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Die EISERNE Lady


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 13.11.2018

LINDSEY VONN startet in die letzte Saison ihrer großen Karriere. Ein Ziel will sie noch erreichen: die erfolgreichste Skisportlerin aller Zeiten zu werden. Männliche Konkurrenz mit eingeschlossen. Das Geheimnis ihrer Siege: Niemals aufgeben. Niemals.


Artikelbild für den Artikel "Die EISERNE Lady" aus der Ausgabe 12/2018 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 12/2018

Lindsey Vonn auf einem Champion-Araber beim The Red Bulletin-Shooting im August auf einer Ranch in Santa Ynez, Kalifornien


ALAIN GROSCLAUDE/AGENCE ZOOM/GETTY IMAGES


„Ich dachte, ich hätte mirden Rücken gebrochen.“
Lindsey Vonn über den schlimmsten Sturz ihrer Karriere in Turin 2006


Der drückend heiße Tag über Los Angeles zerfällt in eine schwüle, neblige ...

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... Dämmerung. Hinter dem neonbeleuchteten Fox Theatre in Westwood Village, Los Angeles, versinkt die Sonne glühend rot, schwarze SUVs mit getönten Fensterscheiben fahren vor, Menschenmassen drängen gegen Absperrungen, Red-Carpet-Security, Rockmusik pumpt aus Lautsprechern. Am Gehsteig trommelt ein Obdachloser auf Plastikeimern zur Musik.

Schauspieler Mark Wahlberg und Regisseur Peter Berg fahren in mächtigen Cadillac Escalades vor, WWE-Kämpferin Ronda Rousey schreitet winkend und lächelnd über den roten Teppich.

Da geht ein Raunen durch die Menge. Blitzlichter.

Einen halben Häuserblock entfernt öffnet sich eine der hinteren Türen eines SUVs, ein Stiletto-Absatz fädelt sich aus dem Auto, gefolgt von einem langen muskulösen Bein und einem Kopf mit platinblondem Haar. Lindsey Vonn steigt aus, auf ihren hohen Absätzen ist sie 1,88 Meter groß. Sie trägt ein langes schwarzes Neckholder-Kleid mit einem Schlitz bis zum Oberschenkel, das den Blick auf einen Weltklasse-Quadrizeps freigibt.

Obwohl sie selbst nie in einem Film mitgespielt hat, wissen selbst die Filmfans bei der Premiere des Actionstreifens „Mile 22“ genau, wer da ihren Auftritt hat: eine der bekanntesten Sportlerinnen der Welt, eine Ikone des Skisports, eine Olympiasiegerin und Weltmeisterin und die einzige Amerikanerin, die jemals Abfahrts-Olympiagold gewann, Siegerin von – bisher – 82 Weltcuprennen.

Der 82. Sieg im März 2018: Nur noch fünf Siege fehlen zum letzten großen Ziel.


Man erkennt sie an ihren blonden Zöpfen, ihrem Mittelwest-Lächeln – und man könnte sie wohl auch an ihren Röntgenbildern erkennen. Sie hat Verletzungen erlitten, die jeden orthopädischen Chirurgen erschaudern ließen: Knochenbrüche, Bänderrisse, Gelenkrisse. So tiefe Prellungen und Hämatome, dass sie fast einen eigenen medizinischen Namen verdient hätten. Gehirnerschütterungen, Schnittwunden. Zerschmetterte Knöchel, Arme, Finger, Kniescheiben. Dinge, die passieren, wenn man mit 130 km/h gegen Hindernisse prallt.

Einer der schlimmsten Stürze war jener in einem Trainingslauf bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin, als es Lindsey Vonn die Beine auseinanderriss und sie betonhart mit dem Rücken aufs Eis knallte. Es war jene Art von Unfall, bei der die Sanitäter zur Unfallstelle sprinten. „Ich dachte, ich hätte mir den Rücken gebrochen“, erinnert sie sich. „Mein erster Gedanke war: Es gibt keine Möglichkeit, dass ich da wieder rauskomme.“ Wie sich herausstellte, hatte sie sich zwar Rücken, Hüften und Steißbein heftig geprellt, aber ihre Wirbelsäule war wie durch ein Wunder noch in einem Stück.

