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Die Brandstifter


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 39/2019 vom 20.09.2019

Naher Osten In der gefährlichsten Region der Welt droht ein neuer Krieg: US-Präsident Donald Trump und sein saudischer Verbündeter Mohammed bin Salman haben einen Konflikt mit Iran heraufbeschworen. Dort trumpfen nun die Hardliner um Revolutionsführer Ali Khamenei auf.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 39/2019

Thronfolger Mohammed bin Salman


Brennende Ölraffinerie in Abkaik am vergangenen Samstag


In normalen Zeiten ist der Offiziersklub an Riads King Abdul Aziz Road ein eher verschwiegener Ort. Doch am Mittwochabend bildet sich am Eingang eine Besucherschlange: Man spricht Arabisch, Englisch, dazwischen hallen ein paar Brocken Französisch. ...

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Nach der Sicherheitsschleuse folgt ein abgedunkelter Flur, wie in einem Kino, der in einen Vortragssaal führt: blaue Samt - sessel in ansteigenden Reihen, die holzver - täfelte Bühne hell beleuchtet. Wo sonst die Militärs der Krisenregion ihre geheimen Pläne besprechen, sind gut 80 Diplomaten und einige internationale Journa listen der Einladung der wichtigsten Öl exportnation der Welt gefolgt. Dazwischen diskutieren hochrangige Beamte in langen Gewändern. Es ist eine Veranstaltung der besonderen Art: Das saudi-arabische Militär zeigt der Welt seine Wunde.

Auf der Bühne ist ein halbes Dutzend weißer Podeste aufgebaut, darauf das Beweismaterial: mächtige Stahlfragmente, die durch die Wucht einer Explosion verdreht wurden wie ein Stück Lötdraht. Sie sind beschriftet und dekoriert wie in einer Kunstausstellung: Zu sehen sind die Überreste von Marschflugkörpern und Drohnen; darunter jene Waffen, so erklären es die Saudi-Araber, die am vergangenen Samstag die zwei größten Ölanlagen des Landes in Brand steckten.

Für Saudi-Arabien sind die Angriffe eine beispiellose Demütigung. Das Königreich ist blamiert, wütend, verletzt, das wird in dem Offiziersklub rasch klar. Ebenso klar ist für die Saudi-Araber der Schuldige: »Iranische Bauteile und Komponenten «, sagt Militärsprecher Colonel Turki Al-Maliki. Er läuft dynamisch zwischen den Podesten umher. »Unzweifelhaft«, sagt Maliki, stecke der Erzfeind jenseits des Arabischen Golfs hinter der Attacke. »Wie wird Ihre Reaktion auf diesen Angriff aussehen?«, will eine Journalistin von Maliki wissen. Wird es eine militärische Antwort sein? »Das ist nicht in meiner Verantwortung «, erwidert der Soldat. Fast zur gleichen Zeit landet in der 950 Kilometer entfernten Küstenstadt Dschidda ein Mann, der gerade dabei ist, die Antwort auf den Angriff vorzubereiten. Bevor USAußenminister Mike Pompeo in Dschidda eintrifft, macht er klar, wie er die Attacke versteht: »als Kriegsakt«. Aber was genau folgt daraus?

Drei Monate ist es her, dass die iranischen Revolutionswächter eine mehr als 100 Millionen Dollar teure US-Aufklärungsdrohne über der Straße von Hormus am Persischen Golf abschossen. Damals plante Washington einen Vergeltungsangriff. Doch Präsident Donald Trump blies die Aktion in letzter Minute ab, angeblich, weil dabei zu viele Iraner ums Leben gekommen wären. Stattdessen reagierte das amerikanische Militär mit einem Cyberangriff gegen die iranischen Revolutionswächter. Nun stand die weltgrößte Raffinerie in Flammen, und auch wenn es keine gerichtsfesten Beweise gibt – es spricht vieles dafür, dass Iran hinter der Attacke steht. »Alles deutet auf Iran, dafür spricht nicht nur die Forensik, sondern auch die Logik«, sagt Vali Nasr, Professor an der Johns-Hopkins- Universität in Washington.

Der Angriff folgt der Strategie von »Druck gegen Druck«, die Teheran seit dem Frühjahr gegenüber den USA fährt. In den vergangenen Monaten wurden Tanker und Handelsschiffe im Golf von Oman angegriffen, eine US-Drohne wurde abgeschossen, ein britischer Tanker beschlagnahmt. Nun die Attacke auf das Herz der saudischen Ölindustrie. In Wahrheit ist es fast nebensächlich, ob Iran den Angriff geführt hat oder ein Komplize in der Region – was zählt, ist, dass die USA und Saudi-Arabien das Land für den Übeltäter halten.

Der Nahe Osten schlittert womöglich in einen Krieg, vielleicht hat er sogar begonnen: Es ist ein Krieg der neuen Art, ein Krieg des 21. Jahrhunderts. Er wird ohne Kriegserklärung geführt, mit verschwommenen Fronten und unterschiedlichen Schauplätzen. Es gibt Attacken, von denen man vielleicht nie wissen wird, wer sie geführt hat. Es wird konventionell gekämpft, aber auch mit Drohnen in der Luft und Viren im weltweiten Netz. Ein verwir render Krieg, in dem keiner die Kontrolle behalten kann, auch nicht die, die ihn führen.

