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Die Börse ist ein Strategiespiel


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 24.11.2022

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 12/2022

Paul Rotter ist eine lebende Legende des Tradings. Früher unter institutionellen Tradern bekannt als sogenannter „Flipper“ war er über Jahre hinweg einer der größten, dominierenden Trader von Anleihen-Futures an der Eurex.

Einige Leser kennen ihn vielleicht noch vom ersten Interview im TRADERS´-Magazin aus dem Jahr 2004. Jetzt haben wir ihn erneut getroffen. Neben einigen spannenden Geschichten von damals erzählt er, wie sein Trading heute aussieht.

Eines können wir dabei bereits vorwegnehmen: Rotters Handelsstil hat sich gehörig verändert. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Märkte heute viel weiter entwickelt sind. So gibt es kaum noch offensichtliche Anomalien, wie sie Tradern damals sofort ins Auge stachen. Algorithmen arbitragieren die meisten dieser Gelegenheiten inzwischen im Handumdrehen weg.

Das hält Paul Rotter aber nicht davon ab, mit neuen Ansätzen weiterhin vom ...

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... „Strategiespiel“ Börse zu profitieren.

TRADERS´: Können Sie bitte kurz zusammenfassen, wie Sie in den 1990er-Jahren zu einem der dominierenden Trader in Bund-, Bobl-, und Schatz-Futures wurden?

Rotter: Ich arbeitete zu dieser Zeit bei einer japanischen Bank in Frankfurt und bekam dort nach meinen ersten Erfolgen ein immer größeres Risikobudget. Damit hatte ich die Möglichkeit, sehr große Positionen in den einzelnen Futures zu handeln. Der elektronische Markt steckte damals in den Kinderschuhen; der Hauptumsatz in Futures fand an den Parkettbörsen statt.

TRADERS´: Wie sah Ihr Handelsansatz aus?

Rotter: Ich habe manuell auf kürzesten Zeitebenen große Orders sowohl zum Kauf als auch zum Verkauf von Futures ins Orderbuch gestellt. Ich konzentrierte mich dabei auf die Anleihenfutures Bund, Bobl und Schatz. Mein großer Vorteil am Markt war das taktische Vorgehen, indem ich mich auf beiden Seiten des Orderbuchs platzierte und die Orders immer dynamisch mit dem Markt in Bewegung hielt. Durch permanente Ausführungen auf beiden Seiten hatte ich ein sehr gutes Gefühl für den Orderflow und das Marktsentiment und zusammen mit meiner Handelserfahrung baute sich ein strategischer Vorteil auf.

„Damals gab es erhebliche Ineffizienzen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.“

TRADERS´: Warum hat das so gut funktioniert?

Rotter: Es war teilweise in ruhigen, seitwärts orientierten Märkten ein klassischer Market Maker-Ansatz. Dabei versuchte ich mit großen Stückzahlen den Spread zwischen Bid und Ask zu verdienen, aber immer mit der Bereitschaft, die Position zu drehen und auf einen einsetzenden Trend aufzuspringen. Dazu waren schnelle Anpassungen beziehungsweise Löschungen von Orders notwendig. Ich nutzte damals eine moderne Software, die es mir ermöglichte, mit einem Klick zum Beispiel meine gesamte Kauforder zu löschen und gleichzeitig eine Verkaufsorder mit der gesamten auf dem Bid angezeigten Stückzahl (inklusive meiner) zu platzieren. Das heißt, ich hatte dann alles verkauft, was auf dem Bid war, und war dann in erster Position mit großer Stückzahl als Verkäufer auf dem Ask. Deshalb bekam ich den Bei einem Daily Long Re dieses Muster mehrfac Spitznamen „Flipper“, weil dadurch über dem Gesamtmark andere Trader oft auf dem falschen übergeordnetem Abwär Fuß erwischt wurden. Gleichzeitig hatte ich zum Management meiner Risiken meist weitere Orders oder laufende Positionen in den anderen Anleihen-Futures. Das Ganze war ein ausgefeiltes, komplexes System, das der Funktion eines Market Makers beziehungsweise Liquiditätsanbieters gleichkam.

TRADERS´: Gab es für dieses trickreiche Vorgehen auch Kritik oder richtigen Ärger?

