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DIE BESTE ENTWICKLUNGSHILFE


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.10.2018

Weltweit nehmen immer mehr Frauen am Wirtschaftsleben teil. Dabei bleiben sie hinsichtlich Ausbildung, Arbeitsqualität und Lohn deutlich benachteiligt. Das ist nicht nur unfair, sondern hemmt auch die gesamte ökonomische Entwicklung.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 4/2018

Ana L. Revenga (links) ist stellvertretende Chefökonomin der Weltbank; sie beschäftigt sich dort seit Jahrzehnten mit den Themen Armut und Verteilungsgerechtigkeit.Ana María Muñoz-Boudet arbeitet als leitende Sozialwissenschaftlerin bei der Weltbank. Ihre Spezialgebiete sind globale Armut und Ungleichheit.

►► spektrum.de/artikel/1513363

In den letzten 50 Jahren hat sich ...

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... die Situation von Frauen und Mädchen in den Entwicklungsländern enorm verbessert. Das belegen zahlreiche Indikatoren, zum Beispiel die Lebenserwartung: Während eine 1960 geborene Frau im Mittel nach 54 Jahren starb, werden die meisten 2008 geborenen Mädchen wohl ihren 72. Geburtstag erleben. In derselben Zeit sank die Fertilität – die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau – so rasch wie noch nie. Dieser Wandel hängt mit verschiedenen Errungenschaften der Frauen in armen Ländern zusammen: Viel schneller als in den heute reichen Nationen gab es Fortschritte auf den Gebieten Bildung, Beschäftigung und sexuelle Selbstbestimmung. In den USA dauerte es lange 123 Jahre, bis eine Frau nur noch drei statt sechs Kinder gebar, in Indien 44 – und im Iran bloß 10 Jahre.

Zwei Drittel aller Länder bieten beiden Geschlechtern einen Zugang zur Grundschule, und in mehr als einem Drittel sitzen mehr Mädchen als Jungen in den Klassen. Ganz anders als früher stellen Frauen nun die Mehrheit der Universitätsabsolventen. In den vergangenen drei Jahrzehnten drängten mehr als eine halbe Milliarde von ihnen auf den Arbeitsmarkt; das bedeutet, dass heute weltweit vier von zehn Arbeitskräften weiblich sind.

Trotz aller Fortschritte klafft eine hartnäckige Lücke zwischen den Geschlechtern. Zwar leben Frauen insgesamt länger als Männer, doch in Afrika südlich der Sahara und in einigen anderen Weltregionen ist die Müttersterblichkeit so hoch wie im Europa des 19. Jahrhunderts vor der Einführung der Geburtshygiene. Noch immer besetzen Frauen weniger Machtpositionen in Politik und Wirtschaft. Und während immer mehr Frauen für Lohn arbeiten, werden sie weiterhin schlechter eingestuft als ihre männlichen Kollegen.

Diese Missstände sind skandalös, nicht nur unter rechtlichen, sondern auch unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten. Entwicklung bedeutet weniger Armut und besseren Zugang zu Dienstleistungen, außerdem mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Nach unserer Überzeugung ist es klüger, die Gleichberechtigung auf die Tagesordnung zu setzen – insbesondere die Chance für Frauen, eigenes Geld zu verdienen – und dadurch von selbst die Entwicklung voranzutreiben, statt umgekehrt zu hoffen, dass Entwicklungshilfe indirekt die Lage der Frauen verbessert.

Die Wohlstandskluft zwischen den Geschlechtern schließt sich nicht von allein. Erstens gilt es, die Barrieren wegzuräumen, welche einen gleichgestellten Zugang zu wirtschaftlichen Chancen verhindern; das erhöht die Produktivität und somit das Einkommen für jedermann. Zweitens: Bessere Bildung, Gesundheit und Entscheidungsfreiheit für Frauen heben den Wohlstand von Mutter und Kind. Drittens: Frauen an die Macht! Sobald nicht mehr nur Männer etwas zu sagen haben, verschieben sich politische Initiativen und finanzielle Ausgaben fast automatisch hin zu Themen wie Hygiene, Gesundheit und Schulbildung.