Ein Trio infernale ist dabei, die ganze Region anzuzünden. Da ist US-Präsident Trump, der mit seiner aggressiven und planlosen Politik eine ohnehin fragile Weltgegend ins Chaos gestürzt hat. Da ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MbS, jung und ruchlos, der die Rivalität mit Iran pflegt und einen grausamen Krieg im Jemen führt. Und da ist Irans Revolutionsführer Ali Khamenei, ein schiitischer Fundamentalist, gestählt in vier Jahrzehnten des Kampfes der Islamischen Republik gegen den »großen Satan« in Washington.

Trump hatte darauf gesetzt , dass seine Strategie des »maximalen Drucks« die Iraner in die Knie zwingen würde. Nun, da sie mit Gegendruck reagieren, wird klar, dass er sich in ein auswegloses Dilemma manövriert hat: Trump darf keinen neuen Krieg führen. Wenn er seine Hoffnung auf eine Wiederwahl im November 2020 nicht aufgeben will, kann er sich nicht in einen blutigen Waffengang im Nahen Osten hineinziehen lassen. Er hat bisher noch nicht einmal sein Wahlversprechen eingelöst, endlich die US-Soldaten aus dem Irak und aus Afghanistan heimzuholen.

Auf der anderen Seite darf Trump aber auch nicht schwach erscheinen, wenn ihm die Iraner und ihre Stellvertreter auf der Nase herumtanzen. Das sagen ihm nicht zuletzt die Scharfmacher in der eigenen Partei. »Die zögerliche Antwort des Präsidenten auf den Abschuss einer US-Drohne wurde vom iranischen Regime zweifellos als Zeichen der Schwäche gewertet«, erklärte Lindsey Graham, der republikanische Senator aus South Carolina. Trump, ein harmloses Täubchen? Härter kann man die Kritik am eigenen Präsidenten kaum formulieren.

Der Präsident ist hin- und hergerissen. Am Sonntag schrieb er, das US-Militär stehe »geladen und entsichert« zur Stelle. Einen Tag später versicherte er dagegen, er habe nie versprochen, die Saudi-Araber zu beschützen. Am Mittwoch wiederum drohte er mit der »ultimativen Option«, um im nächsten Satz schon seine Worte wieder zurückzunehmen.

Muss Trump nun reagieren? Es widerspricht den politischen Instinkten Trumps, mit militärischer Gewalt zurückzuschlagen. Aber der politische Druck könnte so groß werden, dass er nicht mehr anders kann. Offenbar gibt es im Pentagon Pläne, iranische Raketenrampen und Waffenlager aus der Luft anzugreifen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Raffinerie in Abadan unweit des Persischen Golfs zu attackieren, eine der größten Anlagen weltweit. So berichten es mehrere US-Medien. Im Pentagon wird auch die Option diskutiert, die Zahl der US-Soldaten am Golf aufzustocken. Auch ein Angriff auf iranische Stellungen in Syrien, wie sie Israel in der Vergangenheit schon ausgeführt hat, wäre eine Möglichkeit.

Aber will Trump so weit gehen? Nach dem Abschuss der US-Drohne Ende Juni hat sich der Präsident gegen Bomben entschieden und für einen Cyberangriff auf Computer der iranischen Revolutionswächter. Auch diese Option ist nun wieder auf dem Tisch. Aber natürlich weiß Trump, dass die Falken im Kongress das als viel zu schwächlich ansehen würden. Andererseits wird Iran einen direkten Angriff kaum unbeantwortet lassen. Außenminister Mohammad Javad Zarif hat schon erklärt, dass eine Attacke auf sein Land in einen »totalen Krieg« münden würde. Iran hat alle Möglichkeiten, die USA immer tiefer in einen blutigen Waffengang hineinzuziehen. Es kann den Öltransport in der Straße von Hormus mit Seeminen stoppen oder schiitische Milizen im Irak dazu ermuntern, Sprengfallen für US-Soldaten zu bauen. Die Hisbollah im Libanon verfügt über Raketen, die spielend israelische Städte erreichen. Ein Wink aus Teheran genügt. Bei jeder Variante würde die Frage auftauchen, wie die USA zurückschlagen. Für Trump wäre es ein Albtraum.

Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ist ein Jahrhundertkonflikt, er prägt seit Jahrzehnten die ganze Region. Auf der einen Seite steht die schiitisch geprägte Islamische Republik, die ihre Macht seit Jahren in der ganzen Region ausweitet: Teheran arbeitet daran, von Damaskus bis Afghanistan eine einzige Einflusszone zu basteln. Dazu verbündet es sich auch mit Regimen und Bevölkerungsgruppen, die ebenfalls dem schiitischen Glauben anhängen.

Die Schiiten sind eine Minderheit im Islam, aber sie leben über den ganzen Nahen Osten verteilt – es gibt sie im Libanon und selbst in Saudi-Arabien. Teheran unterstützt nicht nur das syrische Regime von Baschar al-Assad, sondern auch die mächtige Hisbollah-Miliz, die im Libanon eine Art Staat im Staate ist, es schickt Milizen in Kriege und finanziert Terroristen. Diese Einflussnahme, dieses Unruhestiften in der Region hat auch der Nukleardeal zwischen Iran, Russland, China, den USA und der EU nicht beendet.

