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Die Big Player


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FliegerRevue - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 04.11.2022

EIN NEUES WETTRENNEN ZUM MOND

Artikelbild für den Artikel "Die Big Player" aus der Ausgabe 12/2022 von FliegerRevue. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Russlands zukünftige Luna-Sonden sollen mit Sojus 2.1-Trägerraketen ins All transportiert werden.

Nach den Apollo-Mondlandungen der 1960er/70er-Jahre konzentrierten sich die Raumfahrtbetreibenden Nationen für die nächsten Jahrzehnte aus Kostengründen auf bemannte Missionen in der niederen Erdumlaufbahn und unbemannte Exkursionen zu den Inneren und Äußeren Planeten des Sonnensystems. Da der Mond in der öffentlichen Wahrnehmung erforscht zu sein schien, machten die internationalen Raumsondenmissionen einen großen Bogen um den Mond. Erst in den letzten Jahren ist das globale Interesse an der erneuten Erforschung des Mondes erwacht, denn es locken Aussichten auf einmalige Möglichkeiten der Forschung und der Gewinnung von Rohstoffen auf der Mondoberfläche.

Russland auf Spuren von Luna

Das Raumfahrtprogramm Russlands ging Anfang der 1990er-Jahre aus der Sowjetraumfahrt hervor, hatte aber von Beginn an mit knappen Kassen zu kämpfen. Ohne lukrative Verträge zum Start von ...

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... internationalen Kommunikations-, Wetter- und Forschungssatelliten sowie dem Transport von Raumfahrern in die Erdumlaufbahn – zuerst mit der Mir-Station später der Internationalen Raumstation zum Ziel – wäre die russische Raumfahrt wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten „gestorben“.

Die Entsendung eigener Sonden zur Erforschung von Planeten und Monden schien über Jahrzehnte außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos zu liegen.

Nun möchte Russland in den kommenden Jahren erstmals wieder Sonden zum Mond schicken und dabei an das sowjetische Luna-Mondprogramm von 1959 bis 1976 anknüpfen. Zwar wurde eine erste russische Mondmission bereits im Jahr 1997 angekündigt, sie erhielt aber erst ab dem Jahr 2006 eine Finanzierung, die aber bisher für einen tatsächlichen Start nicht ausreichend war. Die als Luna 25 bezeichnete Landemission war zuerst für 2012 geplant und wurde im beinahe jährlichen Rhythmus um jeweils ein Jahr verschoben. Einer der Hauptgründe hierfür war das Scheitern der Phobos-Grunt-Mission des Jahres 2011, welches eine Umkonstruktion der ähnlichen Luna-Sonde nötig machte. Derzeit ist der Start von Luna 25 mit einer Sojus 2.1-Trägerrakete mit Fregat-Oberstufe vom neuen russischen Weltraumbahnhof Wostotschny im fernen russischen Osten (Amur-Region) für Juli 2023 geplant. Die ehemals als Luna-Glob bezeichnete Sonde soll im Boguslawsky-Krater in Südpolnähe des Mondes landen. Ursprünglich sollte die Sonde aus einem Lander und einem Orbiter bestehen, der Orbiter wurde aber aus Budgetgründen inzwischen gestrichen.

Hautpziel von Luna 25 ist der Nachweis der Landefähigkeit der 1750 kg schweren Sonde, die über eine Nutzlast von 30 kg verfügen soll, darunter neun wissenschaftliche Experimente und Sensoren, Bohrequipment und ein Greifarm. Eine europäische Navigationskamera namens PILOT-D der ESA wird aufgrund der Einstellung der europäisch-russischen Raumfahrtkooperation infolge des Ukraine-Krieges nicht wie geplant an Bord der Luna 25 sein und stattdessen bei einer zukünftigen amerikanischen Mondmission zum Zug kommen.

Suche nach Rohstoffen

Auf Luna 25 soll 2024 Luna 26 folgen, bei der es sich aber um eine reine Orbiter-Mission handeln wird. Die 2100 kg schwere Sonde soll in eine 80 x 50 km hohe Mondbahn gebracht werden und von dort aus nach Rohstoffen suchen, die bei nachfolgenden Landemissionen erschlossen werden sollen. Nach Erreichen der Hauptziele der Luna 26-Mission soll die Sonde auf eine Orbitalhöhe von 500 km steigen und u. a. die dort vorhandene kosmische Strahlung untersuchen. Laut offiziellen Angaben sollen 14 wissenschaftliche Experimente bei Luna 26 zum Einsatz kommen, wovon einige ursprünglich aus Europa und den USA stammen sollten – auf-grund der derzeitigen politischen Lage ist deren Nutzung an Bord der russischen Raumsonde allerdings mehr als fraglich.

