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DIE ARBEIT AN DER HAND MIT GANGPFERDEN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 29/2018 vom 08.06.2018

Zehn Gänge auf fünf Metern – das ist die Spezialität von Gangpferden. An sich doch auch nur Pferde, und trotzdem so speziell. Mit ihrer Vielzahl an Taktvariationen treiben sie ihren Reiter oftmals zur Verzweiflung und gangunerfahrenen Trainern den Angstschweiß auf die Stirn. Wie der Takt entsteht und wie man das Pferd am Boden dabei unterstützen kann, darum soll es in diesem Artikel gehen.


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(Foto: Felix Gruschke)

Dass Gangpferde mehr können als nur tölten, das ist mittlerweile bekannt. Auch dass Gymnastizierung und Dressurarbeit für den Tölt eher förderlich als hinderlich sind. So freut es mich zu sehen, ...

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... dass immer mehr Gangpferdebesitzer neue Wege in Richtung gesunde Gymnastizierung und klassische Dressur gehen. Auch die Bodenarbeit gewinnt in diesem Bereich immer mehr an Bedeutung. Doch was mit dem Dreigänger scheinbar so locker und einfach zu erarbeiten ist, bekommt mit einem Pferd, das neben den drei Grundgangarten noch ein bis zwei weitere Gangarten und alle Möglichkeiten dazwischen anbietet, eine ganz andere Bedeutung. Zehn Gänge auf fünf Metern – das schafft nur ein Gangpferd, diese Gänge zu sortieren! Dabei kann die Basisarbeit am Boden, am Kappzaum und die daraus resultierende Arbeit an der Hand ein wahrer Retter sein. So haben wir doch vom Boden aus alle Möglichkeiten, unser Pferd in Balance und in den richtigen Takt zu bekommen.

Fünf Gänge sind zwei zu viel

Bleiben wir, zur besseren Erklärung, bei den Islandpferden mit ihren vier bis fünf Gängen. Schritt, Trab, Tölt, Galopp und Rennpass. Auch wenn es eine Vielzahl der unterschiedlichsten Gangpferde mit ihren individuellen Viertaktvariationen gibt, letztendlich haben sie alle das gleiche „Problem“: die genetische Veranlagung zur mehr oder weniger lateralen Beinbewegung. Diese Veranlagung macht das Gangpferd eben irgendwie doch zu einem Pferd mit etwas spezielleren Bedürfnissen. Diese Bedürfnisse werden allerdings keinesfalls durch schwere Gewichte an den Beinen, spezielle Beschläge, besondere Sättel oder sonstige Manipulationen gestillt, sondern erfordern vom Ausbilder ein besonderes Verständnis für Balance, Biomechanik, Takt und gesunde Bewegungen. Zudem benötigt man noch eine doppelte Portion an Geduld, denn mit einem Gangpferd muss man häufiger mal wieder zu den einfachsten Dingen zurückkehren, um eine reelle Ausbildung zu gewährleisten. Gangpferde neigen gebäudebedingt oftmals dazu, ihrem Schwerpunkt hinterherzulaufen. Ihre Hinterhand ist auf viel Schub ausgelegt, was ihnen ein hohes Tempo im Tölt und Rennpass ermöglicht, ihnen aber die Lastaufnahme und reelle Versammlung erschwert. Diese stark schiebende Hinterhand wirkt sich auch stärker auf ihre natürliche Schiefe aus. So ist es auch zu erklären, dass gangveranlagte Pferde oftmals sehr anfällig für Probleme mit der Balance sind.
Wenn man einen Vier- oder Fünfgänger mit genügend natürlicher Töltveranlagung auf einer Wiese laufen sieht, dann wird man häufig sehen, dass dieser fließend zwischen Trab und Tölt wechseln kann – je nach Bodenbeschaffenheit, rutschig oder uneben, bergauf oder bergab, geradeaus oder in Wendungen. Immer wenn das Pferd eine vermehrte Stabilität benötigt, zum Beispiel auf unebenem Boden, wird es in den Tölt oder sogar in den Pass wechseln. Schon kleinste Nuancen einer Gleichgewichtsveränderung lösen dies aus. Doch warum ist das so?
Zum einen bietet der Tölt auf unwegsamem Gelände vermehrte Stabilität, da sich immer mindestens ein Bein am Boden befindet. Zum anderen wissen wir, dass sich bei einem Verlust des Gleichgewichts das Pferd im Rücken festhält. Dieses Festhalten und Überstabilisieren im Rücken führt zu einer lateralen Verschiebung, also Tölt oder Pass. Was bei Dreigängern häufig nur im Schritt und eventuell noch im Galopp sichtbar wird, zieht sich bei einem Gangpferd durch jedes Tempo. In der Reiterpraxis bedeutet das für uns: Wenn ich beispielsweise einen jungen Haflinger mit seinen drei Gängen das erste Mal unter dem Sattel antraben lasse, dann wird der Trab kommen, egal wie unbalanciert und schief das junge Pferd ist. Wenn ich das Gleiche mit einem jungen Gangpferd mache, das genauso unbalanciert und schief ist wie der junge Haflinger, dann werde ich vermutlich nur den berühmten „Gangsalat“, sprich einen Mix aus Pass, Tölt und ein bisschen Trab, bekommen.