Auf der anderen Seite steht Saudi-Arabien, die selbst ernannte Führungsmacht der sunnitischen Muslime – sie gründet ihren Anspruch darauf, dass sie die heiligen Stätten des Islam beherbergt, Mekka und Medina. Und auf den ungeheuren Reichtum durch Öl, den das Land in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angehäuft hat. Auch Saudi-Arabien hat in der ganzen Region Milizen, Staaten und Terrororganisationen unterstützt, die beiden Staaten stehen sich darin in nichts nach. Doch Iran ist Saudi-Arabien militärisch weit überlegen – trotz der milliardenschweren Aufrüstung durch die USA. Wie wenig Riad mit seiner Armee ausrichten kann, zeigt sich im Jemenkrieg, den das Regime seit vier Jahren mit aller Brutalität, aber ohne Erfolg führen lässt. Saudi-Arabien fürchtet sich vor einer iranischen Hegemonie in der Region – und setzt ganz auf seine amerikanischen Verbündeten.

In den vergangenen Jahren haben die Herrscher in Riad noch einen weiteren, eher ungewöhnlichen Alliierten gewonnen: Israel unter Premier Benjamin Netan - yahu steht im Konflikt auf der gleichen Seite. Denn Israel fürchtet die Ausbreitung Teherans mindestens so sehr wie Riad. Deshalb führt das Land seit Jahren einen Schattenkrieg gegen Iran und die mit ihm verbundenen Kräfte in der Region, besonders im benachbarten Syrien. Insbesondere Netanyahu drängte immer wieder auf einen amerikanischen Angriff gegen Irans Nuklearanlagen. Deshalb suchte er auch die Nähe Trumps.

Nirgendwo offenbaren sich die Widersprüche des Präsidenten so klar wie im Nahen Osten: Trump hat versprochen, die endlosen Kriege seiner Vorgänger zu beenden. Gleichzeitig kündigte er das iranische Nuklearabkommen, das doch die Region befrieden sollte. Er machte den Falken Pompeo zu seinem Außenminister und festigte das Bündnis mit Irans Erzfeind Saudi-Arabien, das nicht einmal dann brüchig wurde, als der Journalist Jamal Kha - shoggi offenkundig auf Geheiß des saudischen Kronprinzen in Istanbul ermordet wurde. Zusammen mit Saudi-Arabien und Israel will Trump die politische Landkarte des Nahen Ostens neu entwerfen. Doch er kann nicht Feldherr und Friedensstifter zugleich sein.

»Schlechtester Deal aller Zeiten« Der Streit zwischen den USA und Iran seit der Aufkündigung des Atomabkommens

8. Mai 2018

US-PräsidentDonald Trump verkündet den einseitigen Ausstieg aus dem Nuklearabkommen, das am 14. Juli 2015 unter Beteiligung seines VorgängersBarack Obama erzielt worden war. Trumps Begründung: Iran strebe weiterhin nach Atomwaffen. Schrittweise sollen die US-Sanktionen gegen Iran wieder in Kraft gesetzt werden

26. Juni 2018

Trump droht Teherans Handelspartnern mitStrafmaßnahmen, sollten diese nach Ablauf einer Frist weiter Öl aus Iran beziehen.

22. Juli 2018

Irans Präsident Hassan Rohani droht mit einerSchließung der Straße von Hormus.

22. April 2019

Ab dem 2. Mai sollenAusnahmen für acht Staaten, die Irans Öl importieren, nicht mehr gelten.

5. Mai 2019

US-Sicherheitsberater John Bolton kündigt an, einenFlugzeugträger und eine Bomberstaffel in den Nahen Osten zu verlegen.

8. Mai 2019

Iran erklärt den teilweisenAusstieg aus dem Atomabkommen , sollte es bis zum 7. Juli keine Fortschritte beim Abbau der Sanktionen geben.

Mai/Juni 2019

Vier Handelsschiffe und zwei Tanker werden im Golf von Oman angegriffen. Die USA beschuldigen Iran.

20. Juni 2019

Abschuss einer USDrohne durch iranische Streitkräfte. Trump stimmt einemVergeltungsangriff zu, bläst die Aktion aber zehn Minuten vor Ausführung ab.

7. Juli 2019

Iran kündigt an, sich nicht mehr an die im Atomabkommen festgelegte Grenze zurUrananreicherung zu halten.

19. Juli 2019

Iranische Revolutionswächter setzen einenbritisch beflaggten Tanker fest. Zuvor wurde ein Schiff mit iranischem Rohöl vor Gibraltar aufgegriffen.

25. August 2019

Teherans Außenminister fliegt nach Biarritz, dem Tagungsort der G7. Der französischePräsident Macron versucht, ein USA-Iran-Treffen zu vermitteln.

14. September 2019

Luftangriffe auf Ölanlagen in Saudi-Arabien. Obwohl sich die jemenitischen Huthis zu den Anschlägen bekennen, beschuldigt Washington Teheran. Iran dementiert.