Rotter: Oh ja, durchaus. Gerade als zunehmend Algorithmen in den Markt kamen, beschuldigten mich die großen Market Maker wie Citadel, ich würde sie an der Nase herumführen. Sie beschwerten sich permanent bei der Handelsüberwachung und meinten, ich hätte die Orders gar nicht so gesetzt, dass ich dabei nicht die Intention gehabt hätte, diese tatsächlich zur Ausführung anzubieten. Das Argument war allerdings an den Haaren herbeigezogen. Zwar habe ich immer wieder meine Orders geändert oder gelöscht, aber das war alles legitim. Ich habe keine Handelsregeln verletzt, sondern mich nur opportun verhalten, um daraus einen Gewinn zu ziehen. Die großen Firmen hatten damals teilweise sehr einfach gestrickte Systeme, die praktisch Frontrunning betrieben und auf jede neue Order ähnlich reagierten. Heutzutage ist es durch die Praxis, dass der Orderflow gekauft wird, noch mal auf einem ganz anderen Level. Aber auch die Locals in London haben mich manchmal kritisiert und als Sündenbock für unerklärliche Marktbewegungen verantwortlich gemacht, wenn sie Verluste eingefahren hatten.

B1 Daily Reversals

TRADERS´: Wieso hat Ihre Strategie so lange so gut funktioniert? Haben es Ihnen nicht andere nachgemacht und die Gewinnmöglichkeiten dadurch verschwinden lassen?

Rotter: Eine ganze Zeitlang wusste kaum jemand, wer ich bin. Es gab noch eine Handvoll andere große Trader in diesem Markt und nach einer Weile kannten wir uns untereinander. Es gab keine offiziellen Market Maker bei Futures, sodass wir den Job für uns beanspruchten und gut davon leben konnten. Der Hauptmarkt für den Bund-Future war in den 1990er-Jahren das Parkett in London an der LIFFE, als die weitgehend unbedeutenden Locals in Deutschland an der Deutschen Terminbörse (DTB) schon elektronisch handelten. Es gab dann Ende der 1990er-Jahre eine Tendenz zum elektronischen Handel und zu meiner Freude einen kleinen Gebührenwettkampf zwischen LIFFE und DTB. Schließlich ist das Hauptvolumen dann zur DTB gewechselt. Damals gab es auch erhebliche Ineffizienzen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

B2 Island Reversal

B3 Gleitender Durchschnitt und Island Reversal

TRADERS´: Welche waren das?

Rotter: Zum Beispiel konnte ich gute Gewinne erzielen, indem ich bei der Veröffentlichung wichtiger Wirtschaftsdaten sehr schnell reagierte. In diesem Fall natürlich nicht mit Orders auf beiden Seiten des Buchs, sondern durch direktionale Trades. Gelegentlich war ich dabei aber zu schnell oder drückte die falsche Taste, sodass ich plötzlich auf der falschen Seite stand. Manchmal war dann der Markt noch dazu kurzzeitig wie eingefroren, sodass ich nicht reagieren konnte und anschließend einen großen Verlust hinnehmen musste. Meistens war das Ganze aber profitabel und hat sogar Ende der 1990er-Jahre noch funktioniert. Aber irgendwann waren die Algorithmen einfach besser.

TRADERS´: Hatten Sie dann gar keine Chance mehr?

Rotter: Nun ja, ab und zu lagen die Algos auch mal falsch. Denn meist interpretierten sie nur die zentrale Zahl der Veröffentlichung gegenüber der vorherigen Erwartungshaltung, was ja auch sinnvoll ist und funktioniert. Aber mitunter ist in den Berichten eine zusätzliche Einschätzung enthalten oder es folgt eine inhaltlich differenzierte Aussage zur Relativierung, die eine andere Marktrichtung impliziert. In diesen Fällen springt der Markt erst in die falsche Richtung und dreht dann in den Folgeminuten um. Solche Gelegenheiten lassen sich auch heute noch profitabel handeln, wenn man sie rechtzeitig aufspürt.

TRADERS´: Haben Sie noch ein anderes Beispiel für offensichtliche Ineffizienzen von damals?

