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DIE EIS-EILIGE


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.02.2020

Rasantes Tempo, packende Duelle, spektakuläre Stürze: Short Track ist die aufregendste Sportart auf Eis. Top-Athletin ANNA SEIDEL erklärt, wie Nervosität ihr dabei hilft, riskante Entscheidungen zu treffen - auf der Bahn und im Leben.


Artikelbild für den Artikel "DIE EIS-EILIGE" aus der Ausgabe 3/2020 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 3/2020

Born to skate: Schon im Alter von 15 Jahren debütierte Anna Seidel bei Olympia.


Fotos FELIX KRÜGER


„Ich brauche die Nervosität, um fokussiert und wachsam zu sein.“


Anna Seidel lernte, ihre Aufregung in eine Stärke zu verwandeln.

Wie eingefroren steht sie da. Die Augen weit aufgerissen, aus dem Mund kommen stoßweise Atemwölkchen, unter ihren Füßen befinden sich ...

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... rasiermesserscharfe Kufen. Genau wie bei ihren Gegnerinnen nebenan auf der Eisbahn. Kaum knallt die Startpistole, katapultieren sich Anna Seidel und ihre Konkurrentinnen mit schnellen Schritten über die Startlinie. Nur bis hierhin läuft jedes Rennen gleich, danach beginnt ein unvorhersehbares Spektakel - typisch für Anna Seidels Sportart Short Track oder, wie manche es nennen: NASCARRennen auf Eis. Wie die PS-Geschosse der US-Motorsportart kämpfen die Eisläufer auf einem Rundkurs um den Platz ganz vorn, nur eben auf Schlittschuhen statt mit Rennwagen. Mit bis zu 50 Stundenkilometern schießen die Kontrahenten um die Kurven des 111 Meter langen Rundkurses. Kufe an Kufe, Helm an Helm. Massencrashs sind eher die Regel als die Ausnahme. Nur wer sein Risiko am klügsten abwägt, kann gewinnen.

Weltweit taktieren wenige gerissener als Anna Seidel, 21, aus Dresden. Noch mit Zahnspange tritt sie 2014 im Alter von nur 15 Jahren in Sotschi bei ihren ersten Olympischen Spielen an. Es folgen zwei Bronzemedaillen bei Europameisterschaften, ab dem 13. März startet sie nun bei den Weltmeisterschaften in Seoul, Südkorea. Natürlich will sie auch dort Medaillen gewinnen. Weil sie ehrgeizig ist, aber auch weil sie Short Track in Deutschland noch bekannter machen will. Seit Sotschi sind ihr hier große Schritte gelungen. Dank Annas sportlichen Erfolgen und wegen ihrer selbstbewussten Auftritte in der Öffentlichkeit - zum Beispiel in den sozialen Medien. the red bulletin: Anna, dein Instagram- Name ist „Darkredgrape“. Was hat es denn auf sich mit dir und dunkelroten Weintrauben? anna seidel: Ich liebe sie einfach! Ich hab ja früh mit Instagram begonnen, dennoch war „Anna Seidel“ bereits vergeben. Nun bin ich nicht der Typ, der sich „AnnaSeidel13“ nennt. Deswegen habe ich „Darkredgrape“ ausprobiert. War frei, super. Irgendwann wollte ich zu meinem Namen zurück, aber da hatte sich Darkredgrape schon durchgesetzt.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte dein Account auch der einer Schauspielerin oder eines Models sein.
Es war die Fotografie, die mich anfangs für Instagram begeisterte. Gleichzeitig lege ich aber Wert darauf, dass ich mehr kann als bloß fotografieren. Ich bin Leistungssportlerin, darum verbringe ich mittlerweile auch etwas weniger Zeit auf Instagram. Die Entwicklung mit der vielen Werbung und den Influencern ist nicht so mein Ding. Mein Antrieb ist es, meine Sportart bekannter zu machen.

Short Track kennen noch nicht alle. Was macht deinen Sport aus? Es ist ähnlich wie Eisschnelllauf … … das hätte ich aber jetzt nicht sagen dürfen, oder?
Nein, auf keinen Fall, aber ich als Short- Trackerin darf das. Anders kriegt man es auch schwer vermittelt. Eisschnelllauf kennen nun mal die meisten, beim Short Track geht es nicht gegen die Uhr, sondern direkt gegen die Konkurrenten. Man muss also taktisch richtig viel auf der Kette haben. Und es geht natürlich mit höheren Risiken einher.

Kufe an Kufe: Anna Seidel (re.) hält eine Verfolgerin auf Distanz.


Hätte ein Eisschnellläufer eine Chance gegen dich im Short Track?
Haha, null! Die fliegen meistens aus der Kurve! Der Radius ist bei uns viel enger. Lustigist es immer früh in der Saison. Da habendie kleinen Bahnen oft schon Eis, die großen noch nicht. Also sieht man die Eisschnellläufer manchmal bei uns trainieren, und das sieht schon wackelig aus. Short Track ist schneller und härter. Es ist auch hoch spezialisiert.