Huthi-Kämpfer, unterernährtes Kind im Jemen: Krieg mit aller Brutalität


Der Angriff gegen Saudi-Arabiens Ölanlagen fiel ausgerechnet in eine Zeit, in der Donald Trump wieder einmal ohne Nationalen Sicherheitsberater auskommen musste. Nur wenige Tage zuvor hatte der US-Präsident den dritten Mann auf diesem Posten seit Beginn seiner Amtszeit gefeuert. John Bolton, der knurrige Hardliner mit Schnauzer, hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er das Regime in Teheran am liebsten wegbomben würde. In aufgeklärten Washingtoner Kreisen gilt Bolton als schießwütiger Hitzkopf, aber bei vielen Konservativen genießt er eine geradezu mythische Verehrung.

Der neue Sicherheitsberater, John O’Brien, der bisherige Chefverhandler für Geiselnahmen, gilt zwar ebenfalls als Hardliner, hat sich bei Trump aber eingeschmeichelt, indem er ihn als »den größten Geiselverhandler aller Zeiten« bezeichnete. Er dürfte sich in seiner Haltung zu Iran wenig von Bolton unterscheiden.

Dass nun die Raffinerie in Saudi-Arabien nur wenige Tage nach Boltons Rauswurf in Flammen aufging, interpretierten Boltons Fans als Abschiedsgruß aus Teheran: »Donald Trump sollte sich bei John Bolton entschuldigen, der immer wieder davor gewarnt hat, dass Iran es sich zunutze machen wird, wenn das Weiße Haus Schwäche zeigt«, befand das »Wall Street Journal«, das sonst immer in Treue fest zu Trump hält.

In ihrer Not versucht die US-Regierung erst einmal, eine Allianz gegen Iran zu schmieden; der Kronprinz in Riad würde natürlich mitmachen, die Israelis wohl auch, vielleicht ein paar Europäer. »Der Angriff auf die Raffinerie bietet Außen - minister Pompeo die Chance, den Schulterschluss mit den Europäern zu suchen«, sagt Peter Rough vom Hudson Institute, einem konservativen Thinktank in Washington. In der kommenden Woche trifft sich die Weltgemeinschaft zur Uno-Generalversammlung in New York. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird erwartet, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, auch der iranische Präsident Hassan Rohani hat sich angesagt. Seit Wochen wirbt Trump um ein Treffen mit Rohani am Rande der Konferenz.

Rohani könnte noch mal gesprächsbereit sein, doch in Wahrheit kann er so gut wie nichts gegen den Willen von Ajatollah Khamenei machen. Und die Iraner haben unmissverständlich klargemacht, dass sie nicht daran denken, sich mit Trump an angeküneinen Tisch zu setzen. »Ein solches Treffen wird es nicht geben«, hieß es aus Teheran.

Die Iraner glauben, dass sie von einem Tête-à-Tête mit Trump nichts zu gewinnen haben. Warum verhandeln? Die Iraner haben erlebt, dass sie die Hand zu dem Nukleardeal reichten und Trump dann alles für null und nichtig erklärte. Nun verlangen sie, dass Trump erst einmal die Sanktionen lockert und zum Atomabkommen zurückkehrt, dann könne man miteinander reden.

Dazu wiederum ist Trump nicht bereit. Dem Präsidenten wird es aber auch schwerfallen, eine Koalition gegen Teheran zu formen. Trump hat mit seinem Ausstieg aus dem Nuklearabkommen die Euro - päer vor den Kopf gestoßen. Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben sich in über 12-jährigen Verhandlungen um eine Einigung mit Teheran bemüht und schließlich am 14. Juli 2015 den Vertrag zusammen mit China und Russland ausgearbeitet. Trump hat all die Arbeit mit einem Federstrich zunichtegemacht. Er steht deshalb im Konflikt mit Iran ziemlich allein da.

Hinzu kommt, dass vor allem die Deutschen seit dem Auftragsmord an dem Journalisten Khashoggi auf maximale Distanz zu dem Königshaus in Saudi-Arabien gegangen sind. Kanzlerin Merkel hatte ursprünglich große Hoffnungen in den jungen Kronprinzen in Riad gesetzt, doch jetzt interpretieren viele sein Namens kürzel MbS als »Mohammed Bone Saw«, Mohammed Knochensäge – das war ein grausiges Detail des Khashoggi-Mordes. Im April 2017 hatte Merkel den Prinzen sogar in seinem Privathaus in Dschidda besucht. Aber dann musste sie mitansehen, wie MbS mit immer größerer Brutalität alle Gegner beiseiteräumte und im Jemen einen Krieg ohne jede Rücksicht auf die Bevölkerung führt. »Ich muss zugeben, dass wir uns in MbS getäuscht haben«, sagt ein langjähriger Spitzenberater der Kanzlerin.

Trump dagegen ist nachsichtig, solange die Kasse stimmt. Seine Verbündeten brauchen keine moralischen Prinzipien, Geld genügt im Zweifel. Trump erklärte den Mord an Khashoggi zwar zu einem furchtbaren Verbrechen, aber Geschäfte waren dann doch wichtiger: Saudi-Arabien habe sich bereit erklärt, 450 Milliarden Dollar in den USA zu investieren, erklärte Trump im vergangenen November, sieben Wochen nach dem Mord an Khashoggi. »Es wäre verrückt, diese Verträge platzen zu lassen.« Solange Saudi-Arabien ameri - kanische Waffen kauft, hat es Trumps Rückendeckung sicher.