Leider ist das viel leichter gesagt als getan. In allen Ländern, ob reich oder arm, und in allen Wirtschaftszwei gen, vom Ackerbau bis zum Unternehmertum, hemmt vor allem der Mangel an Gleichstellung weiterhin den Fortschritt. 

Wenn es gelänge, den Beschäftigungsgrad von Frauen im subsaharischen Afrika an den der Männer anzugleichen, stiege dort die Produktivität Prognosen zufolge um zwölf Prozent.


BARTOSZ HADYNIAK / GETTY IMAGES / ISTOCK

NARVIKK / GETTY IMAGES / ISTOCK

Berufe mit einem hohen Frauenanteil wie Erntehelferin oder Lehrerin werden tendenziell schlechter bezahlt. In allen Wirtschaftsbereichen erhalten Männer oft einen höheren Lohn als Frauen in der gleichen Position, selbst wenn man Bildungs- und Altersunterschiede berücksichtigt.

Knappe Produktionsmittel, Bevormundung und

Klischees blockieren ökonomischen Aufstieg

Die erste Hürde, die Frauen im Weg steht, ist der grundsätzliche Zutritt zur Wirtschaft. In den meisten Teilen der Welt hat die weibliche Lohnarbeit zwar beträchtlich zugenommen, aber überall klafft zwischen Männern und Frauen bezüglich der Teilnahme am Arbeitsmarkt eine Lücke – im Nahen Osten und Nordafrika beträgt der Unterschied ganze 53 Prozent!

Selbst wenn Frauen diese Barriere durchbrechen können, stoßen sie selten auf faire Bedingungen. Bäuerinnen haben es deutlich schwerer, an Düngemittel, Landmaschinen und hochwertiges Saatgut zu kommen, weshalb ihre Erträge oft geringer ausfallen. Ebenso erlangen Unternehmerinnen nur eingeschränkt Zugang zu Kapital und Krediten: weil sie seltener Landbesitz oder andere Sicherheiten anbieten können, weil ein Mann den Kreditantrag unterschreiben muss oder weil die Bank Frauen einfach für unzuverlässiger hält. Deshalb werfen weibliche Geschäfte oft tatsächlich weniger Gewinn ab, und es entsteht ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis. Sobald diese Hindernisse beseitigt werden, nimmt die gesamte Produktivität sofort deutlich zu. Einer neuen Studie zufolge würde das Herbeiführen unternehmerischer Gleichstellung Produktivität und Einkommen in Subsahara-Afrika um 12 Prozent erhöhen, im Nahen Osten und Nordafrika gar um 38 Prozent.

In den USA und Kanada, wo die Abweichung der Arbeitsmarktteilhabe zwischen den Geschlechtern weniger als 15 Prozent beträgt, verursachen andere Faktoren Unterschiede. Mann und Frau streben in verschiedene Wirtschaftssektoren: Frauen arbeiten eher im Erziehungsund Sozialbereich, Männer mehr im Bau- und Verkehrssektor. Dabei landen Erstere meist in den unteren Einkommensgruppen. Zum Beispiel ist eine Frau häufig Lehrerin, Krankenschwester oder Bürokraft, aber selten Ärztin, Schul-oder Abteilungsleiterin. Unternehmerinnen konzentrieren sich sogar eher auf traditionell weibliche Sektoren wie Nahrung oder Bekleidung.

