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Die eiserne Lady


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 06.03.2018

Sie wollte niemals Hausfrau werden. Stattdessen wurde Jackie Kennedy Amerikas erster Superstar der Moderne. Ein Mysterium.


AUS SPIEGEL REPORTER 1/2001

Das Beste, was ihr passieren konnte, war der Tod ihres Mannes. Der zugleich der mächtigste Mann auf Erden war, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht, weil er sie mit wirklich jeder Frau betrog (darunter Marilyn Monroe und Jackies Schwester). Nicht, weil er sie nicht liebte. Nicht, weil er sie allein ließ, nachdem sie von einem toten Mädchen entbunden worden war.

Sondern weil der tödliche Schuss am 22. November 1963 ihren eigenen Mythos ...

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... gebar: Er machte Jackie Kennedy zur berühmtesten Witwe aller Zeiten. Zu einem Superstar, noch bevor Amerika das Wort überhaupt erfunden hatte.

Das Schicksal sponn sie in einen Kokon des Mysteriösen, niemand wurde mehr aus ihr schlau: Sie schien nicht von dieser Welt, schwebte madonnengleich über dem Boden, dann wieder blickte sie höchst praktisch auf die Dinge. Sie entzog sich allen Deutungen ihrer Tränen, floh vor den Paparazzi, und trotzdem schmeichelte es ihr, beobachtet zu werden. Es konnte vorkommen, dass sie, die selbst zu alten Freunden plötzlich kühl wie Eis sein konnte, unvermittelt einen Reporter anrief und ihm Offenbarungen in den Block diktierte. Sie wurde ein Rätsel hinter dunklen Brillengläsern, groß wie die Augen einer Hornisse.

„Ich sah nach links, und da hörte ich diese schrecklichen Geräusche. Und mein Mann gab keinen einzigen Laut von sich“, sollte sie sich später an den Moment des Attentats erinnern. Drei Tage später erschien sie erstaunlich gefasst zur Beerdigung. Ihr Gesicht, verhüllt von einem dunklen Schleier, an der Hand ihre beiden Kinder Caroline und John: ein Triptychon der Tragik.


„Sie gab der Welt ein Beispiel dafür, wie man sich zu verhalten hat.“


Die Fernsehkameras hielten es fest, auch die Szene, in der sich die schöne, junge Witwe mit den leer geweinten Augen zum Sarg mit dem Sternenbanner hinunterbeugt, um ihn zu küssen; auch den kleinen Jungen, der seinem Vater zum Abschied salutiert. Es war sein dritter Geburtstag.

Die Trauerzeremonie folgte ihrer Choreografie: Über dem Grab kreiste die „Air Force One“, eine ewige Flamme wurde entzündet, ein reiterloses Pferd lief im Prozessionszug mit, dahinter der französische Präsident General de Gaulle, Kaiser Haile Selassie von Abessinien, der britische Prinz Philip. Jackie habe dem „amerikanischen Volk an diesem Tag verliehen, was ihm immer gefehlt hatte – Majestät“, schrieb eine Zeitung. De Gaulle erklärte: „Sie gab der Welt ein Beispiel dafür, wie man sich zu verhalten hat.“

Sie hatte sich die legendäre Haltung der eisernen Lady schwer verdient, bereits zu einer Zeit, als sie noch Jacqueline Lee Bouvier hieß. Sie war eine Tochter aus gutem katholischen Hause, das in Wahrheit alles andere als gut war: Die Mutter soll eine geldgierige Schlange gewesen sein, die ihre zwei Töchter schlug, der Vater eine Art gefallener Clark Gable. Er trug einen strichdünnen Schnurrbart, schwarzes, pomadisiertes Haar und – wegen seiner exotisch dunklen Haut – den Spitznamen „Black Jack“


Sie und John waren ein einziges großes Versprechen – auf Macht, Luxus, Glück.


EHEFRAU
Mit ihrem Mann auf einer Südamerika reise in der kolumbianischen Stadt Bogotá im Dezember 1961 (o. l.)


Er war ein Spieler, auf der Rennbahn und an der Börse, fiel eher durch entwaffnenden Charme denn Verstand auf, schaffte es mit Sex- und Sauforgien, sein stattliches Erbe durchzubringen. Und überall erzählte er das Märchen, die Bouviers entstammten dem französischen Adel.