Auch in dieser Woche hat Trump klargemacht, auf welcher Basis die Freundschaft zu Riad steht: Sollte er sich dazu entscheiden, auf die Attacke gegen die Raf finerie militärisch zu reagieren, sagte Trump, müsse sich das Königshaus daran beteiligen, »und das heißt, dass sie auch zahlen werden«.

Revolutionsführer Khamenei, Drohnenüberreste: »Druck gegen Druck«


Aber was nutzen Trump ein paar Mil - liarden Dollar, wenn im nächsten Jahr die Präsidentschaftswahl ansteht? Die Politik Trumps folgt keinen Prinzipien, aber er hat sichere politische Instinkte. Trump spürte, dass die meisten Amerikaner genug von Kriegen haben, deren Begründungen im Lauf der Jahre immer zweifelhafter geworden waren. Auch deshalb gewann er die Präsidentschaftswahl im November 2016. Noch immer kämpfen etwa 19 000 USSoldaten im Irak und in Afghanistan, allein das ist für Trump schon eine schwere Hypothek im Wahlkampf. Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren hat vergangene Woche angeküneinen digt, dass sie im Fall ihres Sieges sofort alle amerikanischen Truppen aus Afghanistan abziehen würde. Und nun soll das Land auch noch das durch und durch korrupte Königshaus in Riad verteidigen?

»Donald Trump möchte keinen neuen Krieg in der Region«, sagt Peter Rough vom Hudson Institute in Washington. Trump will Deals machen – mit China, mit Nordkorea und wenn es geht auch mit Iran. Deals jedoch gelingen nur, wenn man in den Verhandlungen Druck machen kann. Trumps Problem ist, dass sich die Schraube der wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran kaum noch stärker anziehen lässt – und dennoch weigert sich Teheran, auch nur an den Verhandlungstisch zu kommen. Trump behauptet zwar ständig, das Regime giere geradezu nach einem Deal.

In Wahrheit ist es eher umgekehrt: Trump braucht dringend ein Abkommen, um einen außenpolitischen Erfolg vor der Wahl im November 2020 präsentieren zu können. Doch seine Iranpolitik leidet an einem unauflöslichen Widerspruch: Er hat das Nuklearabkommen aufgekündigt, ist aber nicht bereit, die Machthaber in Teheran notfalls mit Gewalt an den Verhandlungstisch zu zwingen. Diese Schwäche wiederum macht sich die iranische Regierung zunutze. »Trump hat sich in eine Ecke manöviert«, sagt Iranexperte Nasr.

Als die Geschosse gegen vier Uhr am Samstagmorgen in die Ölanlagen der staatlichen Firma Saudi Aramco in Abkaik und Khurais im Osten des Landes einschlagen, liegen in der 1700 Kilometer nördlich gelegenen iranischen Hauptstadt Teheran die meisten Menschen noch in tiefem Schlaf. Die Einwohner der Millionenmetropole haben sich in den vergangenen Monaten an ständig neue Katastrophenmeldungen aus ihrer Nachbarschaft gewöhnt.

Immer wieder haben die iranischen Revolutionswächter oder ihre Verbündeten mit ihren Nadelstichen die USA provoziert. Doch eine Reaktion aus Washington blieb bisher aus. In Teheran, so viel kann man sagen, herrscht trotz der angespannten Lage keine Kriegsangst.

Teheran verlässt sich darauf, dass Trump sich einen weiteren Krieg nicht leisten kann, deshalb glauben sie sich in einer Position der Stärke. Auch das Regime hat von einem militärischen Großkonflikt nichts zu gewinnen.

In einem normalen Krieg gegen die stärkste Militärmacht der Welt hätte die Islamische Republik keine Chance. Irans Wirtschaft leidet schwer unter den US-Sanktionen, das ist die große Sorge der iranischen Bürger – viele von ihnen können sich kaum noch Fleisch leisten. Die USA hoffen, dass dieser Druck das Regime an den Verhandlungstisch zwingt, bisher vergebens.

Denn die Macht des iranischen Regimes liegt in der Verwundbarkeit der Amerika ner und deren Verbündeter in der Region. Und das lassen sie Trump spüren.

Trumps Eskalationspolitik der vergangenen anderthalb Jahre hat die Hardliner in Iran gestärkt. Nachdem der US-Präsident im Mai 2018 aus dem Atomabkommen ausgestiegen war, gelang es den Moderaten zunächst noch, eine Politik der »strategischen Geduld« durchzusetzen. Sie hofften, dass die Europäer aktiv werden und die Folgen der US-Sanktionen mildern würden. Als das ausblieb, passten die Iraner ihre Strategie an: Seit dem Frühjahr setzt Iran das Abkommen schrittweise immer weiter außer Kraft.

Die Hardliner sind überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, die US-Regierung zu einer Lockerung der Sanktionen zu bewegen: Sie müssen die Kosten für Trumps Politik in die Höhe treiben. »Das Ziel ist zu zeigen, dass die amerikanische Strategie des maximalen Drucks fehlgeschlagen ist, dass die Sanktionen Iran regional nicht geschwächt, sondern zusätzliche Spannungen herbeigeführt haben«, sagt Bijan Khajehpour, Irananalyst und Geschäftsführer der Wiener Unternehmensberatung Eunepa.