Rotter: Es gab Tage, an denen der Bund-Future aufgrund von Nachrichten stieg oder fiel, aber sich der Bobloder Schatz-Future zur selben Zeit noch kein Stück bewegt hatten. Das waren natürlich die einfachsten Trades, die später aufgrund der klaren Zusammenhänge ein gefundenes Fressen für Algorithmen wurden. Ein anderes Beispiel war eine ziemlich absurde Anomalie bei den deutschen Arbeitslosenzahlen. Meine japanischen Kollegen in der Bank saßen damals vor dem Bildschirm und warteten auf die Bekanntgabe der Zahlen. Aber mir fiel auf, dass praktisch die identischen Zahlen schon in der tagesaktuellen BILD-Zeitung standen. Kaum zu glauben, aber wahr. Soweit ich mich erinnere, sagte die BILD, dass sie die Daten schätzen beziehungsweise selbst berechnen. Aber es schien aus irgendeinem Grund kaum jemand bemerkt zu haben, denn der Markt reagierte bei der offiziellen Bekanntgabe deutlich. Ich muss aber auch zugeben, dass ich anscheinend der einzige BILD-Leser in der Bank war.

„Zum Teil handelte ich 250.000 Kontrakte am Tag, was einem Volumen von 50 Mrd. Euro entsprach.“

TRADERS´: Es gibt ein Gerücht, dass die Eurex damals wegen Ihnen die Tickgröße der Futures verringert hat. Ist da etwas dran?

Rotter: Ja, ich erinnere mich, das war beim Schatz-Future. Was der Grund dafür war, kann ich nicht genau sagen. Allerdings glaube ich nicht, dass es an mir lag. Ich denke eher, dass die Börse durch die dann höheren Umsätze einfach mehr Gebühren einstreichen wollte. Es war allerdings zu meinem Nachteil, denn der Gewinn zwischen Bid und Ask war dann nur noch die Hälfte und es war auch häufiger nötig zu „flippen“.

TRADERS´: Worin lagen für Sie die größten Risiken?

Rotter: Da ich als eine Art Liquiditätsanbieter fungierte, war das größte Risiko eine unerwartete Nachricht mit sofortiger starker Marktbewegung in eine Richtung. Meist blieb mir dann nur noch, die Positionen mit Verlust zu schließen beziehungsweise sofort die Gegenposition einzunehmen. In späteren Jahren konnte ich auch einen Hedge in Volatilitäts-Futures versuchen. Aber einzelne größere Verluste gehörten eben untrennbar zur Strategie dazu und waren gewissermaßen einkalkuliert. Auch bei meiner Orderbuch-Flipping-Strategie war das der Fall. Verluste waren hier ein ganz normaler Teil des Prozesses und ich nahm sie nicht negativ war, sondern neutral als Information zum Marktgeschehen und Beitrag zu meinem Marktgefühl. Daran konnte ich dann wiederum mein weiteres Verhalten ausrichten. Alles war den Tag über ständig im Fluss. Zum Teil eröffnete und schloss ich 250.000 Kontrakte am Tag, was einem Volumen von 50 Milliarden Euro entsprach. Am Ende mittelte sich daraus ein schöner Gewinn, auch wenn natürlich einzelne herbe Verluste dabei waren. Ich habe meine oft sehr intensiven Arbeitstage deshalb auch gerne mit Leistungssport verglichen.

TRADERS´: Wie sah es mit Stopps aus? Diese waren für Sie doch sicherlich kaum umsetzbar oder?

Rotter: Bei direktionalen Trades ist es durchaus sinnvoll, Stopps zu setzen. Tatsächlich nutze ich hier einen Katastrophenstopp für den Worst Case. Aber im Orderbuchtrading ging es mir eher darum, solche Stoppniveaus selbst mit auszulösen – also den Markt zusammen mit anderen Locals durch eine wichtige Marke zu treiben, um dann von der erwarteten Stoppwelle zu profitieren. Das könnte man als klassisches Stopp-Fishing bezeichnen.

TRADERS´: Wäre diese Art, kurzfristig im Orderbuch zu handeln und andere Marktteilnehmer zu verwirren, heute noch möglich?

Rotter: Nein, schon in meinen späteren Jahren lief vieles softwaregestützt und heute dominieren die Algorithmen das Market Making beziehungsweise die Liquiditätsbereitstellung. Sie sind auch sehr ausgefeilt, mit künstlicher Intelligenz und Co-Locations ihrer Server bei den Börsen und Datenanbietern. Seit gut zehn Jahren ist zudem alles wahnsinnig stark reguliert und man muss der Handelsaufsicht jede kleine Zuckung genau erklären.

