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Die Chance der Integration: Musikgruppen im kirchlichen Raum


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.03.2020

Gibt es (noch) einen Unterschied zwischen Musik in der Kirche und im Konzertsaal? Gern werden Kirchen als schöne „Location“ genutzt, ohne dass die Besonderheit des Ortes darüber hinaus eine Rolle spielt. Wie sollen sich die Verantwortlichen in den Kirchen verhalten? Einige Wegmarken zur Klärung einer schwierigen Frage.


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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 2/2020

Markus Uhl (* 1978) Studium von Kirchenmusik, Orgel /Orgelimprovisation, Musikwissenschaft und Philosophie in Freiburg, Weimar, Heidelberg und Essen, Promotion über die Choralreform in der Folge des Trienter Konzils, seit 2007 Bezirkskantor der Erzdiözese Freiburg an der Jesuitenkirche ...

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... Heidelberg, Lehrbeauftragter für Orgelimprovisation, Orgelliteratur und Gregorianik u. a. in Stuttgart, Heidelberg und Weimar, Konzerte, Projekte, Vorträge und Fortbildungen, Preise und Auszeichnungen für Orgel, Chorleitung und Musikwissenschaft. 2019 Ernennung zum Kirchenmusikdirektor.

„Halleluja. / Lobt Gott in seinem Heiligtum. […] / Lobt ihn mit Hörnerschall, lobt ihn mit Harfe und Leier. / Lobt ihn mit Trommel und Reigentanz, lobt ihn mit Saiten und Flöte. / Lobt ihn mit klingenden Zimbeln, lobt ihn mit schallenden Zimbeln. / Alles, was Atem hat, lobe den HERRN. Halleluja.“

Ein reiches Instrumentarium wird da in Psalm 150 aufgeboten: Hörner, Harfe, Leier, Trommel, Saiteninstrumente, Flöte, Zimbeln. Auch heute finden sich jenseits der klassischen Trias von Posaunen, Chor und Orgel die unterschiedlichsten musikalischen Formationen im kirchlichen Raum: Gitarrengruppen, Handglocken, Streichorchester, Flötenchöre, Mandolinenorchester, Orff-Gruppen, Trommeln, Hackbrett, Jodelgruppen, Jagdhornbläser, Tangobands, Akkordeonorchester - die Liste ließe sich sicher noch erweitern.1

Die Ensembles sind entweder an eine Kirchengemeinde angebunden oder kommen von außen mit dem Wunsch auf die Kirchengemeinden zu, in Gottesdiensten oder Konzerten zu musizieren. Einige Ensembles werden auch für bestimmte konzertante Aufführungen wie Oratorien oder Messen gegen ein Honorar engagiert. An manchen Orten gibt es beispielsweise Traditionen, dass der örtliche, nicht an die Kirche gebundene Musik- oder Gesangsverein jährlich einen Weihnachtsgottesdienst oder ein Kirchenkonzert musikalisch gestaltet. Solche Kooperationen sind organisch gewachsen und haben sich fest eingespielt. Oder eine nicht-kirchliche Musikgruppe wirkt bei Kasualien (Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen) ihrer Mitglieder mit.

Zweifellos ist das eine musikalische Bereicherung, die nicht wenige Integrationschancen bietet; erfahrungsgemäß können aber auch Probleme entstehen, denn was für Gottesdienst und Kirchenkonzert angemessen ist, ist alles andere als selbstverständlich und muss jedes Mal wieder neu ausgehandelt werden. Dabei steht nicht selten eine positive Zusammenarbeit auf dem Spiel, die durch die Kirchen nur ungern gefährdet wird.

Oft lassen sich pragmatische Lösungen finden, die in der Praxis auch meistens gut funktionieren. Hat der weltliche Männerchor vielleicht das eine oder andere geistliche Werk im Repertoire, wird man für das Musizieren im Kirchenraum auf diese Stücke zurückgreifen. Auch manche Instrumentalensembles wählen intuitiv Stücke aus, die dem kirchlichen Anlass angemessen erscheinen.