Viele Fragezeichen

Luna 27 (auch als Luna-Resurs 1 bezeichnet) ist eine für 2025 geplante Landemission mit Ziel Aitken Bassin, einem Einschlagkrater in der Südpolregion auf der erdabgewandten Mondseite. Diese Mission war als Joint-Venture zwischen der ESA und Roskosmos vorgesehen; nach dem Ende der europäisch-russischen Raumfahrtzusammenarbeit ist der Flug von Luna 27 mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Das ursprünglich vorgesehene wissenschaftliche Instrumentenpaket der ESA trägt den Namen Package for Resource Observation and in-Situ Prospecting for Exploration, Commercial exploitation and Transportation (PRO-SPECT, auf Deutsch in etwa Paket für Ressourcenbeobachtung und lokale Erkundung zur Erforschung, kommerzieller Ausbeutung und Transport). Darin enthalten war ein Gesteinsprobenbohrer, ein chemisches Analyse-Labor und ein Hochleistungs-Massenspektrometer im L-Band-Bereich. Der Bohrer und das Labor sollen statt mit Luna 27 nun an Bord einer NASA-Mission 2025 starten und das Spektrometer soll an Bord der indischen Chandrayaan-4-Mission 2024 zum Einsatz kommen.

Luna 28 (Luna Resurs 2) soll im Jahr 2027 starten und bereits über eine Masse von mehr als 4360 kg verfügen, wovon rund 400 kg für wissenschaftlich Experimente vorgesehen sind. Erstmals seit den sowjetischen Luna-Missionen der 1970er-Jahre sollen bei der russischen Luna 28 Gesteinsproben von der Mondoberfläche zur Erde zurückgeführt werden. Aus diesem Grund soll die Mission aus einem Orbiter und einem Lander mit ferngesteuertem Rover bestehen. Nachdem der Rover Bodenproben genommen hat, soll er zum Lander zurückkehren und die Proben in eine Aufstiegsstufe transferieren, die von der Mondoberfläche auf 100 km steigt. Dort soll die Aufstiegsstufe an den Orbiter andocken, die Proben in eine Rückkehrkapsel am Orbiter transferieren und diese Rückkehrkapsel zur Erde zurückschicken. Anschließend soll der Orbiter weitere drei Jahre in der Mondumlaufbahn operieren.

Zunehmende Isolierung Russlands

Die nachfolgenden Missionen Luna 29 bis 31 sind momentan nur schemenhaft umrissen. Nach dem derzeitigen Planungsstand soll Luna 29 eine weitere Probenrückführungsmission sein, bei der zum ersten Mal im Luna-Programm die neue russische Schwerlastrakete Angara A5 eingesetzt werden soll.

Aufgrund der zunehmenden Isolierung der russischen Raumfahrt von westlichen Raumfahrtagenturen wäre es nicht verwunderlich, wenn es zu deutlichen Verzögerungen des Luna-Programmes kommen würde und wenn stattdessen die russisch-chinesische Kooperation bei der Erforschung unseres Erdtrabanten verstärkt würde. Das erklärte Endziel des Luna-Programmes ist die Errichtung einer unbemannten Mondbasis, die den Grundstein für eine nachfolgende bemannte russische Monderforschung legen soll. Hierbei sollen nach 2030 das neue viersitzige Raumschiff Orel sowie eine projektierte russische bemannte Station im Mondorbit zum Einsatz kommen. Angesichts chronisch knapper Kassen der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos scheinen diese hochtrabenden Pläne aber fraglich.

Europas Raumfahrt

In der europäischen Raumfahrt hat die unbemannte Erforschung des Mondes bisher eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Die bisher einzige ESA-Mondsonde war der am 27. September 2003 als Sekundärnutzlast mit einer Ariane V gestartete Kühlschrank-große Orbiter Smart-1, der am 3. September 2006 gezielt auf der Mondoberfläche zum Absturz gebracht worden war. Die von der schwedischen Swedish Space Corporation (SSC) im Auftrag der ESA konzipierte Sonde diente als Technologiedemonstrator für einen mit Solarelektrik betriebenen Ionenantrieb sowie neue Navigationstechniken.