Die Trends beruhen auf Vorurteilen über vermeintlich typisch weibliche und männliche Tätigkeiten: Frauen sind angeblich von Natur aus fürsorglicher, Männer geeigneter für körperliche Arbeit und Führungsaufgaben. Der kritische Punkt ist, dass die besonders »weiblichen« Berufe schlechter bezahlt werden. Im globalen Mittel verdient eine berufstätige Frau 81 Cent für jeden Euro, den ein männlicher Arbeiter einstreicht. In Jordanien und der Elfenbeinküste beträgt der Einkommensunterschied mehr als 80 Prozent. Die reichen Länder sind keine Ausnahme: In Neuseeland bekommen Frauen 5 Prozent weniger Lohn, in Südkorea liegt der Abstand sogar bei 36 Prozent. In Pakistan verdienen Lehrerinnen auf dem Land um 30 Prozent weniger als Lehrer.

AUF EINEN BLICK :FRAUEN IM ARBEITSLEBEN

1 Wenn Frauen besseren Zugang zum Wirtschaftsleben sowie zur Bildung und Familienplanung gewinnen, profitiert davon die gesamte Gesellschaft.

2 Zwar schließt sich weltweit allmählich die soziale Kluft zwischen den Geschlechtern, aber vor allem in den Entwicklungsländern bilden traditionelle Normen hartnäckige Hindernisse.

3 Uralte Rollenklischees, die Frauen vorschreiben, was sich gehört, verschwinden nicht über Nacht. Emanzipatorische Maßnahmen und Programme wirken nur, wenn sie über längere Zeit durchgeführt werden.

Zementierte Geschlechterrollen sehen Frauen vor allem am heimischen Herd

Hinter der hartnäckigen Lohnlücke stecken verfestigte soziale Normen. Da Frauen traditionell einen viel größeren Teil ihrer Zeit für Betreuung und Haushalt aufwenden als die Männer, haben sie weniger Zeit für bezahlte Jobs. Und wenn die Frau am Arbeitsleben teilnimmt, ändert das zunächst gar nichts an der Überzeugung, sie sei vor allem für häusliche Pflichten zuständig. In Ghana verrichtet die Frau mehr als 80 Prozent der Hausarbeit, auch wenn sie Alleinverdienerin ist. Dieses Ungleichgewicht herrscht fast überall, auch in Amerika und Europa; selbst in den fortschrittlichsten Milieus gilt es als naturgegeben. Die Betreuungszeiten in Kindergärten sowie die Stundenpläne in Schulen passen selten zu einer voll berufstätigen Mutter; sie soll sich aber – im Unterschied zum Vater – selbstverständlich frei nehmen, sobald ein Kind der beiden Eltern erkrankt.

Leider umgehen die meisten Maßnahmen zur gerechteren Zeitverteilung diese Normen, statt sie direkt in Frage zu stellen. Populäre Gegenbeispiele sind der Anspruch auf Elternzeit und Kinderbetreuung in Krippen. Wie erwartet nehmen in allen Ländern, wo der Zugang zu Krippen und Vorschuleinrichtungen verbessert wurde, mehr Frauen am Arbeitsleben teil. Dabei spielen Verkehrsanbindung, Öffnungszeiten, Bezahlbarkeit und Kapazität der Einrichtung wichtige Rollen.

Offensichtlich verschafft diese Politik den Müttern mehr Zeit. Anfang der 1990er Jahre begann Argentinien mit einem Programm zur Förderung der frühkindlichen Erziehung. Nach sieben Jahren gab es 175000 Vorschuleinrichtungen. Wie Forscher beobachteten, erhöhte sich die Berufstätigkeit der Mütter im Lauf des Programms um 7 bis 14 Prozent. Diese positiven Effekte treten sogar dann auf, wenn die Vorschule nicht ganztags öffnet.

Maßnahmen wie besserer Mutterschutz sowie Elternzeit – auch für Väter – sind nicht immer so erfolgreich. In Deutschland kehrten durch die Erweiterung des Mutterschutzes mehr Frauen nach Ablauf der Schutzfrist wieder zum vorherigen Arbeitsplatz zurück. Doch als das benachbarte Österreich 1990 die Schutzfrist von einem auf zwei Jahre verdoppelte, ging der Prozentsatz der Frauen, die nachher überhaupt wieder arbeiteten, erheblich zurück.