Jackie wuchs mit zwei Sätzen auf, die ihrem Vater immer wieder aus dem Mund fielen, auch wenn er nicht betrunken war: „Spiel das Spiel“ und „Alle Männer sind Ratten“. Und sie war wirklich die Tochter ihres Vaters: Beide waren großartige Schauspieler, sie wussten sich instinktiv in Pose zu werfen; sie hassten die Langeweile und liebten Pferde – und in fast inzestuösem Maße einander.

Jackie amüsierte sich über Black Jacks dauerndes Fremdgehen und fragte ihn über die Mütter ihrer Klassenkameradinnen aus. „Ja, mit der hatte ich was“ oder „Mit der nicht, kann aber nicht mehr lange dauern“, antwortete er, auf seinen Erfolg bei Frauen so stolz wie sie.

Die Ehe ihrer Eltern zerbrach 1940, da war Jackie zehn. An der Hingabe zu ihrem Vater änderte das nicht viel, auch wenn sie und ihre Schwester Lee von nun an bei ihrer Mutter lebten. Damals soll das kleine Mädchen das Motto ihrer Heldin Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“ verinnerlicht haben:

„Blicke nie zurück.“ Und da entwickelte sich vielleicht auch jenes trotzige Talent, das McGeorge Bundy, Kennedys Berater für Sicherheit, später als „Gemüt aus Eisen“ beschrieb. Jackie ließ alles, was sie nicht mitkriegen wollte, scheinbar ungerührt an sich vorüberziehen.

Nach außen wurde sie der Liebreiz selbst. Ihre Stimme war wie der Flügelschlag einer weißen Taube: weich und tief, flüsternd und ein wenig atemlos.

Fast meinte man, den Akzent einer Französin heraushören zu können. Eine ihrer Biografinnen behauptet, dass sie sich diesen sanften Singsang als junge Frau antrainiert habe, dass sie eine moderne Geisha sein wollte, die jeden Mann zu fesseln vermochte. Und nebenbei so ihren größten Makel zu verbergen versuchte: Sie war viel klüger als die meisten Männer, klüger auch als John F. Kennedy.

Sie kannte sich in der Literatur und Kunst aus, sprach sechs Sprachen, kultivierte früh einen bissigen Witz und besaß eine Menschenkenntnis, die gefürchtet wurde. Mit 17 schrieb sie, befragt nach ihren Zielen, ins Abschlussjahrbuch ihrer Highschool: „Niemals eine Hausfrau werden.“

Am 12. September 1953 heirateten Jack (wie John Fitzgerald Kennedy genannt wurde) und Jackie. Es war „The Wedding Of The Year“: die Gesellschaftsprinzessin, die den Titel „Debütantin des Jahres“ trug und gerade eine Karriere als Fotoreporterin begonnen hatte, und der jungenhafte Senator, der zu „Amerikas begehrtestem Junggesellen“ gewählt worden war und sogar Rock Hudson ausstach. Jeder für sich war schön, smart, sexy. Im Doppel waren sie ein einziges großes Versprechen – auf Macht, Luxus, Glück.

Jacks Vater sah in ihr die perfekte Partie. Sie hatte Klasse und würde die politische Laufbahn seines Sohnes weiter vorantreiben, denn mit 36 geriet ein Junggeselle schnell in den Verdacht, schwul oder ein Frauenheld zu sein. Diese Ehe sei ihm eine Million Dollar wert gewesen, sagen Gerüchte; so viel soll er Jackie drei Jahre später geboten haben, wenn sie sich nicht scheiden lassen würde. Zunächst aber gab es für sie, jenseits aller Verliebtheit, ohnehin nichts Besseres, als den „Jackpot der Ostküste“ geknackt zu haben.

BRAUT
Mit John bei ihrer Hochzeit am 12. September 1953 in Newport im US-Bundesstaat Rhode Island (rechte Seite o.)


MUTTER
Mit Tochter Caroline und ihrem Mann am 9. November 1960, dem Tag, an dem John zum Präsidenten gewählt wurde (rechte Seite u. l.)


WITWE
Mit ihren Schwägern Edward und Bobby, Tochter Caroline und Sohn John bei John F. Kennedys Beerdigung am 25. November 1963 (rechte Seite u. r.)


GEFÄHRTIN
Rückfahrt von einem Gottesdienst während eines Erholungswochenendes in Virginia im April 1961 (linke Seite o. l.)


