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„Die Bibel ist voller Outdoor-Geschichten“


Die Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 26/2021 vom 04.07.2021

Artikelbild für den Artikel "„Die Bibel ist voller Outdoor-Geschichten“" aus der Ausgabe 26/2021 von Die Kirche. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Kirche, Ausgabe 26/2021

Station: Kloster Lehnin

Das Land ist hell und weit

Und schon bin ich mittendrin in der diesjährigen Sommer-Reportage- Tour für die Kirchenzeitung, mit meinem 30 Jahre alten Qek-Wohnwagen. Es geht ums Unterwegssein, im Außen und im Innen. Um neue und alte Pilgerwege, klösterliche Traditionen und um die Menschen, die sich auf den Weg machen. Im schönen Kirchenlied „Vertraut den neuen Wegen“ heißt es: „Das Land ist hell und weit“. Genauso empfängt mich die Uckermark in diesen warmen Sommertagen. Ich bin gespannt auf alle Begegnungen und Erlebnisse, von denen ich in den nächsten zwei Monaten für „die Kirche“ berichten darf. Natürlich ist auch wieder eine Portion Aufregung an Bord. Finde ich immer einen passenden Platz zum Schreiben? Bleibt darüber auch Zeit für Momente der Einkehr und Besinnung? Pilgernd arbeiten oder arbeitend pilgern – ich bin gespannt, ob mir das auf meiner Tour gelingen wird.

Als Pilgerin erlebte Pfarrerin ...

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... Andrea Richter eine Zwiesprache mit Gott in konzentrierter Weise. In ihrer Funktion als Beauftragte für Spiritualität in der EKBO will sie Pilger*innen die Möglichkeit eröffnen, ihrer „zweiten Seele“ zu begegnen. Welche Perspektiven Pilgern bietet, um den eigenen Lebenshorizont zu erweitern und welche Chancen der zunehmende Pilgertourismus für Kirchengemeinden bereithält, darüber sprach Susanne Atzenroth mit Andrea Richter

Frau Richter, Sie sind Studien - leiterin im AKD und Beauftragte für Spiritualität in der EKBO. Was verbindet Sie mit dem Kloster Lehnin?

Mein Auftrag ist zum einen die Erwachsenenbildung mit Angeboten in der ganzen Landeskirche im Bereich christlicher Spiritualität. Außerdem berate und begleite ich evangelische Gemeinschaften und Gruppen in der Landeskirche als Coach. Im Kloster Lehnin liegt ein wichtiger Schwerpunkt der Spiritualitätsarbeit. Der heutige Träger ist das Diakonissenhaus Teltow-Zehlendorf, bei dem wir als Landeskirche zu Gast sind. Ich habe hier ein Büro und eine Wohnung. Das Kloster Lehnin ist durch seine Vergangenheit als Zisterzienserkloster ein Ort in der Tradition christlicher Mystik. Ich biete hier Einkehrtage und diverse Weiterbildungen an. Zusammen mit Museumsleiter Stefan Beier entstanden zahlreiche gemeinsame Projekte. Etwa der Bernhardspfad – ein Pilgerweg rund um das Kloster Lehnin.

Womit wir beim Thema wären. Im AKD findet auf Ihre Initiative hin aktuell die erste Pilgerbegleiter*innen-Ausbildung (Anmerkung der Redaktion: Porträt auf Seite 9) in der EKBO statt. Warum haben Sie sich dafür eingesetzt?

Pilgern ist für mich ein Leib- und Magenthema, bei dem der Kern biblischer Spiritualität zum Tragen kommt. Unzählige biblische Geschichten sind Outdoor-Geschichten: Jesus predigte beim Unterwegssein, die Heiligen Drei Könige gingen einen langen Weg, das Volk Israel zog durch die Wüste, um nur einige zu nennen. Seitdem ich 2012 mein Amt aufnahm, liegt mir das Thema am Herzen und ich habe es stetig weiterverfolgt. Ein erster Schritt war 2016 der Bernhardspfad. Die nächste Etappe auf dem Weg zur Pilger - begleiter*innen-Ausbildung ergab sich durch meine Berufung in das Präsidium der Jakobusgesellschaft. Hier fand ich Menschen mit großer Kenntnis um unsere Schöpfungs - spiritualität – welches sie nun als Dozenten in der Pilgerbegleiter*innen- Ausbildung weitergeben. Besonders freue ich mich, dass im nächsten Jahr ein weiterer Ausbildungskurs starten kann.

Sind Sie selbst eine Pilgerin?

Grundsätzlich gehe ich gerne zu Fuß oder fahre mit dem Rad. Ich suche die Nähe zur Natur, auch im Urlaub. Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela bin ich gepilgert, lange bevor er seine heutige Bekanntheit erlangt hat. Ich erlebte dabei eine innere Zwiesprache mit Gott in konzentrierter Weise. Alles, was mich umgab – Natur, Menschen, Begegnungen, Kirchen – wurde plötzlich zum Symbol und zur Ansprache. Das offene, betende Unterwegssein ist eine Einübung des Vertrauens. Wie alle Pilgernden durfte ich erfahren: Das, was ich brauche, schenkt der Weg – auch unter widrigen Umständen.

Doch Pilgern ist nur eine Möglichkeit, unterwegs zu sein. Spiritualität und Tourismus – warum gehört das für Sie zusammen?