Bund, Bobl, Schatz

Bund, Bobl und Schatz sind Abkürzungen für Futures, die auf fiktiven Schuldverschreibungen der Bundesrepublik Deutschland mit verschieden langen Laufzeiten und einem Kupon von 6 Prozent basieren. Ihr Kontraktwert beträgt jeweils 100.000 Euro.

• Bund: Abkürzung für Bundesanleihe. Der Euro-Bund-Future (Kürzel FGBL) basiert auf langfris tigen deutschen Staatsanleihen mit einer Lauf zeit von zehn Jahren.

• Bobl: Abkürzung für Bundesobligation. Der Euro-Bobl-Future (Kürzel FGBM) basiert auf mittelfristigen deutschen Staatsanleihen mit Laufzeiten zwischen 4,5 und 5,5 Jahren.

• Schatz: Abkürzung für Bundesschatzbriefe. Der Euro-Schatz-Future (Kürzel FGBS) basiert auf kurzfristigen deutschen Staatsanleihen mit Laufzeiten zwischen 1,75 und 2,25 Jahren.

Quelle: https://www.eurex.com

„Heute dominieren Algorithmen das Market Making bzw. die Liquiditätsbereitstellung.“

B4 Weitere Umkehrsignale

B5 Short Squeeze bei Tesla

TRADERS´: Wie lange blieben Sie bei der japanischen Bank in Frankfurt?

Rotter: Im Jahr 1996 wurde ich mit einem sehr attraktiven bonusorientierten Angebot in den Eigenhandel einer Gesellschaft in Irland abgeworben. Zwei Jahre später habe ich dann mit zwei Kollegen eine eigene Handelsfirma mit Sitz in Irland und der Schweiz gegründet. Wir hatten große Pläne inklusive Börsengang am Neuen Markt. Doch daraus wurde infolge des Crashs ab dem Jahr 2000 nichts, da die involvierten Banken einen Rückzieher machten. Meine damaligen Partner und ich entschieden uns daraufhin, eigene Wege zu gehen, und ich gründete Rotter Invest in der Schweiz.

TRADERS´: Haben Sie später nochmals versucht, einen eigenen Fonds zu starten?

Rotter: Es gab immer mal wieder Ideen dazu, aber letztlich hat es auch aus regulatorischen Gründen nicht geklappt. Meine Tradingergebnisse waren sehr volatil und auch nicht unendlich skalierbar. Ich hätte somit den Investoren etwas von dem Gewinn abgeben müssen, den ich auch alleine erzielen konnte. Allerdings ist zu bedenken, dass damals mit der Margin hohe Hebel möglich waren, was heute in dieser Form nicht mehr der Fall ist. Eine wichtige Rolle spielten auch Rebates, die von den Börsen für die Bereitstellung von Liquidität gewährt werden. Diese wurden aber nur Eigenhandelskonten gutgeschrieben und ich hätte somit auf große Beträge verzichten müssen, wenn ich Kundengelder gehandelt hätte.

TRADERS´: Gibt es Ihre Firma Rotter Invest heute noch?

Rotter: Nein, ich bin im Jahr 2010 mit meiner Familie nach Singapur gezogen und habe daraufhin meine Tradingaktivitäten über andere Gesellschaften abgewickelt.

TRADERS´: Was und wie handeln Sie heute?

Rotter: Mein Trading läuft heute auf deutlich höherem Zeithorizont, insbesondere auf dem Tages- und Wochenchart. Ich handle dabei hauptsächlich markante Levels im Chart.

