und Kontrollmechanismen einrichtet. Diese Vorkehrungen haben wir heute. In Deutschland wird kein neuer Impfstoff zugelassen, dessen Chargen nach dem großen Prüfverfahren nicht zusätzlich auch noch vom Paul-Ehrlich-Institut auf Ungefährlichkeit untersucht worden sind“, versichert Eckart.

Das Paul-Ehrlich-Institut ist die letzte Barriere zur Verhinderung fehlerhafter Chargen. Ebenso wichtig: Es überwacht auch, ob es im alltäglichen Einsatz der Impfstoffe Auffälligkeiten gibt. „Das ist ein gutes Instrument, das im Rahmen der Arzneimittelgesetzgebung der 1970er-Jahre eingeführt worden ist. Heute kann man sagen, dass es fast unmöglich ist, dass solche gefährlichen oder vergifteten Impfchargen auf den Markt kommen.“

Und doch kam es zuletzt erst im Jahr 2009 während der Schweinegrippe, die durch einen Influenzavirusstamm ausgelöst wurde, zu schweren Zwischenfällen. Der Impfstoff Pandemrix, der von der EU im September 2009 zugelassen worden war und mit dem rund 30,8 Millionen Menschen in der Europäischen Union geimpft wurden, löste in seltenen Fällen eine Narkolepsie aus.

Eine Narkolepsie ist eine seltene Schlaf- Wach-Störung, bei der Tagesschläfrigkeit und Kataplexie (plötzlicher Verlust des Muskeltonus) auftreten. Eine Studie aus dem Jahr 2015 legt nahe, dass es sich bei dem Impfschaden um eine Autoimmunerkrankung handelt - also um eine Veränderung des Immunsystems, die durch die Impfung verursacht wurde. Bis Januar 2015 meldeten sich mehr als 1300 Betroffene mit Impfschäden: 81in Deutschland, die meisten in skandinavischen Ländern, in denen Massenimpfungen durchgeführt worden waren. Zwar sind 1300 Impfschäden bei mehr als 30 Millionen Geimpften eine geringe Anzahl: Das entspricht 0,004 Prozent, also wurde einer von 23 000 Geimpften krank. Das ist auch der Grund dafür, warum es eine Weile dauerte, bis das seltene Problem als Folge der Impfung erkannt werden konnte - auch wenn dieser sehr schwerwiegenden, unheilbaren Impfschaden relativ kurz nach der Impfung eintrat. Der Impfstoff wird in der EU nicht mehr eingesetzt.

MACHEN IMPFSCHÄDEN ANGST?

„Das Risiko, einen Impfstoff nicht zu vertragen, wird heutzutage im Bereich von deutlich unter 0,1 Prozent liegen“, sagt Eckart, der nicht daran glaubt, dass die Erfahrungen mit der Schweinegrippe in der aktuellen Debatte eine große Rolle spielen. „In einem kalkulierbaren Umfang kann es immer zu Zwischenfällen kommen, weil jeder Körper individuell auf einen Impfstoff reagiert. Aber da muss man den großen Nutzen abwägen gegen das minimale Restrisiko eines Impfzwischenfalls. Gänzlich ausschließen kann man ihn nicht.“

Werden wir mit den Erfahrungen aus der Covid-19-Impfung ein größeres Vertrauen in Impfstoffe entwickeln? Noch sind viele Menschen skeptisch, da es sich um eine neue Art von Impfstoffen handelt


Deutsche Soldaten erhielten erstmals im Ersten Weltkrieg (1914-18) eine Tetanus-Schutzimpfung


»Das Risiko, einen Impfstoff nicht zu vertragen, liegt heute im Bereich unter 0,1 Prozent.«



Der Impfstoff Pandemrix, der von der EU im September 2009 zugelassen wurde und mit dem rund 30,8 Millionen Menschen in der EU geimpft wurden, löste in 0,004 Prozent aller Fälle eine Narkolepsie aus.


Doch wie kommt es, dass einige Impfungen wie die gegen Masern mit großen Bedenken verbunden sind, während wir andere, beispielsweise die Tetanus-Schutzimpfung, alle zehn Jahre dankbar entgegennehmen? „Bei Tetanus mag es daran liegen, dass der Erfolg der Impfung eklatant ist“, erklärt Eckart.