Unter der Bezeichnung Lunar Mission Support Services (LMSS) wurde im April 2018 eine Zusammenarbeit zwischen dem Kleinsatellitenhersteller Surrey Satellite Technology Ltd, der Satelliten-/Deep Space-Bodenstation Goonhilly Earth Station (GES) in Cornwall und der ESA zum Aufbau einer Kommunikationsund Navigationsinfrastruktur vereinbart. Das erste Raumfahrzeug der Kooperation ist die Mondsonde Lunar Pathfinder, deren Start für 2025 vorgesehen ist. Die Sonde soll eine Nutzlast von bis zu 60 kg tragen und als Übertragungssatellit in der Mondumlaufbahn verschiedenen internationalen Nutzern zur Verfügung stehen. Besonderen Wert wird auf die vollständige Kommunikations-Abdeckung der Südpol-region des Mondes gelegt, da hier die meisten Mondressourcen vermutet werden. Lunar Pathfinder soll fünf Jahre in der Mondumlaufbahn aktiv sein.

Highway to the Moon

Für das Jahr 2026 plant der Arianespace-Konzern eine erste Rideshare-Mission zum Mond, die mit der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6 gestartet werden soll. Der als „Highway to the Moon“ bezeichnete Flug soll eine Nutzlast von 8500 kg auf eine Transferbahn in Richtung Mond befördern und dabei potenzielle Nutzlasten angefangen bei kleinen Mikrosonden bis hin zu Mondlandern mit einem Gewicht von bis zu 4000 kg zum Mond transportieren. Bei Arianespace hat man hierfür überwiegend Start-Up-Unternehmen und kleine Raumfahrtfirmen im Blick, für die eine eigenständige Mondmission außerhalb der finanziellen Möglichkeiten liegt und die deshalb auf das „Sammelticket“ in Form der Rideshare-Mission angewiesen sind.

Noch in der Projektfindungsphase und bisher noch ohne Finanzierung befindet sich HE-RACLES (Human-Enhanced Robotic Architecture and Capability for Lunar Exploration and Science), eine geplante Zusammenarbeit zwischen der ESA, der japanischen JAXA und der kanadischen CSA. Kernstück ist ein wiederverwendbarer europäischer Lander namens European Large Logistics Lander (EL3), der bis zu 1,5 Tonnen an Nutzlast auf die Mondoberfläche liefern, einen Rover absetzen und Gesteinsproben mittels einer Aufstiegsstufe zur geplanten internationalen Mondorbitalstation Lunar Gateway liefern soll. Die europäische Beteiligung an HERACLES soll möglicher Teil des ESA-Beitrages zum bemannten Artemis-Programm der NASA sein. Der Lander soll – vorausgesetzt er wird von der ESA finanziert – 2027 mit einer Ariane 6-Trägerrakete zum Lunar Gateway in der Mondumlaufbahn transportiert werden.

Chinas langer Marsch

Das in mehrere Phasen eingeteilte chinesische Mondprogramm begann am 24. Oktober 2007 mit dem Start des Chang'e 1-Orbiters durch eine Langer Marsch 3A-Trägerrakete, gefolgt von Chang'e 2 am 1. Oktober 2010. Beide Sonden kartographierten die Mondoberfläche, ehe mit Chang'e 3 am 2. Dezember 2013 die Phase 2 des chinesischen Mondprogrammes mit dem ersten Mondlander samt Rover Yutu folgte. Mit der am 7. Dezember 2018 gestarteten Chang'e 4 gelang China als bisher einziger Nation die Landung einer Sonde auf der erdabgewandten Seite des Mondes (in der Südpolregion des Aitken-Bassins) am 3. Januar 2019. Dort wurde der Yuto-2-Rover ausgesetzt, der noch heute (Stand Oktober 2022) aktiv ist und bisher eine Strecke von mehr als 1000 m zurückgelegt hat. Die dritte Phase sollte erstmals die Rückführung von Mondgesteinsproben zur Erde demonstrieren.

