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DIE DIGITALISIERUNG DER GESUNDHEIT UND IHRE NEBENWIRKUNGEN


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 31.03.2021

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Bildquelle: Hohe Luft kompakt, Ausgabe 2/2021

Die Digitalisierung hält die Gesellschaft auf Trab: Was genau soll wie digitalisiert werden? Wer soll wie durch die Digitalisierung unterstützt werden? Die Philosophie ordnet diese Fragen als Folgefragen der technischen Klärung von Digitalisierung ein. Allen voran beschreibt der Publizist Evgeny Morozov die Ideologie des »Solutionismus« als Philosophie der Digitalisierung.

Morozov zufolge liegt dem Solutionismus ein einfaches Schema zugrunde: Die (analoge) Welt wird – mit dem Lösungsangebot der Digitalisierung im Hinterkopf – in einzelnen Aspekten als problematisch oder defizitär beobachtet. Davon ausgehend erscheinen bestimmte digitale Techniken als Lösungen. Eine digitalisierte zukünftige Welt lockt angesichts der als defizitär beobachteten relativ analogen Gegenwart.

Wenn dieser solutionistischen Beobachtungsperspektive eine solch große Bedeutung für die Transformation der Gesellschaft zukommt, ...

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... wird es umso relevanter, sie auf ihre blinden Flecken hin zu reflektieren. Keine Beobachtung ohne blinden Fleck. Das hat der Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster (1911– 2002) unnachahmlich gezeigt.

ÜBER DEN ÜBER- UND DEN UNTERBAU DER GESELLSCHAFT

Die Unterscheidung zwischen manifesten und latenten Funktionen sozialer Strukturen hat in der Soziologie eine lange Tradition. Bei der Untersuchung der Beziehung zwischen Arzt und Patient fallen Soziologen deswegen nicht nur manifeste Funktionen wie die der Heilung auf, sondern auch latente Funktionen.

Talcott Parsons (1902–1979) benennt eine solche latente Funktion beispielsweise in der Wiederherstellung von Arbeitskraft für die Wirtschaft. Wo der Solutionismus einzelne manifeste Funktionen problematisiert, weiß die Soziologie spätestens seit Parsons darum, dass an gleicher Stelle latent schon eine Vielzahl anderer Probleme bearbeitet werden.

Niklas Luhmann (1927–1998) erweitert diesen Latenzbegriff. Ihm zufolge zeichnen sich soziale Systeme gerade dadurch aus, dass sie über sich selbst nur bruchstückhaft verfügen und vieles weder ihrem Beobachten noch ihrem Kommunizieren verfügbar ist. Sosehr diese Latenzen auf bloße Unkenntnis oder die Unmöglichkeit des Wissens zurückführbar sind, sosehr können sie auch die Funktion haben, andere Strukturen zu schützen.

Patient und Angehörige können sich darauf verlassen, dass die Ärztin die moralische Komplexität der Situation des Patienten berücksichtigt, ohne dass sie sich zu offensichtlich in die Auseinandersetzungen der Familie einmischt. Die Latenz schützt die Struktur.

Die Studien von Michael Polanyi (1891–1976) zum impliziten Wissen gehen so weit, diesen Latenzschutz gar als Ermöglichungsfunktion manifester Funktionen zu beschreiben. Der Pianist hört in dem Moment auf, begeisternd Chopin zu spielen, in dem er mit seiner Aufmerksamkeit auf seine Fingerbewegungen zurückgeworfen wird und dafür das Publikum aus dem Blick verliert. Das Implizite befähigt also erst zum Expliziten. Die Latenz ermöglicht das Manifeste.

Ludwig Wittgenstein (1889–1951) geht noch einen Schritt weiter, indem er darstellt, dass sich das Phänomen der Ethik jeder Explizierung widersetzt und sich »nicht aussprechen läßt«. Moralisierungen im Stile von außen kommender Aufforderungen und Sanktionierungen disziplinieren in erster Linie. Wirkliche Ethik liegt und motiviert »in der Handlung selbst«. Deshalb hat Wittgenstein für den »Drang[s] des menschlichen Bewußtseins«, Ethik in Worte zu packen, zwar Hochachtung übrig, verspricht sich davon aber keine Erkenntnisse über Ethik.

Um diesen Zusammenhang mit Heinz von Foerster zu illustrieren: (Implizite) Ethik wird dort zu bloßer Moral, wo das Eindecken des Frühstückstischs mit einem kleinen, spitzen Obstmesser nach einer Vergesslichkeit des Gastgebers vom Gast scharf eingeklagt wird und so die Form eines »Du sollst« und einer »Geste der Pflicht« annimmt, anstatt aus dem Selbst-

verständnis der Gastfreundschaft und einer »Geste der Liebe« zu entspringen.