In Skandinavien bieten die Elternzeitprogramme den Vätern spezielle Anreize, nach der Geburt des Kindes zu Hause zu bleiben. Schwedische Papas bekamen persönlichen, nicht übertragbaren Urlaub, was sie veranlasste, tatsächlich mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Laut Studien bleiben diese Männer dauerhaft in die Erziehung ihrer Kinder involviert, verabschieden sich aber allmählich von anderen Haushaltspflichten, sobald der Elternurlaub endet.

Hinter der beruflichen Diskriminierung steckt nicht etwa eine von vornherein unterschiedliche Befähigung beider Geschlechter, sondern der geringere Wert, den wir weiblichen Arbeitskräften beimessen. In den Entwicklungsländern manifestiert sich der Unterschied schon bei Schulbesuch und Ausbildung. Zwar besuchen in den Industrieländern auch viele Frauen Universitäten, doch bereits bei der Wahl des Studienfachs beginnen die geschlechtsspezifischen Unterschiede. In den USA sind zwar fast 60 Prozent der Collegeabsolventen weiblich, aber nur 35 Prozent von ihnen erwerben einen akademischen Grad in einem wissenschaftlich technischen Fach.

Um die Diskriminierung weiblicher Arbeit aufzuheben, reicht geschlechtsneutrale Bildungspolitik nicht aus. Die öffentliche Hand muss gezielt arbeitspolitische Maßnahmen ergreifen, insbesondere für junge Arbeitssuchende. Als Vorbild dienen etwa die Jóvenes-Programme für Jugendliche, die in den frühen 2000er Jahren in Lateinamerika durchgeführt wurden. Durch eine Kombination von Ausbildung und Praktika sowie Anreize für Unterneh merinnen förderten sie die Berufstätigkeit junger Frauen und sorgten für höhere Löhne.

Die U-Kurve der Frauenarbeit

Im Anfangsstadium der wirtschaftlichen Entwicklung stellen Frauen einen hohen Anteil an der arbeitenden Bevölkerung, denn die Länder sind so arm, dass alle arbeitsfähigen Bürger mit anpacken müssen; der Großteil im landwirtschaftlichen Sektor. Wenn sich die Agrarländer allmählich zu Industrienationen wandeln, fließen höhere Einkommen in städtische Haushalte, und ein größerer Teil der Frauen hört auf zu arbeiten. Doch schließlich reifen die Länder zu modernen Dienstleistungsgesellschaften heran, und die Frauen kehren wieder auf den Arbeitsmarkt zurück.

JEN CHRISTIANSEN, NACH: ANA MARIA MUNOZ-BOUDET UND WORLD DEVELOPMENT INDICATORS, THE WORLD BANK / SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2017

Aber der Erfolg der Jóvenes-Programme lässt sich leider nicht verallgemeinern. So hinderten bei einem ähnlichen Berufsbildungsprogramm in Malawi familiäre Verpflichtungen die jungen Frauen an der Teilnahme. Ein jordanisches Pilotprogramm namens NOW (New Opportunities for Women) wiederum bezog mehr als 1000 Frauen ein, die ein so genanntes Community College (eine Art Berufsschule) absolviert hatten. Die Nachfrage nach dem Programm war extrem hoch: Viele Teilnehmerinnen schlossen die Berufsausbildung mit Erfolg ab, und die Hälfte der Absolventinnen fand – dank Lohnunterstützung für Unternehmer – einen Job. Doch die Wirkung blieb so kurzlebig, dass sich an der Arbeits- und Lohnstatistik gar nichts änderte. Somit verhinderten offenbar ebenso in Jordanien soziale Normen und unternehmerische Vorurteile den Erfolg der Initiative.


Auch Regierungen diskriminieren Frauen: In 66 Prozent aller Länder dürfen sie nicht dieselben Jobs ausüben wie Männer


Soziale Normen zwingen Frauen an den Herd, während die Männer arbeiten gehen. Auch in reichen Ländern, wo Frauen öfter berufstätig sind, leisten sie weiter den Großteil häuslicher Arbeit.