Zu diesem Zweck wurde am 23. Oktober 2014 die Rückkehrkapsel während der Missi-on Chang'e 5-T1 auf einen Flug um den Mond geschickt, mit anschließender Landung in der Inneren Mongolei am 31. Oktober 2014. Die am 23. November 2020 gestartete Chang'e 5 landete am 1. Dezember 2020 nahe Mons Rümker im nordwestlichen Teil der Mondvorderseite und kehrte am 16. Dezember des gleichen Jahres mit 2 kg Mondgestein zur Erde zurück. Die Landung der Rückkehrkapsel erfolgte in der mongolischen Steppe.

Südpol des Mondes Im Fokus

Die Missionen der Phase 4 werden sich komplett auf die Südpolregion fokussieren, Gesteinsproben zur Erde bringen und nach Ressourcen suchen. Am Ende dieser bisher letzten geplanten Phase des chinesischen Mondsondenprogrammes steht der Aufbau einer Mondforschungsstation namens International Lunar Research Station (ILRS). Eine Absichtserklärung zwischen China und Russland zum Aufbau der Lunar Research Station ist bereits unterzeichnet. Laut Aussage von Wu Weiren, dem Leiter des chinesischen Mondprogrammes, könnten weitere unbemannte Sonden und nach dem Jahr 2030 eine erste bemannte chinesische Mondlandung folgen.

Der nächste Schritt in Chinas Mondprogramm ist aber zuvor die Phase 4, die mit dem Start von Chang'e 6 2024 beginnen soll. Die 8,2 Tonnen schwere Sonde ist eine technische Kopie der vorangegangenen Chang'e 5, die ursprünglich als „Rückversicherung“ gebaut wurde, die im Falle eines Fehlschlages von Chang'e 5 zum Einsatz gekommen wäre. Wie schon bei der Vorgängermission wird der Chang'e 6-Lander circa 2 kg Gesteinsproben sammeln und diese in der Aufstiegsstufe platzieren. Nach dem Start wird die Aufstiegsstufe im Mondorbit an den Orbiter andocken und daraufhin werden die Proben in die Rückkehrkapsel transferiert, die daraufhin nach Zündung der Triebwerke zur Erde zurückkehrt.

Im Ablauf sind die Chang'e 5- und 6-Missionen mit den amerikanischen Apollo-Landemissionen vergleichbar, mit dem gravierenden Unterschied, dass das bemannte Element fehlt und alle Schritte vollautomatisch durchgeführt werden (was die Leistungsfähigkeit des chinesischen Raumfahrtprogrammes auf eindrucksvolle Weise demonstriert). Neben chinesischen Instrumenten soll bei Chang'e 6 ein französisches Instrument namens DORN mit dabei sein, das den Transfer von Mondstaub und anderen flüchtigen Stoffen zwischen dem Mondregolith und der Mond-Exosphäre untersuchen soll.

Kleine Sprengladungen

Chang'e 7 soll 2026 starten und aus einem Orbiter und einem Lander bestehen, der eine flugfähige Kleinsonde, einen in China gefertigten Rover sowie den Rashid 2-Rover der Vereinigten Arabischen Emirate auf die Mondoberfläche transportieren wird. Bei Chang'e 7 werden insgesamt 23 wissenschaftliche Instrumente zum Einsatz kommen. U.a. soll der chinesische Rover kleine Sprengladungen aussetzen, die winzige Mondbeben erzeugen, die wiederum von einem Seismographen am Lander selbst gemessen werden sollen. Die Flugsonde ist mit einem Analysegerät zur Untersuchung von Proben auf Methan- und Wassermoleküle sowie Wasserstoffisotope ausgelegt und verfügt über eine projektierte Lebensdauer von rund 90 Tagen. Sie soll zwischen der sonnenbeschienenen Seite und der Schattenseite eines Kraters hin- und herfliegen und dabei mehrfach Bodenproben nehmen. Die Gesamtlebensdauer von Chang'e 7 ist auf mehrere Jahre angesetzt.

Ein bis zwei Jahre nach Chang'e 7 soll Chang'e 8 die Nutzung und den Abbau von Mondressourcen demonstrieren. Neben Lander, Rover, Flugsonde und einem versiegelten Bio-Ökosystem-Experiment soll die Chang'e 8-Mission erstmals einen 3D-Drucker auf die Mondoberfläche befördern. Er soll dazu genutzt werden, auf der Mondoberfläche eine kleine Struktur zu erstellen und die Funktionalität von Techniken zum Bau einer Mondstation unter Nutzung von lunaren Ressourcen unter Beweis zu stellen.

