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Die Brüder, die die Welt bewegen


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 09.03.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 10/2022

Wladimir und Vitali Klitschko vergangene Woche in Kiew, das Handy mit den aktuellen Ereignissen immer im Blick. Auf die Frage, warum sie ihr Leben riskieren, sagte Wladimir: ?Es geht um unsere Freiheit und die Zukunft unserer Heimat ? das geben wir niemals auf?

Wenn sie früher im Boxring ihre WM-Titel verteidigt haben, war ihre Mutter nie dabei. Nadeschda Klitschko (72) hat nicht mal vor dem Fernseher zugesehen, weil ihre Angst so groß war, dass Vitali (50) und Wladimir (45) etwas passieren könnte. Sie ging immer allein spazieren, bis sie einer ihrer Söhne direkt nach dem Kampf aus dem Ring auf ihrem Handy anrief, um zu sagen, dass alles gut gegangen sei.

Heute bangen Millionen Menschen um das Leben der Brüder. Wie Vitali als Bürgermeister von Kiew mit Wladimir an seiner Seite unsere Freiheit verteidigt, bewegt die ganze Welt. Noch nie standen zwei ehemalige Sport-Stars so im Mittelpunkt eines Krieges wie die beiden jetzt in der Ukraine.

„Wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben“, hat Wladimir vergangene Woche gesagt. Und als dieser Text am Montagabend finalisiert wurde, war auch nicht klar, ob die Brüder am Mittwoch – wenn die neue SPORT BILD erscheint ...

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... – noch leben. Und trotzdem haben wir uns dazu entschieden, ihn zu drucken. Weil ihre Geschichte jeden von uns berührt.

Ich habe die Klitschkos als Reporter jahrelang begleitet, Vitali 2014 mit meinem Kollegen Paul Ronzheimer auch auf dem Maidan getroffen. Schon damals sagte er uns: „Alles, was ich mache, tue ich für mein Land und unsere Zukunft – und das gibt mir Kraft. Ich habe keine Angst. Ich höre auf mein Herz.“

Ein Herz, das auch für Russland schlägt. Nicht nur, weil seine Mutter Nadeschda Russin ist. „Ich hasse die Politik Russlands. Aber wie kann ich Russen hassen? Die Hälfte meines Blutes ist russisch“, sagt Vitali. Wenn er mit Wladimir allein ist, unterhalten sich beide immer auf Russisch, weil sie die Sprache besser beherrschen als Ukrainisch.

Ihr Vater Wladimir senior stammt aus der Ukraine. Der ehemalige Luftwaffen-Offizier hatte 1986 nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl die Aufräumarbeiten geleitet. Schon damals war er an Lymphdrüsenkrebs erkrankt, verstarb 2011 an den Langzeitfolgen. Er wurde in Kiew beigesetzt. Es ist also auch sein Grab, dass die Brüder in der Hauptstadt verteidigen.

„Ich hasse die Politik Russlands – nicht die Russen. Die Hälfte meines Blutes ist russisch“

Vitali Klitschko

„Unser Vater hat uns noch ein paar wichtige Sätze mitgegeben, bevor er verstarb“, verriet Vitali mir einmal. „Er sagte, dass alles im Leben relativ ist. Man weiß vorher nie, welches die wichtigen Momente sein werden. Man muss jeden Tag das Beste aus sich herausholen.“ Und Wladimir ergänzte: „Die Kernaussage unseres Vaters war, dass man immer positiv denken muss. Das beherzigen wir.“

Die Sätze vom Sterbebett haben beide nie vergessen.

Als Kinder von Garnison zu Garnison quer durch die Sowjetunion, von Prag bis nach Zhangiztobe nahe der chinesischen Grenze in Kasachstan gezogen, eroberten sie als Boxer die Welt – ohne je zu vergessen, was ihre Heimat ist. Und obwohl jeder verstehen würde, wenn sie Kiew längst verlassen hätten, würden sie nie freiwillig gehen. Im Gegenteil: Wladimir ist extra aus Deutschland nach Kiew zurückgekehrt. Genau wie der aktuelle Schwergewichts-Weltmeister Oleksandr Usyk (35). Er brach die laufenden Verhandlungen über seine nächste Titelverteidigung ab – die ihm locker 20 Millionen Euro einbringt – und schloss sich in der Ukraine einem Verteidigungsbataillon an.

DIE BOX-VITA DER BRÜDER

VitaIi (50) und Wladimir Klitschko (45) debütierten beide 1996 als Profi-Boxer. Zuvor hatte Wladimir bei den Olympischen Spielen in Atlanta Gold im Super-Schwergewicht (über 91 Kilo) für die Ukraine gewonnen. Im Profi-Lager wurden beide mehrmals Weltmeister im Schwergewicht: Vitali hielt die Gürtel der Verbände WBO (1999 bis 2000) und WBC (2004, 2008 bis 2012), Wladimir bei der WBO (2000 bis 2003, 2008 bis 2015), dem IBF (2006 bis 2015) und der WBA (2011 bis 2015). Vitali gewann 45 von 47 Kämpfen (41 durch K.o.), Wladimir 64 von 69 (53 per K.o.). Vitali hörte 2014 auf, Wladimir 2017.

„Wir brauchen keine Mitfahrgelegenheit, wir brauchen Munition“, sagte Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) über eine mögliche Hilfe zur Flucht durch US-Geheimdienste. Genau diese Haltung, mit der die Ukrainer ihre Freiheit verteidigen, ist die größte Stärke, die dieses Land hat. Eine Kraft, die Kriegstreiber Wladimir Putin (69) total unterschätzt hat, und die beide Klitschkos mit jeder Faser ihrer Zwei-Meter-Körper verkörpern.