B&M NOSKOWSKI / GETTY IMAGES / ISTOCK

Wenn ein bestimmter Wirtschaftssektor traditionell weniger Frauen beschäftigt, neigen die Unternehmer zu Vorurteilen über deren Fähigkeiten. Arbeitgeber stellen ungern Mitarbeiterinnen ein, weil sie höhere Kosten durch Mutterschaftsurlaub fürchten, oder sie nehmen an, Frauen seien nicht die Hauptverdiener und daher zu schwach motiviert. Zahlreiche Untersuchungen belegen das diskriminierende Verhalten von Unternehmern, wenn ihnen identische Bewerbungen von weiblichen und männlichen Kandidaten vorgelegt werden. Außerdem kommen oft geschlechtsspezifische Seilschaften ins Spiel: Wenn Frauen in einem Beruf spärlich vertreten sind, entgehen ihnen Karrierechancen, und sie werden nicht gefördert. In vielen Ländern suchen Unternehmen in Stellenanzeigen noch immer ausdrücklich nach männlichen Bewerbern, und benachteiligen weibliche bei der Jobsuche ganz offen. In 174 von 189 Ländern, die eine Antidiskriminierungsdatei der Weltbank namens »Women, Business and the Law« erfasst, ist es Arbeitgebern nicht untersagt, Stellensuchende nach Familienstatus und Familienplanung auszufragen.

Auch Regierungsinstitutionen können Frauen diskriminieren. In 66 Prozent aller Länder dürfen sie nicht dieselben Jobs wie Männer ausüben. Viele Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind besonders restriktiv. In Russland sind den Frauen derzeit fast 460 Berufe verboten, darunter Stahlarbeiterin, Busfahrerin, Feuerwehrfrau und die Arbeit auf einer Ölbohrplattform. In anderen Ländern brauchen Frauen die Zustimmung des Mannes, um einen Beruf anzutreten, ein Konto zu eröffnen oder ein Geschäft zu betreiben. In Chile hat ausschließlich der Ehemann das Recht, das gemeinsame Ehevermögen zu verwalten. In Pakistan darf eine verheiratete Frau nicht wie ein verheirateter Mann Handel treiben. In der Mongolei dürfen viele Frauen nachts nicht arbeiten. Im Jemen kann der Gatte der Frau die Berufstätigkeit verbieten.

So herrscht ein ganzes Geflecht einander verstärkender Diskriminierungen: Frauen sind für Hausarbeit zuständig, werden schlechter für den Arbeitsmarkt gerüstet und stoßen dort auf institutionelle Hindernisse. Vor allem in Entwicklungsländern steht ihnen nur Teilzeitarbeit offen, männlich dominierte Jobs wie Ingenieurtechnik und Bau wirken von vornherein abschreckend, und wiederholte Diskriminierungserfahrungen bei der Jobsuche entmutigen Frauen, so dass sie den Teufelskreis der Ungleichheit nicht durchbrechen.

Individuelle, nachhaltige Förderprogramme ermöglichen eine faire Teilhabe am Arbeitsleben