USA im Mondmodus

Kein Land hat bisher so viele Mondmissionen gestartet wie die Vereinigten Staaten. Insgesamt 57 Mondmissionen haben die NASA und die U.S. Air Force seit 1958 auf den Weg in Richtung Mond gebracht. Nach den Apollo-Mondlandungen fokussierte sich die NASA ab Mitte der 1970er-Jahre auf die Planeten des Sonnensystems und vernachlässigte die Mondforschung. Erst in den letzten Jahren während der Vorbereitungen des mittlerweile um viele Jahre verzögerten Artemis-Programmes rückten bei der NASA parallel zur projektierten, erneuten bemannten Mondforschung die unbemannten Mondsonden in den Fokus.

Am 28. Juni 2022 startete mit der gerade einmal 25 kg schweren Capstone (Cislunar Autonomous Positioning System Technology Operations and Navigation Experiment) die offiziell erste Mission des Artemis-Programmes mittels einer Electron-Trägerrakete von Rocket Lab. Capstone soll in einer rund halbjährigen Mission Navigationsverfahren zwischen Erde sowie Mond erproben und dabei auf der geplanten Umlaufbahn der Lunar Gateway-Station zwischen 3000 und 70000 km von der Mondoberfläche entfernt deren orbitale Stabilität unter Beweis stellen. Bereits am 5. Juli verlor die Bodenkontrolle den Kontakt zur Sonde, konnte ihn am 6. Juli aber wiederherstellen. Am 8. September kam es zu erneuten Problemen, als die Sonde nach einer Bahnkorrektur ins Trudeln geriet, infolgedessen die Hauptantenne und die Solarmodule falsch ausgerichtet waren. Am 7. Oktober gab die NASA bekannt, dass Capstone wieder unter Kontrolle gebracht werden konnte und voraussichtlich Mitte November planmäßig auf der vorgesehenen Mondbahn eintreffen wird.

Der Start der ersten Artemis-Mission – Artemis I –, die im Laufe eines unbemannten Testfluges das neue Orion-Raumschiff in der Mondumlaufbahn testen wird, ist derzeit (Stand Mitte Oktober 2022) für den 14. November 2022 vorgesehen. Das die Artemis-Missionen begleitende unbemannte Forschungsprogramm wird von der NASA als Commercial Lunar Payload Services (CLPS) bezeichnet. In diesem Programm sind mittlerweile mehrere kommerzielle Raumfahrtunternehmen vertreten, die in den nächsten Jahren zahlreiche Mondlander und -Rover bevorzugt in die lunare Südpolregion senden werden.

Wieder mit Verzögerungen

Den Anfang sollte eigentlich die CLPS-1-Mission/Peregrine Mission One noch 2022 machen, die den Mondlander Peregrine von Astrobotic Technology aus Pittsburgh mit 28 Nutzlasten, 14 davon von der NASA, auf dem erstarrten Lavasee Lacus Mortis im nördlichen Teil der Mondvorderseite absetzen soll. Am 10. Oktober 2022 kündigte der Trägerraketenhersteller United Launch Alliance (ULA) an, den Start von Peregrine auf Anfang 2023 zu verschieben, um Astrobotic mehr Zeit zu geben, ihren ersten Mondlander mit einer Gesamtmasse von 1283 kg fertigzustellen (davon 256 kg für die Nutzlasten). Da Peregrine die Nutzlast des Erstflugs der Vulcan Centaur-Trägerrakete der ULA ist – also sowohl Nutzlast wie auch Trägerrakete völlig neuartig sind – sind weitere Verzögerungen nicht ausgeschlossen.

Paketdienstleister DHL mit an Bord

Neben den amerikanischen Instrumenten befinden sich an Bord von Peregrine wissenschaftliche Instrumente aus Mexiko, Kanada, Großbritannien sowie Deutschland und ferngesteuerte Microrover (2 bis 5 kg schwer) aus Chile, Japan, Ungarn und Mexiko. Kurioserweise ist auch der deutsche Paketdienstleister DHL mit einer sogenannten MoonBox an Bord von Peregrine vertreten, darin befinden sich 28 Zeitkapseln mit persönlichen Gegenständen mit bis zu 2,5 cm Durchmesser. Die winzigen Transportboxen waren bis Anfang 2021 bei DHL für Preise zwischen 460 und 1660 Dollar zu erhalten.