ERFOLGREICH GEGEN TETANUS

Die Impfung kam erstmalig im Ersten Weltkrieg zum Einsatz. Damals erhielten an Tetanus erkrankte Soldaten eine lebensrettende Tetanus-Serumtherapie. Gleichzeitig wurden gesunde Soldaten mit dem Tetanus-Impfstoff vorbehandelt und waren damit immun. „Und ein Krieg trägt natürlich durch die Erfahrung der Überlebenden ganz massiv dazu bei, dass sich bestimmte medizinische Aspekte in der Bevölkerung schnell durchsetzen“, sagt Eckart. „Hätte es Impfpflicht bei Tetanus gegeben, wäre es wahrscheinlich ähnlich wie bei den Masern gegangen.“ Bei denen sorgte die Studie eines britischen Arztes dafür, dass der Masern- Röteln-Mumps-Impfstoff in den Ruf kam, Autismus zu verursachen. Jedoch traten bei der Studie derart viele Ungereimtheiten auf, dass sie zurückgezogen und dem Mediziner schließlich die Approbation entzogen wurde. Gleich mehrere Studien widerlegten den Vorwurf endgültig. Trotzdem halten sich die Bedenken hartnäckig, und um die 2020 in Deutschland eingeführte Impfpflicht entflammte ein erbitterter Streit.

Hinreichende Aufklärung über den Sinn und Nutzen einer Impfung hilft nicht nur aktuell dem Patienten gegen seine Angst, sie beugt auch Impfgegnerschaft vor


»In kalkulierbarem Umfang kann es zu Zwischenfällen kommen, weil jeder Körper individuell auf einen Impfstoff reagiert.«


Man könne die beiden Krankheiten indes schlecht vergleichen, so Eckart. „Nach einer Maserninfektion hatten nur wenige Kinder schwere Hirnschädigungen, davon wissen oft nur die Betroffenen und ihre Kinderärzte etwas. Die meisten Menschen bekamen das nicht mit und kalkulieren das Risiko nicht mit ein.“ Tatsächlich war es sogar eine Zeit lang üblich, dass Mütter ihre Kinder zu Masernpartys brachten, damit sie schnell mit der Infektion durch seien.

Das Image einer Impfung sei immer stark vom Kontext abhängig, sagt Eckart. „Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Pockenimpfung in deutschen Kolonien eingeführt wurde, waren Impfängste in der indigenen Bevölkerung stark verbreitet, weil die Menschen eine Riesenangst davor hatten, dass ihnen die fremden Weißen angeblich Giftstoffe injizieren.“

UND HEUTE?

Die heutigen Impfgegner knüpfen zum Teil noch an die alten Vorwürfe an. Impfung sei eine Vergiftung des Menschen. Etwas, das nicht der Natur entspreche - heilen, indem man krank macht. „Das ist ganz ähnlich wie damals und setzt sich sehr breit fort. Das andere ist natürlich, das Impfen als Eingriff in die individuelle Freiheit zu interpretieren. Und zu sagen, die Freiheit des Menschen werde dadurch beeinträchtigt, denn es gibt ja das Recht auf körperliche Unversehrtheit“, so Eckart.

„Es ist stets ein relationales Problem. Ein Verhältnis zwischen Chancen und potenziellem Schaden. Impfgegnerschaft ist immer ein Indikator dafür, dass es noch keine hinreichende Aufklärung über den Sinn und Nutzen einer Impfung gibt oder gegeben hat. Da muss man ansetzen“, meint der Wissenschaftler. Und er weist darauf hin, dass bei Covid-19 die Befürchtung um die neuartige Impftechnologie hinzukomme.

„Da wundert es einen natürlich nicht, dass Menschen erst einmal vorsichtig sind und eine gewisse Skepsis hegen.“ Was fehle, sei solidarisches Denken. „Wir sehen in der Regel leider nicht, dass sich die kleine individuelle Einschränkung lohnt, da es dem Großen und Ganzen, also der Gemeinschaft, nützt, indem wir eine Herdenimmunität erreichen.“

AUFKLÄRUNG STATT PFLICHT

Eine Impfpflicht hält der Medizinhistoriker aber nicht für sinnvoll, weil das die Entstehung von Impfängsten fördere. „Wenn man sich unausweichlich einer Impfung unterziehen muss, facht das den Widerstand an. Ich halte viel mehr von Aufklärung.“

Die beste Motivation sei der Erfolg selbst, meint Eckart: „Ich glaube, dass wir aufgrund der Erfahrungen mit Covid-19 ein größeres Vertrauen in Impfstoffe haben werden.“


FOTO: DPA PICTURE-ALLIANCE, GETTY IMAGES, PRIVAT

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