Als Vonn später versuchte, bloß mit Patientenhemd und Socken bekleidet das Krankenhaus zu verlassen, wurde sie am Aufzug abgefangen und zurück ins Zimmer geschoben. Zwei Tage später kehrte sie zu den Olympischen Spielen zurück und nahm an vier Rennen teil.

Schmerzen wie jene, die Vonn in ihrer Karriere durchlitt, können Menschen ernsthaft traumatisieren. Vonn nicht. Sie ist nach allem, was sie durchgemacht hat, stärker, zäher und weiser als je zuvor. Im Februar 2018, bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, gab sie bekannt, dass es ihre letzten Spiele sein würden. Trotz erdrückender Medienaufmerksamkeit, starker Windböen, vieler Ausrüstungsprobleme, der Trauer über den kürzlichen Tod ihres Großvaters und der Konkurrenz durch eine neue, starke Generation von Rennfahrerinnen kam Vonn mit ihrer dritten Olympiamedaille nach Hause – Bronze in der Abfahrt. Weniger als vier Zehntelsekunden hinter Olympiasiegerin Sofia Goggia aus Italien. „Ich habe auf dem Berg alles gegeben, wie ich es mir vorgenommen hatte“, sagt Vonn danach. „Sofia ist einfach besser gefahren als ich.“

Mit 34 Jahren ist Vonn in der Zielgeraden ihrer aktiven Ski-Karriere angelangt. Sie ist längst eine Legende des Sports, sie hat nichts mehr zu beweisen. Doch ein letztes großes Ziel hat sie sich noch gesteckt: die als unübertreffbar geltenden 86 Weltcupsiege des Schweden Ingemar Stenmark aus den 1980er-Jahren zu übertreffen. Fünf Weltcupsiege sind in ihrer letzten Saison also nötig.

„Ich bin überzeugt, damit würde ich mich noch einmal auf eine andere Stufe bringen“, erklärt sie. „Denn ich möchte nicht in Vergessenheit geraten, ich möchte ein Vermächtnis hinterlassen.“

Wenn man Vonn und ihren Freund, den NHL-Star und Verteidiger der Nashville Predators, P. K. Subban auf dem roten Teppich beobachtet und die gemeinsame Ausstrahlung der beiden miterlebt – eine Ausstrahlung, die, so kommt es einem vor, ganz Los Angeles erhellen könnte –, ist es schwer vorstellbar, dass sie jemals in Vergessenheit geraten könnte.

Lange bevor Lindsey Vonn das Wort „schnell“ im Damen-Skirennsport neu definierte, war sie Lindsey Caroline Kildow, ein einfaches Mädchen aus Minneapolis. Ihr Großvater Don Kildow brachte ihr schon als Kleinkind das Skifahren bei, auf den gerade mal 310 Höhenmetern des lokalen Skigebiets Buck Hill in Burnsville, einem Vorort Minneapolis’.

Als Vonn sieben Jahre alt war, schlängelte sie jeden Tag durch 400 Slalom-Tore, selbst in der Nacht unter Kunstlicht trainierte sie.

Schon als Kind unterschied sich Vonn von anderen Rennläuferinnen. Sie lehnte sich in extremen Schräglagen in die Kurven und blieb immer hart an der Falllinie, dem schnellsten Weg ins Tal. Höchstes Tempo, größtes Risiko, in dieser Ausprägung ist das nicht zu lernen: Entweder man hat den Mut, die Spitzen der Ski gerade nach unten zu richten, oder man hat ihn nicht.

Vater Alan Kildow, ein ehemaliger amerikanischer Junioren-Champion, dessen Rennkarriere durch eine Verletzung beendet worden war, erkannte das Talent seiner Tochter. Als sie zwölf war, entwarf er einen Fünfjahresplan für sie. Ziel: die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2002.

Schritt eins: Die Kildows – Lindsey, die beiden jüngeren Schwestern Karin und Laura, die beiden jüngeren Brüder Dylan und Reed, Mutter Linda und der Vater – zogen von Minnesota nach Vail, Colorado. Das Trainingsgelände maß nun 22 Quadratkilometer und über tausend Höhenmeter. Für Vonns Rennlaufkarriere enorm wichtig – für ihre Geschwister bedeutete es, Freunde zurückzulassen und sich von dem einzigen Zuhause zu verabschieden, das sie je gekannt hatten.

„Meine ganze Familie hat Opfer gebracht, damit ich Ski fahren konnte“, sagt Vonn.

