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Die beste Fliege der Welt


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Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 11.03.2022

„Diese Fliege klopft bei den Fischen nicht an – sie tritt die Tür ein!“

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Dürfte ich nur noch mit einer Fliege fischen, es wäre der Woolly Bugger!

Vor zwölf Jahren starb Russell Blessing. Auch wenn Ihnen dieser Name wahrscheinlich nicht viel sagen wird, seiner Fliege haben die Fliegenfischer dieser Welt unzählige Fische zu verdanken. Es ist die beste Fliege der Welt – es ist … der Woolly Bugger!

Wieviele Fische ich mit dem Woolly Bugger schon gefangen habe? Keine Ahnung, ehrlich nicht! Selbst bei den Fischarten, und das ist eigentlich viel interessanter, muss ich lange im Gedächtnis kramen – und würde wahrscheinlich trotzdem die eine oder andere vergessen. Ich versuche es mal, los geht’s:

Atlantischer Lachs, Meerforelle, Regenbogenforelle, Bachforelle, Bachsaibling, Dolly Varden, Ostsibirischer Saibling, Silberlachs, Hundslachs, Steelhead, Dorsch, Pollack, Köhler, Flunder, Döbel, Aland, Rapfen, Barsch, ...

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... Zander, Hecht … Das waren zwanzig Fischarten in der Dalli-Dalli-Variante und mir fallen bereits während des Schreibens dieser Zeilen noch weitere Fischarten ein, die ich mit dem Woolly Bugger gefangen habe. Und, nein, ich fische NICHT ausschließlich mit dieser Fliege! Doch der Woolly Bugger ist für mich eine Mischung aus Multitool und Brechstange. Wenn es schwierig bis aussichtslos wird, dann heißt der Plan B Woolly Bugger.

DER ERSTE WOOLLY BUGGER ALLER ZEITEN

All diese Fänge habe ich Russell Blessing zu verdanken, der den ersten aller Woolly Bugger gebunden hat. Preisfrage: Wann mag das wohl gewesen sein?

Um eine lange Geschichte abzukürzen: Den Woolly Bugger gibt es mindestens seit 1967! Denn im August 1967 fischte Russell Blessing mit Barry Beck am Little Lehigh. Und während Russell mehrere schöne Forellen fing, lief es bei Barry nicht so richtig. Russell gab Barry eine seiner Fliegen und siehe da: Schon lief es auch bei Barry! Erst viele Jahre später, 1984, schrieb Barry Beck einen Bericht über diese Fliege – es war der Woolly Bugger.

Clever von Barry, diese Fliege so lange für sich zu behalten, gut für uns, dass er überhaupt den Bericht verfasst hat. Russell, der Vater des Woolly Bugger, erlebte den rasanten Aufstieg seiner Fliege, sah das alles aber ganz entspannt. Er wollte einfach nur fischen und hatte lange Zeit eine der besten Fliegen überhaupt für sich alleine. Was für ein Glückspilz!

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich Woolly Bugger schreibe. Doppeltes O, doppeltes L. Die Fliege hört jedoch auch auf Wooly Bugger, Wolly Bugger oder Woolley Bugger und ähnliche Schreibweisen, und da jeder weiß, was gemeint ist, sind diese Namen nicht falsch. Wenn man jedoch den Geburtsnamen einer Fliege als den einzig wahren Namen ansieht, dann heißt diese Fliege Woolly Bugger.

In einem Interview mit Russ Blessings Sohn Fred erzählte dieser, wie die Fliege zu ihrem Namen kam – seine damals siebenjährige Schwester Julie sagte beim Anblick der Fliege „It looks like a Woolly Bugger“. Genauso wenig wie diese Fliege nur einen Namen hat, genauso wenig gibt es nur einen Woolly Bugger. Es ist ein Bindekonzept.