Dementsprechend zeichnet sich die Ethik ärztlicher Praxis dadurch aus, dass sie sich implizit ethisch durch komplexe Lagerungen manövriert. Ethische Entscheidungen werden unter dem impliziten Wissen um den Patienten und seinen Kontext getroffen. Parsons, Luhmann, Polanyi und Wittgenstein verweisen also darauf, dass das, was wir an Sozialität so schätzen und worauf wir uns verlassen, in hohem Maße einem impliziten und latenten Unterbau der Gesellschaft zu verdanken ist.

DIE VORAUSSETZUNGEN DES UNTERBAUS

Wo es Wittgenstein bei Andeutungen belässt, identifiziert Heinz von Foerster zwei zentrale Voraussetzungen für die Ausbildung impliziter Ethik.

Die eine Voraussetzung besteht in der Beantwortung der metaphysischen Frage, ob man sich als Mensch »außerhalb des Universums« oder als »Teil des Universums« verortet. Erst wenn man sich als Teil des Universums und ergo als entscheidend beobachtet, sind Reflexionen auf die Folgen von Entscheidungen möglich. Erst dann wandelt sich das Verhältnis zur Welt von einem monologischen Verhältnis, in dem über andere geurteilt und im Modus eines »Du sollst« operiert wird, zu einem dialogischen Verhältnis und einem Modus des »Ich soll«.

Als zweite Voraussetzung der Herausbildung impliziter Ethik führt von Foerster das Kriterium der Interaktivität beziehungsweise Dialogizität an. Erst die interaktive sprachliche Auseinandersetzung mit anderen ermöglicht eine Übernahme anderer Perspektiven und die Ausrichtung daran. Das Ich wird darauf aufmerksam, immer auch Du für das gegenüberliegende Du zu sein. Einen solchen Prozess der Verinnerlichung von Außenliegendem beschreibt auch Polanyi als Voraussetzung impliziten Wissens. So stoßen uns sowohl Polanyi als auch von Foerster auf die mediale Voraussetzung des impliziten und latenten Unterbaus der Gesellschaft.

Wenn die Digitalisierung aber als neue Medienepoche zu beschreiben ist und Medien die Ausbildung des Latenten und Impliziten bedingen, ist mit der Digitalisierung von einer Umformung dieses Unterbaus der Gesellschaft auszugehen. Die Digitalisierung im Zeichen des Solutionismus wird vor diesem Hintergrund anders verständlich: Orientiert an den Leistungsversprechen der Digitalisierung werden die manifesten Funktionen von Gesellschaft digital umgebaut. Auch wenn von Solutionisten häufig anders behauptet, können sich diese Umbauten jedoch nicht auf die manifesten Funktionen von Gesellschaft beschränken. Denn sie bekommen diese nur an ihren kommunikativen Bedingungen zu fassen, wie beispielsweise an der Ausgestaltung des Sprechzimmers.

Dabei führt der Medienwechsel ins Digitale einerseits dazu, dass unsere Wahrnehmung von Welt mit neuen Selektivitäten versehen wird. Der Arzt eignet sich die Perspektive des Patienten anders an, wenn er ihn durch eine telemedizinische Software im Blick hat, anstatt ihn und seine Familie im Behandlungszimmer stehen zu haben. Andererseits besticht die Digitalisierung gerade durch technische Lösungen, mit denen bestimmte funktionale Bezüge und Handlungsprogramme prämiert und aufgedrängt werden. In der telemedizinischen Patienten-Arzt-Kommunikation wird die Aufmerksamkeit des Arztes durch farbige Leuchten oder Zahlenwerte am Bildschirmrand auf die quantitative Auswertung seines Patientenkontakts gelenkt.

Vor diesem Hintergrund haben es die Unsicherheit der Therapie und die moralische Komplexität des Patienten schwerer, sich bei aller digital unterstützten Effizienzorientierung in den Vordergrund zu spielen. Ein implizites (ethisches) Abwägen und Manövrieren, das sich am Gegenüber statt an der Technik orientiert, wird zunehmend verunmöglicht.

EINE EXPLIZITE ETHIK DES IMPLIZITEN?