Sie war 17 Jahre alt, als sie 2002 in Salt Lake City an ihren ersten Olympischen Spielen teilnahm. Platz sechs in Abfahrt und Slalom. Ein fulminanter Start.

Das riesengroße Human Performance Lab von Red Bull in Santa Monica ist in den frühen Morgenstunden noch sehr ruhig. Die hochmodernen Maschinen, Gewichte, Spinningräder, Massagetische und Kryotherapie-Kammern warten auf die ersten Besucher des Tages – der allererste läuft mit wedelndem Schwanz herein: Lucy, Vonns Cavalier King Charles Spaniel.


„Meine ganze Familiehat Opfer gebracht, damit ich Ski fahren konnte.“
Lindseys Vater hatte den Plan, seine Tochter zur Rennläuferin auszubilden – deswegen musste die ganze Familie von Minnesota nach Colorado übersiedeln.


Was Lindsey Vonn nach dem Ende ihrer Rennlaufkarriere machen will? Haitauchen, Tennisspielen und Reiten.


Über ihr Rekord-Ziel der 87 Weltcup-Siege: „Ich möchteein Vermächtnis hinterlassen.“


Vonn selbst folgt wenige Augenblicke später, leicht humpelnd. Sie macht sich sofort an die Arbeit und lockert ihre Beine mit einem Hypervolt-Tiefengewebe-Massagegerät, bevor sie auf ein Fahrrad steigt. Sie trägt eine violette Trainingshose und einen orangen Sport-BH. Ihre Haare sind zu einem aufwendigen, den ganzen Kopf umfassenden Zopf geflochten. Es ist sieben Uhr – Vonn wird die nächsten drei Stunden nonstop trainieren.

Der Ansatz des Human Performance Lab basiert auf Technologie. Hier wird nicht nur trainiert, hier werden die Athleten auch penibel vermessen. Das bedeutet unter anderem Bluttests zur Erhebung der mitochondrialen Funktion, der Kapillardichte oder der Reaktion des Immunsystems. Es sollen wirklich alle Schwächen eines Athleten erforscht werden, um punktgenau an ihnen arbeiten zu können. Schwächen in Vonns Fall? Das Wissen, dass die rohe Muskelkraft mit dem Alter abnimmt. Und dass ihre Gelenke nicht mehr die neuesten sind. Das bedeutet als zentrales Trainingsziel, grob gesagt: mehr Stabilität in ihr gesamtes System bringen. Der gesamte Körper muss die enormen Belastungen des Skirennsports tragen, nicht nur einzelne Gelenke.

Vonn ist bekannt für ihre unglaubliche Arbeitsmoral. Sie trainiert härter und ausdauernder als jede andere Sportlerin, die zahlreichen mühsamen Comebacks nach Unfällen gar nicht eingerechnet. Besonders brutal traf es sie 2013: Kreuz- und Seitenband im rechten Knie rissen, sie brach sich das Schienbein, ließ sich operieren, baute das Bein mühsam wieder auf, kehrte auf die Rennstrecke zurück und verletzte sich dasselbe Knie erneut – nur schlimmer. „Mein Meniskus war gerissen. Sie hätten ihn fast entfernen müssen, was das Ende meiner Karriere gewesen wäre“, erinnert sich Vonn.

In der Folge verpasste sie die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, kam erst in der Saison 2014/15 zurück – mit ein paar spektakulären Weltcupsiegen. Auch in den folgenden Saisonen gewann sie mehrere Rennen, brach sich aber auch den Knöchel, dann die Kniescheibe, dann den Oberarmknochen – jene Verletzung übrigens, die sie selbst als die qualvollste bezeichnet. Es mussten zwölf Schrauben und eine Metallplatte eingesetzt werden, um ihren Arm wieder zusammenzusetzen. Eine Operation, die Vonn mit bleibenden Nervenschäden zurückließ, Hand und Handgelenk blieben monatelang gefühllos.

Dazu passt Vonns Lieblingsbuch „Grit: Mit Begeisterung und Ausdauer ans Ziel“, der Bestseller der Psychologin Angela Duckworth. Im Laufe der Jahre ihrer Forschung entdeckte Duckworth ein Muster unter absoluten Highperformen: dass sie selbst nach Rückschlägen mit vollem Einsatz weiterarbeiteten, weit über den Punkt hinaus, an dem andere längst aufhören würden.