„Mein Trading läuft heute auf dem Tages- und Wochenchart.“

Zum Beispiel ist es am Kryptomarkt möglich, klassische Muster zu identifizieren, die profitabel funktionieren. Es geht aber auch mit den großen Aktienindizes. Gute Beispiele sind Gaps, Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Trendlinien und die Gleitenden Durchschnitte über 50 und 200 Tage. Ich bin auch ein großer Fan der Point-&-Figure-Chartanalyse. Ebenso gut funktionieren Candlestick-Muster wie zum Beispiel Daily Reversals – sogar noch besser, wenn sie sich als Fehlsignal herausstellen und dann in Gegenrichtung gehandelt werden. Außerdem mache ich sehr viel über Optionsstrategien und trade die Calendar-Spreads im VIX-Future intensiv. Es ist ein tolles Instrument, besonders in diesem Jahr mit der Volatilität und den rasanten Bärenmarktrallyes. Auch meine Anleihentrades setze ich heute meist mit Optionsspreads um und halte meine Position dabei zum Teil recht lange beziehungsweise rolle sie regelmäßig in die nachfolgenden Kontrakte. Es ist also alles etwas komplexer geworden, was meinen Handelsansatz angeht. Ich setze mir für das Trading aber heute das Ziel, möglichst nicht mehr als drei bis vier Stunden am Tag vor den Bildschirmen zu sitzen.

TRADERS´: Woher beziehen Sie Ihre Daten, Nachrichten et cetera?

Rotter: Als Tradingsoftware sowie als Nachrichtenquelle nutze ich vor allem Bloomberg, aber auch einige zusätzliche Spezialanbieter.

TRADERS´: Welchen zum Beispiel?

Rotter: Ein innovatives Tool ist die Plattform „Market Rebellion“. Dort werden immer wieder spannende, auffällige Optionstrades gemeldet, die aufgrund ihres Volumens auf eine größere Bewegung hindeuten könnten. Meist sind das Optionen, die kurz vor dem Verfall stehen und bei deren Basiswert es dann nicht selten noch zu einem Kurssprung kommt. Solche Muster sind nicht so leicht durch Algorithmen auszunutzen, da man sich das Setup anschauen und interpretieren muss, um dann die besten Chancen auszuwählen beziehungsweise zu screenen. Gut funktionierte es zum Beispiel im ganzen US-E-Mobilität-Sektor, der ziemlich gehypt wurde, und dort insbesondere bei Aktien wie Tesla, Lucid oder Chargepoint.

B6 Trendfolge mit Point & Figure Charts

TRADERS´: Wie erklären Sie sich diese Bewegungen?

Rotter: Es gibt immer wieder Marktteilnehmer mit einem Wissensvorsprung. Es ist auch möglich, dass sich Fonds zuerst in den Optionen positionieren und anschließend die Aktie zum Verfall in die „richtige“ Richtung bewegen, um davon zu profitieren. Es könnte aber auch eine Welle von Privatanlegern sein, die solche Bewegungen verstärken. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass das „Smart Money“ es einfach besser oder früher weiß.

TRADERS´: Handeln Sie auch direkt mit Aktien?

Rotter: Ja, vor allem US-Tech-Werte sowohl long als auch short, aber auch einige deutsche Titel. Mein Zeithorizont geht dabei von intraday, wenn es gerade turbulent ist wie etwa in der Coronazeit, bis hin zu Wochen. Eine meiner Lieblingsstrategien ist Trendfolge bei Ausbrüchen im Chart. Aber unter den Positionen sind auch langfristige Investments. Allerdings meide ich den chinesischen Markt. Nach den staatlichen Eingriffen im Tech- und Bildungsbereich ist die Lage dort aus meiner Sicht langfristig problematisch. Man muss jederzeit damit rechnen, über Nacht plötzlich vor riesigen Verlusten zu stehen, wenn es der Regierung gerade in den Sinn kommt.

„Ein guter Daytrader kann mit 300.000 Euro durchaus 80.000 bis 120.000 Euro im Jahr erwirtschaften.“

TRADERS´: Anders als früher handeln Sie heute also fast alles.

Rotter: Ja, durch meinen längeren Zeithorizont ist das Spielfeld viel größer geworden. Und es geht auch über den eigentlichen liquiden Markt hinaus. Ich investiere in Immobilien, Private Equity und einige Kryptoprojekte. Für meine kurzfristigen Trades habe ich einen Mitarbeiter in einer anderen Zeitzone, der die Positionen überwacht, wenn ich schlafe. Abgesehen davon arbeite ich heute nur noch auf eigene Faust.

TRADERS´: Was hat sich gegenüber früheren Zeiten noch geändert, was die Märkte und Ihr Trading angeht?