Aber ist das ausreichend? Passt die Musik immer, wenn der Männerchor Schuberts „Heilig“ zum Sanctus singt oder das Akkordeonorchester ein getragenes Stück zum Abendmahl spielt? Das ist zweifelsohne besser, als den Männerchor an derselben Stelle ein „Ave Maria“ anstimmen oder das Akkordeonorchester ein knackiges Rock’n’Roll-Stück zur Kommunion hinlegen zu lassen. Trotzdem muss die Frage gestellt werden, ob es überhaupt belastbare Kriterien gibt, mit denen sich die Eignung von Musik für Gottesdienst und Kirchenkonzert eindeutig feststellen lässt. Ist es heute überhaupt noch sinnvoll, Kirchenmusik von Nicht- Kirchenmusik zu unterscheiden? Erreichen die Kirchen nicht mehr Menschen, wenn sie einer allzu genauen Unterscheidung aus dem Weg gehen?

In den letzten Jahrzehnten ist es üblich geworden, dass tendenziell alles möglich ist oder zumindest möglich gemacht wird. Die Beobachtung zeigt aber, dass sich der zunächst scheinbar positive Effekt des „Anything goes“ in der sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft abnutzt. Während es vor einigen Jahrzehnten noch geradezu revolutionär war, bestimmte musikalische Stilrichtungen oder Konzertformate in die Kirche zu holen, sind solche Versuche in der Öffentlichkeit heute kaum mehr der Rede wert. Es ist eher so, dass die Kirchen für ihre offensichtlichen, manchmal geradezu aufdringlichen Versuche, sich am Zeitgeist zu orientieren, eher belächelt werden. Denn wenn sich der anfänglich ungewöhnliche Effekt abgenutzt hat, rückt die Frage nach der Qualität der Musik und der Stimmigkeit der Darbietung in den Vordergrund. Da hat die Kirchenmusik in manchen Bereichen aus fachlichen, finanziellen und personellen Gründen oft schlechte Karten. In diesem Sinne ist eine Professionalisierung auf allen Gebieten inklusive der Popularmusik grundsätzlich sehr wünschenswert, wenngleich die Ansätze und Intentionen doch oft fraglich sind. Denn insbesondere auf der Ebene der Landeskirchen und Diözesen ist es weit verbreitet, Musik als Mittel zum Zweck einzusetzen. Es geht dabei meist weniger um die Musik, sondern eher um deren Nutzen für die Kirchenstatistik. Auch wenn Musik im kirchlichen Raum positive Auswirkungen auf die Kirchenstatistik haben kann, sollte sie aber nicht dafür verzweckt werden. Die Zuhörer nehmen diese Vereinnahmungsversuche sehr präzise wahr und ein schaler Nachgeschmack bleibt, wenn Musik nicht überzeugend eingesetzt und ausgeführt wird. Deshalb steht es den Kirchen nicht (mehr) gut zu Gesicht, alles zuzulassen. Das heute an vielen Orten übliche „Anything goes“ führt lediglich zur Selbstsäkularisierung, macht die Kirchen überflüssig und beschleunigt ihren Weg in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit. Die Kirchen kommen deshalb nicht umhin, ihr Profil zu schärfen. Daher muss heute jenseits aller praktischen und pragmatischen Konstellationen, die vor Ort existieren oder sich eingespielt haben, wieder die Frage gestellt werden (dürfen), was im Kirchenraum musikalisch sinnvoll ist und was nicht. Das gilt zunächst für die Gruppe der haupt- und nebenamtlichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, darüber hinaus aber auch für alle anderen Musikgruppen aus den Gemeinden und für diejenigen Musizierenden und Ensembles, die als Gäste auf die Kirchen zukommen.

1 S. dazu den Beitrag von Susanne Rohland-Stahlke auf den Seiten 84-91 in diesem Heft.

Das „Anything goes“ hat sich abgenutzt

Belächelt: Versuche der Kirchen, sich am Zeitgeist zu orientieren

Professionalisierung wünschenswert

Musik sollte nicht verzweckt werden

Schärfung des Profils statt Selbstsäkularisierung

Was ist im Kirchenraum sinnvoll und was nicht?

Was ist Kirchenmusik?

Was aber unterscheidet nun die Musik in der Kirche von der „Musik im Allgemeinen“? Der Kirchenraum kann es nicht sein, sonst wäre jede Musik Kirchenmusik, die darin erklingt und bei Freiluftgottesdiensten müsste man auf Kirchenmusik verzichten.

Auch die Festlegung auf einen bestimmten kirchlichen Stil ist, trotz vieler Versuche in der Kirchengeschichte, grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Denn wenn man sich auf einen bestimmten Stil festlegt, ist keine wesentliche musikalische Entwicklung mehr möglich. Hätte man sich um 1600 ausschließlich auf den Gregorianischen Choral - wie man ihn damals verstanden hat - und auf den Palestrina-Stil festgelegt, hätte die Marienvesper Monteverdis niemals Kirchenmusik werden können. Auch die Festlegung auf einen bestimmten, mehr oder weniger geistlichen Text als Unterscheidungskriterium funktioniert nicht, denn was wäre dann mit reiner Instrumentalmusik oder der Orchesterbegleitung einer Messe oder eines Oratoriums? Man kommt nicht umhin, das Thema auf einer tieferen Ebene anzugehen.