Wenn man Vonn beim Training im Human Performance Lab zusieht, deutet nichts darauf hin, dass sie am Vortag für einen Sponsor ein zwölfstündiges Fotoshooting bei 42 Grad absolvierte – Actionaufnahmen in voller Skimontur, während sie in einem Fake-Schneesturm aus mysteriösen Kunststoffflocken steckte. „Sie haben mir danach eine E-Mail geschickt, in der stand, dass das Zeug, das ich eingeatmet hatte, nicht giftig sei.“ Sie lacht. „Obwohl alle anderen Masken trugen.“

Nachdem sie Sotschi verpasst hatte, trainierte sie vier Jahre auf die Spiele in Pyeongchang hin – die letzten Spiele, an denen sie je teilnehmen würde. Für Lindsey Vonn hing sehr viel an diesen paar Minuten des Skifahrens.

Als ein Reporter sie vor den Spielen fragte, ob sie im Falle eines Olympiasiegs den Präsidenten im Weißen Haus besuchen würde, sagte sie: „Ich kämpfe für mein Land und nicht für den Präsidenten“ – und dass eine Jubel-Aktion in Washington, D. C., nicht vorgesehen sei. Sofort wurde ihr Social-Media-Account mit Hass-Kommentaren von Trump-Anhängern überflutet. „Ich hoffe, dass du dir den Hals brichst“, schrieb einer. Und ein anderer: „Jedes Mal, wenn ich dich sehe, möchte ich mich übergeben.“

Wenn sie nicht gerade irgendwo in der Welt unterwegs ist, hält sich Vonn meist in Vail auf, wo sie am Fuß des Bergs ein Haus mit fünf Schlafzimmern besitzt. In ihrem Wohnzimmer verdeckt ein eigens angefertigter Trophäenschrank eine ganze Wand. Oder sie ist in ihrem Wohnsitz an der Westküste in Sherman Oaks, einem ruhigen Vorort von Los Angeles. Vonns kalifornisches Haus ist hell und modern, hat dunkle Holzböden, viele abstrakte Gemälde an den Wänden, ein übergroßes Sofa und einen Billardtisch. Ja, und Hunde. Vonn hat drei davon, zwei große Wachhunde (Leo und Bear) und einen, der klein genug ist, um ihn in eine Tasche zu stecken und in ein Flugzeug mitzunehmen (Lucy).

Früher Nachmittag nach dem harten Workout-Vormittag. Vonn kommt nach unten in die Küche. Sie trägt ein T-Shirt, Shorts und flauschige Hausschuhe mit Ohren dran. Mächtige Behälter mit Proteinpulver stehen auf einer Theke, in der Nähe eine Flasche Dom Pérignon und eine weiße Orchidee. Auf einem Schild an der Wand steht „Girl Boss“.

Subban folgt ihr wenige Minuten später in die Küche, auf der Suche nach Mittagessen. Er ist, abseits des Eishockeyfelds, ein sehr freundlicher Kerl. Die beiden verbringen viel Zeit damit, liebevoll über die Witze des anderen zu lachen.


Ein Leben am Limit: „Ich bin ein wenigverrückt, auf jeden Fall.“


Sie lernten einander bei den ESPY Awards 2017 kennen, einer glamourösen Veranstaltung in Las Vegas. „Ich habe einen unglaublich schönen dreiteiligen Anzug getragen – und es war wirklich verdammt heiß“, erinnert sich Subban. Als ihm der Kommentator am Red Carpet das Mikrofon hinhielt und fragte, wie es ihm bei dieser Affenhitze unter all dem Stoff ging, antwortete Subban: „Es ist wirklich heiß hier. Aber es ist nicht annähernd so heiß, wie Lindsey Vonn aussieht.“ Vonn, die in der Nähe stand, in einem eleganten, federbesetzten schwarzen Minikleid, hörte das.

„Was willst du noch über Lindsey wissen?“, fragt Subban jetzt und setzt sich hin, um einen Salat zu essen. „Ich kann dir eins sagen – sie hasst es, zu verlieren. Sie kann es nicht ertragen, zu verlieren. Klar, jeder liebt es, zu gewinnen.“ Er gestikuliert mit seiner Gabel. „Aber niemand hasst es so wie sie, zu verlieren! Glaub mir, ich weiß das. Wenn wir unsere kleinen Konkurrenz-Momente haben, kriege ich die volle Ladung Siegeswillen ab.“

„Wirklich?“, fragt Vonn, lachend.

