Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Die dunkelste Stunde der Republik


Logo von G Geschichte
G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 19.08.2022

BLICKPUNKT

Artikelbild für den Artikel "Die dunkelste Stunde der Republik" aus der Ausgabe 9/2022 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 9/2022

26. August 1972: Zur Eröffnungsfeier tragen die deutschen Ruderer, die 1968 in Mexiko Gold gewonnen haben, die olympische Fahne ins funkelnagelneue Münchner Stadion

Natürlich könnten sich die sechs Postbeamten fragen, warum die Athleten, die sie da im Morgengrauen über den Zaun zurück in das olympische Dorf klettern sehen, bei ihrem Ausflug ins Münchner Nachtleben große Sporttaschen dabeihatten. Andererseits: Seit Beginn der Spiele am 26. August 1972 ist es gang und gäbe, dass Sportlerinnen und Sportler sich am frühen Morgen nach der Disco wieder ins Dorf schleichen, gerade rechtzeitig, bevor Trainer und Betreuer ihre Abwesenheit bemerken. Wenn die Organisatoren unbedingt hätten verhindern wollen, dass jemand über den Zaun steigt, hätten sie ihn sicher auch höher gemacht als zwei Meter und die Pfosten oben nicht abgerundet. Die Postbeamten denken sich also nichts Böses und beginnen ihren Frühdienst im Olympiapostamt.

Es ist kurz nach 4 Uhr am 5. September 1972. Die kletternden Athleten sind in Wahrheit die acht Mitglieder eines palästinensischen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,19€statt 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von G Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Titelbild der Ausgabe 9/2022 von CHRONIK IM SEPTEMBER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
CHRONIK IM SEPTEMBER
Titelbild der Ausgabe 9/2022 von Showdown in Tombstone. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Showdown in Tombstone
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Liebe Leserin, lieber Leser,
Vorheriger Artikel
Liebe Leserin, lieber Leser,
CHRONIK IM SEPTEMBER
Nächster Artikel
CHRONIK IM SEPTEMBER
Mehr Lesetipps

... Terrorkommandos. Das sogenannte Olympia-Attentat nimmt seinen blutigen Lauf, ein Anschlag, dessen globale Wirkmächtigkeit aus heutiger Sicht nur vergleichbar ist mit jener des 11. September 2001 in den USA. In München tritt der internationale Terrorismus ins Bewusstsein der Menschen, als kollektive Live-Erfahrung. Im Fernsehen, das die Olympischen Spiele erstmals live in alle Winkel der Erde sendet, entfaltet sich das Unheil Stunde um Stunde vor den Augen der Welt.

München, 5. September 1972

Der grausame Anschlag, der zwölf unschuldige Menschen das Leben kostet, stürzt die eben noch so unbeschwerten Spiele von München in den Abgrund. Ausgerechnet jenes Großereignis, das die Deutschen nutzen wollten, um der Welt zu zeigen, dass sie den braunen Ungeist vertrieben haben. Dass sie kein uniformiertes, waffenstarrendes Volk mehr sind, das Olympia als martialisches Propagandaschauspiel missbraucht wie 1936 in Berlin. Die Jugend der Welt sollte in München das neue, demokratische, offene und vor allem friedliche Deutschland kennenlernen. Bis zu jenen Morgenstunden des 5. September hat das auch vortrefflich geklappt.

München feiert, das Publikum jubelt und bewundert die Architektur

Ganz München swingt, die Weltpresse ist voller Bewunderung für die lässigen Deutschen und ihre Spiele, für die Fairness des Publikums, das selbst DDR-Athleten herzlich beklatscht, für die atemraubende Stadionarchitektur des Günter Behnisch und das federleichte Design des Otl Aicher. »Die erste Goldmedaille für die Deutschen«, hat die Pariser Zeitung »L’Aurore« nach der farbenprächtigen Eröffnungsfeier getitelt. Auf »heitere Spiele« hatten die Väter der Spiele gehofft, der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und der deutsche Olympiachef Willi Daume. Für einen langen Moment ist dieser Traum wahr geworden, und doch entpuppt er sich nun als schrecklich naiv.

Der palästinensische Überfall auf die israelische Mannschaft weist zurück in die Finsternis vor 1945: Wieder sterben Juden auf deutschem Boden. Später stellt sich heraus, dass die olympischen Gastgeber mehr als zwei Dutzend Hinweise auf einen drohenden Anschlag ignoriert hatten und dass die Sicherheitskräfte unvorbereitet und nicht vernünftig ausgerüstet waren.

Das komplette Versagen von Polizei, Behörden und Politik wird das deutsch-israelische Verhältnis auf Jahre hinaus belasten.