Martin Luther definierte als wichtigste Funktion der Musik die „Verkündigung“. Musik wird also dann zur Kirchenmusik, wenn sie der Verkündigung dient, wenn sie selbst Verkündigung ist. In der römisch-katholischen Kirche wurde in den vergangenen Jahrhunderten oft versucht, die Bedeutung der Musik auf die Funktion als „Dienerin“ zu reduzieren. Die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils aus dem Jahr 1963 schlägt da ganz neue Wege ein, ja sie überbietet sogar das protestantische Musikverständnis. Musik ist nicht nur Verkündigung, sie wird selbst zur Liturgie. In Artikel 112 heißt es: „Kirchenmusik [wird] um so heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist.“ Wenngleich es immer sehr wünschenswert ist, geht es dabei nicht nur um die möglichst enge Verzahnung von sichtbarer liturgischer Handlung mit der dazu erklingenden Musik. Viel tiefer reicht der Satz, wenn man ihn fundamentalliturgisch versteht: Liturgie (laos = Volk / ergon = Werk) ist sowohl Werk für das Volk als auch Werk des Volkes. Gott wendet sich den Menschen zu, und der Mensch antwortet auf diese Zuwendung. Beide Aktionen zusammen bilden Liturgie - Gottes-Dienst im Doppelsinn des Wortes. Noch allgemeiner: Liturgie ist die Verbindung von Transzendenz und Immanenz, von Gott und Welt. Dabei soll Transzendenz sowohl in einem sehr allgemeinen als auch in einem christlich speziellen Sinn (Gott, Jesus Christus) verstanden werden. Wieder auf die Musik gespiegelt: Musik wird dann zur Liturgie und damit zur Kirchenmusik, wenn sie als immanente Äußerung Transzendenz erahnbar werden lässt.

Mit dieser Theorie wäre nun ein trennscharfes Element zur Unterscheidung von Musik und Kirchenmusik gefunden: Kirchenmusik ist nicht nur einfach Musik. Sie ist jederzeit auf das Transzendente ausgerichtet. Das bedeutet im Umkehrschluss: Viele Arten von Musik können Kirchenmusik werden. Es geht also um eine bestimmte Einstellung zur Musik, um eine bestimmte Haltung beim Musizieren und nicht primär um einen bestimmten Musikstil. An den kirchlichen Raum ist das dabei nicht unbedingt gebunden. Auch in weltlichen Kontexten können solche Momente - bisweilen sogar unfreiwillig - entstehen. Dabei ist elementar, dass nicht der Mensch das Zentrum des Geschehens ist, sondern dass er hineintritt in eine größere, ihn übersteigende Wirklichkeit, die er selbst nicht herstellen kann. Dieses Verständnis ist in einer Zeit, in welcher der Mensch sich gerne selbst zum Maß aller Dinge macht und in der selbst Gottesdienste eine oft unangenehm starke anthropozentrische Note bekommen, wohl die am schwierigsten zu vermittelnde Prämisse für das Musizieren im kirchlichen Raum.

Die Festlegung auf einen bestimmten kirchlichen Stil ist zum Scheitern verurteilt

Musik wird zur Kirchenmusik, wenn sie der Verkündigung dient

Liturgie: Werk für das Volk und Werk des Volkes

Kirchenmusik: jederzeit auf Transzendenz ausgerichtet

Nicht der Mensch ist das Zentrum des Geschehens

„Der Rhythmus des Lebens“. Trommelgottesdienst mit der Gruppe „FOLIBA! Djembé Percussion“ in der Evangelisch-lutherischen Kirche Petersfehn (Bad Zwischenahn, bei Oldenburg) im November 2016


(Foto: Daniela Ludewig-Göckler)

Was ist sinnvoll - und was nicht?

Was bedeutet das nun für die Situation mit eher kirchenfremden Musikerinnen und Musikern? Vom Dirigenten eines Musikvereins oder Akkordeonorchesters ist es nicht zu verlangen, dass er diese theologischen Hintergründe durchdringt, wenn selbst gestandene Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker diese oft nicht verinnerlicht haben. Trotzdem wird man bei dieser Frage nicht weiterkommen, wenn nicht zumindest der Versuch unternommen wird, diese musiktheologische Ebene mit allen Beteiligten konkret in den Blick zu nehmen.