Bereits Russ Blessing hat mit seiner Fliege, die aus der Kombination eines Woolly Worms mit einem Marabou-Schwanz entstanden ist, gespielt. Die Farben Olivgrün,

Schwarz und Braun sind typisch für den Woolly Bugger, doch auch weiße fangen sehr gut (vor allem Regenbogenforellen), während die Farbe Chartreuse (Giftgrün) ein Geheimtipp für den großen Ostsibirischen Saibling ist. Pink und Violett hingegen stehen bei den Pazifiklachsen sehr hoch im Kurs. Der Woolly Bugger bietet also reichlich Raum für kreatives Binden und so manche Aha-Effekte!

Von den zuvor aufgezählten Fischarten habe ich mindestens 50 Prozent auf den schwarzen Woolly Bugger gefangen, von dem viele annehmen, das sei das Original. Doch wie es scheint, hat Russell Blessing die ersten Woolly Bugger mit einem olivfarbenen Chenille-Körper, einer schwarzen Körperhechel und einem schwarzen Marabou-Schwanz gebunden. Dieser Woolly Bugger war also der erste seiner Art, und er wäre, neben dem schwarzen, auch meine erste Wahl.

DER STREAMER, DER EIGENTLICH EINE NYMPHE IST

Abschließend noch eine kleine Überraschung, was die Klassifizierung dieser Fliege angeht. Für viele Fliegenfischer ist der Woolly Bugger der Inbegriff eines Streamers, doch genau genommen ist diese Fliege eine Nymphe! Und das kann wichtig werden, zum Beispiel, wenn auf der Angelkarte steht „Streamer verboten“. Denn Russell Blessing wollte mit dieser Fliege die große Larve der Corydalus cornutus (Hellgrammit) imitieren, was ihm offensichtlich gelungen ist. Im Buch „Woolly Wisdom“, erschienen im Jahre 2005, beschreibt der Autor einige Tricks von Russell Blessing zum Fischen mit dem Woolly Bugger. Die Ausgangsform ist dabei „dead-drifting the Bugger“, also die klassische Nymphtechnik! Was für eine Überraschung! Natürlich gibt es bei uns keine Corydalus cornutus, die wir mit dem Woolly Bugger imitieren könnten – und natürlich stellt sich die Frage, was so ein amerikanischer Woolly Bugger in unseren Gewässern eigentlich imitiert.

Für mich lautet die Antwort: Egel. Für deren Imitation gibt es zwar bereits die Klasse der Leech-Fliegen, doch diese sind dem Woolly Bugger ja sehr ähnlich, vor allem, wenn sie sich im Wasser und in der Bewegung befinden. Apropos Bewegung: Auch wenn man den Woolly Bugger in Dead Drift fischen kann, er lebt von seiner Bewegung.

Welche Farben fangen?

Schwarz: Ein schwarzer Woolly Bugger ist wahrscheinlich der universellste Streamer überhaupt! Schwarz ist einfach eine Macht! Eine extrem gute Kombi ist ein schwarzer Schwanz plus eine schwarze Hechel mit einem Körper aus schwarz-gold-grün glitzernder Cactus-Chenille.

Braun: Braun ist die kleine Schwester von Schwarz. Vor allem Bachforellen reagieren sehr gut auf diese Farbe. Wenn Sie in langsam fließenden Flüssen fischen, dann ist der braune Woolly Bugger imitativer als ein schwarzer, denn die meisten Egel-Arten sind eher bräunlich. Sehr gut ist hierbei die Variante mit einem Schwanz aus dunkelbraunem Barred Marabou. Die schwarze Bänderung macht den Streamer noch lebendiger.

Weiß: Ungewöhnlich, aber gut – und fast schon ein selektiver Woolly Bugger für große Regenbogenforellen. Oder Rapfen. Ein, zwei weiße Woolly Bugger sollte man daher immer in der Streamerbox haben.

Pink und Violett: Auf diese beiden Farben reagieren bekanntlich die Pazifiklachse besonders gut, zu denen auch die Steelhead-

Forelle gehört. Allerdings sind auch unsere Forellen diesen Farben nicht abgeneigt, wie die Polar Magnus bei den Meerforellen-

Fliegen zeigt. Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Farben in Szene zu setzen. Entweder dezent, als Körperfarbe (zum Beispiel mit entsprechendem Chenille) und schwarzem Marabou-Schwanz. Oder eben offensiv, mit entsprechend gefärbtem Marabou-Schwanz plus Körper und einer entsprechenden

Hechel. Diese Kombination „knallt“ farblich richtig, kann also entweder richtig gut oder richtig daneben sein. Persönlich setze ich daher eher auf die „dezente“ Farbgebung, denn die ist im klaren Wasser bunt genug.