Der Start von CLPS-2 sollte ursprünglich auch noch 2022 erfolgen, er rutschte aber wegen des vollen SpaceX-Startmanifestes ebenfalls auf Anfang 2023. Bei diesem auch als IM- 1-Mission bezeichneten Raumflug handelt es sich um den ersten Einsatz des rund 1900 kg schweren Mondlanders Nova-C von Intuitive Machines aus Houston. Während der projektierten Missionsdauer von 14 Tagen sollen fünf Instrumente der NASA und sechs Instrumente von Raumfahrt-Start-Ups sowie Universitäten eingesetzt werden. Unter den Nutzlasten stechen zum einen das kleine optische Teleskop ILO-X des International Lunar Obser-vatory aus Hawaii und der 14 kg schwere NASA-Mondorbiter Lunar Flashlight hervor, der von Nova-C in einer Mondbahn zwischen 20 und 5000 km Höhe abgesetzt wird und nach Wassereisvorkommen auf der Mondoberfläche suchen soll. Zwei weitere Nova-C-Landemissionen (CLPS-3/IM-2 sowie CLPS-5/IM-3) sind derzeit von der NASA für 2023/24 manifestiert. Highlight der IM-2-Mission wird das Polar Resources Ice Mining Experiment-1 (PRI-ME-1) sein, das die Extrahierung von Eis aus dem Mondboden unter Zuhilfenahme eines Massenspektrometers demonstrieren soll.

Neue Landetechniken erproben

Zwischen der zweiten und dritten Mission von Intuitive Machines soll die CLPS-4/Masten Mission One im November 2023 den Lander XL-1 von Masten Space Systems aus Mojave nahe dem Mondsüdpol absetzen. Masten wird dabei als Transportmittel ebenfalls auf die bewährte Falcon 9-Trägerrakete von SpaceX zurückgreifen. XL-1 soll neun wissenschaftliche Instrumente an Bord haben, die neue Landetechniken überprüfen, die Zusammensetzung der Mondoberfläche untersuchen und die radioaktive Strahlung auf dem Mond messen sollen.

Nach Abschluss der ersten fünf CPLS-Missionen plant die NASA den Start des 430 kg schweren VIPER (Volatiles Investigating Polar Exploration Rover)-Mondrovers mittels einer Falcon Heavy-Trägerrakete für November 2024. Das vom NASA Ames Research Center entwickelte 2,45 m lange Mondfahrzeug soll von einem Griffin-Lander in der Nähe des Nobile-Kraters am Mondsüdpol abgesetzt werden. VIPER soll in der Lage sein, mehre Kilometer auf der Mondoberfläche zurückzulegen und dabei während einer Lebensdauer von rund 100 Tagen Gesteinsproben aus Regionen mit kompletter Dunkelheit, teilweiser Dunkelheit und aus solchen mit konstantem Sonnenlicht analysieren.

Weitere Player in den Startlöchern

Neben den in diesem Beitrag vorgestellten Mondprojekten gibt es zahllose Konzepte, Vorschläge, Visionen und Pläne kleinerer und größerer Unternehmen auf der ganzen Welt für eine Erforschung oder kommerzielle Ausbeutung des Mondes. Wenn in der nahen Zukunft der wirtschaftlich sinnvolle Abbau von lunaren Ressourcen nachgewiesen werden kann, dann werden sicherlich weitere kommerzielle und staatliche Player die „Mondbühne“ betreten. Und wenn hoffentlich in wenigen Jahren wieder Menschen an Bord einer Orion-Raumkapsel der NASA, eines SpaceX-Starships oder eines chinesischen Raumfahrzeuges der nächsten Generation die Erdumlaufbahn in Richtung Mond verlassen werden, dann wird die Raumfahrt nach Jahrzehnten in der niederen Erdumlaufbahn vielleicht wieder mehr junge Menschen dazu bewegen, eine Karriere in Naturwissenschaft und Technik anzustreben. Es ist festzustellen: In der internationalen Raumfahrt herrscht Aufbruchstimmung wie schon lange nicht mehr!

• STEFAN ULSAMER

Das bemannte Artemis-/SLS-Mondprogramm der NASA werden wir Ihnen in einer kommenden Ausgabe der FliegerRevue ausführlich vorstellen.