Wenn Luhmann es als eigentliche Leistung der Soziologie beschreibt, zur Aufklärung von Gesellschaft im Sinne des »Manifestmachen[s] von latenten Strukturen« beizutragen, dann ist in Zeiten der Digitalisierung diese Funktion der Soziologie von größerer Relevanz denn je. Denn der digitale Solutionismus hebt entlang seines jeweiligen Verständnisses einzelner (manifester) zu verbessernder Funktionen auch das damit verbundene Latente und Implizite aus den Angeln. Dazu hat er zumeist kein reflektiertes Verhältnis, ja, er kann ein solches kaum haben, sonst ließe sich ja nicht weiter (solutionistisch) digitalisieren.

Hiervon ausgehend läge der Schluss nahe, vor der Hochachtung für das Latente und Implizite in eine konservative Anti-Digitalisierungs-Haltung zu verfallen. Darum soll es uns hier nicht gehen. Denn dafür sind zu viele Probleme der Gesellschaft, und übrigens auch solche der ärztlichen Praxis, zu drückend und die Lösungsversprechen der Digitalisierung zu vielversprechend.

Stattdessen müssen Digitalisierungsbemühungen und der Solutionismus als deren tragende Philosophie lernen, den bestehenden Verhältnissen einen eigenen solutionistischen Modus zu unterstellen. Bei Digitalisierungsprozessen muss man versuchen zu verstehen, wo welche Probleme – häufig unbeobachtet – schon erfolgreich gelöst werden. Da sich Latentes und Implizites einem solchen Blick von außen prinzipiell entziehen, wird es für eine aufgeklärte Digitalisierung umso wichtiger, diese Lösungen und Strukturen vor Ort zu beobachten und sie nicht nur aus der Ferne weit entfernter Projektmanagement-Ebenen oder durch hoch abstrakte Excel-Sheets wahrzunehmen.

Es braucht in diesem Sinne eine explizite Ethik der impliziten Ethik und Latenz von Gesellschaft. Dann kann unter Umständen sogar mehr digitalisiert werden. Dann wird man aber auch in vielen Fällen gänzlich anders digitalisieren müssen, um wichtige Leistungen der Gesellschaft nicht mit ihrer Digitalisierung zu verspielen.

Als Lösungen werden sich dann komplementäre Verhältnisse anbieten, in denen beispielsweise Ärztin und Patient weiterhin in schwierigen Fällen den intimen Raum des Sprechzimmers zur Verfügung haben, Patienten zwischen den Kontakten mit dem Arzt oder bei einem kleineren Schnupfen aber besser zusätzlich über digitale Techniken betreut werden.

Ein aufgeklärter digitaler Solutionismus überschätzt seine Lösungsmöglichkeiten nicht; er unterschätzt sie aber auch nicht. Er muss mit (Selbst-)Aufklärung beginnen, wenn er die Mühlen der Digitalisierung in Gang bringen möchte. Und wo alle Aufklärung nicht hilft, muss am Ende immer noch Wittgensteins Diktum aus dem »Tractatus« gelten: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.« Oder besser übersetzt für das digitale Zeitalter: Was man nicht explizieren kann, das sollte man auch nicht digitalisieren. •

Maximilian Locher ist Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kulturtheorie und Management an der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Witten/Herdecke. Darüber hinaus ist er als Berater bei der Organisationsberatung Metaplan tätig.

Lektüre

Dirk Baecker

STUDIEN ZUR NÄCHSTEN GESELLSCHAFT

Suhrkamp Verlag, 2007 Dirk Baecker gelingt es, die Digitalisierung als Sinnüberschuss darzustellen, der die Strukturen der modernen Gesellschaft überfordert und einem Wandel hin zu einer »nächsten Gesellschaft« den Weg bereitet.

Heinz von Foerster

WISSEN UND GEWISSEN

Suhrkamp, 1993 Heinz von Foerster erklärt alle Menschen zu Metaphysikern und somit zu Entscheidern der unentscheidbaren Frage, ob man sich außerhalb des Universums oder als Teil des Universums situiert und damit in ein monologisches oder dialogisches Verhältnis zu seiner Umwelt findet.

Ludwig Wittgenstein

VORTRAG ÜBER ETHIK UND ANDERE KLEINE SCHRIFTEN

Suhrkamp, 1989

Wittgenstein setzt sich mit der Ethik auseinander. Er findet sie im Streben der Menschen wieder, etwas über Ethik zu sagen. Bei aller Hochachtung davor schreibt er diesem aber ein zwangsläufiges Scheitern zu. Denn Ethik sei »übernatürlich« und überfordere die Möglichkeiten unserer Sprache.