Er warnt, dass eine Eskalation des Konflikts die Moderaten weiter an den Rand drängen und den politischen Raum für die Hardliner noch erweitern wird. Das Problem sei, dass diese Entwicklung nicht nur die Parlamentswahl im kommenden Jahr und die Präsidentschaftswahl 2021 beeinflussen werde, sondern auch die Entscheidung über die Nachfolge des Revolutionsführers. Und damit über die entscheidende Position im Machtgefüge der Islamischen Republik.

Ajatollah Ali Khamenei ist seit 30 Jahren der mächtigste Mann der Islamischen Republik, Nachfolger des legendären Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Khomeini, der 1979 den Sturz des Schah-Regimes anführte und das Heer der amerikanischen Berater Mohammad Reza Pahlavis aus dem Land warf. Khamenei ist inzwischen 80 Jahre alt, immer wieder machen Gerüchte über eine Krebserkrankung die Runde, nicht ausgeschlossen, dass sich die Frage seiner Nachfolge schon bald stellen könnte.

In den Jahrzehnten seiner Herrschaft hat Khamenei die Machtbalance zwischen den Flügeln des iranischen Regimes austariert. Lange hat er dafür gesorgt, dass weder die Hardliner noch die Moderaten die Oberhand gewinnen, die das Land durch behutsame Reformen öffnen, die internationale Isolation aufbrechen und die Feindschaft mit den USA entschärfen wollen.

Doch nun sind die Hardliner so stark wie selten zuvor. Ihr Anführer Qasem Soleimani, Chef der Elitetruppe der Revolutionswächter und ein kampferprobter Kriegsheld, ist der eigentliche Architekt von Irans Außen- und Sicherheitspolitik in der Region. Die Hardliner besetzen zudem Schlüsselpositionen in der Justiz und in den verschiedenen religiösen Räten, die die Politik des Landes bestimmen. Das iranische Regime besteht aus so vielen unterschiedlichen Fraktionen, dass schwer nachzuvollziehen ist, wer genau den Befehl zum Angriff auf die Raffinerie gegeben haben könnte. War Khamenei informiert? Oder würden die Revolutionswächter eine solche Aktion auch ohne explizite Zustimmung ausführen? Das sind Fragen, über die auch westliche Regierungen rätseln.

»Iran wird sich weiter klar in eine erzkonservative Richtung entwickeln, solange es keine Deeskalation mit den USA gibt«, warnt Khajehpour.

Irans Erzrivale Saudi-Arabien entpuppt sich dagegen immer mehr als tönerner Riese. Die Saudis wissen, dass sie ohne die USA einen Krieg gegen Iran nicht bestehen können. Die Attacke am vergangenen Samstag hat ihnen mit aller Härte die eigene Schwäche und militärische Inkompetenz vor Augen geführt. Riad hat für Hunderte Milliarden Dollar westliche Waffentechnologie gekauft, allein die sechs »Patriot«-Luftabwehrsysteme des amerikanischen Herstellers Raytheon kosteten etwa sechs Milliarden Dollar. Trotzdem ist man offenbar noch nicht einmal fähig, die wichtigste Ölanlage des Landes zu schützen.

Saudi-Arabien steckt nach den Angriffen auf die Ölanlagen in einer Krise, doch von dem mächtigsten Mann des Landes, von Kronprinz bin Salman, ist nichts zu hören. Der Prinz hat sich kurz mit USAußenminister Pompeo getroffen, aber ansonsten ist er abgetaucht.

Für MbS ist die Attacke auf das Herz der saudi-arabischen Wirtschaft ein Gesichtsverlust. Er hat sich als starker Mann inszeniert, als entschlossener Herrscher, seit ihn sein Vater, König Salman, 2017 zum Kronprinzen ernannt und ihm damit schon jetzt de facto die Macht über das Königreich übertragen hat. MbS gefiel sich in der Rolle des jungen Thronfolgers, der sein Land umkrempelt. Er gab Frauen neue Rechte und versprach, Saudi-Arabien aus der Abhängigkeit vom Öl zu befreien. Widersacher wurden beiseite - geräumt. Doch die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde in Riad zuletzt immer größer. Der Ölprinz steuert sein Land von Krise zu Krise, die meisten davon selbst verschuldet.

Vor einem Jahr wurde der Regimekritiker Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul mit Drogen betäubt und getötet, seine Leiche anschließend mit einer Knochensäge zerteilt und davon - geschafft. Das Kill-Team ging bei dem Verbrechen so dilettantisch vor, dass manche glaubten, die Pannen seien Absicht, um Oppositionellen die grausame Entschlossenheit des Regimes vorzuführen. Wahrscheinlicher ist, dass MbS niemanden in seinem Umfeld hat, der seinen Wahnsinn bremst. Seit dem Mord an Khashoggi kann sich MbS noch so sehr als Reformer darstellen, weite Teile der Welt sehen ihn als kaltblütigen Despoten, als Monster. Auch im Jemen hat sich der junge Thronfolger verrannt. MbS war noch nicht zum Kronprinzen ernannt, da befahl er als Verteidigungsminister 2015 die Intervention gegen die Huthi-Miliz im Nachbarland.