MITSTREITERIN
Jackie mit einer Zeitung, die vom ersten Sieg ihres Mannes bei der Präsidentschaftsnominierung der Demokratischen Partei im Juli 1960 berichtet (linke Seite o. r.)


UNTERSTÜTZERIN
Während einer Parade zu Ehren ihres als Präsidentschaftskandidat nominierten Mannes in New York 1960 (linke Seite u.)


Sie wurde 1929, im Jahr des Börsencrashs, geboren. Nie verlor sie die beinahe zwanghafte Angst vor dem sozialen Untergang. Dass ihr Vater sein Vermögen verprasst hatte, nährte diese Furcht noch, wenngleich ihre Kindheit arm an Liebe, nicht an Pracht war. Geld bekam Jackie nie genug – und Jack hatte Geld, genug. Das ließ sie seine Fehler, die sie erkannte, hinnehmen. Schon weil sie ihr vertraut vorkamen – alle Männer waren Ratten.

Was sie nicht wusste, war, dass ausgerechnet ihr Vater die Affären ihres Mannes deckte. Sie selbst hat mal gesagt, Jack Kennedy und sie seien wie „zwei Eisberge“, von denen sich nur die Spitzen über der Wasseroberfläche zeigten.

Dem Volk reichte es, die Spitzen zu sehen. Wenn Jackie an Jacks Seite war, jubelten die Massen doppelt so laut; ausländische Staatschefs verehrten sie als Engel des Weißen Hauses. Jackie war mit ihrer Mischung aus damenhafter Eleganz und mädchensüßer Schüchternheit (mal im Kostüm mit Pillbox, mal in einem kleinen Schwarzen) zur modischen Ikone geworden und – Jahrzehnte vor Prinzessin Diana – zur „Königin der Herzen“ eines ganzen Landes.

Jack war lange vor Ronald Reagan der überzeugendere Präsidentendarsteller. Nie zuvor war die amerikanische Sehnsucht nach Glamour so durch die Politik gestillt worden. Mit diesem Paar konnte nicht mal Hollywood mithalten.

MODEL
Foto aus der Modezeitschrift „Vogue“ aus dem Jahr 1951 (o. r.)


Am Ende stellte sich das Leben hinter dem perfekten Auftritt für Jackie Kennedy als Verlustgeschäft heraus. Sie litt unter den ständigen Seitensprüngen des Sexmaniacs JFK und schützte sich auf ihre Weise: Wann immer sie früher als erwartet von einer Reise zurückkehren wollte, telegrafierte sie ihm die neue Ankunft. Sie wusste genau Bescheid über jede seiner Liebschaften, war aber ihm und seinem Amt treu ergeben.


„Mein ganzes Leben lang habe ich durch Männer gelebt.“


Ihre abgekauten Fingernägel versteckte sie unter langen, weißen Handschuhen, sie rauchte heimlich Kette und versank im Kaufrausch. Kontrollierte ihr Image, indem sie kaum private Bilder knipsen ließ – und machte jedes einzelne damit umso wertvoller. Sie spielte das Spiel, so wie es sie ihr Vater gelehrt hatte.

„Mein ganzes Leben lang habe ich durch Männer gelebt“, bilanzierte sie kurz vor ihrem Krebstod im Mai 1994: Erst war da ihr Vater, dann Jack, schließlich – zum Erschrecken der gesamten Nation – Aristteles Onassis, der schwerreiche Reeder. Der ermöglichte ihr 1968 die goldene Flucht und bot ihr und ihren Kindern Schutz vor Angriffen, durch Verrückte oder durch die ver hasste, geliebte Presse. Diese sah es als Verrat an, dass Jackie mit dem protzigen Griechen durchs Mittelmeer kreuzte. Von da an war sie für alle nur noch Jackie O., die mondäne, scheue Geheimnisvolle, die sich hinter einem reservierten Lächeln vor neugierigen Blicken verschanzte.

Sie hat in ihrem Leben viel verloren: drei ihrer fünf Kinder, den vergötterten Vater, ihren Mann, seinen Bruder Bobby. Immer wieder konnte sie aus dem Verlust noch ein wenig Gewinn ziehen. Und sei es nur der, ihren Mythos zu wahren.

Ob als First Lady, als Kennedy-Witwe, als Jackie O. – auf ewig bleibt sie, was sie stets sein wollte: die schönste Unbekannte der amerikanischen Geschichte.

IKONE
Jackie Kennedy, fotografiert für ein Titelbild der Zeitschrift „Life“ in Washington im April 1961