„Oh ja, ich habe sehr schnell herausgefunden, warum sie so viele Trophäen besitzt.“

In einem Leben, in dem man so viel reisen muss und ständig unter Druck steht, hat eine stabile, dauerhafte Beziehung kaum eine Chance. Einsamkeit ist eine Art Berufsrisiko.

In den letzten zehn Jahren ihres Privatlebens musste Vonn eine turbulente Scheidung, Trennungen von ebenfalls prominenten Personen und die – inzwischen überwundene – Entfremdung von ihrem Vater überstehen.

Gelegentlich fühlte es sich so an, als wolle sich eine Depression breitmachen – ein Kampf, über den sie ganz offen spricht, weil sie hofft, anderen damit helfen zu können. „Vor allem die zweite Knieverletzung war eine starke psychische Belastung“, sagt Vonn. „Ich war einfach nur deprimiert. Ich fragte mich, wozu ich so hart gearbeitet hatte, bloß um mich gleich nach der Rückkehr erneut zu verletzen.“

Mutig zu sein bedeutet, immer einen Fuß vor den anderen zu setzen“, schreibt Duckworth. „Mutig zu sein bedeutet, an einem Ziel festzuhalten. Mutig zu sein bedeutet, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr in hartes Training zu investieren. Mutig zu sein bedeutet, siebenmal hinzufallen und achtmal aufzustehen.“

Hat Lindsey Vonn jemals daran gedacht, alles etwas langsamer anzugehen? Im übertragenen und im buchstäblichen Sinn?

Mit einem Wort: Nein.

„Ich bin ein wenig verrückt. Auf jeden Fall“, sagt sie und lacht. „Ich habe nie das Gefühl, dass ich zu schnell bin.“ Aber sie muss doch, wie wir anderen auch, Angst verspüren, oder? „Nicht wirklich. Niemals beim Skifahren. Ich denke, das ist es, was mich ein wenig von meinen Konkurrenten unterscheidet: meine Bereitschaft, meinen Körper den Berg hinunterzuwerfen. Deshalb habe ich mich wahrscheinlich auch so oft verletzt. Aber deswegen habe ich auch so oft gewonnen.“

Erfolgs-Model: „Niemand hasst es so sehr wie Lindsey, zu verlieren“, sagt ihr Freund, der NHL-Star P. K. Subban.


Nach dieser Saison, egal ob nach dem 87. Weltcupsieg oder nicht, wird Lindsey Vonn endlich genug Zeit haben, ihre Lieblingssendung „Law and Order“ anzusehen. Sie möchte mehr Zeit am und im Meer verbringen, mit Speerfischen, Stand-up-Paddeln und dem Schwimmen mit Haien. Außerdem wird sie Tennis spielen, reiten und natürlich bei Eishockeyspielen der Nashville Predators zusehen.

Sie hat bereits im Filmgeschäft Fuß gefasst und ist fasziniert von der Mode- und Beautybranche. Vonn könnte, was naheläge, eine Modelinie für Ski- oder Trainingsbekleidung entwerfen. Es wird eine Biografie geben. Und es ist ziemlich klar, dass sie eine unglaublich gute Motivationstrainerin abgeben würde.

Andere zu inspirieren steht ganz oben auf Vonns To do-Liste. Im Jahr 2015 gründete sie die Lindsey-Vonn-Stiftung – eine gemeinnützige Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Mädchen zu fördern. Angela Duckworth sitzt in der Beratungskommission. Viermal im Jahr veranstaltet die Gruppe ihre „Strong Girl Camps“, zwei Tage Sport und Life Coaching mit Vonn und einem Team von Mentoren. „Wir lehren die Mädchen Beharrlichkeit, positive Selbstgespräche zu führen, sich Ziele zu setzen und sprechen natürlich auch über Social Media und Mobbing“, sagt Vonn. Als sie über die Stiftung spricht, leuchten ihre Augen.

Lindsey Vonns Rekordjagd beginnt mit zwei Abfahrten und einem Super-G von 30. 11. bis 2. 12. in Lake Louise; lindseyvonn.com