Die wichtigste Eigenschaft, die in diesem Zusammenhang notwendig ist, ist die Bereitschaft zur Kommunikation auf allen Seiten. Das wird sicher manchmal zeitraubend und schwierig sein und die Frage stellt sich, wer das leisten kann. Aber die Vermittlung der speziellen Situation beim Musizieren im kirchlichen Kontext ist unerlässlich und muss mit großer Sorgfalt, viel Fingerspitzengefühl und Geduld geschehen. Dabei muss die Kommunikation zwischen den kirchlich Verantwortlichen und den Musizierenden schon sehr früh beginnen. Bereits der Anlass des Musizierens sollte, wenn er nicht unverrückbar feststeht, gut und passend gewählt werden.

Die Auswahl der Musik bedarf oft ebenfalls einer gewissen Beratung von kirchlicher Seite. Auch hier ist große Sensibilität gefragt. Zunächst muss gemeinsam das Angemessene mit Blick auf Zeit und Ort, die Möglichkeiten der Feiernden bzw. Zuhörenden, die Möglichkeiten und das Repertoire der Musikerinnen und Musiker etc. ausgewählt werden. In dieser sicher schwierigen Phase sollten möglichst viele Argumente für oder gegen ein Musikstück auf den Tisch kommen. Allerdings führen rationale Argumente nicht immer zwingend zu einem produktiven Ergebnis, denn meistens lassen sich sowohl für als auch gegen eine Tatsache mehr oder weniger überzeugende Argumentationsketten aufbauen, die sich dann gegenseitig aufheben. Ein weiteres Problem liegt darin, dass viele Argumente zu sehr im Rationalen verharren und in der späteren realen Situation keine Gestalt annehmen. Es lohnt sich also, die zu erwartende Wirkung möglichst genau zu antizipieren.

Die musiktheologische Ebene mit allen Beteiligten in den Blick nehmen

Bereitschaft zur Kommunikation auf allen Seiten vonnöten

Die Auswahl der Musik bedarf einer Beratung von kirchlicher Seite

Zeit und Ort, die Möglichkeiten der Feiernden bzw. Zuhörenden, die Möglichkeiten und das Repertoire der Musikerinnen und Musiker etc. ausgewählt werden. In dieser sicher schwierigen Phase sollten möglichst viele Argumente für oder gegen ein Musikstück auf den Tisch kommen. Allerdings führen rationale Argumente nicht immer zwingend zu einem produktiven Ergebnis, denn meistens lassen sich sowohl für als auch gegen eine Tatsache mehr oder weniger überzeugende Argumentationsketten aufbauen, die sich dann gegenseitig aufheben. Ein weiteres Problem liegt darin, dass viele Argumente zu sehr im Rationalen verharren und in der späteren realen Situation keine Gestalt annehmen. Es lohnt sich also, die zu erwartende Wirkung möglichst genau zu antizipieren.

Großes Augenmerk sollte in diesem Zusammenhang auch auf den gesamten dramaturgischen Spannungsbogen des Gottesdienstes oder des Konzerts gelegt werden. Dazu gehört auch, nur eine sinnvolle Anzahl an Elementen zuzulassen, denn meistens sind Gottesdienste oder Konzerte mit Beteiligung unterschiedlicher Akteure zu langatmig. Auch die Anordnung der verschiedenen Elemente ist eine kunstvolle Angelegenheit. Dabei entscheidet sich letztlich, ob die Kooperation gelingt, denn es ist grundsätzlich zu vermeiden, dass es zu einem Nebeneinander der Akteure kommt. Es ist die große Aufgabe der kirchlich Verantwortlichen, die Musik in das transzendente Geschehen des Gottesdienstes oder des Konzertes einzubinden und den Boden für ein aufmerksames Musizieren zu bereiten.

Wenn es konkret wird, müssen die Rahmenbedingungen des Musizierens in den Blick genommen werden: Wie sind die räumlichen Gegebenheiten? Wo werden die Musiker platziert? Wie, wann und wo treten sie auf? Das Bewusstmachen dieser elementaren Fragen schärft das Verständnis, dass die Kirche kein Ort wie jeder andere ist, auch wenn in einem Konzerthaus dieselben Entscheidungen getroffen werden müssen.