Das Regime versprach damals eine Blitzaktion, in wenigen Monaten, so prahlte MbS, wären die Huthis vertrieben. Inzwischen ist der Krieg im fünften Jahr, er hat Zehntausende Todesopfer gefordert, Hunderttausende Zivilisten zu Flüchtlingen gemacht und führt dazu, dass Kinder an Unterernährung sterben. Nun ist Saudi- Arabiens engster Verbündeter, die Vereinigten Arabischen Emirate, mit seinen Truppen auf dem Rückzug, vor allem weil sie ihre Ziele, die Häfen und die Stadt Aden zu dominieren, erreicht haben. Ganz anders MbS, er steckt im Jemen in einem Sumpf, aus dem er nicht herauskommt. Und jetzt haben die Huthis auch noch behauptet, sie hätten die Raffinerie mit ihren Drohnen angegriffen – was ihnen aber kaum jemand glaubt.

US-Präsident Trump mit Berater O’Brien, zerstörte Ölanlagen: Politik ohne Prinzipien


MbS weiß, dass er handeln muss, will er nicht schwach und verwundbar erscheinen. Doch er weiß nicht, wie. Saudi-Arabien verfügt selbst nicht annähernd über genügend gut ausgebildete Streitkräfte, um es mit Iran aufnehmen zu können, zumal die Luftwaffe, das Rückgrat des Militärs, im Jemeneinsatz gebunden ist. So ist MbS auf Gedeih und Verderb Donald Trump ausgeliefert. »Saudi-Arabien will Iran bis auf den letzten amerikanischen Mann bekämpfen «, frotzelte der frühere US-Verteidigungsminister Robert Gates.

Dass die saudi-arabische Ölindustrie verletzlich ist, war den Sicherheitskräften bewusst. Allerdings rechneten sie eher mit einem Angriff auf Tanker im Exporthafen Ras Tanura oder in der Straße von Hormus, der strategisch wichtigen Meerenge; dort transportieren Schiffe ein Fünftel des Rohöls, das die Welt verbraucht. Sie ist gleichsam die Schlagader des globalen Energiesystems – die nächtliche Attacke indes zielte mitten ins Herz.

In der angegriffenen Raffinerie in Abkaik verarbeitet der staatliche Konzern Saudi Aramco rund 70 Prozent der na - tionalen Ölproduktion, sie ist die weltgrößte Anlage ihrer Art. Das zweite Angriffsziel, das Vorkommen in Khurais, gehört in die Kategorie der sogenannten Elefantenfelder, der mächtigsten Lagerstätten der Welt.

Mit den präzisen Attacken ist es gelungen, den Fluss von täglich 5,7 Millionen Barrel abrupt zu stoppen. Auf einen Schlag fehlt nun etwa jedes 18. Fass Öl, das die Menschheit am Tag verbraucht. »Was ein Risikoszenario war, ist Wirklichkeit geworden«, sagt der Washingtoner Energieexperte Daniel Yergin, Vizepräsident der Analysefirma IHS Markit. Nie zuvor hat ein einzelnes Ereignis dem globalen Ölmarkt solche Mengen entziehen können. Selbst im Herbst 1973, in der ersten großen Ölpreiskrise, nahmen die arabischen Ölförderer unter Führung Saudi- Arabiens nur rund 4,3 Millionen Barrel täglich aus dem Markt, damals freilich mit voller Absicht.

Über Jahrzehnte waren die USA auf saudisches Öl angewiesen. Die Grundlage für die Zusammenarbeit legte Präsident Franklin D. Roosevelt, der sich im Februar 1945 mit König Abdulasis Ibn Saud auf dem Kreuzer USS »Quincy« im Suezkanal traf und den Vereinigten Staaten Zugang zu den mächtigsten Ölfeldern am Golf sicherte.

Doch aus dieser Abhängigkeit haben sich die USA gelöst. Durch den fulminanten Durchbruch der Fracking-Technologie – ökologisch umstritten, ökonomisch hochergiebig – spielen nun die USA auch als Anbieter eine führende Rolle im globalen Energiegeschäft. Das Land fördert täglich 12,1 Millionen Barrel, es ist die Nummer eins vor Russland (10,7 Millionen) und Saudi-Arabien (9,9 Millionen).

Als am Montag die Börsen schlossen, gehörten amerikanische Förderspezialisten zu den größten Gewinnern; die Aktie von Hess stieg um 11,2 Prozent, das Papier von Apache um 16,9 Prozent. Sie profitieren vom Anstieg des Preises für Rohöl, jetzt lohnt es sich für sie, die Produktion hochzufahren. Kurzfristig profitieren die USA also sogar von dem Angriff auf die saudische Ölindustrie. Wofür also sollen amerikanische Soldaten ihr Leben riskieren?

Die Frage ist nun, wie lange es dauern wird, bis Saudi Aramco die Anlagen repariert hat und das Öl in vollem Umfang fließt. Schon Ende September werde alles wieder wie gewohnt laufen, versicherte das Unternehmen eilig. Die IHS-Markit- Fachleute jedoch halten eine Pause von ein bis vier Monaten für das wahrscheinlichste Szenario.

So lange müssten Verbraucherstaaten und Förderländer ihre Reserven anzapfen, um die Angebotslücke zu schließen. In Tanklagern rund um die Welt bunkern sie beträchtliche Mengen. Allein Saudi-Arabien verfügt über beträchtliche Kapazitäten, die 35 Tage lang die gewohnten Exporte sichern können.