Am frühen Morgen des 5. September rennen die acht Palästinenser die wenigen Meter vom Zaun in die Connollystraße, die nach dem amerikanischen Dreispringer James Connolly benannt ist, dem ersten Olympiasieger der Neuzeit. In Haus Nummer 31 sind verteilt auf mehrere Appartements 21 Mitglieder des israelischen Olympia-Teams einquartiert. Das Terrorkommando rennt zunächst ein Stockwerk zu weit nach oben und platzt in eine falsche Wohnung, in der Athleten aus Hongkong leben. Dann stürmt es zwei Wohnungen mit Israelis. Die Sportler leisten heftigen Widerstand.

Im Handgemenge erschießen die Palästinenser den Ringertrainer Moshe Weinberg und verletzen den Gewichtheber Yossef Romano schwer. Sie treiben neun Israelis im Zimmer des Fechttrainers Andrei Spitzer zusammen. Die Athleten werden gefesselt und müssen die folgenden Stunden auf zwei gegenüberliegenden Betten sitzen, stets bedroht von Terroristen mit Maschinengewehren. Den sterbenden Romano legen die Palästinenser zwischen die Geiseln auf den Boden; sein Todeskampf dauert mehrere Stunden. Alle Bitten, doch einen Arzt zu rufen, ignorieren die Geiselnehmer.

Ein deutscher Rechtsextremist hilft bei der Vorbereitung des Attentats

Sie werfen zwei Polizisten, die vor dem Haus auftauchen, mehrere Blätter zu. Darauf stehen die Namen von 328 Gesinnungsgenossen, deren Freilassung bis 9 Uhr sie fordern. Die Allermeisten sind in Israel inhaftierte Palästinenser. Außerdem auf der Liste: die deutsche Linksterroristin Ulrike Meinhof. Wie man heute weiß, führt diese Forderung insofern in die Irre, als es deutsche Rechtsextremisten waren, die das Attentat auf die Spiele von München vorbereiten halfen.

Willi Pohl, Mitglied der rechtsradikalen »Volksbefreiungsfront Deutschland«, kutschierte im Sommer 1972 wochenlang Abu Daoud durch die Lande – den Drahtzieher des Attentats. Pohls Rolle kam erst 40 Jahre später ans Tageslicht. Bis heute sind längst nicht alle Hintergründe des Anschlages bekannt. Noch immer liegen in Archiven gesperrte Akten. Kein Untersuchungsausschuss, nicht einmal eine Historikerkommission hat den Anschlag gründlich aufgearbeitet. Selbst ein würdiger Gedenkort im Münchner Olympiapark wurde erst nach 40 Jahren beschlossen – vermutlich, weil die Verantwortlichen von damals ihre törichten Fehler nicht auch noch zur Schau stellen wollten. Das deutsche Versagen endete nicht mit dem Tod der zwölf Opfer, es setzte sich noch lange fort.

Die Opfer von München

Die Attentäter ermorden elf israelische Sportler und Trainer sowie einen deutschen Polizeiobermeister (weiter auf Seite 10)

Am 5. September 1972 trifft sich der Krisenstab wenige hundert Meter entfernt vom Ort der Geiselnahme. Bayerns Innenminister Bruno Merk übernimmt die Leitung, der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber ist sein wichtigster Ansprechpartner. Auch Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher redet mit. Den ganzen Tag herrscht ein großes Kommen und Gehen, was ein entschlossenes Krisenmanagement nicht gerade erleichtert. Immerhin gelingt es den Verantwortlichen, den Terroristen immer wieder neue Ultimaten abzuringen, ohne dass weitere Geiseln erschossen werden.

Die Attentäter sehen live im Fernsehen, wie die Polizisten in Stellung gehen

Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir hat den Deutschen am Morgen mitgeteilt, dass ihr Land keinen einzigen Palästinenser aus einem israelischen Gefängnis freilassen wird. Andernfalls, so Meir, wäre kein Jude auf der Welt mehr vor solcher Erpressung sicher. Der Krisenstab entwirft daraufhin Szenarien für eine Geiselbefreiung, stößt aber schnell an praktische Grenzen. Die Deutschen haben weder ausgebildete Scharfschützen noch Präzisionswaffen. Die Sache nimmt groteske Züge an: Als Polizisten in Trainingsanzügen auf den Dächern in Stellung gehen, können die Terroristen das live im Fernsehen verfolgen. Niemand hat den Kamerateams das Filmen verboten.

Am späten Nachmittag ändern die Geiselnehmer überraschend ihre Forderungen. Ihr Anführer Issa, der den Tag über mit den deutschen Verantwortlichen vor der Eingangstür verhandelt, das Gesicht geschwärzt und ein Pepita-Hütchen auf dem Kopf, verlangt nun, mit seinen Leuten und den Geiseln nach Ägypten ausgeflogen zu werden. Kurz zuvor hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die sportlichen Wettkämpfe unterbrochen. Immer heftiger waren die internationalen Proteste geworden, man könne doch nicht einfach weitermachen als wäre da nichts. Unterdessen verhandelt die Bundesregierung mit der ägyptischen Führung. Doch diese will die Terroristen nicht aufnehmen. »We do not get involved«, wird Bundeskanzler Willy Brandt beschieden. Damit ist klar: Die Geiselnahme muss auf deutschem Boden beendet werden.