Ein entscheidender Faktor ist insbesondere in Gottesdiensten das Verhalten in den Musizierpausen. Auf einer unbeobachteten Empore entwickeln sich bisweilen bizarre Formen der Pausengestaltung, oft unter dem Deckmantel einer scheinbaren musikalischen Notwendigkeit. Aktive Teilnahme kann man zwar nicht verordnen, aber das Bewusstsein muss dennoch geschärft werden, dass alle Beteiligten immer Teil eines größeren Ganzen sind, von dem man auch in den Musizierpausen nicht suspendiert ist. Enorm wichtig ist dabei das Vorbild des Leiters einer Gruppe. Hält er die Spannung nicht aufrecht, hat das Ensemble kaum eine Chance, im Spannungsbogen des Gottesdienstes oder des Konzerts zu bleiben.

Der Lackmustest in dieser Frage ist dabei immer der Übergang vom Musizieren ins Nicht-Musizieren und umgekehrt. Fällt der Spannungsbogen abrupt ab oder wird er sorgfältig zum nächsten Akteur weitergereicht? Auch beim Wiedereinsetzen gelten dieselben Regeln. Braucht man dramaturgisch ungebührlich viel Zeit für das Technische (Aufstellung, Vorbereitung des Musizierens, Stimmen, Tonangabe etc.) oder gelingt auch hier ein lückenloser Übergang von einem Akteur zum nächsten?

Rationale Argumente führen nicht immer zu einem produktiven Ergebnis

Der dramaturgische Spannungsbogen des Gottesdienstes oder Konzerts

Ein Nebeneinander der Akteure ist zu vermeiden

Problem Musizierpause

Der Übergang vom Musizieren zum Nicht-Musizieren

Offenheit für das Transzendente

Der größte Unterschied zum Musizieren in weltlichen Kontexten liegt wohl in der Offenheit für das Transzendente. Die Darbietung endet nicht bei den Ausführenden oder dem Komponisten. Es ist immer noch etwas Größeres, Göttliches, Transzendentes mit im Blick. Das wird besonders beim Applaus relevant. Manche würden den Applaus in der Kirche gerne gänzlich verbieten. Das wäre aber zu einfach. Natürlich könnte keine Musik erklingen, wenn nicht jeweils konkrete Musikerinnen und Musiker die Musik konkreter Komponistinnen und Komponisten zum Klingen bringen würden. Selbstverständlich kommt es auf deren individuelle Fähigkeiten an. Ihnen gebührt - wie auch im weltlichen Kontext - Dank. Diese Form der Bedankung ist in unserem Kulturkreis der Applaus, daran führt kein Weg vorbei. Zudem würde dem Publikum auch eine Reaktionsmöglichkeit genommen werden, wenn es sich nicht in irgendeiner Form zur Musik äußern dürfte. Dennoch sollte ein Applaus im Rahmen eines geistlichen Konzerts oder eines Gottesdienstes eine etwas andere Bedeutung haben als im weltlichen Kontext. Auch hier kommt es wohl am meisten auf die Ausführenden an, die den Applaus entgegen nehmen. Auch wenn äußerlich alles so aussieht und abläuft wie bei einem gewöhnlichen Applaus, so spürt man intuitiv, ob die Mitwirkenden den Applaus nur für sich verbuchen oder ob sie ihr Musizieren in einen größeren Zusammenhang stellen.

Ehrung für den Schutzpatron der Jäger. Hubertusmesse in der St. Sebastian-Kirche Ketsch (Baden) mit den Bläsern der Jägervereinigung Mannheim


(Foto: Petra Schmidt-Frey)

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht primär um die eben aufgezählten, bisweilen etwas kleinlichen Details. Sie sind nur das Mittel auf dem Weg, das Musizieren in den kirchlichen Kontext einzubinden. Entscheidend ist die daraus resultierende Art des Musizierens in einem Gottesdienst oder in einem Kirchenkonzert. Denn darin besteht eine außergewöhnliche Chance zur Integration kirchenferner Menschen. Im besten Fall führt sie dazu, dass nicht-kirchlich geprägte Musikerinnen und Musiker beim Musizieren im kirchlichen Raum ganz nebenbei eine Ahnung von Transzendenz erfahren. Das ist eine großartige und unaufdringliche sowie letztlich nachhaltige Form der Verkündigung, die in einer säkularen Gesellschaft Spuren hinterlassen kann.

Es gibt etwas Größeres als die Darbietenden und die Komponisten

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