Grün: Grün ist nicht gleich Grün, gemeint sind hier die natürlichen Grün-Töne, wie zum Beispiel Oliv. Da der Ur-Woolly Bugger bereits einen grünen Körper hat, macht man mit dieser Farbe sicherlich nichts falsch.

Und manchmal sogar ganz viel richtig! Ein Woolly Bugger in gedeckten Grüntönen imitiert im Stillwasser ganz hervorragend eine Libellenlarve, und diese werden häufig von den Fischen erbeutet. Ein Woolly Bugger mit olivgrünem Körper fängt aber auch im Fluss, besonders an hellen Tagen im klaren Wasser.

Chartreuse: Ein besonderer Fall ist Chartreuse. Diese Farbe wird auch „Giftgrün“, „Signalgrün“ oder „Gelbgrün“ genannt, ist aber leuchtender als zum Beispiel RAL 6018 Gelbgrün. „Leuchtgrün“ passt daher als Beschreibung wohl am ehesten. Kaum zu beschreiben ist auch die Wirkung dieser Farbe auf einige Fischarten! Völlig verblüfft war ich, als ich vor vielen Jahren mit dem chartreuse-farbenen Woolly Bugger richtig gut Ostsibirische Saiblinge fing. Und Hundslachse. Und Dolly Varden. Spaßeshalber probierte ich diese giftgrünen Dinger auch hierzulande aus. Und siehe da, sie fingen! Interessanterweise waren diese chartreuse-farbenen Woolly Bugger echte „Abräumer“ beim Zanderfischen und auch große Regenbogenforellen mögen sie, Bachforellen hingegen eher weniger.

DAS KOPFGEWICHT BRINGT DIE PERFEKTE BEWEGUNG

Damit sich der Woolly Bugger im Wasser richtig bewegt, braucht er eine Beschwerung. Einst wurde dafür eine Bleiwicklung unter der Chenille versteckt, heute kann man dafür vor dem eigentlichen Binden eine große Kopfperle auf den Haken schieben. Dadurch erhält der Woolly Bugger seine typische Jig-Aktion, die im Wasser wie ein Schlängeln wirkt. Aufgrund dieser Aktion kommt auch der Marabou-Schwanz in Bewegung. Eine weitere Alternative ist das Aufklemmen eines großen Schrotbleis aufs Vorfach, wenig elegant, aber effektiv. Auch die Körperhechel unterstützt die Imitation eines sich durchs Wasser schlängelnden Lebewesens, daher sollte man eine Hechelfeder mit langen, weichen Fibern verwenden.

Im Regelfall wählt man die Körperhechel passend zur Schwanzfarbe, die Fliege wirkt dann „wie aus einem Guss“, doch auch hier darf man gerne etwas experimentieren.

Apropos experimentieren: Gebänderte Federn verstärken optisch die Bewegung enorm! Die Kombination von gebändertem Marabou (Barred Marabou) mit einer Grizzly Soft Hechel erzeugt dabei die stärkste Wirkung!

Und wissen Sie was: Ich lasse Sie jetzt alleine, wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und werde einige dieser bösen Bugger binden. Denn irgendwie verspüre ich gerade die Lust, wieder einmal einen dieser Streamer dicht ans andere Ufer unter überhängende Äste zu feuern und eine dicke Forelle aus ihrem Versteck zu kitzeln …

Tungsten ist gut, dickes Schrot aber auch!

Damit ein Woolly Bugger seinen Job optimal erledigen kann, braucht er etwas Gewicht, idealerweise im vorderen Drittel des Hakenschenkels. Durch dieses Gewicht bewegt er sich beim Einstrippen wellenförmig durchs Wasser und sinkt bei einem Einholstopp mit dem Kopf voran zum Grund.