Fürstenfeldbruck, 6. September

Mit zwei Hubschraubern fliegen Palästinenser und Geiseln um 22.35 Uhr aus dem olympischen Dorf zum Bundeswehr-Fliegerhorst nach Fürstenfeldbruck. Dort ist eine Stunde zuvor eine Lufthansa-Maschine gelandet, in der als Crew verkleidete Polizisten warten. Sie sollen, so der Plan, die Geiselnehmer beim Betreten der Maschine überwältigen. Doch den Beamten wird schnell klar, dass es sich um ein Himmelfahrtskommando handelt. Keiner von ihnen ist für solch einen riskanten Nahkampf ausgebildet. Die Polizisten verweigern den Befehl und steigen aus. Ihre Vorgesetzten zeigen dafür Verständnis.

Kaum sind die Hubschrauber in Fürstenfeldbruck gelandet, eskaliert die Lage. Issa und sein Stellvertreter Tony laufen zur Maschine – und finden sie leer vor. Sie wissen, sie sind in einer Falle gelandet. Auf ihrem Rückweg zu den Hubschraubern beginnt ein Feuergefecht mit der Polizei, das – mit Pausen – mehrere Stunden andauert. Bei den Sicherheitskräften läuft schief, was schieflaufen kann. Die Panzerfahrzeuge bleiben im Stau der Gaffer vor dem Fliegerhorst stecken. Die Scharfschützen sind schlecht postiert – auch, weil man bis zuletzt trotzig von weniger als acht Attentätern ausgegangen ist.

Eine Nacht lang kursiert die Meldung, alle Geiseln seien gerettet worden

Die Terroristen ermorden die neun Geiseln, die in den Hubschraubern aneinandergefesselt sind, mit Salven aus ihren Schnellfeuerwaffen und zünden auch eine Handgranate. Neben den Israelis stirbt im Tower der Polizist Anton Fliegerbauer. Zudem verbreitet sich in der Nacht die fatale Falschmeldung, dass alle Geiseln befreit wurden – erst am Morgen des 6. September erfährt die Welt die fürchterliche Wahrheit.

Auch fünf Terroristen werden in Fürstenfeldbruck getötet; drei weitere werden leicht verletzt festgenommen. Der Umgang mit ihnen lässt die deutsch-israelischen Beziehungen unter den Gefrierpunkt abkühlen. Nur 54 Tage nach ihrer Festnahme werden die drei überlebenden Palästinenser aus deutscher Haft freigepresst, als Gesinnungsgenossen eine Lufthansa-Maschine entführen. Das Terror-Trio wird nach Tripolis ausgeflogen, wo ihm Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi einen großen Empfang bereitet.

Vieles spricht heute dafür, dass dahinter ein heimlicher Deal der Bundesregierung mit der palästinensischen Führung steckte. Ein britischer Diplomat erklärte, die Deutschen hätten »vorab Kenntnis davon« gehabt, »dass etwas passieren würde«. Die Ausweisungsverfügungen für die drei Inhaftierten waren bereits eine Woche vor der Entführung erlassen worden. Die Deutschen, so die These, erkauften sich so die Zusage der Palästinenser, die Bundesrepublik vor weiteren Anschlägen zu verschonen.

Tel Aviv, Israel, 7. September

Die Sache mit dem Deal sei »wohl wahr«, erklärte später der Polizeioffizier Ulrich Wegener, der während des Anschlags Bundesinnenminister Genscher als Adjutant gedient hatte. Der Name Wegener steht für die einzige echte Konsequenz aus dem Olympia-Attentat: die Gründung der Antiterroreinheit GSG 9 (Grenzschutzgruppe 9), die dann im Oktober 1977 die Geiseln aus der von Palästinensern entführten Lufthansa-Maschine »Landshut« befreit.

Der Anschlag von München, die wahrscheinlich dunkelste Stunde in der Geschichte der Bundesrepublik, hat die Erinnerung an die »heiteren Spiele« belastet, aber nicht getilgt. Umso mehr wünschen sich die Hinterbliebenen der israelischen Opfer 50 Jahre danach, dass das Jahr 2022 in Deutschland nicht als Jubiläumsjahr begriffen wird. Sondern als Gedenkjahr.

Die Autoren des Artikels

Chefreporter Roman Deininger (re.) und Wirtschaftskorrespondent Uwe Ritzer (li.), beide Süddeutsche Zeitung, schrieben das hochgelobte Buch »Die Spiele des Jahrhunderts. Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland«. dtv 2021, 528 Seiten, € 25,–