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Die eigenen Eltern pflegen


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 22.07.2022

REPORT

Bis 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland auf 6 Millionen anwachsen, berichtet der aktuelle Pf legereport

Artikelbild für den Artikel "Die eigenen Eltern pflegen" aus der Ausgabe 30/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 30/2022

GEMEINSAM Experten raten, frühzeitig zu klären: Wie soll das Alter für alle aussehen?

Es ist eine wichtige, aber auch eine der schwierigsten Fragen in jeder Familie: Was passiert, wenn die eigenen Eltern alt und pf legebedürftig werden? Bevor diese Frage beantwortet wird, muss jeder wissen, was es bedeutet, einen Menschen zu Hause zu betreuen – oder ihn den Pflegekräften eines Heims anzuvertrauen. Radio-Bremen-Reporterin Lena Oldach zeigt in ihrer Doku „Wer pflegt Mama?“ (siehe TV-Tipp Seite 15), welche Wege es gibt und was sie für beide Generationen bedeuten.

Mit ihrer Hilfe bekam HÖRZU Einblick in das Leben von Familien, die Angehörige selbst versorgen, und traf eine Frau, die mit dieser Aufgabe überfordert war. Oldachs wichtigste Erkenntnis: Es lohnt sich sehr, rechtzeitig über die unbequemen Fragen zu sprechen. Was erwarten Eltern von ihren Kindern? ...

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... Was dürfen sie fordern? Und was können die erwachsenen Kinder überhaupt leisten?

Über 70 Prozent aller Pf legenden sind Frauen

Vier von fünf Pf legebedürftigen werden in Deutschland von Angehörigen zu Hause versorgt. Zu dieser Gruppe von insgesamt 3,3 Millionen Menschen gehört Renate Walczak aus Waltrop bei Dortmund (siehe Fotos nächste Seite). Ihre Tochter Sandra Dreischoff hat sie vor vier Jahren zu sich geholt, als die Demenz ein Leben allein unmöglich machte. Seitdem ist es, als hätte Sandra in ihrem eigenen Leben eine Stopptaste gedrückt. Es gibt kein arbeitsfreies Wochenende, keine spontanen Besuche bei Freunden, keinen Feierabend und nur 14 Tage Urlaub im Jahr für sie und ihren Mann. Unter der Woche wird Mutter Renate von morgens bis mittags in einer Tagespf lege betreut, um den Rest kümmert sich die 52-Jährige. Und der Rest ist viel.

WAS ERWARTET EINE MUTTER HEUTE?

In der ARD-Dokumentation „Wer pflegt Mama?“ stellt die Reporterin Lena Oldach (38) ihrer Mutter Christiane Henze (65) unbequeme Fragen: Wie möchtest du im Alter leben? Was erwartest du von mir? Wer soll dich pflegen, falls es nötig wird?

Meine Mutter ist bereit, in ein Heim zu gehen. Anders als erwartet erleichtert mich diese Aussage nicht.“

Lena Oldach, Radio-Bremen-Reporterin

Wickeln, waschen, trösten, motivieren, gemeinsam schweigen, erzählen, erklären, kochen, anziehen, Medikamente dosieren, für gute Stimmung sorgen, Mut machen, lächeln, streicheln, jede Treppe gemeinsam erklimmen, niemals aufgeben, geduldig bleiben, die Lieblingsmusik im richtigen Moment anstellen, Küsschen geben,vorlesen, ins Bett bringen mit dem geliebten Ritual, über Dinge lachen können, bei denen anderen eher nach Heulen wäre. „Früher waren wir beste Freundinnen. Zu erkennen, dass es jetzt nur noch bergab geht mit meiner Mutter, war verdammt schwierig“, sagt Dreischoff. „Aber ich bringe es nicht übers Herz, sie ins Heim zu geben.“ Sandra Dreischoff hat einen Wochenend-Crashkurs in Sachen Pflege belegt und sich über YouTube-Videos Tipps geholt, etwa wie man am schnellsten und besten Kompressionsstrümpfe anzieht.

Tochter Sandra mit Mutter Renate

Nur zwei Wochen im Jahr gibt Sandra Dreischoff ihre Mutter in Kurzzeitpflege, um selber Urlaub zu machen. „Wonach ich mich sehne? An einem verregneten Sonntag einfach auf dem Sofa zu liegen“, sagt sie.

Wenn die Eltern zum Kind werden

Neben der körperlichen Belastung ist eine der größten Herausforderungen der Rollentausch. „Damit muss man sich auseinandersetzen, die eigene einst starke Mutter bedürftig wie ein Kind zu erleben“, sagt Dreischoff. Dr. Klaus Pfeiffer, Psychologe am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus, weiß, dass das für beide Seiten schwer ist: „Auch Eltern, die Hilfe brauchen, aber nicht zur Last fallen wollen, haben Schwierigkeiten, diese anzunehmen. Wichtig ist, dass beide Seiten darüber sprechen.“