„Der Erfolg und das Selbstbewusstsein, das wir durch unsere Revolution erlangt haben, war immer eine Gefahr für Putin. Seine Vision eines Imperiums kann dadurch zerstört werden“, sagt Vitali. „Russland hatte erstmals keine Kontrolle mehr über uns. Wir kennen Putins System genau, aber wir wollen nicht zurück in die Vergangenheit. Wir verteidigen die Zukunft. Unsere Freiheit geben wir niemals auf.“

2008 hat er Putin bei den Laureus-Sports-Awards in St. Petersburg das einzige Mal in seinem Leben persönlich getroffen. Vitali: „Er hat mir sogar viel Glück gewünscht – allerdings für meine Box-Karriere ...“

Dass es nicht möglich ist, den Willen von Vitali zu brechen, hat er schon als Sportler bewiesen. „Von allen Boxern, die ich je kennengelernt habe, hatte nur Evander Holyfield so eine Nervenstärke wie Vitali“, sagt ihr ehemaliger Manager Bernd Bönte (66). „Er hat sogar eine Stunde vor Kämpfen noch in der Kabine telefoniert, Dinge für die Politik organisiert und mir immer gesagt: ,Keine Sorge, Bernd. Solange ich gesund bin, kann mich keiner schlagen.‘“

Als Vitali 2008 Putin traf, wünschte ihm dieser noch viel Glück – für seine Box-Karriere

Als Kind sah das noch anders aus. Weil beim Training alle stärker waren, suchte sich Vitali einen Gegner, den er schlagen konnte – Wladimir. Der erinnert sich: „Vitali zog mir in unserem Elternhaus die Handschuhe an und sagte: ,Los, wir boxen.‘ Ich hatte keine Ahnung, wie das geht und habe voll eine reinbekommen. Seitdem wollte ich zeigen, dass auch der kleine Klitschko boxen kann.“

Eine Fähigkeit, die beide im Ring gelernt haben, hilft ihnen auch im Krieg. Vitali: „Emotionen können im Sport und in der Politik viele Fehler produzieren und ein großer Nachteil sein. Man muss lernen, sie zu beherrschen.“

Um das zu schaffen, brauchen sie das Gefühl, dass ihre Familien in Sicherheit sind, weit entfernt von Kiew. Die größten Stadien der Welt mit bis zu 90 000 Zuschauern bei ihren Kämpfen haben Wladimir nicht so nervös gemacht wie der erste Besuch von Vitalis ältestem Sohn Egor-Daniel (21) 2010 beim Kampf gegen Samuel Peter (42) in Frankfurt: „Als er dabei war, spürte ich ihm gegenüber eine riesengroße Verantwortung. Die Kraft der Familie ist durch nichts zu ersetzen.“

Die Sorge um den Bruder führte auch zum größten Zoff, den beide hatten. Schon vor Wladimirs überraschender Niederlage 2003 gegen Corrie Sanders († 42), der mit einer Wettquote von 1:40 krasser Außenseiter war, knirschte es zwischen beiden. Wladimir hatte so viele Kämpfe in kurzer Zeit hinter sich, dass er das Boxen damals leid war. Beim Einmarsch in den Ring dachte er an den Urlaub danach – nicht an den Kampf. Vitali spürte die fehlende Motivation. Anders als sonst ging er mit seinem Bruder vor dem Kampf nicht zum Friseur. Wladimir hatte sich das gemeinsa-

me Ritual aus seiner Sicht nicht verdient. Mit den längsten Haaren, die er je im Boxring trug, ging Wladimir dann schon in der ersten Runde zu Boden, in der zweiten war es vorbei. „Krabbel-K.o.“ titelte BILD damals.

Als Wladimir 2004 dann gegen Lamon Brewster (48) in Runde fünf k. o. ging, wollte ihm Vitali das Boxen verbieten: „Es ist kein Spaß, seinen kleinen Bruder ins Krankenhaus zu fahren. Wir hatten richtig Zoff, aber Wladimir hat sein Ding danach durchgezogen.“

Wladimir trennte sich von ihrem gemeinsamen Trainer Fritz Sdunek († 67), wechselte zu US-Trainerlegende Emanuel Steward († 68). Als es losging, verbot er seinem älteren Bruder, in den Trainingscamps dabei zu sein. „Wir lieben uns als Brüder, aber ich sagte ihm: ,Vitali, ich muss meine eigenen Lösungen finden! Es ist mein Leben!‘ Durch diese Konfrontation bin ich gewachsen“, sagte Wladimir. Und Vitali ergänzte: „Er hat sich selbst besiegt und sein Vertrauen wiedergefunden. So war der Dampf zwischen uns raus.“

Das Wichtigste für die Brüder: zu wissen, dass ihre Familie in Sicherheit ist

Was beide verbindet: Ihre Trainer wurden wie Väter für sie. Als Sdunek 2014 starb sagte Vitali: „Ich habe meinen zweiten Vater verloren.“ Genau so fühlte sich Wladimir, als Steward 2012 verstarb: „Es klingt verrückt, aber ich höre immer noch seine Stimme. Er flüstert mir Dinge ins Ohr, und ich weiß genau, ob er gerade mit mir zufrieden ist oder nicht.“

Wenn man die Bilder aus Kiew sieht, könnte Steward stolzer nicht sein. Genau wie Mutter Nadeschda, die wie Millionen Menschen jede Nachricht aus der Ukraine genau verfolgt. Man fürchtet das Schlimmste und hofft, dass es nicht passiert.

Der größte Kampf im Leben von Vitali und Wladimir – er bewegt die ganze Welt.