Früher wären die USA die größten Leidtragenden eines solch massiven Ausfalls gewesen – nun hat vor allem China ein Problem: Es ist einer der größten Abnehmer von Öl aus dem Persischen Golf. Zudem befindet es sich gerade in einem Wirtschaftskrieg mit den USA. Eine weitere Be lastung seiner Wirtschaft durch einen steigenden Ölpreis könnte es nur schlecht aushalten.

Bleibt es bei dieser einen Attacke, wird die Weltwirtschaft den Ausfall aber einigermaßen verkraften können. Das gegenwärtige Niveau von rund 64 Dollar pro Barrel der Sorte Brent ist erträglich, es liegt noch immer rund ein Fünftel niedriger als zum Jahreshoch im April. Folgen aber weitere Angriffe und womöglich Gegenattacken, dürfte sich der Risikoaufschlag innerhalb des Ölpreises deutlich erhöhen, dann erwächst daraus eine ernste Gefahr für die Weltkonjunktur. Und damit auch für die amerikanische Wirtschaft und die Wiederwahl Donald Trumps.

Kann der Versuch gelingen, den Riss zwischen Europa und den USA in der Iranpolitik doch noch zu kitten? An Ermahnungen seitens der Amerikaner mangelt es nicht: »Nun ist die Zeit gekommen, dass unsere europäischen Verbündeten und unsere Freunde im Nahen Osten die Führung übernehmen«, twitterte Richard Grenell, der US-Botschafter in Berlin, am vergangenen Sonntag: »Das Verhalten Irans ist nicht nur ein Problem der USA.« In Berlin sorgen solche Sprüche nur noch für Augenrollen: Erst habe Trump mit der Aufkündigung des Atomabkommens dafür gesorgt, dass die Lage so weit eskalieren konnte, heißt es dort. Und jetzt, wo er nicht mehr weiterweiß, bettelt er um Hilfe.

Aus Sicht der Europäer gab es ja schon den Versuch, Trump eine Brücke zu bauen. Auf dem G-7-Gipfel in Biarritz Ende August hatte der französische Präsident Macron ein riskantes Manöver gewagt: Er lud Mohammad Javad Zarif zu einem Treffen an der französischen Atlantik - küste, wohl wissend, dass die US-Regierung den iranischen Außenminister keine vier Wochen zuvor auf eine Terrorliste gesetzt hatte. Die Einladung Macrons hätte leicht in einem Eklat enden können, aber der französische Präsident brachte Trump die Idee bei einem Mittagessen unter vier Augen gleich zu Beginn des Gipfels nahe. Offenkundig versuchte Macron, sich Trumps Vorliebe für Deals zunutze zu machen.

Für Macron war es immerhin ein Achtungserfolg, dass Trump den Gipfel wegen der Anreise Zarifs nicht platzen ließ. Aber in der Sache erreichte der französische Präsident nichts. Macron brachte die Idee auf, Iran einen Kredit in Höhe von 15 Milliarden Euro zu gewähren, um der lahmenden Wirtschaft zu helfen. Aber selbst dieses kleine Zugeständnis lehnte Trump ab. So reiste Zarif ohne Ergebnisse zurück nach Teheran.

Nun, nach der Attacke auf die saudischen Raffinerien, ist die Lage noch verfahrener. In einer ersten Reaktion hat Trump die Sanktionen gegen Iran verschärft, was direkte Gespräche noch unwahrscheinlicher macht. Aller Voraussicht nach wird es kommende Woche in New York noch nicht einmal ein Treffen Pompeos mit seinem iranischen Kollegen Zarif geben, heißt es in Berlin.

Andererseits verspüren die Europäer wenig Neigung, gemeinsam mit den USA den Druck auf Teheran zu erhöhen. Offenkundig wollen die Amerikaner ein Dossier vorlegen, das beweisen soll, dass Iran hinter der Attacke auf die saudische Ölindustrie steckt. Zumindest die Deutschen aber werden wohl nicht mit dem Finger auf Teheran zeigen. Auch wenn sich herausstellen sollte, dass die Drohnen in Iran gebaut wurden, sei das kein Beweis, heißt es schon prophylaktisch in der Regierung.

Auch Paris äußert sich zurückhaltend. Nach einem Telefongespräch mit MbS kündigte Macron an, eigens französische Experten nach Riad zu schicken, um sich vor Ort ein Bild über die Urheberschaft des Anschlags zu machen. Grundsätzlich aber habe sich an der Strategie des Élysée nichts geändert: »Wir müssen zum Prinzip der Deeskalation zurückkehren«, so Außen - minister Jean-Yves Le Drian.

Kanzlerin Merkel will sich von Trump keinesfalls in ein militärisches Abenteuer hineinziehen lassen. Am Dienstag forderte sie den amerikanischen Präsidenten dazu auf, zu dem Atomabkommen zurückzukehren. Hinter vorgehaltener Hand beschreiben deutsche Diplomaten ihre USKollegen als vollkommen kopflos.

»Ich kann Ihnen nicht viel sagen«, sei ein Standardsatz in Gesprächen mit amerikanischen Spitzenbeamten. Oder: »Unsere Politik wird gerade überprüft.« Selbst das Washingtoner Spitzenpersonal verstehe nicht, was Trump will.

Christiane Hoffmann, Alexander Jung, Susanne Koelbl, Rene Pfister, Maximilian Popp, Alexandra Rojkov, Britta Sandberg

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Die Folgen des Angriffs

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