Das Gangpferd nutzt also seine Gangvielfalt, um seine eigene Stabilität und Balance zu erhalten. Gesundheitsförderlich ist das so auf Dauer nicht. So sollte ein Ziel der Ausbildung eines Gangpferdes auch die Gangtrennung sein. Diese entwickelt man am besten und nachhaltigsten über eine gute und reelle Ausbildung, die die Schlüsselpunkte wie Balancefindung, Losgelassenheit, Geraderichtung und Tragkraft beinhaltet.

Wie uns die Arbeit am Boden helfen kann

Balance und Losgelassenheit. Diese zwei Punkte sind bei der Ausbildung des Gangpferdes die unerlässliche Basis für alles. Bei jeder Einheit mit unserem Pferd müssen erst diese zwei Basiselemente hergestellt werden, um anschließend an Takt, Geraderichtung und Tragkraft zu arbeiten. Die Arbeit am Boden bietet hierfür unglaubliche Möglichkeiten. Den Anfang macht hierbei für mich die Bodenarbeit am Kappzaum, die später zur Arbeit an der Hand wird. Hier habe ich die Chance, meinem Pferd die Hilfen zu erklären und Balance, Losgelassenheit sowie Takt zu entwickeln.
Das Pferd lernt, sich Richtung vorwärts- abwärts zu dehnen. Durch die Kontrolle von Schulter und Hinterhand kann ich gezielt auf die Schiefe des Pferdes einwirken und ihm so zu mehr Balance verhelfen. Als Reiter und Ausbilder meines Pferdes habe ich dabei einen großen Vorteil: Ich muss mich nicht nur auf mein Gefühl verlassen, sondern ich kann genau hinschauen. Wo fußt mein Pferd hin? Geht der Schwung über den Rücken durch das Genick bis zum Maul des Pferdes? Ist die Stellung korrekt? Rotiert der Brustkorb? Stimmt der Takt?

(Foto: Felix Gruschke)

Das Pferd hat den großen Vorteil, dass es nur seinen Körper und nicht noch zusätzlich den Reiter mit ausbalancieren muss. So können nach und nach Stellung, Biegung und Seitengänge entwickelt werden. Während dieser Arbeit ist es wichtig, immer auf die Losgelassenheit des Pferdes zu achten. Schon ein leichtes Rausheben oder Festhalten im Unterhals oder Steifigkeit im Genick sind erste Anzeichen von Überforderung, die es zu erkennen gilt, denn jeder Verlust von Losgelassenheit führt unweigerlich zu einer Passverschiebung. Diese gilt es möglichst zu vermeiden. Immer wird uns das leider nicht gelingen, denn dann würden unsere Pferde wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren absolut tiefenentspannt mit der Nase im Sand laufen. Also müssen wir uns immer wieder zaghaft aus der Komfortzone unseres Pferdes hinausbegeben – in kleinen Schritten, immer mit dem Augenmerk darauf, Losgelassenheit und Balance wiederherzustellen oder erst gar nicht zu verlieren. Dem Pferd wird es so immer besser gelingen, sein Gleichgewicht zu halten und die geforderten Lektionen ohne Passverschiebung auszuführen.

Die Arbeit im Schritt

Während Entspannung und Dehnung dem Gangpferd noch recht leichtfallen, wird es bei beginnender Arbeit an der Tragkraft wieder kniffelig. Gerade Pferden, die eine starke Passveranlagung haben, fällt das Beugen der Hanken extrem schwer. So werden wir auch bei der Versammlung im Schritt immer wieder auf Passverschiebungen aufgrund zu starker Anspannung stoßen. Aber wir bemerken auch: Wenn wir sorgfältig und reell arbeiten, werden diese immer seltener auftreten, und falls sie doch vorkommen, dann können wir sie schnell beheben. Gangpferde profitieren von der Arbeit im Schritt enorm, denn guter Tölt wird im Schritt erarbeitet. Der Schritt ist die Gangart, die dem Tölt am nächsten kommt. Er ist ebenfalls ein Viertakt, die Fußfolge ist die gleiche, nur in der Phasenfolge gibt es (bei einigen Rassen) Unterschiede. Im Schritt ist es ihnen am besten möglich, ohne „Gangsalat“ und mit viel Ruhe Seitengänge zu erlernen und korrekt auszuführen. Die Pferde können so am besten lernen, ihre oftmals breit fußende und stark schiebende Hinterhand korrekt in Richtung ihres Schwerpunkts zu setzen und die Gelenke der Hinterhand geschmeidig zu beugen. Je besser unsere Arbeit im Schritt also ist, desto mehr bekommen wir das auch nach und nach in den anderen Gängen sowie beim Reiten zu spüren.
Der Trab an der Longe wird stabiler, schwungvoller und taktklarer. Der Naturtölter wird lockerer, zeigt eventuell sogar schon Trabschritte, die Hinterhand arbeitet vermehrt, der Rücken schwingt. Pferde, die schon im Schritt stark passverschoben sind, beginnen sich zu lockern, können das oftmals sehr gut mit in den Tölt nehmen und letztendlich auch dort immer taktklarer werden. Im Allgemeinen werden sich die Gänge und die Durchlässigkeit des Pferdes verbessern.