Ein Sportlerleben lang auf dem linken Bein um die schärfste Kurve, die man sich vorstellen kann?
sich vorstellen kann? Ja, meine Hüfte ist etwas schief, und linkes Knie und Bein sind stärker.

Kann man das sehen?
Nein, aber messen. Mit Links springe ich auch höher.

Nach deinem Olympia-Debüt in Sotschi 2014 hast du die Gefährlichkeit deines Sports zu spüren bekommen. Nach einem schwerem Sturz lautete die Horror-Nachricht: Wirbelbruch. Wenn einem so früh das Karriereende droht, wie kommt man damit klar?
Das war eine schwere Zeit, doch sie ging recht schnell vorbei. Ich hatte das Glück, dass mich mein Umfeld aufgefangen hat.

ANNAS TIPPS FÜR VEGANE POWER

Immer mehr Spitzensportler verzichten auf tierische Produkte, so auch Anna Seidel. Hier gibt sie fünf Ratschläge für Anfänger:

1. Wer noch zweifelt: Ich habe auf Netflix den Film „What the Health“ geguckt. Der hat mir die Augen geöffnet, was Fleischproduktion bedeutet - für die Tiere, für die Umwelt, für den eigenen Körper. Da fällt einem der Start leichter.

2. Genug Protein aufnehmen: Das ist das Wichtigste und auch das, worüber Omis (und Trainer) sich am meisten sorgen. Ich mache das mit Hülsenfrüchten - Bohnen und Kichererbsen zum Beispiel. Oder trinke nach hartem Training mal einen Proteinshake.

3. Nahrungsergänzungsmittel nutzen: Ich supplementiere Vitamin B¹². Das sollten Veganer definitiv machen, aber auch Fleischesser profitieren davon. Denn viele Nahrungsmittel sind industriell so stark verändert, dass der Körper das Vitamin kaum noch extrahieren kann.

4. Abwechslung ist der Trick: Wer immer das Gleiche isst, sitzt oft einem Missverständnis auf - nämlich dass er das Fleisch vermisst. Das ist Quatsch, man hat nur noch nicht genug leckere fleischlose Rezepte entdeckt.

5. Langsam anfangen: Keiner zwingt einen, von einem Tag auf den anderen radikal den eigenen Lifestyle über den Haufen zu werfen. Fangt langsam an, mit kleinen Portionen. Ich zum Beispiel bin noch weit von einem komplett veganen Leben entfernt, aber ich nähere mich dem an - so wie viele Menschen meiner Generation.

Fernziel im Blick: Bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 will Anna Seidel noch einmal angreifen. 49


Immer voll entspannt: Yoga und Meditation helfen Anna Seidel beim Abschalten.


Styling TOMISLAV BLAIC/ NINA KLEIN AGENCY Make-up & Haare KRISTINA GRIFFATO/ NINA KLEIN AGENCY Skinsuit LYCOTEX

Hast du gleich bemerkt, dass etwas kaputtgegangen war?
Gar nicht. Es hat wehgetan, klar, aber ich bin noch allein in die Kabine gehumpelt. Im Krankenhaus wurde es dann relativ schnell ernst. Und Metall in den Rücken geschraubt zu bekommen - das ist echt nicht schön. Da wird einem dann klar, wie ernst die Situation ist.

Du musstest wochenlang pausieren. Wann ging es wieder bergauf
Es hat sehr geholfen, wieder Kufen unter den Füßen zu haben. Mit einer Psychologin lernte ich wieder, einfach zu laufen und nicht mehr an den Unfall zu denken.

Gehst du seither anders mit dem Risiko deines Sports um?
Bewusster, klar. Wichtig war eine Erfahrung, die man in einer solchen Situation zwangsläufig macht - auch wenn es wie ein Klischee klingt: What doesn’t kill you, makes you stronger. Und man lernt seine Gesundheit noch mehr zu schätzen.

Deine zweiten Olympischen Spiele wurden zu einer herben Enttäuschung: Du bist zweimal gestürzt.
Dabei war es im Training so gut gelaufen! Aber ich konnte nichts davon zeigen, gar nichts. Das war bitter.

Kann man analysieren, was schiefgelaufen ist, wenn die Kufe wegrutscht und Monate Vorbereitung kaputt sind?
Die Frage ist, warum einem die Kufe wegrutscht. War es Nervosität, muss man an sich arbeiten. War das Eis schmutzig, ist es Schicksal. Es war eine Kombination aus beidem. 2014 war mein Motto: Dabei sein ist alles. 2018 war das nicht mehr so. Ich war zu verkrampft.

Vielleicht, weil zehnmal so viele Kameras auf dich gerichtet waren.
Kameras waren 2014 auch genug da. Die Erwartungen waren zehnmal so hoch.