Rotter: Das Hauptziel meines heutigen Handelsstils ist es, dass ein Trade möglichst sofort funktioniert, also die erwartete Bewegung unmittelbar bevorsteht. Vor allem bei Optionstrades, für die ich eine Prämie zahle, ist das wichtig, um nicht fortlaufend Geld zu verlieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Marktpsychologie, die meiner Meinung nach heute noch entscheidender ist als früher. Zum Beispiel gab es in den letzten Tagen und Wochen extrem viele schlechte Nachrichten, aus denen hohe Short-Positionen resultierten. Dieses Umfeld bietet gleichzeitig das Potenzial für einen plötzlichen Short Squeeze als unerwartete Gegenbewegung nach oben, den „Pain Trade“. Letztlich ist der Aktienmarkt aber früher wie heute übergeordnet abhängig von der Liquiditätsversorgung der Notenbanken. Hier gab es seit Alan Greenspan die positive Vermutung des „Fed-Puts“, also der Überlegung, dass die Notenbank die Märkte ab einem gewissen Einbruch mehr oder weniger auffangen würde. Dieses Paradigma hielt bis ins Jahr 2021 an. Nun hat sich das komplett verändert. Die Fed versucht mit aller Macht, die Konsumenten in den USA einzubremsen, sodass wir derzeit eher von einem „Fed Call“ sprechen. Der US-Notenbankchef Jerome Powell setzt mit seinen Ansprachen bewusst einen Deckel auf die Märkte. Für Trader ist das sicherlich kein schlechtes Umfeld, denn es bedeutet tendenziell fallende Märkte mit erhöhter Volatilität und gelegentliche starke Rallyes.

TRADERS´: Hatten Sie jemals schlaflose Nächte wegen großer Verluste oder offener Positionen?

Rotter: Eigentlich nur einmal, im Jahr 2008. Damals hatte ich verschiedene Optionspositionen unter anderem in der Volkswagen-Stammaktie. Dazu gehörten im Rahmen von Spreadtrades auch Short-Puts und Short-Calls. Ich war an dem Tag des größten Short Squeeze sogar short in der Volatilität der Aktie, aber auch im DAX. Infolge des starken Anstiegs der Volkswagenaktie hatte ich einen extrem hohen Anteil im Index. Ich habe an diesem Tag viele Volkswagen-Aktien gehandelt, auch um mich zu hedgen. Rein theoretisch hätte der Kurs damals „unendlich“ ansteigen können, aber ich habe trotzdem eine nicht unerhebliche Position über Nacht gehalten. Die Situation war brisant, aber es gab dann glücklicherweise nachts eine Vereinbarung mit Porsche: Man würde am nächsten Tag Aktien verkaufen, um den Markt zu beruhigen.

TRADERS´: Wie haben Sie es geschafft abzuschalten vom turbulenten Alltag mit teils riesigen Positionen und manchmal großen Verlusten?

Rotter: Die meiste Zeit hatte ich kaum emotionale Schwierigkeiten mit den Märkten, da ich das Ganze als eine Art Strategiespiel betrachtete, das es zu gewinnen galt. Es war wie im Sport: Es ging mir hauptsächlich darum, mein bestmögliches Ergebnis abzuliefern.

TRADERS´: Wie schätzen Sie heute die Chancen für Trader ein, im Intradaybereich profitabel zu arbeiten?

Rotter: Ich denke, dass das weiterhin möglich ist, natürlich umfangreiches Know-how und viel Markterfahrung vorausgesetzt. Ein guter Daytrader in Futures und Optionen kann mit einem Handelskonto von 300.000 Euro durchaus konstant 80.000 bis 120.000 Euro im Jahr erwirtschaften, vor allem in volatilen Zeiten wie diesen.

TRADERS´: Noch eine persönliche Frage zum Abschluss. Sie haben in den letzten Jahrzehnten einige Male Ihren Wohnort gewechselt. Wo leben Sie heute eigentlich?

Rotter: Ich wohne mit meiner Familie seit acht Jahren auf den Bahamas. Gelegentlich komme ich gerne nach Europa und ab und zu – so wie heute – auch nach München, wo ich aufgewachsen bin. Hierhin war meine Familie aus der damaligen Tschechoslowakei geflüchtet, als ich neun Jahre alt war. Und hier machte ich auch meine Banklehre, bevor ich nach Frankfurt ging. Später lebte ich in Irland, der Schweiz und Singapur. Aber auf den Bahamas lebt es sich wirklich gut, mal abgesehen von den Wirbelstürmen.

Das Interview führte Marko Gränitz.