Versammlung im Trab und Tölt

Bei der Arbeit an der Hand muss unser Pferd langsam traben. Hier haben wir schon die erste Überprüfung, wie weit unser Pferd in unserem bisherigen Training vorangekommen ist. Hat es schon ein wenig verstanden, Schub- in Tragkraft umzuwandeln? Akzeptiert es unsere Hilfen, nimmt es sie an und versucht diese umzusetzen, oder flüchtet es nur in ein Vorwärts und entzieht sich so unseren Hilfen? Mit fortschreitender Geraderichtung, Durchlässigkeit, beginnender Tragkraft und der Möglichkeit, die Beine gezielt zu platzieren, können wir uns vorsichtig an die Versammlung im Trab wagen. Spätestens jetzt ist der Punkt, bei dem die meisten Gangpferde zum Tölt wechseln, denn Versammlung bedeutet wieder eine Veränderung der Spannung. Die Versammlung braucht, logischerweise, mehr Körperspannung (nicht Verspannung!) als ein entspanntes Bummeln im Schritt. Für das Gangpferd bedeutet diese Veränderung der Körperspannung unter Umständen wieder Taktverlust und Balanceverlust. Hier müssen wir uns also erst einmal entscheiden: Welchen Gang nehmen wir?
Dazu sollten wir uns in erster Linie die Gangverteilung unseres Pferdes anschauen. Hat mein Pferd viel oder wenig natürlichen Tölt im Angebot? Wenn ich einen Viergänger mit wenig natürlicher Töltveranlagung habe, dann wird der Tölt, den er mir in diesem Moment eventuell anbietet, voraussichtlich noch sehr verspannt sein. Hier wäre es gut, über ein vermehrtes Lösen des Pferdes wieder den Trab zu erlangen, um vorerst dort zu arbeiten. Habe ich ein fünfgängig veranlagtes Pferd oder gar einen Naturtölter, der mir in diesem Moment den Tölt anbietet, dann überprüfe ich auch hier als Erstes die Qualität. Hält sich das Pferd im Rücken fest? Ist es stark lateral verschoben? Wenn ich die Probleme erkannt habe, kann ich an Lösungen arbeiten. Bei einem Pferd mit viel natürlichem Tölt/Pass bietet es sich an, vorerst auch in dieser Gangart zu arbeiten und diese nach und nach zu verbessern. Sie ist genauso natürlich wie auch der Trab. Wenn ich allerdings merke, dass mein Pferd sich bei dieser Arbeit stark verspannt und Zeichen der Überforderung zeigt, dann lohnt es sich, das Erlernte noch weiter im Schritt zu verfestigen. Die Geduld wird sich auszahlen.
Grundsätzlich hat sich gezeigt: Je sorgfältiger wir auch am Boden an der Basis arbeiten, desto mehr bekommen wir später im Sattel vom Pferd geschenkt. Die sorgfältige Arbeit mit Losgelassenheit, Balance und Takt wird uns, wenn wir mit Gangpferden arbeiten, ein Leben lang begleiten. Umso schöner ist es aber auch, wenn wir unsere Zeit mit einem von uns gut geschulten Tölter verbringen dürfen, bei dem Schritt, Trab, Tölt und Galopp und vielleicht auch Rennpass jederzeit, aufgrund von guter Vorarbeit, abrufbar sind.

DŽENI BAKAC

… ist Trainerin für Gangpferde und vom DIPO (Deutsches Institut für Pferdeosteopathie) zertifizierte Pferdephysiotherapeutin und Cranio-Sacral-Osteotherapeutin. Sie unterrichtet nach den Grundsätzen der Akademischen Reitkunst. Die Ausbildung am Kappzaum sowie die biomechanisch korrekte und gesundheitsfördernde Ausbildung des Pferdes sind ihr besonders wichtig. In ihren Kursen und Seminaren gibt sie ihr Wissen rund um das Thema Kappzaumarbeit und Biomechanik weiter. Außerdem bietet sie stationäre Therapie und Ausbildung von Rehapferden auf ihrem Hof im Bergischen Land.

www.leichtigkeit-in-allen-gaengen.de