Beim Short Track darfst du nicht zu lange zögern; wenn du eine Lücke siehst, musst du deine Chance nutzen und auch mal Risiken eingehen. Klingt ein bisschen wie das wahre Leben.

Das ist ein sehr schöner Vergleich. Wie im wahren Leben muss man aber auch immer darauf achten, dass man nicht überdreht, zu viel Risiko nimmt und dann aus der Kurve knallt. Gleichzeitig darf man nicht zu viel Angst haben - ein Balanceakt.


„Wie im wahren Leben musst du auf dem Eis darauf achten, nicht zu viel Risiko einzugehen - es ist ein Balanceakt.“


Bist du privat so wie auf dem Eis?
Ich will jedenfalls nicht zögerlich sein, sondern mit meinem Leben etwas anstellen, meine Chancen nutzen - auch nach der aktiven Karriere.

Jetzt bist du 21 und schon sechs Jahre Profi. Hast du dich sehr verändert?
Im Kern bin ich die alte Anna. Ich habe noch immer diesen Killerinstinkt, aber inzwischen kann ich etwas entspannter mit gewissen Situationen umgehen. Ich bin nicht mehr so nervös wie früher.

Wie hast du diese Nervosität in den Griff bekommen?
Man trainiert ja immer noch mehr und noch mehr. Ich bin körperlich also viel stärker geworden, das hilft auch mental.

Auf deiner Website gibt’s einen Fragebogen, bei manchen deiner Antworten wird man stutzig. Bei der Auswahl „Geduldsprofi vs. Nervenbündel“ hast du „Nervenbündel“ angekreuzt.
Ich brauche die Nervosität durchaus, um fokussiert und wachsam zu sein. Ich habe das auch deswegen angekreuzt, weil ich privat nicht gerade der geduldigste Mensch bin. Sagen wir so: Ich bin ein richtig gutes Nervenbündel.

Super Antwort, wenn man mal im Stress ist: „Ich bin ein Nervenbündel, aber ein gutes Nervenbündel.“
Wenn ich nicht aufgeregt bin, bin ich auch gar nicht richtig da.

Das nächste Kreuz bei „Glas halb voll vs. halb leer“. Hier hast du „halb leer“ gewählt. Mir wäre fast mein halb volles Glas umgekippt.
Ich halte mich nicht für die Größte, vielmehr habe ich mich selbst immer etwas kleiner gemacht. Wahrscheinlich, um die Erwartungen runterzuschrauben. Ein bisschen mehr Optimismus täte mir aber gut. Da arbeite ich gerade hart dran.

Was ist dein Mental-Werkzeug ?
Bei mir ist’s eine Mischung aus Ablenkung und Lernen. Mir sind Freunde außerhalb des Sports wichtig, mit denen man über ganz andere Dinge spricht. Und dann bin ich recht tief in diesem Meditations- und Yoga-Ding drin. Macht Spaß, und ich lerne viel über mich.

Du bist nun 21 und arbeitest auf deine dritten Spiele hin. Wann haben Short- Tracker ihren Leistungshöhepunkt?
Bei Frauen zwischen 20 und 25. Bei Männern kommt der Peak etwas später.

Warum sind die Karrieren so kurz?
Short Track geht brutal auf die Knochen. Viele bekommen Probleme mit Knie, Rücken oder Hüfte. Dann kannst du nicht mehr im nötigen Umfang trainieren.

Du ernährst dich seit kurzem vegan. Waren deine Trainer irritiert?
Teils, teils. Ich habe schon Sachen gehört wie „Du schon wieder mit deinen Ideen!“. Aber dann habe ich meine Trainingsleistungen steigern können, seitdem höre ich eigentlich nichts mehr. War wohl die beste Antwort. Ich schlafe nun auch viel besser und bin viel vitaler.

Ist dein Rücken nach der Verletzung dein Schwachpunkt?
Ja, und er wird es immer bleiben. Mit Physio und Mobilisierung kann ich vieles machen, aber der Rücken ist sicher nicht böse, wenn ich meine aktive Karriere irgendwann beende.

Werden die Olympischen Spiele in Peking 2022 deine letzten sein?
Ich möchte jedenfalls noch viele andere Dinge probieren in meinem Leben, und für die brauche ich einen geraden Rücken und auch noch etwas Zeit. Zu 90 Prozent werde ich aufhören.

Ist diese Entscheidung befreiend für dich?
Ehrlich gesagt, ja. Ich kann nun diese zweieinhalb Jahre sehr strategisch angehen, noch mal alles reingeben. Ich gehe auch ganz befreit in die Halle und habe mehr Spaß. Selbst wenn es in Peking mit einer Medaille nicht klappt, ist es ja nicht so, als hätte sich das alles nicht gelohnt. Es war eine richtige tolle Zeit.


RICHARD WALCH/RED BULL CONTENT POOL