Im Urlaub sind Menschen im Empfangsmodus und offen für spirituelle Erfahrungen und sowie die zentralen Fragen des Lebens: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist der Sinn meines Lebens? Es ist ein zentral menschliches Bedürfnis, die Arbeit zu unterbrechen. Unsere biblische Unterbrechungs - geschichte ist die Einsetzung des Schabbat. Nach jüdischem Verständnis bekommt der Mensch an diesem Ruhetag eine „zweite Seele“, die ihn die göttlichen Dinge verstehen und erfahren lässt.

Wir können die Entschleunigung und Achtsamkeit unterstützen und als Kirche bewusst Räume schaffen, wo Menschen ihrer „zweiten Seele“ begegnen.

Dabei geschieht dieses Erkennen nicht nur im Kopf, sondern der sinnliche Aspekt spielt eine wichtige Rolle. Im entspannten Wahrnehmen sind wir aufnahmefähiger als im Alltag. Wege und Plätze, an denen wir Station machen, sprechen in besonderer Weise zu uns. Daher braucht es liebevoll gestaltete Orte, an denen die Gastfreundschaft zu spüren ist, von denen die biblischen Geschichten voll sind. Trotzdem ist spiritueller Tourismus kein Wellness-Urlaub. Im Unterschied zum Pauschalurlaub geht es nicht um Ablenkung, sondern um Vertiefung und um Erweiterung meines Lebenshorizontes.

Es ist eine große Chance, Antworten auf die Fragen zu geben, mit denen Manschen unterwegs sind. Wünschen Sie sich noch mehr Orte, an denen das möglich ist? Was braucht es dazu?

Wir können die Entschleunigung und Achtsamkeit unterstützen und als Kirche bewusst Räume schaffen, wo Menschen ihrer „zweiten Seele“ begegnen. Das können Kirchen oder Klöster sein, die mit Gottesdiensten, Konzerten oder kulturellen Veranstaltungen Fenster bieten, um hinaus aus dem Alltag in eine andere Welt zu blicken. Aber es kann auch eine Kerze sein, in der Stille angezündet, oder die Kühle an einem heißen Tag in einer Dorfkirche am Weg, selbst die Worte, die ich mit jenem Menschen wechsle, der mir die Kirchentür öffnet. Gästebücher zeugen von vielen guten Erfahrungen auf beiden Seiten. Daher möchte ich Kirchengemeinden ermutigen, ihre Gotteshäuser verlässlich zu öffnen – ganz besonders jene, die an Pilgeroder Radrouten liegen. Eine Hilfestellung bieten die Handreichung „Offene Kirchen“, die gerade in der EKBO erschienen ist.

Sie sind seit einem Jahr Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft (AG) Spiritualität und Tourismus in der EKBO. Was wurde auf diesem Gebiet schon erreicht und wo ist noch Luft nach oben?

Das Bewusstsein, dass wir als Kirche Menschen in ihrer Freizeit als Einheit von Körper, Seele und Geist erreichen und begleiten können, nimmt stetig zu. Das Wegenetz an Pilgerwegen wird größer – jeder kann praktisch von der Haustür aus lospilgern. Mit dem neuen Pilgerzentrum St. Jacobi in Berlin-Kreuzberg hat das Pilgern auch die Stadt erreicht. Viele weitere Angebote entstehen und die Zusammenarbeit mit den kommunalen Akteuren ist vielerorten fruchtbar. Einen guten Beitrag zur Vernetzung leistet dabei die vor zwei Jahren gegründete AG Spiritualität und Tourismus. Durch die Corona-Pandemie ist der Bedarf an Outdoor-Tourismus gestiegen. Mehr Menschen beginnen, ihre nähere Umgebung zu erkunden und die umgebende Natur bewusster zu genießen. Dazu gehört auch unsere Kirchen-Kulturlandschaft, die entdeckt werden will. Nach und nach entstehen Pilgerunterkünfte entlang der Wege, wie gerade im ehemaligen Pfarrhaus in Groß-Ziethen oder auf dem Ökohof Engler in der Schorfheide. Doch es werden weitere Unterkünfte benötigt.

Sie haben gerade die Arbeitsgruppe Ökologische Spiritualität gegründet. Stellen Sie damit auch einen Bezug zum Tourismus her?

Das Staunen und die Freude an der Natur wecken die Sensibilität für deren Verwundbarkeit und Bedrohung. Beim Pilgern lässt sich die Gefährdung unmittelbar erkennen – etwa an ausgedörrten Wäldern oder beim Durchwandern von großen Flächen an Monokulturen. Leicht ist zu erkennen: Wir müssen etwas tun. Spiritualität, Tourismus und Ökologie als Kerntrias bieten eine große Chance kirchlichen Handelns.

Fachtag Tourismus und Spiritualität am 26. August von 10 bis 15 Uhr im Kloster Chorin mit Spaziergang-Wissenschaftler Bertram Weisshaar und zu den Themen Ausbildungen in der Pilger -begleitung und Kirchenführung. Angesprochen sind ehren-und hauptamtliche Mitarbeitende in den Kirchengemeinden der EKBO und alle Menschen, die an der Entwicklung von Formaten in Bezug auf Spiritualität und Tourismus interessiert sind. Anmeldung unter E-Mail: fachtag@kloster-chorin.org oder online unter www.kloster-chorin.org/fachtaganmeldung. Weitere Informationen: Sven Ahlhelm, Telefon (01522) 968 78 42 oder per E-Mail: s.ahlhelm@klosterchorin.org Die neue Pilgerbegleiter*innen-Qualifizierung startet im April 2022. Weitere Informationen: Pfarrerin Andrea Richter, Studienleiterin und Beauftragte für Spiritualität in der EKBO. Telefon: (030) 319 12 35, E-Mail: a.richter@akdekbo.de