Dieses Gewicht kann man in Form eines großen Schrotbleis aufs Vordach klemmen. So haben wir es früher gemacht – und so klappt es noch heute.

Als Blei empfiehlt sich ein AB (0,60 Gramm), ein AAA (0,80 Gramm) oder ein SG (1,20 Gramm). SG steht übrigens für „Small Game“, das noch eine Nummer schwerere SSG steht für „Swan Shot“ – und mit dem Blei könnte man wirklich einen Schwan vom Himmel schießen.

AB bis SG sind okay, AAA ist die goldene Mitte und damit die erste Wahl.

Eleganter ist es, das Gewicht in der Fliege zu verstecken (klassische Bleiwicklung) oder in Form einer Kopfperle einzubauen. Die Wahl der Kopfperle hat dabei durchaus größeren Einfluss auf den Streamer! Denn nimmt man eine orangefarbene Kopfperle, dann bindet man einen „Egg Sucking Leech“ („Ei-saugender Egel“). Und ein Egel, der an einem Fisch-Ei rumsaugt, wird als Laichräuber gerne verbissen. Soweit die Theorie.

In der Praxis ist diese Variante des Woolly Buggers vor allem auf Pazifiklachse, Steelhead und Dolly Varden ein echter Kracher!

Auf der anderen Seite habe ich den „Egg Sucking Leech“ auch schon mit einer chartreusefarbenen Kopfperle gebunden und ebenfalls sehr gut gefangen. Ein Guide fragte mich, wie dieser Streamer heißen würde. Ist doch klar: „apple-eating

Ab der sechsten Klasse

Ein Woolly Bugger in der Größe 2 oder 4 ist keine Fliege, mit der man an einer leichten Rute rumspielen sollte. Die Fliege hat Gewicht und die Fische, die man mit ihr fängt, sind im Regelfall groß. Eine Rute der Klasse 6 passt, eine 7er wäre noch einen Tick besser. Klasse 8? Passt!

Da ein Woolly Bugger neben dem Gewicht auch ein bisschen Volumen mitbringt, sollte die Schnur (ich fische mit einer Schwimmschnur) so gewählt werden, dass diese ihn auch gut transportieren kann, Stichwort „kurze Keule“.

Die kurze Keule hat den Vorteil, dass sie eine eingeschlaufte Sinkspitze (Polyleader) gut „mitnehmen“ kann.

Elegante Fliegenschnüre mit langem Fronttaper schaffen das meist nicht.

Ob man den Woolly Bugger in Kombi mit einem sinkenden Polyleader fischt (oder fischen muss), hängt von der Tiefe und der Strömung ab. Bei mittlerer Strömungsgeschwindigkeit kommt man bis ca. 100 Zentimeter Wassertiefe ohne die Sinkspitze zurecht. Je tiefer das Wasser und je stärker die Strömung, desto eher wird der Griff zu einem Polyleader notwendig.

Wichtig beim Fischen mit dem Sinkvorfach ist es, den Woolly Bugger gut absinken zu lassen. Beim Schießenlassen der Schnur bewege ich daher die Rute stromauf und mache einen weiten „air mend“. Dadurch kann man verhindern, dass die Strömung sofort in die Schnur greift. Anschließend führe ich ein, zwei weitere große Mend-Bewegungen aus, damit Woolly Bugger und Sinktipp genügend Zeit haben, abzusinken. Anschließend kann der Woolly Bugger mit Zügen und Pausen dazwischen eingestrippt werden – oder man lässt die Strömung die Führung übernehmen und haucht ihm über Bewegungen der Rute zusätzlich Leben ein.

Die Bisse kommen in der Regel extrem hart! Manchmal jedoch packt ein Fisch den Woolly Bugger nur und bleibt mit ihm stehen. Doch auch dies ist deutlich zu spüren.

Noch ein kleiner Tipp zum Vorfach: 0,28er oder stärker! Dünner muss die Vorfachspitze nicht sein – und es ist immer gut, ein bisschen Reserve zu haben. Besonders beim Fischen mit dem Woolly Bugger!