Die Vielfalt der Faktoren erfordert ein flexibel abgestimmtes Vorgehen. Wenn man bedenkt, wie sehr sich Märkte, Institutionen und Normen von einem Land zum anderen unterscheiden, kommt eine generelle Patentlösung nicht in Frage. Wie oben beschrieben stößt das, was im einen Fall funktioniert, anderswo auf heftigen Widerstand. Dennoch gilt dreierlei ganz allgemein:
1. Erfolgreiche Interventionen müssen das Problem, dass die traditionell weibliche Hausarbeit den Frauen kaum Zeit für Berufstätigkeit lässt, frontal angehen und die entsprechenden Normen in Frage stellen.
2. Die Maßnahmen müssen den Frauen Zugang zu Informationen, Fertigkeiten und professionellen Netzwerken verschaffen, damit die Produktivität von Arbeiterinnen, Bäuerinnen und Unternehmerinnen diejenige von Männern erreichen kann.
3. Um für wirtschaftliche Fairness zwischen den Geschlechtern zu sorgen, muss offensiv gegen die diskriminierenden Spielregeln vorgegangen werden, die auf Märkten und in Institutionen herrschen.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Intervention, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt, ist das Programm ELA (Empowerment and Livelihood for Adolescents), das die Nichtregierungsorganisation BRAC (Building Resources Across Communities) in Uganda durchgeführt hat. Es verlieh jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren Selbstsicherheit und Berufserfahrung, und zwar in so genannten Mädchenklubs unter Anleitung eines erwachsenen Mentors. Die Klubs dienten aber auch als Schutzraum, in dem heranwachsende Mädchen entspannt plaudern und Erfahrungen austauschen konnten. Ein Viertel der weiblichen Teenager in den 100 vom Programm erfassten Gemeinden nahmen daran teil, und die Ergebnisse waren eindrucksvoll. Die Teilnehmerinnen übten vier Jahre später mit um 72 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit eine Tätigkeit aus, die ihnen ein Einkommen verschaffte. Doch vor allem veränderte das Programm die Einstellungen und Ansprüche der Mädchen. Zum Beispiel glaubten die Teilnehmerinnen eher, dass Frauen Geld für ihre Familien verdienen sollen; und sie machten sich weniger Sorgen darüber, später einen guten Job zu finden. Der Einstellungswandel hatte eine erstaunliche Nebenwirkung: Die Anzahl der Teenagerschwangerschaften sank um 34 Prozent und die der Frühehen gar um 62 Prozent.

Wer solche Programme durchführt, darf sich nicht mit schnellen Erfolgen zufriedengeben. Letztlich geht es immer darum, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt einzuführen – und sie dort zu halten. Das kann auf Dauer nur gelingen, wenn für sie in der Arbeitswelt faire Bedingungen herrschen. Zuallererst müssen sich die traditionellen Normen wandeln, welche die Männer in den Beruf schicken und den Frauen die Hausarbeit zuweisen.

Der Aufwand für antidiskriminierende Maßnahmen konkurriert mit anderen Prioritäten der Entwicklungsarbeit wie Nahrungssicherung und Armutsbekämpfung. Gerade deshalb ist es nötig, nicht mit guten Worten, sondern mit erprobten Programmen gegen die soziale Ungleichheit der Geschlechter vorzugehen. Denn je gerechter die Gesellschaft ist, desto besser entwickelt sie sich.

QUELLEN

Cuberes, D., Teignier, M.: Aggregate Effects of Gender Gaps in the Labor Market: A Quantitative Estimate. In: Journal of Human Capital 10, S. 1–32, 2016

Munoz-Boudet, A. M., Revenga, A.: Breaking the STEM Ceiling for Girls. In: Future Development Blog, Brookings Institution, 7. März 2017

World Development Report 2012: Gender Equality and Development. World Bank, 2012

Politisch unterrepräsentiert

20
sind aktuell Staats-oder Regierungschefs.

23
sämtlicher Parlamentssitze sind weiblich besetzt. Ruanda hat die meisten weiblichen Abgeordneten:

61
der Sitze in der unteren Kammer nehmen Frauen Platz.

STAATS-ODER REGIERUNGSCHEFS NACH: FACTS AND FIGURES: LEADERSHIP AND POLITICAL PARTICIPATION (WWW.UNWOMEN.ORG/EN/ WHAT-WE-DO/LEADERSHIP-AND-POLITICAL-PARTICIPATION/FACTS-AND-FIGURES); PARLAMENTSSITZE NACH: WOMEN IN NATIONAL PARLIAMENTS. SITUATION AS OF 1ST JUNE 2017 (ARCHIVE.IPU.ORG/WMN-E/ARC/CLASSIF010617.HTM)