Für viele kommt der Tag der Entscheidung kurzfristig mit einem Anruf aus dem Krankenhaus, etwa nach einem Bruch oder Schlaganfall. „Wo soll Ihre Mutter / Ihr Vater nun leben?“, heißt es vor der Entlassung.Reporterin Lena Oldach hat sich für den Fall der Fälle diese Frage gemeinsam mit ihrer Mutter gestellt, die mit 65 Jahren derzeit noch fit ist. „Wir wollen vorbereitet sein“, sagt Oldach. „Meine Mutter hat selbst ihre Eltern gepflegt und war sicher, dass sie dafür stark genug ist. Doch irgendwann war sie so ausgebrannt, dass sie aufgeben musste. Sie hat es nicht mehr geschafft.“ Sicher auch ein Grund, warum Christiane Henze dies nicht von ihrer Tochter Lena Oldach erwartet. Sie würde in ein Heim ziehen, wenn es an der Zeit wäre. „Anders als erwartet erleichtert mich ihre Aussage in keiner Weise“, sagt Oldach und spürt, dass ihr der Gedanke missfällt, ihre Mutter in fremde Hände zu geben.“ Gleichzeitig überfällt sie die Angst, das eigene Leben mit ihrer Tochter nicht mehr so führen zu können, wie sie es möchte.

„Es bleibt ein Thema ohne Wohlfühlfaktor“, sagt Oldach. „Der Staat setzt darauf, dass die Bürger die Pflege zu Hause bewältigen.“ In über 70 Prozent der Fälle übernehmen das immer noch Frauen: Töchter, Schwiegertöchter, Schwestern, Nichten. Das rächt sich später auch finanziell bei der Rente.

Je besser die Beziehung zu den Eltern ist, umso eher hält der Pflegende die Belastung aus. Geduld, Kraft und Durchsetzungsvermögen bei Ämtern braucht man in jedem Fall.“

Dr. Klaus Pfeiffer, Psychologe

Es kann sein, dass ich meine Mutter noch zehn bis 15 Jahre pflege. Da bin ich selber in Rente. Das macht mir Angst.“

Sandra Dreischoff, pflegt ihre Mutter

Aber wie soll es eine Lösung aus diesem Dilemma geben? Die Wartelisten in Pf legeheimen sind lang, die häusliche Pflege ist für Angehörige kräftezehrend – oder garunmöglich, wenn Kinder und Eltern Hunderte Kilometer voneinander entfernt leben. Mobile Pf legedienste zur Unterstützung können für viele eine Lösung sein, aber auch hier gibt es zu wenig Angebote. „Trotzdem bleibt uns nichts übrig, als uns mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Lena Oldach. „Es geht jeden an, der Eltern hat.“

„Mut haben, um Hilfe zu bitten“

Wer Angehörige pflegt, wird immer wieder Phasen der Überlastung erleben. Wie schafft man es, sich dann abzugrenzen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Dr. Pfeiffer: „Man muss sich immer wieder klarmachen: Was passiert, wenn ich so weitermache? Dann breche ich zusammen. Hilfreich sind Gespräche mit der Verwandtschaft: Wer kann welche Aufgabe übernehmen?“ Zudem helfe es sehr, sich intensiv mit der Krankheit auseinanderzusetzen. „Bei Diagnosen wie Demenz entwickelt man mehr Verständnis für die Person“, so Pfeiffer. „Wenn es Aggressionen gibt, sind die nicht böswillig, sondern gehören leider dazu.“

Sandra Dreischoff hat sich einer Online-Selbsthilfegruppe angeschlossen. „Das tut mir sehr gut“, sagt sie. „Schwierig ist es immer, wenn ein Angehöriger gestorben ist. Dann sagen wir: Der Verstorbene ist nun frei und schaut voller Liebe und Stolz auf dich zurück.“

MIRJA HALBIG

Tipps von Experten

Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe

Pflegestützpunkte Bei der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) gibt es die Möglichkeit, kostenlos nach örtlichen Beratungsstellen zu suchen: zqp.de/beratung-pflege Oder: pflegestuetzpunkte-deutschlandweit.de

Pflegetelefon Pflegende Angehörige können unter folgender Telefonnummer mit dem Expertenrat des Familienministeriums reden: 030/20 17 91 31 (Mo. bis Do. 9 bis 18 Uhr, E-Mail-Adresse: info@wege-zur-pflege.de)

Bürgertelefon Unter der Nummer 030/34 06 06 602 informiert das Gesundheitsministerium über rechtliche Bedingungen der Pflegeversicherung (Mo. bis Do. 8 bis 18 Uhr, Fr. 8 bis 12 Uhr)

Verbraucherzentrale Informationen gibt es unter: verbraucherzentrale.de/ wissen/gesundheit-pflege Dort lassen sich auch Broschüren bestellen

Pflegehilfe Der Verbund Pflegehilfe bietet kostenlose Beratung an unter 06131/49 32 039 (täglich 8 bis 20 Uhr).Mehr Infos: pflegehilfe.org

Selbsthilfe Adressen zu Angehörigenkreisen und Selbsthilfegruppen erfahren Sie etwa über nakos.de

Gesprächskreise Diese Option bieten in vielen Städten Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbände, Pflegedienste und auch Kirchen an

Rotes Kreuz Hier wird Beratung zur Pflegeversicherung angeboten – mit Vermittlung zum zuständigen Kreisverband. Mehr Infos: drk.de

Pflegeheime Ob eine Liste der Häuser oder Fragen rund um das barrierefreie Wohnen – folgende Homepage offeriert viele Infos: wohnen-im-alter.de

Wohnprojekte Ein Portal der Stiftung Trias präsentiert Projekte und bietet Beratung: wohnprojekte-portal.de